… wird es in der Karfreitagsliturgie der katholischen Kirche mit Sicherheit auch nach der jetzt erfolgten Aufwertung der lateinischen Messe durch Papst Benedikt XVI. nicht wieder geben. Die traditionelle Formel Oremus et pro perfidis Judaeis ist so ultimativ judenfeindlich, dass eine Wiederzulassung die Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Judentum schlichtweg torpedieren würde. So kann man heutzutage offiziell nicht mehr beten:
“Lasset uns auch beten für die treulosen Juden: Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren Herzen wegnehmen, auf dass auch sie unseren Herrn Jesus Christus erkennen. Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.”
Immerhin hat Papst Johannes XXIII. diese verachtende Formulierung bereits im Jahr 1959, also schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der damit einhergehenden großen Liturgiereform, verboten. Im dem jetzt wieder aufgewerteten Messbuch von 1962 verblieben ist eine Bitte für die Bekehrung der Juden. Die ist aber den aktuellen Medienrummel nicht wert. Letztendlich versteht sich das Christentum ja tatsächlich als die einzig wahre und allein seligmachende Religion und hat sich dementsprechend auch die Mission und die Bekehrung von Andersgläubigen auf seine Fahnen geschrieben. Das ist allgemein bekannt und macht nach christlichem Selbstverständnis natürlich auch vor dem Judentum nicht halt. Zumindest verzichtet die katholische Kirche ja auf aktive Judenmission - im Gegensatz zu vielen Freikirchen. Und provoziert fühlen kann man sich als Jude auch von der modernen Karfreitagsliturgie, die seit nunmehr über dreißig Jahren in allen katholischen Kirchen der Welt praktiziert wird und in der wir immer noch mit einer eigenen Fürbitte bedacht werden:
“Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.”
Allein die Existenz dieser Fürbitte reicht mir schon. Zwar wird hier nicht offen von Bekehrung gesprochen, aber da G-ttes „Ratschluss“ in Bezug auf uns für die katholische Kirche offenbar unergründlich ist, werden wir zum unserem Wohl sicherheitshalber mal in das christliche Gebet eingeschlossen. Das sagt doch schon alles. Die Wiederaufwertung der tridentinischen Messe in der Form von 1962 kann mich deshalb überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil. Aus kulturhistorischer Sicht bin ich sogar froh darüber, dass sich die katholische Kirche endlich wieder auf ihre jahrhundertealte Tradition besinnt und der lateinische Ritus jetzt auch ohne Sondergenehmigung wieder gefeiert werden darf. Seit ich vor vielen Jahren einmal eine tridentinische Messe erlebt habe, habe ich mich immer wieder gefragt, wie es möglich war, dass eine so alte Kirche so sehr vom Drang nach Modernisierung beseelt war, dass sie ihre schöne traditionsreiche Liturgie einfach komplett wegreformiert hat. Ich bin deshalb sehr gespannt, was die Katholiken nun aus der neu gewonnenen Möglichkeit zur Rückkehr zum Alten machen.
Schawua tow, eine gute Woche, euch allen!
Anna
Categories:
