Zum muslimischen Frauenschwimmen bin ich durch eine türkische Nachbarin gekommen. Irgendwann traf ich sie auf der Straße, als sie gerade ihre zwei kleinen Töchter, eine große Sporttasche und mehrere bunte Schwimmtiere im Kofferraum ihres Autos verstaute. Als gläubige Muslimin kommt gemischtes Schwimmen von Frauen und Männern für sie nicht in Frage und so war sie mit ihren Mädchen auf dem Weg zum wöchentlichen “muslimischen Frauenschwimmen” im städtischen Schwimmbad. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ewig nicht mehr in einem öffentlichen Schwimmbad gewesen, denn als observante Jüdin will auch ich nicht im knappen Badedress gemeinsam mit fremden Männern im Schwimmbad meine Bahnen ziehen. Das muslimische Frauenschwimmen war für mich die Lösung, auf die meine Nachbarin mich gebracht hat.
Beim nächsten Schwimmbadbesuch bin ich also mitgegangen - und kam aus dem Staunen erst einmal nicht mehr heraus. Wir bekamen kaum noch einen Parkplatz: den Kennzeichen nach zu urteilen kamen die Besucherinnen auch aus dem gesamten weiteren Umland. Die riesige Fensterfront des Schwimmbads war mit einem Vorhang verdeckt, so dass man von außen nicht in die Schwimmhalle hereinschauen konnte. Drinnen war dann der übliche Badebetrieb - allerdings nur für Frauen und mit ausschließlich weiblichem Personal. Mein erster Eindruck: Obwohl es sehr voll war, konnte man ganz in Ruhe seine Bahnen schwimmen. Hier gab es nämlich nicht diese wild durchs Becken kraulenden, männlichen Muskelpakete, die jeden zu erschlagen drohen, der ihnen zu nahe kommt.
Seit diesem ersten Mal gehe ich regelmäßig zum muslimischen Frauenschwimmen, um meinen lädierten Büro-Rücken zu entspannen. Inzwischen kommen auch noch andere nichtmuslimische Frauen, die einfach die angenehme Atmosphäre dort schätzen. Mit einigen der muslimischen Frauen habe ich mittlerweile so eine Art “Schwimmbad-Freundschaft” geschlossen. Uns verbindet ein gewisser Grad an religiöser Observanz inmitten einer anders funktionierenden Mehrheitsgesellschaft. Trotzdem diskutieren wir nicht pausenlos über die neuesten gelatinefreien Joghurts bei Aldi, die Einhaltbarkeit von Kaschrut- und halal-Regeln in der Diaspora oder die umstrittenen Kopftücher von Lehrerinnen. Meistens ist es einfach bloß unterhaltsam
. Ach ja, und das Thema Israel lassen wir wohlweislich außen vor, damit es auch unterhaltsam bleibt
Eure Anna
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