Nachdem mindestens zweieinhalb Generationen mit dem Begriff Reichskristallnacht groß geworden sind, wird seit einigen Jahren in Politik und Medien zunehmend von der Reichspogromnacht oder gar von Novemberpogromen gesprochen. Ich weiß nicht, wer diese neudeutsche Sprachregelung in die Welt gesetzt hat, aber ihr Sinn besteht wohl darin, die Ereignisse vom 8./9. November 1938 prägnanter zu beschreiben und den Kristallnacht-Begriff zu meiden, von dem man eine Zeitlang (irrigerweise) geglaubt hat, dass er direkt aus dem NS-Jargon stammen würde. Das Problem ist nur, dass man eine im Volk fest eingebürgte Bezeichnung für so ein historisches Ereignis nicht einfach durch ein derart abstraktes Kunstwort ersetzen kann, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass den Menschen der Bezug zu dem Ereignis endgültig abhanden kommt. Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass Leute mit dem Begriff Pogrom überhaupt nichts anfangen können und deshalb mit Reichspogromnacht oder Novemberpogrome nicht das verbinden, was sie eigentlich damit verbinden sollen. Ich fürchte, da haben allzu wohlmeinende Geschichtspädagogen der deutschen Geschichte mal wieder einen Bärendienst erwiesen. Ich bleibe auf jeden Fall bei dem Begriff Kristallnacht.
Eure Anna
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