Eigentlich gehe ich nicht auf Vorträge nichtjüdischer Redner zu jüdischen Themen: der unvermeidbar nichtjüdische Blickwinkel und die oft abenteuerliche Aussprache der hebräischen Wörter machen mich auf der Stelle kribbelig. Wie gesagt, eigentlich. Einmal habe ich nämlich vor einiger Zeit eine Ausnahme gemacht.
Der Geschichtsverein unserer Nachbarstadt hatte einen Vortrag über den dortigen jüdischen Friedhof inklusive Führung auf dem Programm. Da der Friedhof groß, sehenswert und immer geschlossen ist und der Schlüssel nur tagsüber an Wochentagen bei der Friedhofsverwaltung abgeholt werden kann, wollte ich mir den Vortrag anhören und die für einen Sonntag angesetzte Gruppenführung mitmachen.
Zuerst der Vortrag. Gekommen waren etwa 70 Zuhörer, ich war aber, soweit ich das überblicken konnte, die einzige Jüdin und mit Sicherheit die einzige hebräischsprechende Teilnehmerin. Der Redner stellte sich als Gymnasiallehrer vor, der in seiner Freizeit die jüdische Geschichte der besagten Stadt aufarbeitete. Er erklärte, dass er der hebräischen Sprache nicht mächtig sei, sich aber für die Übersetzung der Grabsteininschriften Unterstützung aus Israel geholt habe. Das Kuriose an seinem Vortrag war nun, dass er nach einer kurzen und, wie ich fand, auch gelungenen Einleitung über Tod und Bestattung im Judentum sehr lange und ausführlich über die Texte auf den Grabsteinen sprach. Dabei musste er sich natürlich akribisch an seine Vorlage halten, da er ja die Inschriften selbst nicht lesen konnte. Rückfragen dazu konnte er deshalb auch nicht beantworten, was ihn aber nicht davon abhielt, selbstbewußt irgendetwas zu antworten. Getreu dem Motto: Augen zu und durch - es merkt ja doch keiner! Seufz. Wie peinlich. Dieser Lehrer, der sich als Spezialist für Judentum und jüdische Geschichte in der Stadt schon einen Namen gemacht hatte, war also auch nur einer dieser sogenannten, selbsternannten Experten, die mit ihrem Halbwissen durch die Medien- und Bildungslandschaft geistern und deren Kompetenz kaum einmal hinterfragt wird
Na gut, da hatte mein Mann, der das ganze schon vorher für בזבוז זמן (”Zeitverschwendung”) hielt, eben - zumindest teilweise - recht gehabt.
Unerschrocken sind wir trotzdem am nächsten Sonntag zur Friedhofsführung gegangen, schließlich war das ja unser eigentliches Interesse. Und was soll ich sagen? Unser Redner betrat den Friedhof ohne Kopfbedeckung. Erst jetzt fiel mir auf, dass er bei seinem Vortrag nicht den üblichen Hinweis gegeben hatte, dass die männlichen Besucher eine Kopfbedeckung mitbringen sollten. So stolzierten dann bei eiskaltem Wind (der an sich schon eine Mütze gerechtfertigt hätte) fast alle Männer barhäuptig über den Friedhof. Mein Mann mit seiner Kippa und ich mit meinem Schal kamen uns irgendwie deplaziert vor. Wir setzten uns kurzerhand von der Gruppe ab und machten uns unsere eigene Führung, was dann auch wirklich sehr spannend war. Und obwohl wir einigermaßen diskret miteinander sprachen (wir wollten dem Redner trotz allem ja nicht die Schau stehlen), lief am Schluß eine Gruppe Interessierter mit uns durch die Grabreihen
Anna
Veröffentlicht in Gesellschaft, Judentum
