Verfasst von: Anna | 28. Mai 2009

Chag Shavuot Sameach!

Meinen jüdischen Lesern wünsche ich schöne Shavuot-Tage – und natürlich Shabbat Shalom!

Y. und ich verbringen das anstehende lange Shavuot-Shabbat-(Pfingst)-Wochenende zu Hause – und freuen uns auf ausruhen, ausschlafen und nichts tun! Ja, in die Synagoge gehen wir natürlich, aber die spätabendlichen Lernstunden (die auch in unserer Gemeinde veranstaltet werden) werden ohne Y. stattfinden: Nachdem er da vor ein paar Jahren mal nach einem besonders langen Arbeitstag eingeschlafen ist, geht er lieber früh ins Bett und ist am nächsten Morgen wieder fit. Und ich bin eh nicht der Typ für Mitternachtsaktionen. 

Ansonsten ist Shavuot aber mein absoluter Lieblingsfeiertag. Nicht wegen der Megillat Ruth (das Buch Ruth: Ruth gilt als erste und “mustergültige” Konvertitin zum Judentum), die in der Synagoge gelesen wird, sondern wegen des Brauchs, milchige Speisen zu essen. Auch wenn es profan klingt: ich liebe Milchprodukte und finde diesen Brauch einfach schön! Gestern habe ich uns im Supermarkt schon mit einem entsprechenden Vorrat eingedeckt. Y. wird sich fügen müssen – auch wenn ihm ein Stück Fleisch auf dem Teller immer am liebsten ist ;)

Verfasst von: Anna | 23. Mai 2009

Wir haben eine besondere Beziehung zu Israel

Weil ich gerade so schön am Erklären von Grundsätzlichem bin: wir Juden im Ausland haben normalerweise auch eine besondere Beziehung zu Israel. Es gibt nur wenige (ultraorthodoxe) Juden, die den Staat Israel explizit ablehnen (mit der Begründung, dass der jetzige Staat Israel ein “weltliches” Konstrukt ist und der richtige Staat erst vom Messias gegründet werden wird). 

Natürlich identifizieren wir Auslandsjuden uns nicht blindlings mit jeder Entscheidung, die in Israel gefällt wird (die meisten von uns sind ja noch nicht einmal israelische Staatsbürger und haben logischerweise auch kein Wahl- und Mitbestimmungsrecht), aber die emotionale, persönliche und faktische Bindung ist einfach da: Israel ist der einzige jüdische Staat auf der Welt, Israel ist der Staat des jüdischen Volkes. Israel ist der Staat, in dem wir nicht als Minderheit zu leben brauchen, in dem Samstag der wöchentliche Ruhetag ist, in dem die jüdischen Feiertage arbeitsfrei sind, in dem koscher einkaufen und jüdisch leben normal ist. Israel ist der Staat, in den wir alle jederzeit einwandern dürfen und  Zuflucht vor Verfolgung finden können. Wir Juden im Ausland haben fast alle Familie in Israel, wir fahren auf Besuch dorthin, wir sprechen oft ganz passabel Hebräisch. Viele Juden im Ausland haben sogar Familienangehörige in Israel, die in Kriegen für das Überleben des Landes gekämpft haben und auf dem Schlachtfeld gestorben sind. Logisch also, dass wir eine starke Beziehung zu dem Land haben. In fast jedem jüdischen Leben im Ausland ist Israel irgendwie präsent. Und in meinem Leben sowieso: mein Y. ist Israeli, wir sprechen Hebräisch miteinander, wir kochen orientalisch-israelisch, wir informieren uns täglich im Internet über das Geschehen in Israel, wir telefonieren wöchentlich mit unserer Familie dort, wir fahren mindestens einmal im Jahr zu Besuch nach Israel, es fällt uns schwer, beim Rückflug die israelische Küste verschwinden zu sehen, wir hoffen immer, bald wiederkommen zu können. Wir leben gern in Deutschland und sehnen uns doch nach Israel. Diese enge Verbundenheit, diese Sehnsucht, ist ein Aspekt, der auch zu einem jüdischen Leben im Ausland gehört.

Verfasst von: Anna | 23. Mai 2009

Wir sind ein Volk

Wir Juden sind ein Volk mit einer eigenen Religion. Das heißt: Ein Mensch, der zum Judentum „konvertiert“, wird auch ein Mitglied des jüdischen Volkes. Die “Konversion”, der Giur, ist also in Wahrheit eine Aufnahme in das jüdische Volk. Mit einem einfachen Glaubenswechsel, also einer Konversion, wie man sie aus dem Christentum oder dem Islam kennt, lässt sich ein Giur nicht gleichsetzen. Genau das scheint aber ein häufiges Missverständnis zu sein, zumindest lese ich das aus einigen Kommentare hier auf dem Blog heraus. Sorry, ihr Lieben, wenn ich euch da im Unklaren gelassen gehabe! Aber diese Verbindung von jüdischer Religion und jüdischem Volk ist für mich so sonnenklar, dass ich nicht auf auf die Idee gekommen bin, dass das jemandem nicht sonnenklar sein könnte. 

Wer sich nur ein bisschen mit der jüdischen Religion beschäftigt, merkt sehr schnell, das man die jüdische Religion gar nicht getrennt vom jüdischen Volk leben kann. Das ganze religiöse Konzept dreht sich um das Volk Israel. Nur für das Volk Israel gelten die Vorschriften der Thora, nur Juden sind verpflichtet, die darin enthaltenen Ge- und Verbote zu achten. (Insofern ist es auch komplett sinnlos, wenn sich irgendwelche christlichen Gruppen in jüdischen Bräuchen üben, man denke da nur an die Unsitte der christlichen “Pessach-Feiern”.)

Und was bedeutet die Aufnahme ins jüdische Volk jetzt für einen selbst? Geht die alte Volkszugehörigkeit damit verloren, oder bekommt man einfach eine weitere hinzu? Das, so denke ich, muss jeder Ger (ein Mensch, der Giur gemacht hat) mit sich ausmachen. Ich zum Beispiel fühle mich als Angehörige von zwei Völkern, ich bin Jüdin und Deutsche.  Ich habe aber auch einmal einen Ger kennengelernt, der sich seit seinem Giur ausschließlich als Jude definiert und die Zugehörigkeit zu seinem Herkunftsvolk als beendet betrachtet. Das ist mir emotional zu kompliziert. Ich will mit meinen beiden Volkszugehörigkeiten leben wie ein Mensch mit zwei Staatsbürgerschaften. Ja, es könnte sogar passieren, dass ich, wenn ich mir jetzt ein Fußballspiel zwischen Deutschland und einer jüdischen Mannschaft (da wäre dann wohl Israel) ansehen würde, ein bisschen mehr für Deutschland wäre – Deutschland ist schließlich meine Heimat und das Land, in dem ich lebe. Doch diesen “Härtetest” habe ich bisher nur ganz selten gehabt: der israelische Fußball ist so provinziell, dass es nur alle Jubeljahre mal zu einer deutsch-israelischen Partie kommt ;) .

Verfasst von: Anna | 17. Mai 2009

Neues Header-Bild

Meine Stammleser werden es schon gemerkt haben: ich habe den Header ausgewechselt. Auf dem neuen Bild, das von einem Boot aus fotografiert ist, sieht man im Hintergrund Tel Aviv. Einen tieferen Sinn hat der Wechsel nicht. Nach zwei Jahren “Synagoge in der Oranienburger Straße” hatte ich einfach heute Morgen plötzlich Lust auf ein israelisches Motiv :-)

Shavua tov le-kulam!

Verfasst von: Anna | 17. Mai 2009

Ein Freund weniger

Ein guter Freund meiner Eltern hat doch tatsächlich heute bei einer Geburtstagsfeier in meinem Elternhaus meinem Vater gegenüber einen krassen antisemitischen Spruch losgelassen. Woraufhin mein Vater den alten Knacker samt seiner verblüfften Gattin kurzerhand und ohne Umschweife  nach Hause geschickt hat. Ruhig und gelassen, ohne dass Y., ich oder die anderen Gäste davon überhaupt etwas mitbekommen haben. Erst am Abend, nachdem alle weggegangen waren, haben meine Eltern ihrem Ärger Luft gemacht. Die beiden haben sich dermaßen aufgeregt, dass Y. und ich sie kaum beruhigen konnten. Es ist aber auch selten frech, einem Mann, der eine jüdische Tochter und einen israelischen Schwiegersohn hat,  in seinem eigenen Haus mit judenfeindlichen Parolen zu kommen – und dann auch noch Zustimmung dafür zu erwarten.  Schade nur, dass der Kerl sich nicht schon früher verplappert hat. Meine Eltern hätten sich doch nie mit einem Antisemiten abgegeben. Immerhin wissen sie jetzt, woran sie sind.

Am 16. Mai 2009 findet wieder einmal der unvermeidliche Eurovision Song Contest statt. Ich bin ja kein Fan von dieser Veranstaltung, aber den israelischen Beitrag will ich dieses Jahr  doch einmal vorstellen. Zum ersten Mal wird Israel nämlich gemeinsam von einer Israelin (Noa) und einer (christlichen) Palästinenserin (Mira Awad) vertreten. Das ist doch mal eine neue Idee – die aber auch nicht weiter verwunderlich ist, da die Vorauswahl zur Eurovision in Israel kurz nach dem Gazakrieg im Januar stattgefunden hat und beide Sängerinnen in der Friedensbewegung in Israel aktiv sind. Mal sehen, wie das in Europa ankommt:

Beim ersten Hören hat mir der Song selbst nicht so gut gefallen. Die früheren Beiträge von Israel waren da fetziger, eingängiger, sind besser im Ohr geblieben. Nicht umsonst haben die Israelis den Grandprix schon mehrfach gewonnen. Zur Erinnerung zum Beispiel das hier:

1979 Gali Atari: Haleluya

Oder 1978 Izar Cohen: Abanibi

Ach, das waren Zeiten …

Verfasst von: Anna | 7. Mai 2009

Zum Reinhören: Chaim Moshe

Chaim Mosche  ist mir ja manchmal zu kitschig, aber heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit, mitten im üblichen Stau, war er richtig gut:

“Von jüdischen Organisationen wird ja leider zwangsläufig auch oft israelische Politik mit Vehemenz vertreten, so dass es da schon Schwierigkeiten gibt, das auseinanderzuhalten” – schreibt meine neue Leserin Meryem (herzlich willkommen, Meryem!) in einem Kommentar zu einem ganz anderen Thema (tattoos).

Ich stelle diese Beobachtung hier gern in einem eigenen Beitrag zur Diskussion. Umso mehr, da ich diese Beobachtung selbst auch schon gemacht habe.  Meine Erfahrung bezieht sich allerdings nicht so sehr auf die öffentlichen Äußerungen von jüdischen Organisationen, sondern mehr auf die Kinder- und Jugendarbeit in den jüdischen Gemeinden. Ich frage mich seit langem, ob es sinnvoll ist, den (mittlerweile zumeist in Deutschland geborenen) Kindern in den jüdischen Jugendzentren eine so starke Israel-Orientiertheit mit auf den Weg zu geben, dass sie möglichst nach der Schule nach Israel gehen; ich meine nämlich, dass diese Kinder so auch daran gehindert werden, sich in ihrem Geburtsland heimisch zu fühlen (was ich für das natürliche Recht eines jeden Menschen halte). Und ich frage mich ernsthaft, ob es angemessen ist, in einer deutschen öffentlichen Einrichtung (und als ”Körperschaft des öffentlichen Rechts” ist eine jüdische Gemeinde eine deutsche öffentliche Einrichtung) an Jom Kippur oder Pessach die israelische Nationalhymne, also die Nationalhymne eines anderen Staates, zu singen (was in einigen jüdischen Gemeinden in Deutschland wirklich der Fall ist). Mich persönlich irritiert die Vermischung von jüdischem Gemeindeleben und israelischer Politik auch. Und ich kann mir vorstellen, dass diese Vermischung, soweit sie sich in der Öffentlichkeit manifestiert, auf den nichtjüdischen Normalbürger noch verwirrender wirkt. Andererseits: wer sonst soll öffentlich zu Israel stehen, wenn nicht die jüdischen Organisationen im Ausland? Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

Neulich hatten wir hier eine interessante Diskussion darüber, inwieweit es möglich ist, in Deutschland jüdisch zu leben. Ich habe in den Raum gestellt, dass man in Deutschland gar nicht alle Mitzvot (jüdischen Vorschriften)  halten kann, wenn man noch ein normales Leben führen will. Leserin Schoschana hat zurecht eingewandt, dass das davon abhängt, was man unter “normal” versteht.

Zum Ausgangspunkt der Diskussion: Ich habe erzählt, wie Y. und ich an einem Pessach-Tag in einem nichtjüdischen Restaurant am Rhein zu Mittag gegessen haben. Das geht nach den jüdischen Vorschriften gar nicht. Ein absolutes no-go. Ein observanter Jude isst nicht in einem nichtjüdischen Restaurant. Die Speisen dort sind normalerweise nicht koscher und das Geschirr infolgedessen auch nicht. Eine Ausnahme mag ein vegetarisches Restaurant sein. Das geht allerdings an Pessach auch nicht. An Pessach machen die in jedem Restaurant vorhandenen Getreideprodukte das gesamte Restaurant unkoscher und für observante Juden tabu. Total tabu.

Trotzdem haben wir in einem solchen Restaurant zu Mitag gegessen. Warum? Weil wir eine Ausnahme gemacht haben. Essen gehen gehört für uns eigentlich zu einem “normalen” Leben dazu. In Deutschland verkneifen wir uns das aus den genannten Gründen meistens, aber manchmal gestatten wir uns eine Abweichung von der observanten Norm. Dann nämlich, wenn uns unser Lebensstil zu eng wird. Das passiert selten, aber es passiert. Wir halten dann eben gewisse Vorschriften einmal nicht. Davon geht die Welt nicht unter, und wir können wieder neue Kraft sammeln.

Noch zwei Beispiele, wieder in Bezug auf Pessach: Wir essen an Pessach immer auch Erbsen, Bohnen und Reis. Wir sehen einfach keinen Sinn darin, darauf auch noch zu verzichten (und immer weniger Nahrungsmittel zum Kochen zur Auswahl zu haben), nur weil wir zufälligerweise Aschkenasim (europäische Juden) sind, während die orientalischen Juden sich die Hülsenfrüchte schmecken lassen dürfen. Oder: Wenn wir an Pessach, Schavuot oder Sukkot in Israel sind, dann halten wir dort nicht den zweiten Feiertag der Diaspora. Das erscheint uns irgendwie schräg. Wir schaffen es nicht, auf Feiertag zu machen, während in Israel das Leben tobt und in der Thora diese zweiten Tage noch nicht einmal erwähnt sind.

Trotzdem bezeichnen wir uns als observant. Wir halten viel, sehr viel, dafür, dass wir in einer absolut unjüdischen Umgebung leben und beide nicht aus dieser Tradition stammen. Ich denke nämlich, dass das die Voraussetzungen für ein wirklich observantes Leben sind: eine jüdische Umgebung und/oder eine Kindheit in einer observanten Familie. Ich habe ja in meiner eigenen Familie das Einhalten religiöser Regeln wenigstens noch bis zu einem gewissen Grad kennengelernt, aber bei Y. hat die Religion im Alltag überhaupt keine Rolle gespielt. In seiner Familie gab es an Pessach zwar einen Seder in der Familie, aber am nächsten Tag sind die Eltern mit den Kindern dann nach Yafo zu Abulafia gefahren. Dort wurde der Brotvorrat für die ganze Woche eingekauft.  Ach so: Abulafia ist eine alteingesessene Bäckerei in Yafo (Jaffa), die, weil ihre Beitreiber christliche Araber sind, seit jeher auch an Pessach Brot und Backwaren verkauft. Abulafia kennt jeder, der in Israel groß geworden ist. Auch mein Mann kauft dort immer noch seine Beigele -nur nicht mehr an Pessach.

Einen schönen sonnigen Schabbat wünscht
Anna

Verfasst von: Anna | 30. April 2009

100 Meter israelische Fahne

Was, bitte schön, soll ich bloß mit 100 Metern israelischer Fahne anfangen? Ja, wirklich, Y. hat Fahnenstoff in einer Länge von 100 Metern (!) aus Israel mitgebracht. Den hat er von jemanden bekommen, der gerade ein Gebäude für Jom ha-Atzma’ut (den israelischen Unabhängigkeitstag) geschmückt hat. Wir könnten damit wahrscheinlich die ganze Wohnung dekorieren und so dann nächstes Jahr eine Riesen-Jom-ha-Atzma’ut-Party mitten in Deutschland machen.  Das Problem ist nur: so patriotisch sind wir gar nicht. Y. hat die Jom-ha-Atzma’ut-Feierlichkeiten in Israel zwar auch wieder einmal genossen, aber irgendeine nationale Euphorie ist ihm völlig fremd. Und ich bin eh keine Israelin und will auch keine werden.  

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