Verfasst von: Anna | 16. Dezember 2006

Juden und Weihnachten

In meiner Blogstatistik häufen sich seit einigen Tagen Suchbegriffe wie „Juden und Weihnachten“, „Weihnachten im Judentum“, „Weihnachten aus jüdischer Sicht“ und sogar „jüdische Weihnachten“. Offensichtlich wird das Thema gerade in den Religionsunterrichten der gesamten Republik durchgenommen und ganze Schulklassen googeln sich damit durchs Internet.

Im richtigen Leben läuft das ähnlich ab. Einmal im Jahr, im Dezember, fragen mich alle möglichen Leute, wie wir denn Weihnachten verbringen. Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen wirklich nicht wissen, dass es Weihnachten im Judentum gar nicht gibt. Manche wundern sich auch darüber, dass wir keinen Baum im Wohnzimmer haben, weil der doch bekanntermaßen nichts mit der Religion zu tun habe und sogar im nichtchristlichen Japan verbreitet sei.

Auch wenn es manchmal nervig ist, im Dezember immer die gleichen Fragen gestellt zu bekommen: es ist mir lieber, dass die Leute mich fragen, als dass sie sich irgendetwas zusammenreimen und am Ende gar von „jüdischen Weihnachten“ reden. Dass Juden Weihnachten nicht feiern, wird übrigens im allgemeinen neutral bis interessiert zur Kenntnis genommen – wir sind ja auch bei weitem nicht die einzigen Nichtchristen in Deutschland.

Schawua tow, eine gute Woche, und Chanukka Sameach wünscht euch
Anna

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Responses

  1. liebe anna,

    in unserer schul gibt es regelmaessig besuche von „auswaertigen“ gruppen. die bekommen eine fuehrung durch die synagoge geboten und koennen im anschluss fragen stellen und dann nehmen die gruppen am kabbalat schabbat und dem kiddusch teil.

    ich finde diese praxis sehr schoen, viele von diesen menschen haben vorher noch nie eine synagoge gesehen und einige noch nie einen – entschuldigung – einen lebendigen juden.

    ich habe gehoert das es von einigen teilnehmerInnen auch nach diesem „termin“ rueckfragen an die gemeinde gibt, in der form wie du es beschrieben hast.

    ich denke auch das nicht unbedingt alles boeser willen sein muss, manchmal ist es auch einfach nichtwissen …. dagen kann man allerdings was tun 🙂

    liebe gruesse, gute woche,
    grenzgaenger

  2. Hi Grenzgänger,

    Synagogenführungen sind schon ok, aber wenn das mit Kabbalat Schabbat und Kiddusch verbunden wird, komme ich mir ehrlich gesagt vor wie im Zoo. In einer kleinen Gemeinde habe ich es schon einmal erlebt, dass mehr Nichtjuden als Juden anwesend waren. Mir ist es deshalb lieber, die Leute kommen einzeln, also nicht als Gruppe, in die Synagoge, wenn sie sich für Schabbat interessieren. Zu „lebendige Juden“ wollte ich übrigens demnächst mal einen Beitrag schreiben – ich werde ihn vorziehen, sobald ich in der richtigen Stimmung dafür bin.

    Grüße
    Anna

  3. hi anna,

    die gefahr mit dem „zoo“ ist schon gegeben, stimmt …. aber ich denke im allgemeinen hat man gute erfahrungen mit gruppen gemacht, es ist allerdings auch noch nicht vorgekommen das es mehr gaeste als juden gab (glaube ich !)

    wenn ich etwas nervend finde ist wenn die leute WAEHREND des kiddisch tausend fragen stellen, eigentlich mag ich dann gar nicht soviel reden, sondern eher den schabbat frieden geniessen. ist aber so eine eigenheit von mir ….

    ich bin schon gespannt auf deinen beitrag zu den „lebendigen juden“ ….

    liebe gruesse,
    grenzgaenger

    p.s. weisst du wo mir regelmaessig schlecht wird ? in internetFOREN in denen ueber judentum diskutiert wird. was da verbreitet wird tut manchmal echt weh …. da koennen die leute lieber in der synagoge fragen oder bei betreiberInnen „einschlaegiger“ bloggs 😉

  4. Wie löst du (oder ihr) den Konflikt, einerseits nicht zuviele nichtjüdischen Gäste haben zu wollen und aber andererseits selbst als solche über längere Zeit in einer Gemeinde dabeigewesen zu sein? Irgendwie müßt ihr doch von außen als völlig Neue hineingekommen sein. Wie ist man euch begegnet?

    Über Chanuka gibt es viele Mißverständnisse. Aber daran sind nicht unbedingt die nichtjüdischen interessierten Fragesteller schuld. Das weihnachtsnahe Bild wird in den Medien forciert, zb. durch den Ausdruck „Lichtfest“. Oder es wird der Gegensatz betont wie zb. „Unsere acht Nächte“ (lies: ihr habt nur eine).

  5. B“H

    Synagogenfuehrungen ja, Kabbalat Shabbat nein.

    An einem Tag – der – offenen – Tuer – Shabbat zur Woche der Bruederlichkeit habe ich einmal dermassen schlechte Erfahrungen gemacht…… Leider ist es vielerorts so, wie Anna beschreibt. Es sind mehr Nichtjuden als Juden in der Syangoge.

    Das Wort ZOO stimmt. Vor allem, wenn Touristen durch Mea Shearim gehen (auch israelische „Touristen“). Gestern ueberhoerte ich dermassen antisemitsche Bemerkungen von Touristen ueber Haredim am Yaffa – Tor. Deswegen habe ich in meinem Blog nochmals einen aelteren Beitrag neu veroeffentlicht.
    Die Unwissenheit ist erschreckend und vor allem die der Reisefuehrer auch.

    Yom Tov,
    Miriam

  6. @Schmetterlingsfrau
    Ich bin nicht im Rahmen einer Gruppe in die Synagoge gekommen, sondern als Einzelperson. Die nichtjüdischen Gruppen kommen, um sich „lebendiges jüdisches Leben“ mal anzuschauen, mehr nicht. Ich bin damals allein gekommen, um Judentum zu lernen und ggf. zu konvertieren. Das ist der Unterschied. Ich denke, dass das auch der Grund dafür war, dass mir die Leute in der Synagoge freundlich entgegengekommen sind.

  7. hallo miriam,

    das mit den antisemitischen bemerkungen von touristen kenne ich auch, es ist ein grund warum ich lieber alleine nach israel komme.

    ich bin ja selbst nur als tourist dort, aber ich finde diese bemerkungen ziemlich schmerzhaft …

    nicht das ich nir einbilden wuerde mehr zu wissen als diese leute, aber ich glaube von mir sagen zu duerfen das ich neugierig und lernfaehig bin, deshalb freue ich mich schon darauf dich im februar zu sehen und natuerlich bin ich gespannt auf die sachkundige fuehrung durch mea shearim …

    das israelische guides manchmal nicht so viel ueber religioeses leben wissen stimmt schon, interessant finde ich allerdings wenn der guide seine eigenen stereotype ueber religioese zum besten gibt, das habe ich mehr als einmal erlebt und was er da verbreitet hat fand ich schlicht boesartig, ich will das hier nicht wiedergeben …

    eine gute woche euch allen, liebe gruesse,
    grenzgaenger

  8. B“H

    @Grenzgaenger

    Ueber die Religioesen, egal welche, gibt es in Israel allgemein viele stereotype Vorstellungen. Von auslaend. Touristen natuerlich auch, was schon bei der Kleidung der Chassidim beginnt.
    Wieso haben die diese Kleidung an und jene Kipa auf und andere wieder etwas ganz anderes ? Wo liegen die Unterschiede ? Der eine hat einen langen Kaftan in goldener Farbe an, der andere in schwarzer, wieder ein anderer blau – weiss gestreift ? Wieso hat der eine schwarze Kipa auf und der eine bunte ? Und warum ist die Bunte groesser als die andere Bunte ? Tausend Fragen. Ich versuch mal etwas Wissen herueberzubringen und vielleicht baue ich ja ein paar Vorurteile ab.

    By the way, die Haredim schauen auf andere genauso fremd ? Wieso ziehen die Jeans an und dies und jenes ? Aber sie betrachten andere nicht wie im Zoo und machen keine Photos.

    Miriam

  9. Hallo Anna,

    was ich auch immer wieder feststelle, dass eher Atheisten bzw. jene die von sich sagen, dass sie keiner Religion angehören, an die (nicht so ohne weiteres) „christlichen“ Feste festhalten, und bewusste Christen eher davon ausgehen, dass Muslime oder Juden dieses Fest höchstwahrscheinlich nicht feiern.

  10. Du sagst es, ferramis, das ist auch meine Erfahrung.

  11. sch… Weihnachten…

    Chanukha ist viel schöner und der religiöser Sinn ist immer da!

    David

  12. Ist es denn „antisemitisch“, wenn Israelis ihre Meinungen über Chasidim zum besten geben? Glaube ich nicht. Das ist dasselbe wie wenn Deutsche ihre Meinungen über katholische Priester ablassen, und die ist ja auch nicht immer sehr freundlich. Natürlich machen Tourguides das auch – sie kennen die Empfindlichkeiten deutscher Touristen ja nicht. Naja und das Taktgefühl der Israelis – das wäre einen Blogbeitrag wert :mrgreen:

    Übrigens gibt es auch Stereotype ÜBER ausländische Touristen, ihre Kleidung und ihr Benehmen. Ich hatte schon Gäste, für die ich mich genieren mußte!

    Entschuldigung daß sich so spät hier reinplatze, aber ich habe grade entdeckt, daß WordPress mich Diskussionen in Kommentaren verfolgen läßt 🙂 Hier ist ja eine spannende Auseinandersetzung entstanden!


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