Letzte Woche habe ich zufällig eine ehemalige Mitschülerin getroffen. Seit dem Abitur hatten wir uns nicht mehr gesehen, und so war die Wiedersehensfreude groß und wir tauschten im Schnelldurchgang die wichtigsten Stationen unseres Erwachsenenlebens aus. Ob ich mich denn immer noch so für “die Juden” interessieren würde, fragte sie mich plötzlich unvermittelt. Wie bitte? Dieses Detail aus meinem Schülerleben hatte sie sich über all die Jahre gemerkt? In der Schule war mein Interesse am Judentum eigentlich kein Thema gewesen, mit Ausnahme der Israel-Reise, die ich als 17jährige unternommen hatte und von der sich mehrere Lehrer im Unterricht von mir Bericht erstatten ließen. Ich war einen Moment lang sprachlos und erzählte ihr dann, dass mein Mann aus Israel stamme und ich sogar selbst inzwischen Jüdin sei. Nun war sie sprachlos. Dann murmelte sie etwas wie “das ist aber wirklich außergewöhnlich” und nahm elegant die Kurve von Israel zu ihrem letzten Ägypten-Urlaub.
So eine Reaktion ist für mich nichts Neues. Mit einem israelischen Ehemann können die meisten noch etwas anfangen und fragen dann interessiert, wie und wo ich ihn denn kennengelernt hätte. Mit dem Übertritt zum Judentum sind viele, besonders hier in unserer Kleinstadt, aber einfach überfordert. Vielleicht weil sie noch nie einen Juden kennengelernt haben und Juden nur mit Holocaust, Israel oder den Erzählungen aus dem “Neuen Testament” in Verbindung bringen und gar nicht wissen oder erwarten, dass ein Nichtjude Jude werden kann. Werden solche Menschen dann durch mich unvorbereitet mit dem Giur konfrontriert, dann fragen einige spontan genauer nach und einige - wie meine Mitschülerin - eben nicht. Meine Erfahrung ist, dass diejenigen, die Fragen stellen, meist unvoreingenommen und interessiert sind und dass diejenigen, die nicht fragen, eher unsicher oder vorsichtig oder am Thema Religion an sich nicht besonders interessiert sind.
Die meisten offenen Reaktionen sind positiv bis gleichgültig. Extreme Reaktionen habe ich bisher nur von Leuten bekommen, die sich von der Giur-Thematik nicht überfordert, sondern herausgefordert fühlten. Sehr beliebt, besonders bei Frauen, ist die Frage, ob mich mein Mann dazu gedrängt hätte. Dass ich meinen Mann erst nach dem Giur kennengelernt habe, ist dann eher eine Enttäuschung. Eine besonders aufgeklärte Dame aus der Feministinnen-Fraktion bedauerte mich sogar einmal dafür, dass ich dann ja in Israel immer ein Kopftuch tragen müsste; von meiner Frage, ob sie Israel vielleicht mit dem Iran verwechsele, ließ sie sich überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Ein katholischer Pfarrer, der gar nichts von meinen Giur-Absichten wusste, war schon von meinem einen Semester Judaistik so alarmiert, dass er mich eindringlich darauf hinwies, dass das Judentum für “uns als Christen” ein Rückschritt und natürlich nicht akzeptabel wäre. Und ein Kommilitone, der sich gern mit mir angefreundet hätte, warnte mich, dass es “mit unserer Freundschaft aber aus ist, wenn ich zum Judentum konvertiere”.
Aber wie schon gesagt: Negative Reaktionen auf meinen Übertritt zum Judentum sind bisher eher selten gewesen. Wie die Leute in ihrem Inneren darüber und über Juden im allgemeinen denken, kann ich also nur schwer einschätzen. So richtig abfällig-antisemitische Bemerkungen habe ich jedenfalls nur zu hören bekommen, bevor ich Jüdin wurde oder später, wenn meine Gesprächspartner nicht wussten, dass ich Jüdin bin.
Eure Anna
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