Das Interesse bestimmter christlicher Gruppen am Judentum treibt schon manchmal seltsame Blüten. Auf der Suche nach den vermeintlich jüdischen Wurzeln ihres Glaubens schaffen es manche Christen sogar am Jom Kippur bis in die Synagoge. Das hat mir mein Mann zumindest gestern aus der Männerabteilung berichtet. In seiner unmittelbaren Nähe saß so ein Besucher mit glückseligem Dauerlächeln im Gesicht, der - von oben bis unten in weiß gekleidet, mit Turnschuhen an den Füßen, Kippa auf dem Kopf und einem Tallit über den Schultern - eifrig am G-ttesdienst teilzunehmen versuchte. Für meinen Mann war der Fall sofort klar: das äußere Erscheinungsbild war zu perfekt, der Blick so kurz vor Fastenende war zu entrückt: das musste ein Christ auf Wurzelsuche mitten auf einem Judentum-Selbsterfahrungstrip sein. Bingo. Der Typ entpuppte sich tatsächlich als Angehöriger irgendsoeiner Freikirche, bei denen sich alles um die “Verwurzelung” des Christentums im Judentum dreht.
Nicht, dass ihr mich falsch versteht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Gäste in jüdischen G-ttesdiensten. Synagogen in Deutschland sind öffentliche Einrichtungen, zu denen natürlich auch Nichtjuden Zutritt haben. Die meisten Besucher sind ja auch zurückhaltend und verhalten sich so, wie man sich als Gast in einem fremden Haus verhält. Es gibt aber auch einige, die aktiv mitbeten wollen, weil sie die sogenannten jüdischen Wurzeln ihres christlichen Glaubens wiederbeleben wollen, weil sie sich demonstrativ mit dem jüdischen Volk solidarisieren wollen, weil sie irgendwelche “ökumenischen” Ideen verfolgen oder weil sie ihre “Offenheit” gegenüber dem Judentum zur Schau stellen wollen. Solche Leute machen sich in ihrem Eifer leider oftmals allzu dreist jüdische Symbolik, jüdischen Sprachgebrauch und jüdische Bräuche zu eigen und wahren nicht die notwendige respektvolle Distanz gegenüber der fremden Religion. Bei Juden kommt solches Verhalten im allgemeinen überhaupt nicht gut an. Manche bleiben gleichgültig, andere aber sind verärgert, amüsiert oder gar beleidigt.
Auch außerhalb der Synagoge kommt es gerade im Kontakt mit judentumsbegeisterten Christen oft zu solchen Grenzüberschreitungen. Vor jüdischen Feiertagen beglücken sie einen gern mit speziellen hebräischen Grußformeln. Das mag gut gemeint sein, wirkt aber komisch und anbiedernd. Ein gmar chatima towa am Jom Kippur zum Beispiel ist völlig sinnfrei, wenn es von einem Menschen kommt, dem dieser Satz aufgrund seines christlichen Glaubens überhaupt nichts bedeutet. Demgegenüber kann ein neutraler Gruß in deutscher Sprache (z.B. ”die besten Wünsche zu …”) echte Freude bereiten, denn das, worauf es ankommt, wird bewahrt: respektvolle Distanz.
Eure Anna
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