Verfasst von: Anna | 8. Februar 2010

Zweitpass

Es lebe die Bürokratie! Ein zweiter Reisepass muss schriftlich beantragt und begründet werden.  Jetzt schreibe ich also auf, was jeder sieht: dass mein erster Reisepass voll mit israelischen Visa ist und dass ich damit nicht in die Emirate fliegen kann. Auf der Seite der Botschaft der VAE heißt es zwar, dass sie nichts mehr gegen  israelische Visa haben. Aber trauen kann man dieser “Güte” ja nicht. Und Dubai entgehen lassen will ich mir auch nicht. Einmal Basare shoppen wie in 1001 Nacht, traumhaft. Und der Chef zahlt. Naja, die Einkäufe nicht :mrgreen:

Verfasst von: Anna | 5. Februar 2010

Giur: die ewige Unsicherheit

Die Pointe gleich vorweg: Ich würde den Giur nicht noch einmal machen. Ich würde nicht noch einmal Jüdin werden. In den vielen Jahren seit meinem Giur ist mir klar geworden, dass man für diesen Weg wahrscheinlich eine masochistische Veranlagung braucht. Warum?

Weil man ein Leben lang in der Ungewissheit lebt, ob man wirklich als Jude anerkannt wird, wenn es drauf ankommt. Wenn man heiraten oder das Kind zur Bar Mitzwa anmelden will. Jedesmal, wenn man die Dienste eines Rabbiners benötigt, der am Giur nicht beteiligt war, muss man darauf gefasst sein, dass man gesagt bekommt, man selbst oder das Kind seien nicht jüdisch. Ja, so einfach ist das. Es gibt keinen weltweit anerkannten Giur. Ein Giur ist kein katholischer Taufschein, der auch noch im letzten Winkel der Welt gelten würde. Bei einem Giur steht es im Grunde genommen jedem Rabbiner erst einmal frei, die Autorität der am Giur beteiligten Kollegen abzulehnen und einem das Jüdischsein abzusprechen. Sicher wird man danach meistens nach einer Lösung suchen, manchmal läuft es auf einen zweiten Giur im Schnelldurchgang hinaus.  Aber die Enttäuschung für die Betroffenen muss doch sehr groß sein. Ich weiß gar nicht, wie ich im Ernstfall reagieren würde. Bisher habe ich so eine Situation einfach vermeiden können, weil ich nie die Gemeinde gewechselt und schon gar nicht mein “Glück” in Israel versucht habe.

Überhaupt liest man gerade aus Israel abschreckende Geschichten. Dort dauert es schon mal zwei Jahre, bis einem die Giur-Urkunde ausgehändigt wird, und dann auch nur nach unzähligen Rückfragen und nachdem man nachgewiesen hat, dass man die Mitzwot immer noch hält. Außerdem ist es dort zurzeit Mode, Konversionen zu “annullieren”. Geht also zum Beispiel ein Paar zu einem Rabbinat in Israel, um eine Hochzeit zu beantragen, dann kann es schon mal passieren, dass dem diensthabenden Rabbiner die Kollegen, die den Giur unterschrieben haben, nicht passen oder dass er dem übergetretenen Heiratskandidaten vorwirft, die Mitzwot nicht mehr zu halten, und er den Giur “annulliert”. Dieses Phänomen ist in Israel mittlerweile sogar zum Politikum geworden.

Ich frage mich seit langem, wie man sich eine jüdische Identität aufbauen soll, wenn der eigene jüdische Status jederzeit angezweifelt werden kann. Oder wenn er einfach so aberkannt werden kann oder, wie bei Noa und offenbar noch 20 weiteren Leuten aus Deutschland, gar nicht erst ordnungsgemäß testiert wird. Mir hängen diese Zustände zum Hals raus. Ich werde mich deshalb nie so vorbehaltslos auf die Religion einlassen können, wie ich es mir eigentlich gewünscht und vorgestellt habe. Sicher, ich halte die Mitzwot, aber ich hatte auch schon schwierige Phasen, Phasen, in denen ich mich gefragt habe, wozu ich das alles eigentlich mache, wenn ich vielleicht irgendwann doch auf dem städtischen Friedhof lande, weil der Rabbiner, der mich beerdigen soll, von meinem Giur nicht überzeugt ist und mir einen Platz auf dem jüdischen Friedhof verweigert. Mit solchen Gedanken darf man ein Leben lang kämpfen, wenn man zum Judentum übergetreten ist. Über die träumerische Begeisterung für das Judentum und Israel, die bei so vielen Möchtegern-Konvertiten typisch ist, kann ich nur müde lächeln. Mein Rat heute: Leute, lasst es lieber bleiben. Ihr ahnt alle nicht, was auf euch zukommt.

Trotzdem: Schabbat schalom!

Verfasst von: Anna | 27. Januar 2010

Beten in der Öffentlichkeit

Ist es wirklich bedauerlich, dass Menschen normalerweise nicht deutlich sichtbar in der Öffentlichkeit beten?  Einer meiner Leser hat das vor kurzem hier so in den Raum gestellt. Ich weiß, was er meint. In Israel sieht man gelegentlich religiöse Juden kurz vor Sonnenuntergang am Straßenrand anhalten und - für alle Passanten erkennbar – das dann  fällige Gebet sprechen. Meinetwegen, sollen sie. Damit hab ich kein Problem, in Israel sind die meisten Leute Juden, da passt das ins Bild. Ich hab auch kein Problem mit Einzelpersonen, die das außerhalb Israels so halten. Neulich hab ich auf einem Flughafen in Fernost wieder einmal einen jüdischen Reisenden gesehen, wie er die Wartezeit zwischen zwei Flügen damit verbracht hat, dass er in einer Ecke des Transit-Bereichs seinen Tallit (Gebetsschal) und seine Tefillin (Gebetsriemen) umgelegt und das Morgengebet gesprochen hat. Keinen hat’s gestört, keinen hat’s interessiert, mitten im Konfuzius-Land hat sicher auch kaum einer kapiert, was genau der Mann da eigentlich macht. Schwierig würde das aber werden, wenn die Leute in unseren multikulturellen Gesellschaften jetzt reihenweise auf der Straße ihre Gebetsschals umwerfen, auf dem Marktplatz ihre Gebetsteppiche ausrollen, im Stadtpark ihre Räucherstäbchen zünden oder neben dem Grillplatz eine Runde Voodoo-Zauber abhalten wollten. Wenn’s bloß mal nie so weit kommt, dann können wir nämlich alle einpacken. Diese  Super-Gläubigen bekämen sich doch sofort in die Wolle und würden sich lieber ablynchen anstatt am Straßenrand nebeneinander zu beten. Und nirgendwo hätte man mehr seine Ruhe vor dem religiösen Eifer der Mitmenschen. Das kann’s ja nicht sein. Dann müsste ich definitiv nach Israel auswandern: da beten dann wenigstens nur ein paar Juden am Straßenrand ;) .

Verfasst von: Anna | 22. Januar 2010

Bombenalarm wegen jüdischer Gebetsriemen, muahaha!

In den USA hat es einen Bombenalarm in einem Flugzeug gegeben, weil ein jüdischer Passagier sich zum Morgengebet Tefillin (Gebetsriemen) umgelegt hat. Die sind paranoid, die Amis. Sagt Anna, die selbst gerade wieder eine Runde Security-Zirkus am Flughafen hinter sich hat und sich nun in den Schabbat verabschiedet.

Schabbat Schalom ;)

Sieht so eine Bombe aus?

Verfasst von: Anna | 12. Januar 2010

Nachbarn

Seit ein paar Wochen habe ich wieder so eine Phase, in der einfach nur furchtbar viel zu tun ist. Beruflich bin ich ständig auf Achse, den Trolley packe ich nur noch um und nicht mehr aus. Jede Woche habe ich einen Termin in einer anderen Stadt, mal in Deutschland, mal im Ausland. Schlafen im eigenen Bett ist ein Luxus, den ich regelmäßig nur am Wochenende genießen kann. Und womit werden mir diese paar freien Stunden dann noch versüßt? Mit einem neuen Nachbar, der am Samstagmorgen in aller Frühe seinen Schnee auf unserem sauberen, vom Räumdienst geputzten Bürgersteig ablädt. Zwischen den Autos sei ja kein Platz, erklärte er meinem Mann, der ihn aus dem Küchenfenster heraus zur Rede stellen wollte. Muss ich erwähnen, dass der Typ den Schneeberg nicht wieder entfernt hat? Natürlich nicht. Y. hat ihn nach seiner Rückkehr aus der Synagoge eigenhändig beseitigen müssen – und zurück auf den Bürgersteig des Nachbarn befördert.  Seitdem ist der Andere zutiefst empört und beleidigt. Leute gibt’s, tststs.

Verfasst von: Anna | 11. Dezember 2009

Privatleben

Eine Leserin hat mich gefragt, warum ich so wenig aus meinem Familienleben schreibe. Sie wundert sich, ob es in meinem Alltag denn keine Hochzeiten, Geburten, Beschneidungen und Beerdigungen gibt und fragt sich, ob ich eigentlich Kinder habe. Zugegeben, im ersten Moment fand ich die Fragen aufdringlich. Im Grunde aber trifft diese Leserin einen Punkt, mit dem ich mich selbst immer wieder herumschlage: was schreibe ich und was schreibe ich nicht.

Zuerst einmal: Natürlich gibt es in unserem Alltag Hochzeiten, Geburten, Beschneidungen, Bar Mitzwa und Bat Mitzwa, Scheidungen und Todesfälle. Bei uns ist sogar dauernd etwas los, die vielen langen Blogpausen sprechen da für sich. Aber ich kann über diese Ereignisse leider nicht viel schreiben, weil ich damit meine Identität und letztlich auch die meiner Familie und Freunde preisgeben würde.

Der Haken ist, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland klein ist, so klein wie ein Dorf, in dem jeder jeden kennt und sich alles in Windeseile herumspricht. Ein paar Einzelheiten zu einer Familienfeier, ein harmloser Satz wie “wir waren letzte Woche zu einer Hochzeit in einem Hotel eingeladen”  können schon ausreichen, um mich hier zu outen und mein Familienleben öffentlich zu machen. Das geht natürlich nicht. Ehrlich gesagt, habe ich diesen Aspekt selbst unterschätzt, als ich den Blog gestartet und mit “mittendrin – ein jüdischer Alltag in Deutschland” betitelt habe. Aber spätestens seit mir eine Bekannte einmal meinen eigenen Blog zum Lesen empfohlen hat, ist mir klar, dass ich mit Details aus meinem Privatleben vorsichtig sein muss, wenn ich uns hier nicht öffentlich zur Schau stellen will. Seitdem bleibt halt vieles ungeschrieben und unbeantwortet, zum Beispiel auch die Frage, ob wir Kinder haben.

Schabbat Schalom und Chanukka Sameach wünscht Euch
Anna

Verfasst von: Anna | 9. Dezember 2009

English breakfast – aber koscher

Nicht nur, dass ich auf dem Rückflug aus dem Fernen Osten wie ein Hering auf einem Mittelplatz eingepfercht war und heute Morgen nach 14 Stunden Flug total übernächtigt gelandet bin – nein, ich kann auch kein Essen mehr sehen. Gar kein Essen.  Zwei Wochen lange habe ich mich mit Hilfe von ein paar gut sortierten, internationalen Supermärkten, Chabad und auch mal mit einer Tüte Pommes Frites und einem Filet-o-Fish vom McDonalds elegant an der heimischen Küche vorbeigemogelt, aber heute Nacht, auf dem Rückflug kurz vor Frankfurt, hat mir doch ausgerechnet das Kosher Meal von der Fluglinie den Gnadenstoß verpasst.

Ein englisches Frühstück mit Bohnen, Ei, Pilzen, Kartoffeln und wenigstens ohne Würstchen haben die mir serviert. Bohnen. Ei. Pilze. Kartoffeln. Nachts um halb vier. Das  ist kulinarische Folter. Was habe ich meine Sitznachbarn um ihre Brötchen beneidet.

Die Moral von der Geschichte? Ich bestelle in Zukunft vegetarisch, wenn ich den Verdacht habe, dass das koschere Essen in UK eingekauft wird.

Verfasst von: Anna | 16. Oktober 2009

Auswandern nach Israel – was will ich eigentlich?

Warum habe ich eigentlich nie ernsthaft das Bedürfnis verspürt, nach Israel auszuwandern? Darüber muss ich in den letzten Tagen ernsthaft nachdenken, wenn ich Noa dabei zusehe, wie sie ihre Aliyah durchzieht. Ja, durchzieht, einfach durchzieht. Nichts hat sie hier in Deutschland zurückhalten können, nicht die Familie, nicht der Arbeitsplatz, kein Heimatgefühl.

Was bin ich im Vergleich dazu doch für eine Lusche. Ich müsste noch nicht einmal in Deutschland alles aufgeben, sondern könnte meinen Wohnsitz offiziell zu meinen Eltern verlegen, mein Bankkonto und meinen Pass behalten und meine nichtransportablen Besitztümer unterstellen. Ich müsste nicht umständlich Aliyah beantragen, sondern könnte mit Y. einfach hinfliegen und mir eine Aufenthaltserlaubnis in den Pass stempeln lassen. Ich müsste mir kein Dach über dem Kopf suchen, sondern bräuchte nur die Haustür zu unserer Wohnung in der Nähe von Tel Aviv aufschließen und einziehen. Ja, ich müsste mir wahrscheinlich noch nicht mal allzu viele Gedanken ums Geld machen, weil Y. einen gefragten Beruf und zudem Beziehungen ohne Ende in Israel hat. WARUM MACHE ICH DAS ALSO NICHT?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mir fehlt einfach dieses starke Gefühl, dort zum Wohle meiner Seele leben zu müssen. Das merke ich jedes Mal, wenn ich aus dem Flugzeug heraus die Küste von Tel Aviv auftauchen sehe. Ich spüre dann so ungefähr das gleiche wie andere Leute, wenn sie die Umrisse von Mallorca im Meer entdecken: eine Vorfreude auf ein paar schöne Tage,  aber kein überwältigendes hier-gehöre-ich-hin-Gefühl. Ich finde das ja schade, aber so leicht ändern kann ich es auch nicht.

Vielleicht hätte ich das Land erst einmal allein kennenlernen müssen. Ohne meine israelische Familie im Hintergrund, die natürlich auch ihren Einfluss auf meine Wahrnehmung des Landes gehabt hat. Noa hat mich zum Grübeln gebracht. Irgendetwas habe ich die Gedanken über Israel als Ort zum Leben für mich persönlich nicht zu Ende gedacht. Eines ist jedenfalls klar: Ich habe in eine Familie eingeheiratet, die Israel verlassen hat, um in Deutschland das große Geld zu machen. Und ich habe einen Mann geheiratet, der sich zehn Jahre lang in Israel überhaupt blicken lassen durfte und der sein Problem mit dem Militär erst geklärt hat, als es gar nicht mehr anders ging und er in Deutschland vor der Ausweisung stand. Ich habe Israel in den ersten Jahren also nur als Land kennengelernt, das einem das Leben schwer macht.  Wie soll sich da ein Bedürfnis nach Aliyah einstellen?

Ich glaube, ich muss nochmal neu nachdenken.

Schabbat Schalom!

Verfasst von: Anna | 14. Oktober 2009

Danke Noa – und bis bald!

Morgen ist es soweit: Noa macht Aliyah, sie wandert aus nach Israel. Noa, ich wünsche dir, dass dein Mut belohnt wird und du einen guten Neuanfang in Israel haben wirst. Und auch wenn am Anfang nicht alles glatt läuft – ich bin mir sicher, dass du dich durchboxen kannst und in deiner neuen, deinen jüdischen, Heimat bald Fuß fassen wirst. Danke, dass du uns bis heute, bis zu deinem allerletzten Tag in Deutschland, auf deinem Blog an deinem Weg hast teilnehmen lassen. Ich freue mich schon sehr darauf, bald die ersten Worte von dir aus Israel zu lesen. Kol tuv lach, alles Gute!

Verfasst von: Anna | 2. Oktober 2009

Endlich ein Lebenzeichen: Gilad Shalit auf Video

Endlich ein Video: Gilad Shalit lebt – und wirkt zumindest äußerlich unversehrt. Für dieses Lebenszeichen des jungen israelischen Soldaten, der vor drei Jahren von Palästinensern in den Gazastreifen verschleppt und seither dort als Faustpfand festgehalten wird, hat Israel einen hohen Preis gezahlt und 19 Palästinenserinnen aus israelischen Gefängnissen freigelassen. Und wie betitelt der Spiegel die Übergabe des Videos zum Preis von 19 Straftäterinnen? Als ”israelisch-palästinensischen Gefangenenaustausch”. Das nenn ich ja mal wieder makaber. Erstens hat die Hamas ja bloß ein Video und keinen “Gefangenen” übergeben und zweitens ist Shalit überhaupt kein “Gefangener” im Sinne eines rechtmäßig verurteilten Gefängnis-Insassen sondern ein Entführungsopfer. Oder reicht ein Wehrdienst in der israelischen Armee jetzt schon, um sich mit palästinensischen Straftätern in israelischen Gefängnissen auf eine Stufe stellen lassen zu müssen?   

Mein Mitgefühl ist bei Gilad Shalit und seiner Familie. Man mag sich gar nicht vorstellen, was dieser junge Mann und seine Familie seit drei Jahren durchmachen.

Schabbat Schalom und Chag Sameach!

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