Posted by: Anna | 6. Mai 2007

Giur: Reaktionen auf den Übertritt zum Judentum

Letzte Woche habe ich zufällig eine ehemalige Mitschülerin getroffen. Seit dem Abitur hatten wir uns nicht mehr gesehen, und so war die Wiedersehensfreude groß und wir tauschten im Schnelldurchgang die wichtigsten Stationen unseres Erwachsenenlebens aus. Ob ich mich denn immer noch so für “die Juden” interessieren würde, fragte sie mich plötzlich unvermittelt. Wie bitte? Dieses Detail aus meinem Schülerleben hatte sie sich über all die Jahre gemerkt? In der Schule war mein Interesse am Judentum eigentlich kein Thema gewesen, mit Ausnahme der Israel-Reise, die ich als 17jährige unternommen hatte und von der sich mehrere Lehrer im Unterricht von mir Bericht erstatten ließen. Ich war einen Moment lang sprachlos und erzählte ihr dann, dass mein Mann aus Israel stamme und ich sogar selbst inzwischen Jüdin sei. Nun war sie sprachlos. Dann murmelte sie etwas wie “das ist aber wirklich außergewöhnlich” und nahm elegant die Kurve von Israel zu ihrem letzten Ägypten-Urlaub.

So eine Reaktion ist für mich nichts Neues. Mit einem israelischen Ehemann können die meisten noch etwas anfangen und fragen dann interessiert, wie und wo ich ihn denn kennengelernt hätte. Mit dem Übertritt zum Judentum sind viele, besonders hier in unserer Kleinstadt, aber einfach überfordert. Vielleicht weil sie noch nie einen Juden kennengelernt haben und Juden nur mit Holocaust, Israel oder den Erzählungen aus dem “Neuen Testament” in Verbindung bringen und gar nicht wissen oder erwarten, dass ein Nichtjude Jude werden kann. Werden solche Menschen dann durch mich unvorbereitet mit dem Giur konfrontriert, dann fragen einige spontan genauer nach und einige - wie meine Mitschülerin - eben nicht. Meine Erfahrung ist, dass diejenigen, die Fragen stellen, meist unvoreingenommen und interessiert sind und dass diejenigen, die nicht fragen, eher unsicher oder vorsichtig oder am Thema Religion an sich nicht besonders interessiert sind. 

Die meisten offenen Reaktionen sind positiv bis gleichgültig. Extreme Reaktionen habe ich bisher nur von Leuten bekommen, die sich von der Giur-Thematik nicht überfordert, sondern herausgefordert fühlten. Sehr beliebt, besonders bei Frauen, ist die Frage, ob mich mein Mann dazu gedrängt hätte. Dass ich meinen Mann erst nach dem Giur kennengelernt habe, ist dann eher eine Enttäuschung. Eine besonders aufgeklärte Dame aus der Feministinnen-Fraktion bedauerte mich sogar einmal dafür, dass ich dann ja in Israel immer ein Kopftuch tragen müsste; von meiner Frage, ob sie Israel vielleicht mit dem Iran verwechsele, ließ sie sich überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Ein katholischer Pfarrer, der gar nichts von meinen Giur-Absichten wusste, war schon von meinem einen Semester Judaistik so alarmiert, dass er mich eindringlich darauf hinwies, dass das Judentum für “uns als Christen” ein Rückschritt und natürlich nicht akzeptabel wäre. Und ein Kommilitone, der sich gern mit mir angefreundet hätte, warnte mich, dass es “mit unserer Freundschaft aber aus ist, wenn ich zum Judentum konvertiere”.

Aber wie schon gesagt: Negative Reaktionen auf meinen Übertritt zum Judentum sind bisher eher selten gewesen. Wie die Leute in ihrem Inneren darüber und über Juden im allgemeinen denken, kann ich also nur schwer einschätzen. So richtig abfällig-antisemitische Bemerkungen habe ich jedenfalls nur zu hören bekommen, bevor ich Jüdin wurde oder später, wenn meine Gesprächspartner nicht wussten, dass ich Jüdin bin.

Eure Anna

Responses

du schreibst von leuten, die generell an religion nicht interessiert sind. ich stelle in letzter zeit immer wieder fest, dass das verachten von reliogiosität - unabhängig von welcher religion - konjunktur hat. allzu oft wird das wort ‘religiös’ vom wort ’spinner’ gefolgt. die abneigung, mit der das thema oft zb in blogs behandelt wird, gibt mir immer wieder den eindruck, dass viele menschen ungeheure angst vor religiosität haben. ich selbst bin nicht religiös, von religion aber sehr fasziniert und begegne dem auf jedenfall mit respekt. keinen respekt dagegen habe ich vor der platten verurteilung durch ’sekuläre spinner’, die da wohl ihr gerades, logisches, rein naturwissenschaftlich geprägtes weltbild in gefahr sehen.
wenn da was dran ist, stelle ich mir vor, dass man menschen, die mit einer religiösen haltung aufgewachsen sind, eher bemitleidet, wogegen menschen wie du, die sich sozusagen freiwillig und im vollen besitz ihrer geistigen kräfte zu einer religion bekennen, als verräter am status quo unserer angeblich so aufgeklärten welt betrachtet. was letztlich eine größere gefahr darstellt und so besondere angst vor konvertiten (und damit zögern, nicht nachfragen, ablenken etc.) erklären könnte.
macht das sinn für dich? lg felika

Die Ablehnung von Religion ist in bestimmten “aufgeklärten” Kreisen sehr chic, das kenne ich auch. Daran habe ich bei meinem Artikel gar nicht gedacht. Aber wenn ich mich richtig erinnere, dann bin ich in bezug auf meinen Giur auch nie so direkt damit konfrontiert worden. Möglich, dass die Gleichgültigkeit mancher Leute nur vorgespielt ist und sie mich in Wirklichkeit auch in die Spinner-Ecke stecken und sich nur nicht trauen, das auszusprechen, weil man hierzulande üblicherweise vorsichtig ist, was man über Juden sagt.

LG
Anna

mag sein. immerhin, das ausbleiben solcher kommentare ist sicher kein verlust!

hallo anna,

schoen das du wieder schreibst, weiter so :-)

liebe gruesse,
grenzgaenger

B”H

Auch ein WELCOME BACK von mir.
Ich schaute gerade kurz vorbei und war erstaunt, neue Beitraege zu finden. :-)
Da ueberschneiden sich unsere Theme eben ganz schoen, denn auch ich habe, was ich normalerweise nicht haeufig tue, ueber Giur geschrieben. Allerdings aus Israel.

Ich war seit Juni 2000 nicht mehr in Deutschland und hoerte, dass sich die Meinungen der Leute nach der zweiten Intifada oder jetzt dem Libanon - Krieg negativ veraendert haben. Vielleicht auch daher die Reaktion deiner Freundin.

Selber hatte ich kaum diese Gespraeche, obwohl ich fast fast nur nichtjued. Freunde hatte. Auf die Religion kamen wir selten zu sprechen und wenn, dann fragten sie interessiert ueber Kaschrut und so. Sie fanden es toll, denn ansonsten wissen deutsche Nichtjuden kaum etwas ueber das Judentum geschweige denn das sie Juden kennen.

Dass mit dem “Rueckschritt” aus christl. Sicht sind wir von Missionaren in Jerusalem sehr wohl gewoehnt. Aber Rueckschritte gibt es nicht, denn die Thora ist zeitlos.

Laila Tov aus 36 Grad Hitze.
Miriam

Danke für alle eure Willkommensgrüße :-)

Konvertiten kommen überall nicht gut an, manchmal auch nicht bei der Aufnahmegesellschaft (was jetzt aber nichts mit uns Beiden zu tun hat). Und “Rückschritt”? Du weisst doch besser als ich, dass es viele Leute gibt, die offen finden, dass Juden zur Perfektion nur noch der Übertritt zum Christentum fehlt.
Off Topic: Schickes layout.

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