Warum habe ich eigentlich nie ernsthaft das Bedürfnis verspürt, nach Israel auszuwandern? Darüber muss ich in den letzten Tagen ernsthaft nachdenken, wenn ich Noa dabei zusehe, wie sie ihre Aliyah durchzieht. Ja, durchzieht, einfach durchzieht. Nichts hat sie hier in Deutschland zurückhalten können, nicht die Familie, nicht der Arbeitsplatz, kein Heimatgefühl.
Was bin ich im Vergleich dazu doch für eine Lusche. Ich müsste noch nicht einmal in Deutschland alles aufgeben, sondern könnte meinen Wohnsitz offiziell zu meinen Eltern verlegen, mein Bankkonto und meinen Pass behalten und meine nichtransportablen Besitztümer unterstellen. Ich müsste nicht umständlich Aliyah beantragen, sondern könnte mit Y. einfach hinfliegen und mir eine Aufenthaltserlaubnis in den Pass stempeln lassen. Ich müsste mir kein Dach über dem Kopf suchen, sondern bräuchte nur die Haustür zu unserer Wohnung in der Nähe von Tel Aviv aufschließen und einziehen. Ja, ich müsste mir wahrscheinlich noch nicht mal allzu viele Gedanken ums Geld machen, weil Y. einen gefragten Beruf und zudem Beziehungen ohne Ende in Israel hat. WARUM MACHE ICH DAS ALSO NICHT?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mir fehlt einfach dieses starke Gefühl, dort zum Wohle meiner Seele leben zu müssen. Das merke ich jedes Mal, wenn ich aus dem Flugzeug heraus die Küste von Tel Aviv auftauchen sehe. Ich spüre dann so ungefähr das gleiche wie andere Leute, wenn sie die Umrisse von Mallorca im Meer entdecken: eine Vorfreude auf ein paar schöne Tage, aber kein überwältigendes hier-gehöre-ich-hin-Gefühl. Ich finde das ja schade, aber so leicht ändern kann ich es auch nicht.
Vielleicht hätte ich das Land erst einmal allein kennenlernen müssen. Ohne meine israelische Familie im Hintergrund, die natürlich auch ihren Einfluss auf meine Wahrnehmung des Landes gehabt hat. Noa hat mich zum Grübeln gebracht. Irgendetwas habe ich die Gedanken über Israel als Ort zum Leben für mich persönlich nicht zu Ende gedacht. Eines ist jedenfalls klar: Ich habe in eine Familie eingeheiratet, die Israel verlassen hat, um in Deutschland das große Geld zu machen. Und ich habe einen Mann geheiratet, der sich zehn Jahre lang in Israel überhaupt blicken lassen durfte und der sein Problem mit dem Militär erst geklärt hat, als es gar nicht mehr anders ging und er in Deutschland vor der Ausweisung stand. Ich habe Israel in den ersten Jahren also nur als Land kennengelernt, das einem das Leben schwer macht. Wie soll sich da ein Bedürfnis nach Aliyah einstellen?
Ich glaube, ich muss nochmal neu nachdenken.
Schabbat Schalom!

Hey gibt es noch ne wohnung in der naehe von tel aviv? vielleicht koennte ich eine dort brauchen demnaechst. vorausgesetzt ich bekaeme diese stelle…
also –wenn du was hoerst, sag bescheid.
und anna- du musst nicht das fuehlen, was ich fuehle. ausserdem – wer weiss schon ob ich mihc nicht irre, ob ich nicht nach einem jahr sage: hey das war es nicht. ich will wieder nach d.land und zwar fuer immer. keinen bock mehr auf israel. wer weiss das schon? ausserdem muss es sich FUER DICH richtig anfuehlen und das tut es doch in deutschland, oder?
shabbat shalom und bis bald
noa
Von: Noa am 16. Oktober 2009
um 12:49
@Noa, die Wohnung gibt es noch, aber da schläft ständig jemand anders von der Familie drin *grummel*
Sicher fühle ich mich wohl in Deutschland, jedenfalls wohl genug, um nicht mit allen Fasern weg zu wollen. Ich habe meine Familie hier, meine Eltern, meine Geschwister, die würde ich ungern zurücklassen. Aber ich habe mir die Option einer „Aliyah“ (bzw. eines Daueraufenthalts in Israel ohne Staatsbürgerschaft) auch nie ernsthaft gestellt. Jetzt frage ich mich halt, warum nicht.
Von: Anna am 16. Oktober 2009
um 13:46
Ich wüsste auch nicht, ob ich in Israel für immer leben könnte, obwohl ich dort das Gefühl hatte, ich gehöre hier her und würde mich wohlfühlen.
Was ich gern täte, wäre den Winter in Israel leben, ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort.
Das wäre in meinen Augen für mich das Ideale.
Aber ich denke, nicht jeder, nur weil er Jude oder Jüdin ist, könnte dort leben und müsste dort leben wollen. Das ist doch alles immer sehr individuell.
Zumal die Mentalität vieler Israelis nicht jedem zusagt. Das Leben dort ist schon eine Spur härter als hier.
Von: Yael am 17. Oktober 2009
um 22:13
ich denke, du hast die antwort doch schon gegeben… du hast einfach sehr viele (positive) bindungen in deutschland. und israel wurde dir von deinen israelischen verwandten nicht sehr schmackhaft gemacht. warum dann also auswandern?
ich habe beobachtet, dass immer diejenigen auswandern, die wenig bindungen in deutschland haben. die haben dann eben auch wenig, was sie zurücklassen müssen. und das hat sogar wenig mit dem alter zu tun.
Von: Schoschana am 21. Oktober 2009
um 14:20
Hmm, also wenig an Anzahl, das stimmt. Aber es gibt an Qualitaet doch schon einiges, was ich zuruecklasse. Z.b. die Kinder, sie sind die einzige tiefe wichtige Verbindung fuer mich, staerker als Mutter und Geschwister. daher ist dieser punkt der einzige, der mir richtig weh tat und tut. Und dennoch – sie sind erwachsen und ich sehe sie oft wochen-oder gar einen bis zwei Monate nicht. Telefonieren kann ich auch von Israel und mein inneres Verlangen nach IL war sehr gross.
Noa
Von: Noa am 22. Oktober 2009
um 18:48
Eine andere Frage hätte ich zu Israel: gibt es dort auch eine Art Kindergeld und wie hoch ist dies? Bekommen das auch die arabischen Israelis? Gruss Yasmina
Von: Yasmina am 2. November 2009
um 19:59
@Yasmina, du stellst ja Fragen, auf die muss mal erst mal kommen
Es gibt in Israel Kindergeld, natürlich für alle Israelis, fürs erste Kind sind es ca. 30 Euro, soweit ich weiß.
Von: Anna am 3. November 2009
um 20:41
Sorry aber meine Freundin ist doch mit einem arabischen Israeli verheiratet und wir reden über solche Sachen. Sie hat ja vor mit ihm nach Berschewa zu gehen, allerdings erst wenn er mit seinem Studium hier fertig ist. Ausserdem hat sie erst nach 5 Jahren Eheschliessung ein Recht auf ein dauerhaftes Visum, sowie auf Familienversicherung. Das hört sich sehr lange an, aber sie meint, sie hätten sich da erkundigt. Danke für die Antwort
Von: Yasmina am 3. November 2009
um 21:28
Hallo Anna, ubi bene, ibi patria, sagt ein alter Spruch. Wo es einem gut geht, wo man sich wohlfühlt, dort ist die Heimat. Wenn Du Deinen Lebensmittelpunkt hier hast, wärst Du vielleicht unglücklich, wenn Du ihn verlassen würdest. Und man nimmt sich selbst mit. Also eine andere Umgebung meint nicht automatisch, dass man ein anderer Mensch ist dort.
Ich kann schwer sagen, ob man sich in Deutschland als jemand, der den jüdischen Glauben hat, irgendwie unwohl fühlt. Aber so, wie ich es wahrnehme, ist das hier ein Land, in dem eigentlich jeder Mensch die gleichen Rechte hat.
Wie es in Israel ist, kann ich nicht so leicht beurteilen, aber es scheint schon so zu sein, dass man es dort als jüdischer Gläubiger gut hat, als Araber hingegen nicht. Das wäre sicher eine Sache, mit der man umzugehen lernen müsste. Vielleicht stört das einen aber auch.
Auch, was Du über die Armee schreibst, könnte einen stören.
Von: theolounge am 14. November 2009
um 17:28
Dass du dich hier noch einmal zu Wort meldest … aber gut.
Du hast sicher recht, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat und wo man sich wohl fühlt, da ist man gut aufgehoben. Vorausgesetzt natürlich, dass der Partner dies genauso empfindet.
„Wie es in Israel ist, kann ich nicht so leicht beurteilen, aber es scheint schon so zu sein, dass man es dort als jüdischer Gläubiger gut hat, als Araber hingegen nicht. Das wäre sicher eine Sache, mit der man umzugehen lernen müsste. Vielleicht stört das einen aber auch“
Als „jüdischer Gläubiger“? Schreib Jude, das ist kein Schimpfwort. Araber sind in Israel eine Minderheit. Sie haben sehr wohl die gleichen Rechte wie Juden, wenn sie Staatsbürger sind. Dass sie als Minderheit im Alltag manchmal benachteiligt werden (Wohnung, Arbeitsplatz, etc.) steht auf einem anderen Blatt. Das ist aber überall so, auch in Deutschland. Nur deshalb wanderst du ja jetzt nicht gleich aus Deutschland aus.
„Auch, was Du über die Armee schreibst, könnte einen stören“
Die Armee schützt Israel und hat den Staat schon mehrmals vor arabischen Vernichtungsfeldzügen gerettet. Wir sind froh, so eine starke Armee zu haben. Kritik an Detailpunkten spielt dabei keine Rolle.
Hinweis: Bitte hier keine weiteren Kommentare zum Nahostkonflikt, das bringt nichts.
Von: Anna am 19. November 2009
um 15:12
„Dass du dich hier noch einmal zu Wort meldest“
In der Tat.
Von: yael1 am 22. November 2009
um 17:01