Posted by: Anna | 29. November 2006

Schwimmen hinterm Vorhang oder Ich gehe zum muslimischen Frauenschwimmen

Zum muslimischen Frauenschwimmen bin ich durch eine türkische Nachbarin gekommen. Irgendwann traf ich sie auf der Straße, als sie gerade ihre zwei kleinen Töchter, eine große Sporttasche und mehrere bunte Schwimmtiere im Kofferraum ihres Autos verstaute. Als gläubige Muslimin kommt gemischtes Schwimmen von Frauen und Männern für sie nicht in Frage und so war sie mit ihren Mädchen auf dem Weg zum wöchentlichen “muslimischen Frauenschwimmen” im städtischen Schwimmbad.  Zu dem Zeitpunkt war ich schon ewig nicht mehr in einem öffentlichen Schwimmbad gewesen, denn als observante Jüdin will auch ich nicht im knappen Badedress gemeinsam mit fremden Männern im Schwimmbad meine Bahnen ziehen. Das muslimische Frauenschwimmen war für mich die Lösung, auf die meine Nachbarin mich gebracht hat.

Beim nächsten Schwimmbadbesuch bin ich also mitgegangen - und kam aus dem Staunen erst einmal nicht mehr heraus. Wir bekamen kaum noch einen Parkplatz: den Kennzeichen nach zu urteilen kamen die Besucherinnen auch aus dem gesamten weiteren Umland. Die riesige Fensterfront des Schwimmbads war mit einem Vorhang verdeckt, so dass man von außen nicht in die Schwimmhalle hereinschauen konnte. Drinnen war dann der übliche Badebetrieb - allerdings nur für Frauen und mit ausschließlich weiblichem Personal. Mein erster Eindruck: Obwohl es sehr voll war, konnte man ganz in Ruhe seine Bahnen schwimmen. Hier gab es nämlich nicht diese wild durchs Becken kraulenden, männlichen Muskelpakete, die jeden zu erschlagen drohen, der ihnen zu nahe kommt.  

Seit diesem ersten Mal gehe ich regelmäßig zum muslimischen Frauenschwimmen, um meinen lädierten Büro-Rücken zu entspannen. Inzwischen kommen auch noch andere nichtmuslimische Frauen, die einfach die angenehme Atmosphäre dort schätzen. Mit einigen der muslimischen Frauen habe ich mittlerweile so eine Art “Schwimmbad-Freundschaft” geschlossen. Uns verbindet ein gewisser Grad an religiöser Observanz inmitten einer anders funktionierenden Mehrheitsgesellschaft. Trotzdem diskutieren wir nicht pausenlos über die neuesten gelatinefreien Joghurts bei Aldi, die Einhaltbarkeit von Kaschrut- und halal-Regeln in der Diaspora oder die umstrittenen Kopftücher von Lehrerinnen. Meistens ist es einfach bloß unterhaltsam ;) . Ach ja, und das Thema Israel lassen wir wohlweislich außen vor, damit es auch unterhaltsam bleibt :mrgreen:

Eure Anna 

Responses

B”H

Hi Anna, finde ich gut diesen Schwimmtreff. Ich gehe zwar gemischt schwimmen am Strand, doch das Thema kommt mir bekannt vor. Ist ja im relig. Judentum auch nicht unbekannt nur Frauen - oder Maennerschwimmen. Gibt in Tel Aviv sogar getrennte Straende. Ist vielleicht nicht schlecht. Der Anmache wegen und so……

Laila Tov,
Miriam

Getrennte Strände in Tel Aviv? Ist mir, ehrlich gesagt, überhaupt noch nicht aufgefallen. Aber ich war auch noch nie in Tel Aviv schwimmen. Wenn überhaupt, dann mehr im Norden oder in Eilat. Und hier haben wir ja leider GAR KEINE Strände :cry: (also wenn man Nord- und Ostsee mal weglässt, dort ist es eh viel zu kalt, brr).

Grüße
Anna

B”H

Das Wetter ist in IL auch nicht mehr so toll trotz Sonne. 19 Grad in Jerusalem und nachts nur 7.

In Tel Aviv gibts irgendwo weiter noerdl. des regulaeren Strandes einen relig. Strand. Mit Mechitzah.:-)))) Haben mir Freunde erzaehlt, die schonmal da waren.

Miriam

Guten Morgen Anna, ich komme auch gerne mit, sowas haben wir hier leider nicht oder ich weiss es nicht. Viel Spass beim Schwimmen, etwas neidische Grüsse Anneka ;)

Ja, das stimmt! Der Strand der Religiösen ist in Tel Aviv nördlich des Hilton-Hotels. Es gibt getrennte Männer- und Frauentage dort. Er ist vom südlichen Rest des Strandes durch eine Wand abgetrennt.
Die Lage ist allerdings etwas seltsam. Die “Reihenfolge” der Strände in dieser Gegend ist: Touris, Homosexuelle am “chof hilton”, Leute mit Hunden am “chof haklavim” und dann eben der Strand der Religiösen… ;-) (wirklich, von Süd nach Nord)

Schönen Gruß!

Hundestrand, Homo-Strand … sehr interessant, was es alles gibt. 8) Ich weiß nur eins: ich will jetzt auch an einen Strand!!! Dieses trübe Novemberwetter macht mich noch ganz depri. Ich verstehe nicht, wie ihr das da in Schweden im Winter aushaltet, Anneka.

Grüße an euch alle
Anna

Ich pflichte bei.

B”H

Das mit dem Homo - Strand ist selbst mir jetzt neu. Ich sehe nur immer, das die Hunde ueberall hinka….Nirgends kann man sich in den Sand hocken, ohne das da was vom Hund liegt. Und sobald icheinen Stuhl besetze, kommt sofort jemand angelaufen und will Gebuehren abkassieren. Und sich vor den Strand an die Touristenpromenade zu setzen ist auch bloed, wegen der Anmache.
Ich kann nur jedem empfehlen, morgens ganz frueh an den Strand zu gehen. Da ist noch Ruhe und die Stuehle sind auch umsonst.

Miriam

Findest du nicht, daß du dabei deine Identität verleugnen mußt, indem du den jüdischen Staat außen vor lassen mußt?

@Schmetterlingsfrau
Identität verleugnen????????
Bist du sicher, dass du den richtigen Beitrag kommentierst bzw. überhaupt im richtigen Blog bist?

Ich bin sicher! Ich nehme an, daß du beim islamischen Schwimmen deswegen Israel lieber nicht erwähnst, da deine Mitschwimmerinnen dazu eine sicher eindeutige Meinung haben dürften (eine ähnliche wie in den iranischen Schulbüchern vielleicht?). Somit verleugnest du deine Identität als Jüdin um des lieben Friedens willen. Das nennt man Dhimmitum, nach den “Dhimmis”, das sind Schutzbefohlene Nichtmoslems unter islamischer Herrschaft.

Ach Schmetterlingsfrau,
niemand verleugnet oder verschweigt hier Israel. Lies meinen Beitrag einfach genau durch und schau dir die Emoticons an! Warum übertreibst du eigentlich immer so? Dein Stil und deine Inhalte sind im gesamten deutsch-jüdischen Netz so “einzigartig”, dass ich mich inzwischen wirklich frage, warum du dich eigentlich noch hinter unterschiedlichen Nicks versteckst bzw. nicht gleich unter deinem real name postest.
Anna

liebe anna,
bin auf der suche nach einem schwimmbad, mit öffnungszeiten nur für frauen. leider konnte ich aus deinem artikel nicht entnehmen, wo du schwimmen warst! würde mich freuen, wenn die info bekommen könnte
lg gül

Gül, frag am besten beim Schwimmbad in deiner Stadt oder im Umkreis an. Frauenschwimmen gibt es in sehr vielen Schwimmbädern.

Anna

@Schmetterlingsfrau:

Also ich denke nicht das das was mit Identitätsverleugnung zu tun hat - ich finde es vielmehr unerträglich wenn jeder vorsichtig aufkeimende Dialog und jede Zwischenmenschliche Beziehung zwischen Juden und Muslimen sofort von dem politischen Konflikt im Nahen Osten überschattet werden muss - und dann jeder weitere Dialog abbricht. Vielleicht haben viele Juden und auch viele Muslime auf der Welt eine wie du sagst “eindeutige Meinung” zu dem Thema - aber vielleicht ließe sich die durch reales Kennenlernen und kommunizieren auch erheblich relativieren. Wo haben denn Juden und Muslime schon die Möglichkeit unbeschwert zusammenzutreffen? Da finde ich so ein gemütliches Frauenschwimmen was ganz tolles.

@ Anna, Sümeyye

Einfach indem Ihr beiden Euch gut versteht, stellt Ihr halt die Denkschablonen einiger Leute in Frage, nach denen Juden und Christen (als “der Westen” ;) gegen Muslime stünden. Dass es in der Geschichte (z.B. auch in Zeiten der Kreuzzüge, oder als das Osmanische Reich und später noch einmal die Türkei jüdische Vertriebene aufnahm etc.) oft ganz anders war und vielleicht ohnehin am Besten wäre, keine Religion würde sich mehr gegen die andere ausspielen lassen - übersteigt halt das Fassungsvermögen einiger.

Umso wichtiger, dass es solche “Begegnungen” wie in diesem Blog oder eben beim Frauenschwimmen gibt.

Dir, Sümeyye, einen schönen Freitag, Dir, Anna, einen geruhsamen Schabbat - und für mich ist ja dann auch bald Sonntag. (-;

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