Mein Schwiegervater hat neulich die Katze aus dem Sack gelassen. In einem heftigen Streit hat er meinem lieben Mann erklärt, dass er mich überhaupt nicht als jüdisch betrachtet. Weil, so seine werte Meinung, man nur durch Geburt jüdisch sein kann und nicht etwa durch einen Giur. Innerhalb von Sekunden hatten wir einen Familienstreit vom Feinsten. Erst heftiges Geschrei in alle Richtungen auf Hebräisch, dann ein gepflegtes Was-Wir-Euch-Schon-Immer-Mal-Sagen-Wollten auf Deutsch – und seitdem Funkstille.
Mit solchen Szenen darf man getrost rechnen, wenn man zum Judentum konvertiert. Irgendwann kommt garantiert ein Depp daher, der einem auf den Kopf zusagt, dass man in seinen Augen überhaupt nicht jüdisch ist. Leuten wie meinem Schwiegervater geht es dabei aber nicht darum, ob der Giur orthodox war oder ob man nach dem Giur observant lebt. Leute wie mein Schwiegervater sind fast immer säkulare Juden, die sich mit der Religion gar nicht auskennen und insofern mit einem Giur auch nichts anfangen können. Ihnen ist das Konzept fremd, dass sich ein Nichtjude nach einem Lern- und Entscheidungsprozess offiziell ins Judentum aufnehmen lässt und dann als genauso jüdisch anzusehen ist wie ein geborener Jude. Sie ignorieren diesen Teil der Halacha einfach und betrachten kurzerhand nur denjenigen als jüdisch, der eine jüdische Mutter hat und eine eigene jüdische Familie, Tradition und Geschichte in die Familie mitbringt. Gegen diesen Blödsinn, das weiß ich aus Erfahrung, ist kaum anzukommen. Ich habe es diesmal auch erst gar nicht ernsthaft versucht. Ich kann nämlich mittlerweile ganz gut damit leben, wenn irgendjemand mich nicht für jüdisch halten will. Auch wenn dieser Irgendjemand diesmal mein Schwiegervater ist. Das ist zwar bedauerlich, weil es den Familienfrieden massiv stört, aber von meiner Seite aus auch nicht zu ändern. Ich kann ihm ja schließlich nicht um des lieben Friedens willen Recht geben, meine Sachen packen und meinen lieben Mann seiner Familie überlassen. Er wird meine Anwesenheit also noch ein Weilchen ertragen müssen

Warum soll jemand, der die Halacha grundsätzlich als nicht bindend ansieht, ausgerechnet in diesem emotional sehr beladenen Bereich, das anders handhaben. Ist eigentlich konsequent logisch. Du kannst damit leben, aber wenn Kinder da sind, die sich das dann anhören müssen, ist das nicht mehr so nett.
Von: Juebe am 7. Juli 2008
um 7:31
ja, das ist so eine jüdische krankheit, anderen juden das jüdischsein abzusprechen…
die säkularen den übergetretenen, die religiösen den säkularen, die orthodoxen den liberalen, die liberalen den ultraorthodoxen undsoweiterundsofort.
ist so eine art sport. trag’s mit fassung!
Von: schoscha am 7. Juli 2008
um 9:05
Recht hast’. Wenn wir immer nur auf die Erbsenzähler hören würden, säßen wir immer noch nachts auf den Bäumen – denn sie halten sich gerne an dem fest, was sie kennen.
Thomas
Von: Thomas Reuter am 7. Juli 2008
um 9:30
ich denke, die wichtigste frage ist erstmal, steht dein mann zu 100% hinter dir und stellt sich gegen seinen vater?
diese “auswüchse” von wegen kein guter/echter X oder Y dürfte es wohl so gut wie in jeder glaubensrichtung geben.
Von: wortman am 7. Juli 2008
um 17:59
@wortman, ja natürlich steht er hinter mir, 150%
Von: Anna am 7. Juli 2008
um 20:22
Ja, Anna, das erleben wir immer wieder einmal. Ich habe aber dagegen die Erfahrung gemacht, dass es gerade Nichtjuden sind, die mir mein Jüdischsein absprechen wollen, nämlich von denjenigen, die jüdische Vorfahren haben, aber selber keine sind.
Psychologisch sehr interessant. In der eigenen Familie finde ich das allerdings sehr traurig, aber lass sie quatschen, hier ist die Halacha bindend und nicht die Meinung solcher Menschen.
Von: Yael am 8. Juli 2008
um 11:15
moin anna,
so natürlich ist das gar nicht. dementsprechend also glückwunsch zum erstklassigen mann
Von: wortman am 8. Juli 2008
um 11:51
@schoscha
Och das ist auch eine islamische Krankheit, da werden auch gerne mal andere Muslime mir nicht dir nichts ex-kommuniziert.
Von: Serdar am 18. Juli 2008
um 15:23
So einen Schwachsinn würde ich nicht weiter ernst nehmen, irgend etwas anderes passt ihm nicht, würde mal darüber nachdenken…
Von: Ari am 21. Juli 2008
um 11:57
@Anna
Und das stört deinen Schwiegervater dann? Ich meine, wenn du für ihn keine Jüdin bist, wo ist dann das Problem? Für mich hört sich das eher so an, dass die Probleme ganz wo anders liegen und es eine wunderschöne Vermeidungsstrategie ist, es auf deinen Status abzuwälzen…
Zumindest ist das meine Erfahrung, wenn es darum geht, jemanden speziell sein Jüdischsein abzusprechen. Meist steckt da mehr dahinter, was aber mangels Bereitschaft auch gerade zur Selbstreflexion vermieden wird und dann der Übertritt herhalten muss.
In diesem Sinne würde ich das sehr wohl ernstnehmen und versuchen herauszufinden, was ihn eigentlich stört.
Von: Jehuda am 23. Juli 2008
um 15:18
@alle, danke für alle eure Kommentare und eure emails! Ich bin selbst gespannt, wie die Sache weitergeht. Zurzeit haben wir jedenfalls keinen Kontakt mit den Schwiegerelten. Ich muss meine Nerven schonen
Von: Anna am 24. Juli 2008
um 0:01
Liebe Anna! Liebe Serdar!
Sowas gibt´s bei Katholikens auch (m.W. nicht so sehr bei Protestanten, die dann eher schnell einen eigenen Verein aufmachen).
Zwei Nachklänge:
1. Es geht oft dabei nicht um´s Zentrale (Glaubensbekenntnis oder Gebote) sondern um reltive Randfragen.
2. Es gibt natürlich (vielleicht eine Ehrenrettung Deines Schwiegervaters – obwohl ich den Fall nicht kennen) neben Lehre und Leben auch noch so etwas wie “Stallgeruch”! Meine Frau ist Konvertitin – aber auch nach Zwanzig Jahren ist da noch dieser evangelisch “Bodensatz”. Auch wenn wir zusammen n der Kirche knien und ein Tantum Ergo vor dem Sakramentalen Segen singen (um mal was ganz Katholisches zu nennen) – “Es” ist da!
“Es” ist garnicht zu beschreiben — Vielleicht ist ein Unterschied der zwischen – etwas (durchaus bewußt, aber letztendlich) immer schon getan haben und es sich bewußt dafür entschieden habend tun.
Dann erscheinen Konvertiten gerade Ihren Glaubensgeschwistern oft etwas 110%!
Auf jeden Fall danke ich Dir, daß Du´s angesprochen hast, so komme ich nochmals zum Nachdenken.
Ansonsten alles Gute!
Von: dilettantus in interrete am 2. August 2008
um 10:11
Hi, Anna:
Ich will jetzt auch meinen senf dazugeben. Ich
kann das auch nicht so richtig verstehen. ich glaube
ich denke da ähnlich wie jehuda. Wenn ich dir zum
beispiel das sagen würde order sonstwer dann wäre
es was anderes. Und ich denke es sollte dich nicht
groß´interessieren was andere sagen. Ich weis ja
nicth unterwelchen umständen und konvertiert bist
oder wann. aber jetzt bist du eine einheit mit deinem
mann und deiner familie und dass du konvertiert
bist und eine zeit in israel gewohnt hast ist ja etwas
was diese einheit bestärkt und ihr auch tiefe und
gibt. Ich seh das von dieser sicht aus und
eben deshalb verstehe ich das nicht.
Jakobo
Von: jakobo am 7. August 2008
um 20:26
PS.: ich finds cool wie dein mann reagiert
Von: jakobo am 7. August 2008
um 20:27
Wahrscheinlich ist Fremdheit eine Zumutung. Und eine noch stärkere Zumutung, wenn sich der/die Fremde als ein “Dazugehörender” ausgibt.
Das beste Rezept dagegen ist, sich selbst immer wieder demonstrativ als Fremder darzustellen, dann werden die anderen widersprechen und sagen “Aber Nein, für uns bist du so, als wärest du jüdisch geboren”.
Das ist im Prinzip genau dieselbe Aussage wie “Du bist ja gar nicht jüdisch”, nur in diesem Fall halt positiv formuliert.
Von: shoshi am 16. Dezember 2008
um 11:39