Nachdem mindestens zweieinhalb Generationen mit dem Begriff Reichskristallnacht groß geworden sind, wird seit einigen Jahren in Politik und Medien zunehmend von der Reichspogromnacht oder gar von Novemberpogromen gesprochen. Ich weiß nicht, wer diese neudeutsche Sprachregelung in die Welt gesetzt hat, aber ihr Sinn besteht wohl darin, die Ereignisse vom 8./9. November 1938 prägnanter zu beschreiben und den Kristallnacht-Begriff zu meiden, von dem man eine Zeitlang (irrigerweise) geglaubt hat, dass er direkt aus dem NS-Jargon stammen würde. Das Problem ist nur, dass man eine im Volk fest eingebürgte Bezeichnung für so ein historisches Ereignis nicht einfach durch ein derart abstraktes Kunstwort ersetzen kann, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass den Menschen der Bezug zu dem Ereignis endgültig abhanden kommt. Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass Leute mit dem Begriff Pogrom überhaupt nichts anfangen können und deshalb mit Reichspogromnacht oder Novemberpogrome nicht das verbinden, was sie eigentlich damit verbinden sollen. Ich fürchte, da haben allzu wohlmeinende Geschichtspädagogen der deutschen Geschichte mal wieder einen Bärendienst erwiesen. Ich bleibe auf jeden Fall bei dem Begriff Kristallnacht.
Eure Anna

ich glaube nicht, dass es hier um “wohlmeinende geschichtspädagogen” und deren steckenpferde geht…
“Die Geschehnisse, die sich in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 in Deutschland zutrugen, werden in der Geschichtsschreibung auch heute noch häufig unter dem euphemistischen Begriff der “(Reichs-)Kristallnacht” zusammengefasst. Horst Stuckmann nennt das Wort “Kristallnacht” eine “verharmlosende Bezeichnung, die suggerieren soll, als seien damals lediglich einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen.” (1) Der Ausdruck verschleiert jene Greueltaten, die an jüdischen Mitbürgern verübt wurden und sollte deshalb durch den Begriff Pogromnacht oder Novemberpogrom ersetzt werden.”
http://www.schoah.org/schoah/kristallnacht.htm
gut schabbes,
schoschana
Von: schoschana am 9. November 2007
um 8:27
Also ich meine Anna hat recht!
Mal davon abgesehen, daß der Begriff Kristallnacht mehr “Grauenpotential” hat, ist auch die Einmaligkeit der Schoah durch diesen Begriff besser ausgedrückt; Pogrome gab´s viele.
Von: Thomas am 9. November 2007
um 14:02
Das ist ein interessanter Aspekt, Thomas, auf den ich so selbst gar nicht gekommen bin. Ich denke, da hast du recht.
Von: Anna am 9. November 2007
um 14:07
Eis kristallisiert auch. Es war grausig, eisig was in der Reichskristallnacht passiert ist. Ich habe davon in der Schule gelernt u. verbinde dieses Wort mit Greueltaten.
Von: Netty am 9. November 2007
um 14:32
hab mal im Duden nachgeschlagen, das Wort Pogrom kommt ursprünglich aus dem russischen und bedeutet: Ausschreitungen gegen nationale, religiöse, ethnische Minderheiten
in meiner Schulzeit wurde auch von der Reichskristallnacht gesprochen und ich finde schon das genau diese Bezeichnung das ganze Grauen dieser Zeit besser verdeutlicht als so ein relativ “variabel” einzusetzendes Wort wie Pogrom
Von: birgit am 9. November 2007
um 18:26
Der Begriff Kristallnacht impliziert aber als wäre nur Glas kaputt gegangen.
Progrom impliziert dagegen auch Mord. Das Wort Kristallnacht ist in diesem Sinne verharmlosend. Ich kenne niemanden, der mit dem Begriff Progrom nichts anfangen könnte.
Für Historiker ist es aber mehr als nur wichtig, die Begriffe, die in der Nazizeit geprägt wurden, nicht zu verwenden (auch das sog. Dritte Reich”). Das mal als Beispiel.
Von: Yael am 10. November 2007
um 19:27
Richtig Thomas, um das aber von anderen zu unterscheiden, wird auch das Wort Reichsprogromnacht verwendet.
Von: Yael am 10. November 2007
um 19:28
Wenn wirklich mehr und ehrlich in der Gesellschaft
darüber disskutiert werden würde welche
Bezeichnung besser ist dann würde die Bezeichnung
selbst keine so große Rolle mehr spielen.
Jakobo
Von: jakobo am 11. November 2007
um 0:56