An einer anderen Stelle auf meinem Blog hat Leser Christian mir einen Kommentar geschrieben, den ich hier in einem eigenen Beitrag noch einmal aufgreifen will.
Der Ausgangspunkt ist die Behauptung von Leserin Astrid, dass das Neue Testament ein “jüdisches Buch” sei. Leserin Schoschana und ich haben diese Einschätzung aus unserer jüdischen Sicht sachlich bestritten. Daraufhin schreibt Christian folgendes:
“Ich finde es lediglich bedauerlich festzustellen, dass einige Juden, denen ich begegnet bin, die das Neue Testament [...] inhaltlich ablehnen, auch ansonsten kein gutes Haar daran lassen. Damit meine ich deine und Schoschanas - aus meiner Sicht - ungerechtfertigten Verriss des Neuen Bundes. Ich lese dein Blog gerne, und bin froh, hier mit dir und anderen Juden Gedanken austauschen zu dürfen; in meinem persönlichen Umfeld habe ich nämlichen keine deutschen jüdischen Kontakte; mehr in Israel und den USA.”
Christian bringt hier also seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass einige Juden in seiner Umgebung negativ auf das Thema “Neues Testament” reagiert haben. Ich weiß nicht, mit welcher Absicht er mit diesen Leuten über das Neue Testament gesprochen hat und welche Antworten er erwartet hat. Ich weiß aber, welche Gefahren in solchen Gesprächen lauern und wie heftig (”ungerechtfertigter Verriss des Neuen Bundes”) die Enttäuschung auf christlicher Seite ausfallen kann, wenn die beteiligten Juden sich nicht auf eine Diskussion auf der Grundlage der christlichen Sichtweise einlassen und, wenn überhaupt, lieber ihre jüdische Sicht der Dinge zum Ausdruck bringen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass das theologische Gespräch suchende Christen oft drei Punkte außer Acht lassen:
-
Das Neue Testament ist eine dem Judentum fremde heilige Schrift einer anderen Religion. Ein Jude wird das Neue Testament im Rahmen seiner religiösen Studien normalerweise nicht lesen, um herauszufinden, ob Jesus nicht etwa doch der Messias ist, denn diese Frage ist jüdischerseits bereits vor 2000 Jahren entschieden worden. Ein Jude, der das Neue Testament überhaupt liest, wird dies also aus der gleichen Motivation tun, aus der ein Christ den Koran oder die Lehren Buddhas liest: zum Zwecke der Information und der Allgemeinbildung oder im Rahmen eines wissenschaftlichen Studiums.
-
Die Inhalte des Neuen Testaments laufen den jüdischen Glaubensprinzipien total zuwider: die Vorstellungen von Jesus als dem erwarteten Messias und von einem Mensch gewordenen Gott sind dem Judentum fremd, so fremd, dass der Islam dem Judentum sogar noch näher steht. Nicht wenige Juden betrachten die Verehrung Jesu als Gott sogar als Götzendienst.
-
Historisch ist das Neue Testament für die Juden in Europa mit Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung und Tod verbunden. Unter dem christlichen Antijudaismus haben Juden fast zweitausend Jahre lang gelitten. Offenheit und Interesse für Gespräche über die christliche Lehre gehen allein schon deshalb oft gegen Null, sind von einer negativen Grundhaltung getragen oder werden aus Furcht vor Mission abgeblockt.
Daraus folgt: Wer als Christ für die Meinung seines jüdischen Gesprächspartners nicht wirklich erwartungslos offen ist und mit etwaigem Desinteresse und offener Ablehnung nicht gut umgehen kann, sollte auf Gespräche mit Juden über das Neue Testament besser verzichten. Juden werden solche Gespräche, so hart das klingen mag, im Normalfall sowieso nicht vermissen.
In diesem Sinne: eine gute Woche!
Anna
NACHTRAG: Dieser Beitrag ist keine Einladung zur Darstellung und Diskussion christlicher Themen hier auf diesem Blog. ”mittendrin” ist eine jüdische Plattform und weder eine Informationsstelle zum Thema “Judentum für Christen” noch ein Forum für Gespräche über das Christentum mit Juden. Auch wenn bei einigen von euch das Thema Christen-Juden-Jesus jetzt an Ostern wieder einmal hoch im Kurs zu stehen scheint: das Blog “mittendrin” steht dafür nicht zur Verfügung, und entsprechende Kommentare werden gelöscht.
Categories:
