Der Rücktritt des designierten Warschauer Erzbischofs Wielgus aufgrund seiner früheren Kontakte zum polnischen Geheimdienst bringt den in Polen noch weitverbreiteten Antisemitismus wieder einmal ans Licht. “‘Sie haben einen Polen gehenkt. Dieses Land wird von Juden regiert. Deshalb ist es so!’”, zitiert der Spiegel einen der Pro-Wielgus-Demonstranten in dem Massenauflauf letzte Woche vor der Kathedrale in Warschau. Dabei sind es noch nicht einmal diese antisemitischen Sprüche selbst, die mich hier am meisten stören. Die Legende von den Juden, die die Welt regieren, ist schließlich altbekannt, langweilig und flackert an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten einfach immer wieder einmal auf. Weit mehr stört mich diese unbedarfte Leichtigkeit und Frechheit, mit der dieser traditionelle antisemitische Müll in der Öffentlichkeit in Polen ausgesprochen werden kann. Nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern dreist, laut und ohne Scheu beschuldigen Demonstranten auf einem Kirchenvorplatz mitten in Warschau die Juden, schuld am Rücktritt des Erzbischofs zu sein oder, so berichtet die Nachrichtenagentur JTA, die Kirche zerstören zu wollen. Das zeigt doch nur, dass der Antisemitismus in Polen immer noch so allgegenwärtig ist, dass niemand ernsthaft gesellschaftliche Ächtung oder gar Sanktionen zu befürchten braucht, wenn er seinen Hass auf Juden in der Öffentlichkeit ausposaunt. Lange Zeit war das ein innerpolnisches Problem, mit dem sich allenfalls die polnische Gesellschaft und die wenigen in Polen verbliebenen Juden herumschlagen mussten. Seit 2004 aber ist Polen Mitglied in der EU und nicht mehr nur sich selbst, sondern auch den anderen EU-Staaten und den gemeinsamen europäischen Werten verantwortlich. Auch wenn es sich in Polen noch nicht überall herumgesprochen hat: traditioneller Judenhass ist kein gemeinsamer europäischer Wert. Lautstarke antisemitische Parolen aus dem Munde von Normalbürgern auf einem öffentlichen Platz sind sogar unter Umständen noch unerträglicher als die antisemitische Propaganda der Rechtsradikalen. Warum? Weil der Normalbürger sich in der Mitte der Gesellschaft bewegt und sein Wort die Stimmung einer breiteren Masse widerspiegelt, während rechtsradikale Extremisten am Rande der Gesellschaft stehen und höchstens eine kleine Minderheit repräsentieren. Die antisemitischen Ausfälle im Rahmen der Demonstration letzte Woche in Warschau haben deutlich gemacht, wie leicht und schnell der Antisemitismus in der polnischen Bevölkerung immer noch zum Ausbruch kommt. Für Polen als EU-Mitglied ist das eine Blamage, für die anderen EU-Mitglieder ist es eine Zumutung.
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