Ich koche. Nicht in der Küche, sondern innerlich. Das Stichwort Militärdienst in Israel löst bei mir auch noch nach Jahren reflexartig einen Zustand aus, der irgendwo zwischen Wut und posttraumatischer Störung angesiedelt ist. Der Anlass diesmal: ein Bericht in der Jerusalem Post über das überproportionale Bevölkerungswachstum bei den Ultraorthodoxen, den Charedim, das Schätzungen zufolge dazu führen wird, dass in einigen Jahren nur noch rund 50 % der Jugendlichen in Israel ihren Militärdienst ableisten werden. Das liegt daran, dass die Ultraorthoxoden reihenweise und schon quasi automatisch vom Militärdienst befreit werden, weil sie sich hauptberuflich dem Talmud-Torah-Studium widmen.
Dieses Privileg ist mir ein echter Dorn im Auge. Ich habe Null-Komma-Null Verständnis dafür, dass die Säkularen und die “normal” Orthodoxen den Kopf für alle hinhalten sollen. Es hat mir mehr als gereicht, dass mein Mann, der Israel schon als Jugendlicher verlassen hatte, nach dem Studium in Deutschland seinen Militärdienst nachholen musste und damit auch zur Verteidigung dieser Drückeberger (von denen einige den Staat ja noch nicht mal anerkennen) sein gesamtes Leben hier unterbrechen musste. In seinem Fall gab es keine Sonderregelung, keine Ausnahme. Er musste seine Zeit ableisten, egal, ob uns das familiär und beruflich in den Kram passte. So haben wir dann ein Jahr lang notgedrungen zwischen den Welten gelebt, er an seinem objektiv gefährlichen Einsatzort an der Palästinenser-Front, ich abwechselnd in Deutschland und in Tel Aviv, die Wochenenden haben wir in Begleitung seines Maschinengewehrs verbracht, und an den Abenden habe ich die vielen ist-bei-euch-alles-in-Ordnung-Telefonate aus Deutschland beantwortet. Am Ende ist mein Mann in Israel nicht mehr heimisch geworden, und in Deutschland war in seiner Branche mittlerweile die Massenarbeitslosigkeit ausgebrochen.
Deshalb: es kann doch nicht angehen, dass die Wehrpflicht beim normalen Durchschnittsisraeli so konsequent eingefordert wird, während sich die Charedim per Jeschiwa-Immatrikulation aus der Verantwortung stehlen dürfen. Und wenn diese großzügige Ausnahmeregelung schon beibehalten wird, dann wäre es nur recht und billig, zum Beispiel auch die Israelis zu befreien, die das Land als Jugendliche mit der Familie verlassen haben und ihren Lebensmittelpunkt im Ausland eingerichtet haben.
Eure Anna
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