Heute abend beginnt Schawuot, das Fest, das daran erinnert, das G-tt uns am Sinai die Torah gegeben hat. In Israel wird es einen Tag, in der Diaspora zwei Tage lang gefeiert. So ist das zumindest in der Theorie. Dass die Praxis auch bei orthodoxen Juden ganz anders aussehen kann, habe ich vor zwei Jahren an Schawuot in Israel erlebt.
An jenem Schawuot schliefen wir ausnahmsweise mal nicht in unserer israelischen Wohnung, sondern in einem Hotel in Netanya. Dort hatte sich eine große Gruppe jüdischer Touristen aus Frankreich eingemietet, die schon rein kleidungsmäßig alle einen sehr observanten Eindruck machten. Da wir ja selbst auch observant leben, waren wir also in guter Gesellschaft von Gleichgesinnten. Dachten wir zumindest. Stutzig wurden wir erst, als diese Gruppe nach Schawuot-Ende immer noch in Feiertagskleidung in der Lobby herumsaß und der Aufzug weiter auf Schabbat-Betrieb lief. Mein Mann, der von diesem Schabbat-Aufzug sichtlich genervt war, lief also schnurstraks an die Rezeption und fragte nach, ob sie denn vergessen hätten, diesen Aufzug auf Normalbetrieb umzustellen. Die Antwort: Niemand hatte vergessen, den Aufzug umstellen; der lief weiter auf Schabbat-Betrieb, damit die jüdischen Gäste aus dem Ausland ihren zweiten Tag Schawuot halten konnten. Aha. Wieder was gelernt: Es gibt Auslandsjuden, die in Israel auch den (nur in der Diaspora üblichen) zweiten Tag von Pessach, Schawuot und Sukkot halten, während die israelische Mehrheit schon längst wieder ihrem Alltagsleben nachgeht.
Das war uns nun wirklich zuviel. Wir haben schon so viele Feiertage in Israel verbracht und noch nie bemerkt, dass es in Israel Leute gibt, die auch den zweiten Tag von Pessach, Schawuot und Sukkot halten. Na gut, wie hätten wir das auch merken sollen. Schließlich sind wir in Israel ausschließlich mit Israelis zusammen, nie mit Touristen. Insofern haben wir seit diesem Aha-Erlebnis in Netanya auch weitergemacht wie bisher: In Israel halten wir die Feiertage wie die Israelis und nicht wie Diaspora-Juden. In Israel wollen wir mit dieser einzigen jüdischen Mehrheitsgesellschaft leben und nicht irgendwelche Diaspora-Bräuche pflegen; es ist schon mehr als genug, wenn wir die meiste Zeit des Jahres in Deutschland als jüdische Minderheit leben. Wenigstens in Israel wollen wir dann einmal das Gefühl haben, wie die Mehrheit zu leben.
In diesem Sinne wünsche ich meinen jüdischen Lesern ein schönes Schawuot-Fest,
חג שמח
Eure Anna
