Normalerweise kreuzen sich meine Wege mit denen der christlichen Pilger und Bibelreisenden in Israel nicht. Erst auf dem Rückflug nach Frankfurt, wenn wieder einmal so eine Gruppe im Flugzeug sitzt, nehme ich sie überhaupt wahr. Ich frage mich dann immer, wie und wo sie in Israel ihre Zeit verbracht haben, mit welchen Erwartungen sie dorthin gefahren sind und welche Bilder und Eindrücke sie mit nach Hause nehmen.
Auf meiner letzten Israelreise habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit gehabt, solche Reisegruppen auf ihren Besichtigungstouren im Galil (Galiläa) zu beobachten. In Galiläa, dort, wo Jesus laut Neuem Testament gepredigt und gewirkt hat, waren gerade um die Weihnachtszeit mehrere Gruppen aus Europa und den USA unterwegs. Und die Vorträge von deren Reiseleitern, soweit ich sie einmal bewusst mit angehört habe, haben mich sehr überrascht: nirgendwo auf der Welt habe ich jemals Reisende mit einer so ausgeprägt selektiven Wahrnehmung erlebt.
Getroffen haben wir die christlichen Gruppen in Korazim und Kfar Nachum (Kapernaum). An diesen beiden Orten am Kinneret (See Genezareth) gibt es beachtliche Reste von zwei antiken Synagogen zu sehen, in Korazim außerdem die Ruinen der ehemaligen Stadt. Für Christen sind die beiden Orte von besonderer Bedeutung, weil Jesus dort laut Neuem Testament gepredigt hat und weil er beide Orte verflucht hat, nachdem ihre Bewohner seiner Lehre nicht folgen wollten. Und letzeres war auch das einzige Interesse unserer christlichen Mitbesucher. Während wir uns mit unserem hebräischen Faltblatt vom Kassenhäuschen interessante Informationen über die Geschichte der beiden Orte und ihre Bedeutung im Judentum und im Christentum angelesen haben, trugen die christlichen Reiseleiter um uns herum lautstark die passenden Stellen aus dem Neuen Testament vor und wiesen deutlich darauf hin, dass diese von Jesus verfluchten Orte später auch tatsächlich zerstört worden waren. NT-unabhängige Informationen zum Beispiel über die Bedeutung von Korazim in der talmudischen Zeit bekamen die christlichen Besucher nicht zu hören. Das war so extrem, dass ich den Eindruck bekam, dass die Pilger- und Bibelgruppen so ausschließlich auf den Spuren Jesu unterwegs sind, dass sie das Land, in dem sie zu Gast sind, überhaupt nicht wahrnehmen. Bei allem Verständnis für die besonderen Interessen von Pilgern empfand ich die Gleichgültigkeit gegenüber der jüdischen und sonstigen nichtchristlichen Geschichte unseres Landes in dem Moment fast schon als beleidigend und mich selbst an diesen eigentlich jüdischen Orten deplatziert.
Ich empfehle deshalb allen, die aus religiösen Gründen eine Reise nach Israel unternehmen wollen: bucht trotzdem lieber eine normale Studienreise als eine spezielle Pilger- oder Bibelreise. Auch die Studienreisegruppen besuchen und erklären ausführlich die christlichen Stätten, aber sie beschränken sich eben nicht darauf und bieten einen viel breiter gefächerten Überblick über Israel in Vergangenheit und Gegenwart und auch über die jüdische Religion und Geschichte, ohne die sich das Christentum ohnehin kaum verstehen lässt.
Eure Anna
Categories:
