Vor einigen Jahren waren wir einmal zu Besuch in einer anderen Stadt und besuchten dort am Schabbat auch die Synagoge. Außer uns war noch ein anderer Gast anwesend. Er nahm erst am G-ttesdienst und dann am Kiddusch teil und suchte beim anschließenden Zusammensitzen eifrig das Gespräch mit allen anwesenden jüdischen Besuchern. [...]Auch uns sprach er an. Ohne dass wir ihn danach gefragt hätten, erklärte er uns unvermittelt und sehr wortgewandt, dass er Jugendgruppenleiter in der XY-Einrichtung und kein Jude sei. Er hätte aber schon viel über das Judentum gelernt und wäre auch schon längst konvertiert, wenn nicht persönliche Umstände ihn daran hindern würden. Ich war zwar skeptisch, weil er so einen ganz und gar unjüdischen Eindruck auf mich machte, aber ich war ja selbst Gast dort und wollte nicht gleich unfreundlich werden. Sofort brach ein Schwall von christlich eingefärbtem Palaver über das Judentum über uns herein. Vom “Alten Testament” bis zum G-ttesnamen war alles dabei. Der gute Mann redete sich in Fahrt und war mit diplomatischen Mitteln nicht mehr zu stoppen. Ich wollte das Gespräch gerade beenden, als er noch eins draufsetzte: Er wolle unbedingt “lebendiges Judentum” kennenlernen, um den Jugendlichen in seiner Gruppe ein authentisches Bild über das Judentum von heute zu vermitteln und so zum Abbau von Antisemitismus in der jungen Generation beizutragen. Na klar! Nachdem das Judentum in Deutschland fast vollständig vernichtet worden ist, wird nun auch noch von den Nachkommen der wenigen Überlebenden verlangt, als Anschauungsobjekte für “lebendiges Judentum” herzuhalten. Makabrer geht es doch echt nicht mehr. Dieser Jugendgruppenleiter war übrigens sichtlich frustiert darüber, dass wir ihn nicht so wie erwartet für sein Engagement und seine Art der Informationssuche lobten und ihn darauf hinwiesen, dass ein Nichtjude kaum ein authentisches Bild des Judentums präsentieren kann. Und überhaupt: was ist eigentlich ein authentisches Bild des Judentums?
Eure Anna
Veröffentlicht in Gesellschaft, Judentum
