Verfasst von: Anna | 22. Mai 2007

Der zweite Feiertag

Heute abend beginnt Schawuot, das Fest, das daran erinnert, das G-tt uns am Sinai die Torah gegeben hat. In Israel wird es einen Tag, in der Diaspora zwei Tage lang gefeiert. So ist das zumindest in der Theorie. Dass die Praxis auch bei orthodoxen Juden ganz anders aussehen kann, habe ich vor zwei Jahren an Schawuot in Israel erlebt. 

An jenem Schawuot schliefen wir ausnahmsweise mal nicht in unserer israelischen Wohnung, sondern in einem Hotel in Netanya. Dort hatte sich eine große Gruppe jüdischer Touristen aus Frankreich eingemietet, die schon rein kleidungsmäßig alle einen sehr observanten Eindruck machten. Da wir ja selbst auch observant leben, waren wir also in guter Gesellschaft von Gleichgesinnten. Dachten wir zumindest. Stutzig wurden wir erst, als diese Gruppe nach Schawuot-Ende immer noch in Feiertagskleidung in der Lobby herumsaß und der Aufzug weiter auf Schabbat-Betrieb lief. Mein Mann, der von diesem Schabbat-Aufzug sichtlich genervt war, lief also schnurstraks an die Rezeption und fragte nach, ob sie denn vergessen hätten, diesen Aufzug auf Normalbetrieb umzustellen. Die Antwort: Niemand hatte vergessen, den Aufzug umstellen; der lief weiter auf Schabbat-Betrieb, damit die jüdischen Gäste aus dem Ausland ihren zweiten Tag Schawuot halten konnten. Aha. Wieder was gelernt: Es gibt Auslandsjuden, die in Israel auch den (nur in der Diaspora üblichen)  zweiten Tag von Pessach, Schawuot und Sukkot halten, während die israelische Mehrheit schon längst wieder ihrem Alltagsleben nachgeht. 

Das war uns nun wirklich zuviel. Wir haben schon so viele Feiertage in Israel verbracht und noch nie bemerkt, dass es in Israel Leute gibt, die auch den zweiten Tag von Pessach, Schawuot und Sukkot halten. Na gut, wie hätten wir das auch merken sollen. Schließlich sind wir in Israel ausschließlich mit Israelis zusammen, nie mit Touristen. Insofern haben wir seit diesem Aha-Erlebnis in Netanya auch weitergemacht wie bisher: In Israel halten wir die Feiertage wie die Israelis und nicht wie Diaspora-Juden. In Israel wollen wir mit dieser einzigen jüdischen Mehrheitsgesellschaft leben und nicht irgendwelche Diaspora-Bräuche pflegen; es ist schon mehr als genug, wenn wir die meiste Zeit des Jahres in Deutschland als jüdische Minderheit leben. Wenigstens in Israel wollen wir dann einmal das Gefühl haben, wie die Mehrheit zu leben. 

In diesem Sinne wünsche ich meinen jüdischen Lesern ein schönes Schawuot-Fest, 

חג שמח
Eure Anna

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Responses

  1. B“H

    Anna, da hast Du etwas missverstanden. Wenn nichtisraelische Juden nach Israel kommen, dann muessen sie den 2. Tag an Shavuot einhalten. Ein Tag gilt laut Halacha nur fuer israel. Juden.

    Das Gleiche gilt fuer auslaendische Juden, die ueber Sukkot oder Pessach nach Israel auf Besuch kommen. Auch fuer sie gilt der 9. bzw. 8. Tag am Chag.
    Fuer Deinen Mann und Dich haette es lt. Halacha geheissen, dass auch ihr den 2. Tag Shavuot halten muesstet. In Israel.
    Bei Dir nehme ich einmal an, dass Du keine israel. Staatsbuergerschaft hast und Dein Mann gilt nach all den Jahren im Ausland als halachischer Auslaender. Wer sich mehr als drei Jahre im Ausland aufhaelt, nimmt den Minhag von den Juden in demjenigen Land an.

    Ich kann jedoch Deine Ablehung gegenueber dem Diasporatum in Israel verstehen. 🙂

    Chag Sameach
    Miriam

  2. So wie du es schreibst, Miriam, so habe ich es auch verstanden. Wir haben einfach nicht gewusst, dass dieser Unterschied zwischen nichtisraelischen und israelischen Juden gemacht wird und halachisch diese Konsequenzen hat (oder gibt es da nicht doch unterschiedliche Auffassungen???). Von selbst wäre ich nie auf so eine Idee gekommen und mein Mann als Israeli schon gar nicht. Dass er als „halachischer Ausländer“ gilt, werde ich ihm gleich nachher mal erzählen, er ist dann bestimmt „not amused“ 🙂

    Chag sameach
    Anna

  3. B“H

    Soweit ich weiss, gibt es keine unterschiedlichen Auffassungen. Auslaender halten ihren weiteren Tag. Uebrigens brachte Rabbi Machlis beim gestrigen Abendessen einen interessanten Gesichtspunkt zur Sprache.
    Das Ausland benoetige zusaetzliche Feiertage, weil die Kedusha laenger brauche, um dorthin zu gelangen, wogegen wir in Israel an der Quelle sitzen.

    Halachisch gilt Dein Mann als Auslaender, denn er lebt sicher mehr als drei Jahre nicht mehr in Israel. Lebt ein Israeli weniger als drei jahre im Ausland, gilt die Intension, weshalb er sich im Ausland befindet. Macht er Chutz La’Aretz wirklich zu seiner Heimat oder befindet er sich nur zeitweilig dort.
    Als Heimat gil Chutz La’Aretz schon, wenn jemand einen festen Wohnsitz und einen Job hat.

    Dann geniesst mal Euren zweiten Tag noch. 🙂

    Miriam

  4. Die Sache mit dem halachischen Ausländer ist wirklich sehr interessant bzw. dass dieser „Status“ nicht nur im Ausland, sondern auch bei einem Israel-Besuch gilt. Man lernt halt nie aus 🙂

    Unseren zweiten Tage hier haben wir übrigens wirklich genossen. Strahlender Sonnenschein, Terrasse, Spazierengehen, alles bestens. Nur in Israel war es wohl noch heißer (laut Mabat hattet ihr über 30 Grad in Jerusalem, Miriam?) Wir haben übrigens noch ein langes Wochenende vor uns: nach Schabbat ist hierzulande Pfingsten angesagt, so dass wir erst am Dienstag wieder arbeiten müssen.

    Schabbat Schalom
    Anna

  5. B“H

    Na, Ihr habts ja gut. In Israel gibt es bis Rosh HaShana keinen freien Tag mehr. Ausser Tisha Be’Av, an dem die Mehrheit aber arbeitet.

    Als ich fuer die Poskim (rabbin. Halacha – Experten) arbeitete, hatten wir Dutzende solcher Anfragen aus dem Ausland. Wer muss wie lange welchen Feiertag halten. Wie ich letztens in einem meiner Beitraege schrieb, muss ein Jude im Ausland einen zusaetzlichen Tag nicht mehr einhalten, sobald er seine Aliyah – Papiere in der Hand haelt. Macht also Aliyah. 🙂

    Shabbat Shalom
    Miriam

  6. B“H

    Vergessen:

    Ja, bei uns war es vor allem gestern mit 30 Grad total heiss. Heute ist es etwas angenehmer.


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