Eine öffentliche Bücherverbrennung in Israel - ich hätte nicht gedacht, dass sich so eine beschämende Aktion jemals unter Juden zutragen würde. Leider ist genau das jetzt geschehen: In der Kleinstadt Or Jehuda haben ultraorthodoxe Jugendliche auf der Straße Hunderte von Neuen Testamenten verbrannt, die christliche Missionare zuvor im Ort massenweise verteilt hatten. Der stellvertretende Bürgermeister des Ortes, Uzi Aharon, ein Mitglied der ultraorthodoxen Schas-Partei, hat sich zwar mittlerweile bei den Christen in aller Welt entschuldigt, aber die Frage, inwieweit er selbst an der Verbrennungsaktion beteiligt war, ist noch offen.
Die Bücherverbrennung fand schon vor einer Woche statt. Ich habe damals schon in einer israelischen Zeitung darüber gelesen und eigentlich nur gehofft, dass sich diese Nachricht nicht bis nach Europa herumsprechen würde. Heute ist die Aktion nun doch in den deutschen Medien angekommen - und bewirkt genau das, was ich befürchtet habe: die Bücherverbrennung wirft ein verdammt schlechtes Licht auf das gesamte jüdische Volk. Die Leute sind, soweit ich das im Netz gelesen habe, besonders schockiert darüber, dass - nach der Bücherverbrennung durch die Nazis 1933 mit den bekannten Folgen - es ausgerechnet Juden waren, die eine Bücherverbrennung inszeniert haben, und dass es das Neue Testament war, also die heilige Schrift des Christentums, die den Flammen zum Opfer gefallen ist. Ich kann die Reaktionen zum Teil vestehen.
Was die meisten deutschen Leser halt nicht wissen, ist, dass Israel ein großes Problem mit christlichen Missionaren hat. Dies sind meist Leute, die als Touristen getarnt ins Land kommen, um Missionstätigkeit zu betreiben, aber auch sogenannte messianische (=jesusgläubige) israelische Juden, die offensiv und aggressiv versuchen, ihre Landsleute zum Christentum abzuwerben. Die israelische Politik hat noch kein Gesetz erlassen, das missionarische Aktivitäten, die von vielen Juden als Bedrohung für das jüdische Volk empfunden werden, effektiv unterbinden würde. Selbstjustiz in der Form einer Bücherverbrennung ist aber gar keine Lösung. Das war eine hirnlose Aktion von aufgeheizten Extremisten, die noch nicht einmal gemerkt haben, dass sie sich damit einer Nazi-Methode bedienen und dass das des jüdisches Volkes unwürdig ist. Wir verbrennen keine Bücher und vergreifen uns auch nicht derart respektlos an den heiligen Schriften einer anderen Religion. Wer als Jude so etwas tut oder befürwortet, hat vom Judentum nicht viel verstanden, aus der jüdischen Geschichte nichts gelernt und beschädigt das Ansehen des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion in der Welt.
Veröffentlicht in Christentum, Gesellschaft, Israel, Judentum
