Verfasst von: Anna | 28. Dezember 2006

Ein Jugendgruppenleiter auf der Suche nach „lebendigem Judentum“

Vor einigen Jahren waren wir einmal zu Besuch in einer anderen Stadt und besuchten dort am Schabbat auch die Synagoge. Außer uns war noch ein anderer Gast anwesend. Er nahm erst am G-ttesdienst und dann am Kiddusch teil und suchte beim anschließenden Zusammensitzen eifrig das Gespräch mit allen anwesenden jüdischen Besuchern. […]Auch uns sprach er an. Ohne dass wir ihn danach gefragt hätten, erklärte er uns unvermittelt und sehr wortgewandt, dass er Jugendgruppenleiter in der XY-Einrichtung und kein Jude sei. Er hätte aber schon viel über das Judentum gelernt und wäre auch schon längst konvertiert, wenn nicht persönliche Umstände ihn daran hindern würden. Ich war zwar skeptisch, weil er so einen ganz und gar unjüdischen Eindruck auf mich machte, aber ich war ja selbst Gast dort und wollte nicht gleich unfreundlich werden. Sofort brach ein Schwall von christlich eingefärbtem Palaver über das Judentum über uns herein. Vom „Alten Testament“ bis zum G-ttesnamen war alles dabei. Der gute Mann redete sich in Fahrt und war mit diplomatischen Mitteln nicht mehr zu stoppen. Ich wollte das Gespräch gerade beenden, als er noch eins draufsetzte: Er wolle unbedingt „lebendiges Judentum“ kennenlernen, um den Jugendlichen in seiner Gruppe ein authentisches Bild über das Judentum von heute zu vermitteln und so zum Abbau von Antisemitismus in der jungen Generation beizutragen. Na klar! Nachdem das Judentum in Deutschland fast vollständig vernichtet worden ist, wird nun auch noch von den Nachkommen der wenigen Überlebenden verlangt, als Anschauungsobjekte für „lebendiges Judentum“ herzuhalten. Makabrer geht es doch echt nicht mehr. Dieser Jugendgruppenleiter war übrigens sichtlich frustiert darüber, dass wir ihn nicht so wie erwartet für sein Engagement und seine Art der Informationssuche lobten und ihn darauf hinwiesen, dass ein Nichtjude kaum ein authentisches Bild des Judentums präsentieren kann. Und überhaupt: was ist eigentlich ein authentisches Bild des Judentums?

Eure Anna

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Responses

  1. Gibt es denn das Judentum überhaupt?

  2. B“H

    Hi Anna, geniesse Deinen Urlaub, aber schoen Dich mal wieder zu lesen. 🙂 Ich hatte Deine Beitraege schon vermisst.

    Ich kenne diese Art von Leuten aus meiner ehemaligen jued. Gemeinde. Dort waltete und schaltete eine Christin, wie sie wollte. Sie war an jedem Shabbat in der Synagoge und draengte sich jedem penetrant auf, dass sie doch soviel ueber das Judentum wisse und ueberhaupt. Wer sich nicht berieseln lassen wollte, so wie ich, der Stand auf ihrer ganz persoenlichen Abschussliste. 🙂
    Mittlerweile ist sie konvertiert und sogar 1. Vorsitzende der Gemeinde, was einem Skandal gleichkommt. Aber jede Gemeinde bekommt das, was sie verdient. 🙂

    Authentisches Judentum ? Gibt es meiner Meinung nach nur in grossen Gemeinden wie Berlin, Frankfurt oder Muenchen. Dort ist ein einigermassen juedisches Leben moeglich. In kleinen Kaeffern dagegen ist kaum etwas.
    Wenn ich authentisches Judentum wollte, dann fuhr ich nach London oder einmal nach Bruessel an Pessach (zu Chabad). Obwohl, in Bruessel ist auch tote Hose, da die jued. Mehrheit in Antwerpen wohnt.
    Aber was genau ist denn schon authentisches Judentum ? Es gibt doch Tausende von Richtungen ?

    Shabbat Shalom,
    Miriam

  3. Liebe Anna!

    Was ist „ein authentisches Bild des Judentums“? Ich denke, diese Frage könnte man ebenso gut im Blick auf das Christentum, den Islam, irgendeine andere Religion oder Überzeugung oder auch auf kulturelle und persönliche Eigenarten stellen. Es gibt eben viele Arten, sein Jude-Sein, Christ-Sein, Moslem-Sein, Deutsch-Sein, Mann-Sein oder irgendwie-Sein zu leben. Gerade darum ist der Austausch darüber interessant. Deshalb lese ich so gerne Blogs.

  4. Die Frage nach dem authentischen Judentum ist schwierig, aber klar ist doch, daß Nichtjuden mit wenig oder keinem Bezug zum Judentum nicht qualifiziert sind, Jüdisches zu vermitteln. Da wird nur das eigene Bild vom Judentum weitergegeben – und das ist oft mit Klischees behaftet.

    Die Problematik, daß vielfach Nichtjuden „jüdisches“ oder was sie dafür halten, initiieren, organisieren und verwalten hat Diana Pinto schon 1999 benannt. Eine größere innerjüdische Diskussion ist ausgeblieben.

    Im „Golem“ gab es mal einen Artikel darüber:
    Jewish Disneyland – die Aneignung oder Enteignung des „Jüdischen“
    http://www.hagalil.org/hagalil/golem/diaspora/disneyland-d.htm

  5. B“H

    Juebe, es stimmt was Du sagst. Leider ist es oft so, dass Nichtjuden Vortraege ueber das Judentum halten und dabei angelesenes Wissen (auch aus dem Internet) presentieren. Das mag fuer Leute, die sich nicht auskennen, sehr interessant sein, doch mir haben sich da immer die Haare gestraeubt.

    Miriam


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