Verfasst von: Anna | 9. Januar 2007

Offener Antisemitismus im EU-Staat Polen

Der Rücktritt des designierten Warschauer Erzbischofs Wielgus aufgrund seiner früheren Kontakte zum polnischen Geheimdienst bringt den in Polen noch weitverbreiteten Antisemitismus wieder einmal ans Licht. „‚Sie haben einen Polen gehenkt. Dieses Land wird von Juden regiert. Deshalb ist es so!'“, zitiert der Spiegel einen der Pro-Wielgus-Demonstranten in dem Massenauflauf letzte Woche vor der Kathedrale in Warschau. Dabei sind es noch nicht einmal diese antisemitischen Sprüche selbst, die mich hier am meisten stören. Die Legende von den Juden, die die Welt regieren, ist schließlich altbekannt, langweilig und flackert an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten einfach immer wieder einmal auf. Weit mehr stört mich diese unbedarfte Leichtigkeit und Frechheit, mit der dieser traditionelle antisemitische Müll in der Öffentlichkeit in Polen ausgesprochen werden kann. Nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern dreist, laut und ohne Scheu beschuldigen Demonstranten auf einem Kirchenvorplatz mitten in Warschau die Juden, schuld am Rücktritt des Erzbischofs zu sein oder, so berichtet die Nachrichtenagentur JTA, die Kirche zerstören zu wollen. Das zeigt doch nur, dass der Antisemitismus in Polen immer noch so allgegenwärtig ist, dass niemand ernsthaft gesellschaftliche Ächtung oder gar Sanktionen zu befürchten braucht, wenn er seinen Hass auf Juden in der Öffentlichkeit ausposaunt. Lange Zeit war das ein innerpolnisches Problem, mit dem sich allenfalls die polnische Gesellschaft und die wenigen in Polen verbliebenen Juden herumschlagen mussten. Seit 2004 aber ist Polen Mitglied in der EU und nicht mehr nur sich selbst, sondern auch den anderen EU-Staaten und den gemeinsamen europäischen Werten verantwortlich. Auch wenn es sich in Polen noch nicht überall herumgesprochen hat: traditioneller Judenhass ist kein gemeinsamer europäischer Wert. Lautstarke antisemitische Parolen aus dem Munde von Normalbürgern auf einem öffentlichen Platz sind sogar unter Umständen noch unerträglicher als die antisemitische Propaganda der Rechtsradikalen. Warum? Weil der Normalbürger sich in der Mitte der Gesellschaft bewegt und sein Wort die Stimmung einer breiteren Masse widerspiegelt, während rechtsradikale Extremisten am Rande der Gesellschaft stehen und höchstens eine kleine Minderheit repräsentieren. Die antisemitischen Ausfälle im Rahmen der Demonstration letzte Woche in Warschau haben deutlich gemacht, wie leicht und schnell der Antisemitismus in der polnischen Bevölkerung immer noch zum Ausbruch kommt. Für Polen als EU-Mitglied ist das eine Blamage, für die anderen EU-Mitglieder ist es eine Zumutung.

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Responses

  1. Volle Zustimmung. Leider wird die EU immer mehr zu einem Kasperletheater, je mehr Länder beitreten, die besser gar nicht sollten. Unser schöner EU-Paß wird irgendwann auf derselben Stufe rangieren wie ein polnischer – ups, tut er ja bereits.

  2. B“H

    Auch meine Zustimmung.

    Es gibt sehr viele Israelis, incl. Schulklassen, die nach Polen fahren. Auschwitz und andere Lager besuchen sowohl als auch juedische Friedhoefe. Eine amerikanische Bekannte deren Verwandte in Lagern umkamen und die zusammen mit ihrem Vater einen Friedhof besuchte, wurde von Polen beschimpft. Sie waren zusammen mit einer ganzen Gruppe aus Israel in Polen und die Gruppe hatte ihren eigenen Security – Service dabei.

    Miriam

  3. anna, man sollte schon sehen das es auch in deutschland antisemitismus gibt. zunehmend offener, aber meistens noch in der verdeckten form die sich hinter kritik an israel versteckt. das nennt sich dann antizionismus, ist aber nichts anderes als eine schwerlich verdeckte form des antisemitismus. da werden dann halt die „armen palaestinenser“ als menschliche schutzschilde vorgeschoben um bloss nicht in den verdacht zu geraten antisemitisch zu sein. ehrlich gesagt weiss ich nicht ob der offene oder der versteckte antisemitismus das groessere problem ist.

    grenzgaenger

  4. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht wie verbreitet der Rechtsradikalismus/Antisemitismus in Polen verbreitet ist (deswegen äußere ich mich hier auch nicht weiter zum Thema), trotzdem sind Sätze wie
    „Die antisemitischen Ausfälle im Rahmen der Demonstration letzte Woche in Warschau haben deutlich gemacht, wie leicht und schnell der Antisemitismus in der polnischen Bevölkerung immer noch zum Ausbruch kommt.“
    überflüssig weil sie die Polen alle irgendwie über einen Kamm schehrt, und es klingt so als ob in Polen JEDER so denkt, und das wird 100% nicht so sein.

  5. Tötsch, der zitierte Satz ist sogar sehr wichtig. Antisemitismus ist in Polen noch sehr viel verbreiteter und gesellschaftsfähiger als in anderen EU-Staaten. Trotzdem schert das nicht alle Polen über einen Kamm. Das habe ich auch nirgendwo geschrieben.

    Grenzgänger, du hast schon recht, aber mir geht es hier weniger um den Antisemitismus als solchen (den gibt es ja mehr oder weniger überall und in verschiedenen Varianten) oder die damit verbundenen Probleme für das jüdische Volk, sondern darum, dass sich dieser mittelalterlich anmutende Zwischenfall in einem „modernen“ EU-Staat abgespielt hat, also in einem Land, das wir innerhalb der EU ja irgendwie mitrepäsentieren.

  6. B“H

    Nachdem ich meinen ersten Beitrag zu diesem Thema schrieb, ist mir erst hinterher ein Vorfall mit einer ehemaligen polnischen Kollegin wieder eingefallen. Und genau dieser Vorfall zeigt, wie sehr der Antisemitismus in vielen Polen steckt:

    Eine aeltere polnische Kollegin, die 1999 kurz vor der Rente stand und in unserer Bank in Franken Hilfsarbeiten im Archiv machte meinte zu mir, dass die Juden an ihrem Pessach – Fest immer Blut christlicher Kinder trinken wuerden.
    Ich fiel damals fast aus dem Sitz und dachte nur, dass es soviel Dummheit doch gar nicht geben koenne. Ich beschwerte mich bei anderen Kollegen, doch die sagten, dass jene besagte Dame eh nicht ganz der intellektuellen Schiene angehoere.

    Miriam

  7. Ich wollte dir auch nicht unterstellen, dass du alle über einen Kamm schehrst, sondern mehr dass das unbewusst war. Aber da ich in letzter Zeit oft Texte gelesen habe die ganze Bevölkerungsschichten oder ähnliches als Antisemiten dargestellt haben, bin ich da im moment ein bisschen gereizt, ich denke aber trotzdem das man mit seiner Formulierung bei sowas vorsichtig seien sollte.

    Eins noch:
    In den meisten Ländern wird Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit von einigen Menschen ganz anders behandelt als in Deutschland aufgrund der anderen Vergangenheit dazu.

  8. Miriam, das ist ja tiefstes Mittelalter 😦

  9. B“H

    Anna, wenn Du einmal wieder in IL bist und zufaellig die Zeit findest ins Tel Aviver Diaspora – Museum zu gehen, dann wirst du sehr viel ueber Antisemitismus und solche Stories hoeren. u.a. kannst du ein Modell Strassburger Domes sehen, wo zwei Statuen draufstehen. Eine, welche die Christenheit ausdrueckt und laechelt und eine andere fuer das Judentum, welche bedrueckt dasteht.
    Das Diaspora – Museum hat viele Beispiel und dass einige Amerikaner denken, dass Juden ein Horn auf der Stirn haben, wurde mir von einigen jued. Amerikanern erzaehlt. Diese Idee basiert auf einer falschen Uebersetzung eines Thora – Passuks.

    Miriam

  10. Das Modell „Ecclesia und Synagoga“ gibt es nicht nur am Strassburger Münster zu sehen, sondern beispielsweise auch in Marburg, in der Elisabethkirche. Die Synagoga hat in den antisemitischen Darstellungen im Übrigen immer verbundene Augen – die „verblendete Synagoge“, will heissen: das verblendete Israel, das sich nicht zum „neuen Bund“ bekehren lassen will.
    Dann gibt es da noch die verschiedenen „Judensäue“ zu sehen, beispielsweise in Nürnberg an der Aussermauer der Kirche am Hauptmarkt oder in Colmar am Martinsmünster. In vielen kleinen Städten im Elsass findet man auch die Figur des „Juden mit der Geldbörse“ auf den Dächern der Kirchen, so zum Beispiel auf der St. Peter-und-Paul-Kirche in Rosheim oder auf der Kirche St. Léger in Guebwiller.

    Ich habe noch nie eine solche Darstellung kommentiert gesehen. Die meisten – oder alle – haben nach wie vor ihren Platz an den Kirchen. Auch wenn viele Menschen vielleicht nicht mehr wissen, was genau damit gemeint ist, so ist doch zumindest ein Moment von historischer Aufklärung durch die Nicht-Kommentierung verpasst.

    Was den Tora-Passuk (Ex. 34) anbelant: ‚keren‘ kann sowohl als „Strahl“ als auch als „Horn“ übersetzt werden. In der Vulgata hat man sich offensichtlich für „Horn“ entschieden – was dazu führte, dass Michelangelo seinem „Moses“ Hörner aufgesetzt hat… und das hat dann viele Nachahmer gefunden.

    Ich lese übrigens gerne Deinen Blog!

    Schoschana

  11. Miriam, die Figuren am Strassburger Münster habe ich schon einmal gesehen. Wenn ich mich richtig erinnere, waren sie ziemlich verwittert, aber immer noch sehr gut zu erkennen. Und sie stehen, wie Schoschana schon schreib, einfach so unkommentiert da herum. Leider.

    Schoschana, danke für deinen ausführlichen hochinteressanten Beitrag! 🙂

    Anna

  12. einen besuch im diaspora museum kann ich auch nur empfehlen. es gehoert immer in mein israel – besuchsprogramm !

  13. B“H

    Stimmt, das mit den verbundenen Augen. Im Diaspora – Museum Tel Aviv ist das sehr gut dokumentiert und frueher waehrend der Ulpan – Zeit machte ich auch einmal eine Fuehrung mit.

    Das mit Nuernberg wusste ich noch nicht, obwohl ich in der Stadt einen Grossteil meines Lebens verbrachte und sie meine zweite Heimat ist.
    So genau habe ich mir die Kirche am Hauptmarkt nie angeschaut. Ein jeder schaut halt immer nur aufs Glockenspiel. 🙂

    Der Thorapassuk ist, glaube ich, in der Parasha KI TISSA, wo Moshe (Moses) mit den zwei Gesetzestafeln vom Berg Sinai kommt und beschrieben wird, dass sein Gesicht leuchtet. Diverse Uebersetzungen machten aus dem Wort „leuchten“ die „Uebersetzung“ Horn, da beide Woerter identisch sind, doch unterschiedliche Bedeutungen haben.
    Deswegen passiert es vor allem heute noch sehr vielen amerik. Juden, dass einige Unwissende sie nach dem Horn auf ihrer Stirn fragen. Ich habe die Story nicht nur einmal gehoert.

    @Shoshana
    Vielen Dank fuer das Blog – Lob. 🙂

    Miriam

  14. B“H

    Ich hatte diesen Comment schon einmal geschrieben, aber vielleicht ist er der Anna ja irgendwie verloren gegangen. 🙂

    @Schoschana

    Dass mit der Kirche am Nuernberger Hauptmarkt wusste ich noch nicht, obwohl ich lange Jahre in Nuernberg gelebt habe und Nbg., nach Jerusalem, meine zweite Heimat ist.

    Wir haben das von dem Strassburger Muenster einmal sehr ausfuehrlich bei einer Tour durch das Tel Aviver Diaspora – Museum erklaert bekommen. Eigentlich schon komisch, dass dieses Thema in Deutschland recht unbekannt zu sein scheint.

    Zum Thora – Passuk: Den findet man in Parashat KI TISA. Als Moshe (Moses) vom Berg Sinai kam, die Gesetzstafeln in der Hand hielt und sein Gesicht leuchtet. Falsche Uebersetzer haben dieses Leuchten von der Shechina (Anwesenheit G-ttes) als Horn uebersetzt.

    Shavua Tov,
    Miriam

  15. Wobei man aber differenzieren muß – die Synagoga ist trotz ihrer verbundenen Augen eine würdevolle Jungfrau (und verbundene Augen hat auch die Justitia). Ist also nicht vom selben Kaliber wie die Judensau.

    Es handelt sich bei der Interpretation dieser Figuren auch keineswegs um Geheimwissen, sondern jeder Text über das Straßburger Münster erklärt sie. Ebenso habe ich schon gesehen, daß in Texten über Kirchen mit Judensau diese zwar betreten, aber ehrlich erklärt wurde – wie auch heute kein ernstzunehmender Theologe Luthers Ausfälle gegen die Juden mehr schönredet.

    Mittelalterliche Kunst schildert alle „Fremden“ als dämonische Wesen, nicht nur die Juden. Auch das sollte man wissen. Denn ich halte nichts davon, verschiedene Dinge zu vermischen. Mittelalterlicher Antisemitismus ist eine Sache, heutiger ist eine andere.

    Und zwischen Polen und Deutschland gibt es große Unterschiede. Wer in Deutschland antisemitische Parolen laut grölt, freut sich, weil er meint, er bricht wer weiß was für Tabus – oder er sagt jetzt aber endlich mal die Wahrheit. Oder wie auch immer sich die Leute das zurechtlügen. Aber es gibt ein Bewußtsein für Diskurse, die dem Antisemititsmus entgegentreten.

    In Polen fehlt dieses Bewußtsein weitgehend. Es ist dort nach wie vor Sitte, die Figur des Judas Ischkariot als archetypischen Juden in Wallfahrtsspielen und religiösen Spektakeln darzustellten. Die meisten Kirchgänger haben noch nicht davon gehört, daß die Kirche inzwischen ihre Haltung zur Rolle der Juden in der Erlösungsgeschichte revidiert hat – ich habe da auch von von deutschen Katholiken schon Bedenkliches gehört.

    Ich verallgemeinere hier nicht unzulässig – das sind alles gut belegte und erforschte Dinge. Es hat in Polen nie eine Zurückweisung des Antisemitismus durch moralische Instanzen gegeben. Aus Vernichtungslagern zurückgekehrte Juden sind in Polen weiter verfolgt und diskriminiert worden. viele Polen haben sich bereichert.

    Nicht alle, nein. Ein frommer katholischer Bauer hat eine Tante meines Mannes gerettet, und sie fährt noch immer jedes Jahr nach Polen, um die Familie zu treffen. Aber dabei handelt es sich mehr um couragierte Einzelfälle.

    Die allgemeine Stimmung in Polen ist finsterster Antisemitismus, und zwar, soweit ich begriffen habe, eine gefährliche Mischung alter und neuer Sentiments.

    Sagen wir: Judensau-Mentalität, Holocaustressentiment und Antizionismus zusammengerührt.

  16. Äh, und bevor ich mich hier wieder mit Vorwürfen konfrontiert werde: mein Wissen über mittelalterliche Kunst speist sich aus meinem Studium in Israel, wo sie sachlich in all ihren Aspekten gelehrt wird. Danke, Professor Tch.

  17. Danke Lila, für Deine Hinweise.
    Sicher muss man differenzieren. Mein Anliegen war nicht, die Darstellungen von Synagoga& Ecclesia mit der Judensau unbedingt gleichzustellen (wobei ich mich schon frage, ob „ein wenig“ antisemitisch nicht eigentlich schon genauso schlimm ist wie „ganz viel“). Mir fiel die ‚Judensau‘ und auch der Jude mit dem Geldsackl nur in diesem Kontext ein. Inzwischen ist mir noch viel mehr eingefallen, aber das würde den Rahmen hier sprengen.

  18. Wir Menschen sind alle gleich, daß sollten so langsam alle mal verstehen. Leider wird das nie geschehen u. es macht mich unendlich traurig. *seufz*

  19. Hallo, ich bin Deutscher mit polnischen Wurzeln und habe noch viele Verwandte im Osten. Ich habe desöfteren mitbekommen, dass das Judentum in Polen oft als klischeehaftes Symbol für Geld und Reichtum herhalten muss. Mein Vater, der übrigens auch schon mal antisemitische Aussagen von sich gegeben hat, pflegt zu sagen: „Polen saugen den Antisemitismus schon mit der Muttermilch auf.“

    In solchen Momenten empfinde ich nur Ekel und Verachtung für ihn und den widerlichen polnischen Antisemitismus. Ich selbst empfinde tiefsten Respekt vor dem Judentum, dieser tiefgründigen und weisen Religion der Nächstenliebe und Gerechtigkeit, und kann daher Antisemiten nicht ausstehen. Wenn ich solche Nachrichten aus meiner früheren Heimat höre, bin ich froh, kein Pole mehr zu sein und bedauere, dass Polen in der EU ist.


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