Verfasst von: Anna | 23. November 2006

Mit dem Geschichtsverein auf dem jüdischen Friedhof

Eigentlich gehe ich nicht auf Vorträge nichtjüdischer Redner zu jüdischen Themen: der unvermeidbar nichtjüdische Blickwinkel und die oft abenteuerliche Aussprache der hebräischen Wörter machen mich auf der Stelle kribbelig. Wie gesagt, eigentlich.  Einmal habe ich nämlich vor einiger Zeit eine Ausnahme gemacht.

Der Geschichtsverein unserer Nachbarstadt hatte einen Vortrag über den dortigen jüdischen Friedhof inklusive Führung auf dem Programm. Da der Friedhof groß, sehenswert und immer geschlossen ist und der Schlüssel nur tagsüber an Wochentagen bei der Friedhofsverwaltung abgeholt werden kann, wollte ich mir den Vortrag anhören und die für einen Sonntag angesetzte Gruppenführung mitmachen.

Zuerst der Vortrag. Gekommen waren etwa 70 Zuhörer, ich war aber, soweit ich das überblicken konnte, die einzige Jüdin und mit Sicherheit die einzige hebräischsprechende Teilnehmerin. Der Redner stellte sich als Gymnasiallehrer vor, der in seiner Freizeit die jüdische Geschichte der besagten Stadt aufarbeitete. Er erklärte, dass er der hebräischen Sprache nicht mächtig sei, sich aber für die Übersetzung der Grabsteininschriften Unterstützung aus Israel geholt habe. Das Kuriose an seinem Vortrag war nun, dass er nach einer kurzen und, wie ich fand, auch gelungenen Einleitung über Tod und Bestattung im Judentum sehr lange und ausführlich über die Texte auf den Grabsteinen sprach. Dabei musste er sich natürlich akribisch an seine Vorlage halten, da er ja die Inschriften selbst nicht lesen konnte. Rückfragen dazu konnte er deshalb auch nicht beantworten, was ihn aber nicht davon abhielt, selbstbewußt irgendetwas zu antworten. Getreu dem Motto: Augen zu und durch – es merkt ja doch keiner! Seufz. Wie peinlich. Dieser Lehrer, der sich als Spezialist für Judentum und jüdische Geschichte in der Stadt schon einen Namen gemacht hatte, war also auch nur einer dieser sogenannten, selbsternannten Experten, die mit ihrem Halbwissen durch die Medien- und Bildungslandschaft geistern und deren Kompetenz kaum einmal hinterfragt wird 🙄 Na gut, da hatte mein Mann, der das ganze schon vorher für בזבוז זמן („Zeitverschwendung“) hielt, eben – zumindest teilweise – recht gehabt.

Unerschrocken sind wir trotzdem am nächsten Sonntag zur Friedhofsführung gegangen, schließlich war das ja unser eigentliches Interesse. Und was soll ich sagen? Unser Redner betrat den Friedhof ohne Kopfbedeckung. Erst jetzt fiel mir auf, dass er bei seinem Vortrag nicht den üblichen Hinweis gegeben hatte, dass die männlichen Besucher eine Kopfbedeckung mitbringen sollten. So stolzierten dann bei eiskaltem Wind (der an sich schon eine Mütze gerechtfertigt hätte) fast alle Männer barhäuptig über den Friedhof. Mein Mann mit seiner Kippa und ich mit meinem Schal kamen uns irgendwie deplaziert vor. Wir setzten uns kurzerhand von der Gruppe ab und machten uns unsere eigene Führung, was dann auch wirklich sehr spannend war. Und obwohl wir einigermaßen diskret miteinander sprachen (wir wollten dem Redner trotz allem ja nicht die Schau stehlen), lief am Schluß eine Gruppe Interessierter mit uns durch die Grabreihen :mrgreen:

Anna

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Responses

  1. B“H

    Hallo Anna,

    Dein Mann hatte recht: חבל על הזמן

    Ich habe mal die gleichen Erfahrungen gemacht wie Du. Das war auch mein erstes und fast letztes Mal, dass ich an solchen Fuehrungen teilgenommen habe.
    Mein Erlebnis war in Franken zur sogenannten Woche der Bruederlichkeit im Maerz 1998. Wir wurden mit einem Bus aus unserer Stadt zu einem ehemaligen jued. Friedhof gebracht und dort gab es einen Vortrag. Der Redner bruestete sich meistens nur damit, wieder Kontakte zu ehemaligen jued. Mitbuerger, welche zur Nazizeit gefluechtet waren, in den USA zu haben. Hoerte sich sehr nach Schuldgefuehlen und das man ihm jetzt ja doch noch vergeben haette an. Nach einigen Saetzen war ich ausgespacet, heisst, habe nicht mehr zugehoert. Ich war auch nur die einzige Juedin.

    Ansonsten ging ich in Deutschland nie zu Vortraegen von Nichtjuden ueber Juden oder Nichtisraelis ueber Israel. Einmal jedoch blieb ich mir untreu, was ich auch gleich wieder bereute. Die jued. Gemeinde war kostenlos ins Stadttheater eingeladen, wo es eine Auffuehrung ueber das Leben in einem Ghetto gab. Nach ein paar Minuten erschien der Hauptdarsteller mit einer falschen Kipa auf dem Kopf. Eine Kipa der israel. Nationalreligioesen in einer Theaterauffuehrung ueber das Ghettoleben. Das wars dann auch.

    Miriam

  2. Hi Miriam,

    כיפות סרוגות im Ghetto? Da hat wohl einer „ganz gründlich“ recherchiert :mrgreen:

    Aber im Ernst, ich bin ja gewissermaßen beruhigt, dass ich nicht die einzige bin, die sich auf eine solche Veranstaltung verirrt hat. Vorträge von Nichtjuden/Nichtisraelis über Israel habe ich mir übrigens noch nie angehört, da könnte ich mich wahrscheinlich ohne Ende aufregen.

    Anna

  3. B“H

    Hi Anna,

    bezueglich der Kipa Seruga: Eine aeltere Dame aus der jued. Gemeinde sagte mir hinterher, dass die Theatererequisite keine Kippot im Bestand haette. So hat sie halt dem Theater die Kipa ausgeliehen. Naja, meinte sie, ausserdem wuerde es ja eh keiner merken.:-))))

    Aber ganz im Ernst, der Grund warum ich waehrend meines mehr als zweijaehrigen Deutschlandaufenthaltes zu solchen Veranstaltungen ging war, dass ich einfach das Leben in Jerusalem vermisste, und dachte, ich wuerde so ein Stueck Yiddishkeit finden. Aber weit gefehlt. Die Mehrzahl der Vortraege / Programme in Deutschland sind von Nichtjuden fuer Nichtjuden. Wie auch besagtes Theaterstueck. Ausser, man lebt vielleicht in einer der grossen Gemeinden wie Frankfurt oder Berlin, wo viele Juden oder auch Israelis Vortraege geben. Leider aber zuwenig bezueglich Religion. Die Rebbes der Chassidim fahren immer nur nach Zuerich, Antwerpen, Manchester und London. Deutschland steht nicht auf dem Programm.

    Shabbat Shalom,
    Miriam

  4. Hallo!

    Oje, ein Grusellehrer. Kommt leider allzu häufig vor!

    Aber ich wollte doch mal kurz einwenden, dass das Problem wohl eher darin besteht, dass da jemand über etwas redet, von dem er keine Ahnung hat. Weniger, dass er selber kein Jude ist.

    Leider bespielen viel zu viele Leute, die keine oder wenig Ahnung vom Judentum haben, diesen Bereich „Nennen-wir-ihn-Infos-zu-Juden-und-Israel“, für den es eine große Nachfrage gibt.
    Diese Leute verbreiten dann Klischees und großen Unsinn.

    Vielleicht würde es bereits helfen, wenn die Dozenten solcher Veranstaltungen wüssten, was sie tun. Nun ist ein Studium bei weitem keine Garantie (ich spreche aus Erfahrung: ich arbeite mit einem s.o.Dummschwätzer zusammen…), aber die Chance, dass ein entsprechender Wissenschaftler mehr Ahnung als ein Mathelehrer hat, ist groß.
    Und ich müsste vielleicht nicht so viel im CallCenter arbeiten! :-))

    Lieben Gruß und viel Spaß im neuen Blog!
    gingit

  5. Ein typischer Fall von Jewish Disneyland – der Enteignung und Aneignung des „Jüdischen“:
    http://www.hagalil.com/golem/diaspora/disneyland-d.htm

  6. Hi Gingit,

    du hast recht, bei Judaisten sind solche Themen im allgemeinen bestimmt besser aufgehoben als bei all denen, die sich in der „Judentums- und Israel-Branche“ einfach nur profilieren wollen. Ich drück‘ dir die Daumen, dass du bald eine adäquate Stelle findest und dem Call-Center ade sagen kannst.

    Anna

  7. Danke!
    Obwohl, wie gesagt: auch bei weitem kein Garant für Qualität. Die Menge an Flachpfeifen, die sich bei uns tummelt, ist auch überproportional hoch. Hups, ich Nestbeschmutzerin. 😉


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