Ich habe Eva Herman verstanden. Und ich habe auch verstanden, dass sie mit ihren Thesen über die Rückkehr zu traditionelleren Familienwerten in Deutschland zur Zeit keine wirkliche Chance hat. Dafür stehen wir schon viel zu lange unter der Fuchtel unserer prominenten Berufsfeministinnen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, unsere gesamte Gesellschaft so umzuerziehen, dass die traditionelle Rollenverteilung heute weitgehend als rückständig geächtet ist.
Mütter, die ihre Berufstätigkeit aufgeben, um ihr Kind zu Hause selbst betreuen zu können, dürfen bestenfalls in den ersten drei Lebensjahren des Kindes noch mit dem Verständnis der Gesellschaft rechnen - und das natürlich auch nur, solange es für die Kleinsten nicht genügend Betreuungsplätze gibt. Ab dem Kindergartenalter gibt es dann selbstredend auch für diese Frauen kein Pardon mehr. Spätestens jetzt sollten die jungen Mütter wenigstens halbtags wieder in ihren Beruf zurückkehren, wenn sie gesellschaftlich auf Linie sein wollen. Frauen, die sich dem Druck zur beruflichen Selbstverwirklichung widersetzen und freiwillig zu Hause bei den Kindern bleiben, müssen sich für ihr gesellschaftlich unkorrektes Verhalten mittlerweile sogar oft schon im privaten Umfeld rechtfertigen. Ihre größten Gegnerinnen sind dabei die berufstätigen Frauen, die sich ohne wirtschaftliche Notlage dem gesellschaftlichen Druck beugen und tagtäglich Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen versuchen, ohne sich selbst einzugestehen, dass die Doppelbelastung auf die Dauer eher in eine Nervenkrise als zur versprochenen Selbstverwirklichung führt.
Neben den Alt-Emanzen aus den siebziger Jahren sind es heutzutage vor allem die Redakteurinnen und Moderatorinnen in sämtlichen Medien, die das Thema „Emanzipation” fest im Griff halten und jede andere Meinung sofort totreden oder -schreiben. Jahrzehntelang hat sie dabei auch niemand ernsthaft gestört. Eva Herman ist seit langer Zeit die erste prominente Frau, die an den Grundfesten der allmächtigen Frauenbewegung rüttelt und sich noch nicht einmal mundtot machen lässt. Und dabei haben sich die Frauenbewegten aus den Medien alle Mühe gegeben: Nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches hat man ihre Ideen verhöhnt und lächerlich gemacht anstatt sich sachlich damit auseinanderzusetzen. Da Eva Herman davon aber offensichtlich unbeeindruckt geblieben ist und sogar noch ein zweites Buch hinterhergeschoben hat, hat man, wie man es in Deutschland gern mit unliebsamen Gegnern macht, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Nazi-Keule geschwungen und versucht, sie in die rechte Ecke zu drängen. Und als sie sich auch dann noch nicht artig zurückgezogen hat, hat Johannes B. Kerner erst eine Dreiviertelstunde lang in inquisitorischer Manier ein Eingeständnis aus ihr herauszupressen versucht, nur um sie dann, unter dem Druck einer entrüsteten Margarethe Schreinemakers und einer thematisch unvorbereiteten Senta Berger vor laufender Kamera aus seiner Sendung auszuschließen. Das ist wahrscheinlich vorerst der Höhepunkt in diesem traurigen Lehrstück der Medien, wie man einen Menschen systematisch fertig macht. Bloßgestellt haben die beteiligten Meinungsmacher allerdings nicht Eva Herman, sondern allein sich selbst. Dass die Thesen von Eva Herman fast nirgendwo sachlich diskutiert worden sind und dass ihr sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihr Recht auf freie Meinungsäußerung entzogen wird, zeigt, wie überfordert unsere Gesellschaft Eva Herman und ihren Ideen gegenübersteht. Da hat die 68er-Bewegung mit typisch deutscher Gründlichkeit wirklich ganze Arbeit geleistet.
Eine gute Woche wünscht
Anna
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