Verfasst von: Anna | 27. Mai 2007

Frauen in der Synagoge

werden traditionell nicht mitgezählt, wenn es darum geht, festzustellen, ob der für einen G-ttesdienst erforderliche Minjan vorhanden ist. Im orthodoxen Judentum besteht ein Minjan aus mindestens zehn erwachsenen jüdischen Männern. Sind nicht mindestens 10 solcher Männer anwesend, können bestimmte Gebete und zum Beispiel auch die Torah-Lesung nicht stattfinden – und dabei ist es unerheblich, wieviele Frauen sich im Raum befinden. Im orthodoxen Judentum sitzen außerdem die Frauen in der Synagoge von den Männern getrennt,  tragen keinen Tallit (Gebetsschal) und keine Kippa, kommen im Rock und nicht in Hosen und wirken am G-ttesdienst nicht aktiv gestaltend mit. Kurzum: Frauen haben in der Synagoge nicht die gleichen Rechte wie Männer. Andererseits haben sie aber auch nicht die gleichen Pflichten: Frauen sind generell von vielen Geboten befreit, deren Erfüllung an eine bestimmte Zeit gebunden ist und dazu gehört auch die Teilnahme am G-ttesdienst. Frauen können also zum Gebet in die Synagoge kommen, sie müssen aber nicht.

Mit dem gesellschaftlichen Zeitgeist, mit Emanzipation und Gleichberechtigung, ist das offensichtlich nicht vereinbar. Vor allem nichtjüdische Frauen haben mich deshalb auch schon entrüstet gefragt, wie man denn als Frau zu so einer Religion konvertieren kann, in der man sich im G-ttesdienst nicht aktiv einbringen darf. Dabei habe ich mir gerade diese Frage so nie gestellt. Ich habe noch nicht einmal aus Neugierde einen sogenannten egalitären Minjan besucht, wo die Frauen zum Minjan mitzählen, mit den Männern zusammensitzen, Kippa und Tallit tragen und sich zur Torah aufrufen lassen dürfen. Das ist mir zu sehr an den Zeitgeist angepasst, der besagt, dass Frauen immer und überall die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben müssen wie Männer. Und damit kann man mich inzwischen echt jagen. Das ganze Emanzipations-Selbstverwirklichungs-Befreiungs-Gelaber ist für mich mittlerweile ein rotes Tuch, weil ich immer häufiger von Frauen höre, dass sie mit der Doppelbelastung von Beruf und Familie überfordert sind und, selbst wenn sie es sich finanziell leisten könnten, sich doch nicht trauen, die Konsequenzen zu ziehen und mit den Kindern zu Hause zu bleiben. Gesellschaftlicher Druck ist die häufigste Begründung für diesen selbst auferlegten Doppelstress: diese Frauen wollen nicht als Versagerinnen dastehen, die dem modernen Frauenbild nicht gerecht geworden sind 🙄

In Anbetracht dieser gesellschaftlichen Realität bin ich im orthodoxen Judentum sehr gut aufgehoben. Hier drängt mich niemand in die anstrengende Doppelrolle der modernen Frau, die Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut bringen muss, wenn sie sich nicht als Heimchen am Herd diffamieren lassen will. Das ist eine sehr befreiende Vorstellung, die es für die meisten Frauen in unserer überemanzipierten deutschen Gesellschaft gar nicht mehr gibt :mrgreen:

Eine gute Woche wünscht euch
Anna

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Responses

  1. hi anna,

    schavua tov 😉

    zum egalitaeren minjan sage ich jetzt mal nichts, du kennst meine meinung dazu.

    es ist toll das wir verschiedener meinung sind, das spricht sehr fuer die pluralitaet des judentums und auch die orthodoxie ist ja nicht ein monolitischer block, sondern hat sehr viele nuancen. auch wenn mein platz nicht dort ist (und sein wird) finde ich es spannend diese nuancen zu betrachten, es erfuellt mich mit freude.

    liebe gruesse,
    grenzgaenger

  2. B“H

    Bisher habe ich keinerlei orthod. Frauen getroffen, die ihren Zeitgeist durch eine Kippa bzw. einen Tallit zum Ausdruck bringen wollten.
    Als ich zu Shavuot 2000 (kurz vor meiner Aliyah) meinen Bruder besuchte und in seinem Heimatort an einem progressiven G-ttesdienst teilnahm war ich geschockt. Irgendwie passte das nicht ins Bild, Frauen tragen die Thora zur Bimah.
    Vor dem G-ttesdienst hatte ich die Vorsitzende gebeten, mich auf keinen Fall zur Thora aufzurufen und sie stimmte zu.

    Wer nun glaubt, die Orthodoxie sei immer nur frauenfeindlich, der irrt sich. Vor allem in Jerusalem gibt es Unmengen orthod. Frauen, die relig. Vortraege ueber Talmud und Thora halten etc. Eine Angelegenheit, die nicht immer selbstverstaendlich ist.
    Zu talmudischer Zeit waren manche Frauen hoch angesehen, wie Bruriah, die Frau von Rabbi Meir, einem Schueler Rabbi Akivas. Auch Bruriah gab Shiurim an Maenner und Frauen.

  3. @grenzgaenger, du hast mir auf deinem Blog das Stichwort für diesen Beitrag geliefert 🙂
    @Miriam, du hast das immerhin einmal erlebt. Ich bekomme da ja noch nicht einmal einen Fuß über die Schwelle, weil ich eben auch nicht zur Torah aufgerufen werden will. Neulich habe ich in der Oranienburger Straße in Berlin eine Frau mit Kippa gesehen: ich fand’s sehr seltsam und mein Mann hat sich vor Verwunderung gar nicht mehr eingekriegt.
    Dass das Judentum frauenfeindlich sei, habe ich von nichtjüdischen Frauen schon öfter anhören müssen. Gerade von solchen, die in der Kirche aktiv sind und meinen, sie kennen sich aus. Ich sehe das natürlich anders, aber Vorträge über die Wertschätzung der Frau im Judentum sind bei solchen Personen meist unerwünscht.

  4. Interessant, dass du darüber schreibst, ich habe gerade eine Diskussion mit einer guten Freundin darüber, die der Ansicht ist, dass Männer und Frauen genau gleich sind und es nur physische Unterschiede gäbe. Meiner Meinung nach engt diese Ansicht beide Geschlechter mehr ein als dass es ihnen nützt- abgesehen davon, dass ich das sowieso nicht glaube. Ich habe ebenfalls noch nie das Bedürfnis gehabt, zur Torah gerufen zu werden, und sehe an meinem Mann, wieviel Energie in die männlichen Verpflichtungen wie mit einem Minjan beten, Tfillin legen etc. geht- er MUSS eben immer um 6.30h aufstehen, ich darf mich da getrost noch einmal umdrehen, um ein Beispiel zu nennen. Mit den Rechten müssen auch die Pflichten kommen, und darauf haben dann die meisten, die so lautstark meine angebliche Unterdrückung anprangern, auch keine Lust :-))

  5. B“H

    Wer das Judentum richtig lebt, der wird sich auch ueber keine fehlende Kippa oder Tefillin beschweren. In orth. Kreisen ist mir soetwas noch nie untergekommen.
    Klar, gibt es im orth. Judentum Diskussionen ueber gewisse frauenfeindliche Missstaende, was aber mehr das Thema Agunah betrifft.
    Derjenige, der die Mitzwot erfuellt und auch ihren Sinn erkennt, der beschwert sich nicht. Persoenlich denke ich, dass viele Leute einfach nur die fuer sich negativen Punkte herauspicken, anstatt sich auf das Positive zu konzentrieren. Und ich glaube kaum, dass die Kirchenfrauen den inneren Sinn der Mitzwot kennen. 🙂

    Yom Tov,
    Miriam

  6. @anna: du MUSST dich nicht zur tora aufrufen lassen, auch nicht in einer liberalen synagoge. ich bin mir sicher, es wird dich niemand zwingen, auf die bima zu gehen.

    ich denke, das problem ist weniger das, dass eine frau einen tallit trägt (was halachisch sogar unter bestimmten umständen erlaubt ist), als das generelle problem, wie reform mit halacha umgeht. aber das müsste an anderer stelle diskutiert werden.

    in jerusalem gibt es übrigens mehrere orthodoxe minjanim (weiberminjanim), wo frauen auch einen tallit tragen und/oder aus der tora lesen. in katamon gibt es eine relativ „berühmte“ schul, wo frauen egalitär am g’dienst teilnehmen, vorbeten (ausser kiddusch, keduscha und kaddisch) und lejnen. ich denke, selbst wenn es dem eigenen stil nicht entspricht (und ich ziehe simple traditionell-orthodoxe g’dienste genauso wie du vor), gibt es da eigentlich nichts zu lachen bzw. lächerlich zu machen. ich denke, all das sind versuche, seinen platz in der jüdischen welt zu finden – und es ist ja nicht so, dass nur die „hineingekommenen“ manchmal auf der suche nach ihrem platz sind – die geborenen betrifft das manchmal nicht minder.

    grundsätzlich stimme ich dir zu, was die kritik der doppelrolle angeht angeht(wobei es auch innerhalb des orthodoxen judentums bisweilen das ideal der frommen, gleichzeitig intellektuellen und arbeitenden frau mit vielen kindern, also ebenfalls einer superfrau, gibt).
    zudem habe ich mich schon oft mit leuten aus liberalen strömungen gestritten, was den punkt beteiligung an der liturgie angeht. meiner meinung nach ist man spirituell nicht unbedingt ausgefüllter, weil man sich einen tallit umlegen darf und die bima betreten. und, vor allem, bin ich überhaupt nicht damit einverstanden, dass einem liberale (mit christen unterhalte ich mich über das thema eigentlich nie) absprechen, dass man als orthodoxe frau kein spirituell erfüllte leben habe, weil… etc. da widerspreche ich vehement und sage einfach: die haben einfach keine ahnung.
    schavua tov, schoschana

  7. B“H

    Zufaellig habe ich gerade etwas Interessantes in der Gemara im Talmud Berachot 17a gesehen:

    Dort sagt RAV, dass Frauen in der kommenden Welt (Olam Habah) zu den Zaddikim gehoeren werden. Dadurch, dass sie von bestimmten Mitzwot wegen der Kindererziehung etc. befreit waren, erhalten sie in Olam Habah ein sehr hohes Ansehen.

    Soviel nur noch zur Frauenfeindlichkeit. Den Begriff Olam Habah werde ich in meiner dieswoechigen Parasha erklaeren.

  8. Ich habe noch nie einen egalitären G-ttesdienst erlebt, in dem jemand dazu genötigt worden wäre auf die Bima zu gehen. Es wird immer vorher nach dem Einverständnis gefragt, ob man/frau aufgerufen werden möchte.

    Ich finde, wer zum Judentum konvertiert, sollte ein möglichst breites Spektrum jüdischen Lebens kennenlernen.

  9. Danke euch allen schon mal für eure interessanten Beiträge!

    Zum Thema Frau im Judentum/Frau in der Gesellschaft gibt es so viel zu sagen, dass ich mir überlege, hier im Blog in Zukunft noch weitere Aspekte anzusprechen. Es ist eines der Themen, mit denen ich mich schon sehr lange beschäftige, vor allem, weil ich dem Frauen- und Familienbild in der deutschen Gesellschaft, mit dem ich natürlich auch aufgewachsen bin, nach jahrelanger eigener Berufstätigkeit in einem von Männern dominierten Berufszweig inzwischen sehr skeptisch gegenüber stehe. Die traditionellere Rolle der Frau im orthodoxen Judentum ist für mich deshalb eine entspannende Alternative zu gesellschaftlichen Zwängen um mich herum – natürlich immer nur so lange, wie ich diese traditionellere Rolle auch selbst will und nicht etwa gegen meinen Willen aufgezwungen bekomme :-). Trotzdem kann ich natürlich auch nachvollziehen, dass es innerhalb des Judentums andere Frauen gibt, die ein Bedürfnis zum Beispiel nach mehr aktiver Teilnahme am G-ttesdienst haben. Es gibt da einige Punkte, mit denen ich mich durchaus mehr „anfreunden“ kann als mit anderen: als Frau eine Kippa zu tragen finde ich zum Beispiel absolut daneben, weil das für mich ein rein männlich besetztes Symbol ist, das bei Frauen den Eindruck erweckt, als wollten sie einfach nur alles den Männern gleichtun anstatt neue Wege als Frauen zu gehen. Ein Mitzählen der Frauen beim Minjan andererseits ist zwar auch nicht mein Ding (und ich würde auch nicht mitgezählt werden wollen), aber ich kann die gängigen Begründungen dafür (Frauen als vollwertige Mitglieder, Frauen beten auch mit, etc.) intellektuell besser nachvollziehen. Und so weiter, und so fort 🙂

  10. @Juebe, du spricht einen sehr wichtigen Aspekt an – Giur und Reform-Judentum – den ich demnächst auch in einem separaten Beitrag betrachten werde. Hier nur so viel:
    Vor einem Übertritt zum Judentum kann man sich anfangs natürlich die verschiedenen Strömungen anschauen – sofern man die Möglichkeit dazu hat. Je mehr man vorher über das Judentum weiß, desto besser. Einen Übertritt würde ich dann allerdings immer nur bei den Orthodoxen machen, weil ich es für unverzichtbar halte, dass man das Judentum einmal in seiner Traditionalität kennengelernt und gelebt hat, bevor man sich dann später, wie ein geborener Jude, vielleicht für eine andere (reformorientierte oder sogar säkulare) Lebensweise entscheidet.
    Nach einem Übertritt sollte man keinen Unterschied zwischen dem konvertierten und den geborenen Juden mehr machen. Insofern haben konvertierte Juden genau wie geborene Juden die Freiheit zu entscheiden, ob sie einen liberalen G-ttesdienst besuchen wollen oder ob sie das lieber gleich sein lassen, wenn das mit ihrer eigenen orthodoxen Lebens- und Denkweise nicht vereinbar ist. Mit anderen Worten: Nur zu Studienzwecken braucht kein orthodoxer Jude, der das nicht will, einen liberalen G-ttesdienst zu besuchen, um seine jüdische Bildung zu komplettieren.

  11. liebe anna,
    nur eine kurze nebenbemerkung, weil mir dein einwand „Die traditionellere Rolle der Frau im orthodoxen Judentum ist für mich deshalb eine entspannende Alternative zu gesellschaftlichen Zwängen um mich herum“ doch etwas zu naiv (sorry) erscheint. denn auch die orthodoxe frau unterliegt gesellschaftlichen zwängen (welche gesellschaft hat diese zwänge nicht?). aber vielleicht hast du das SO auch gar nicht gemeint. kam nur bei mir so an. das orthodoxe judentum kann nämlich manchmal auch gar nicht „entspannend“ sein, auch hier gibt es viel druck (ehe, kinder, beruf oft nebensache). miriam woelke beschreibt ja weiter oben auch: (die relig. Vortraege von frauen)“ ueber Talmud und Thora ( … ) Eine Angelegenheit, die nicht immer selbstverstaendlich ist.“ d.h. es GIBT grenzen und ja, auch zwänge. im gesamt muss wohl jede für sich ausmachen, wie sie was ertragen kann. ich sehe bestimmte defizite in der orthodoxie, aber der gewinn ist halt immer noch weitaus im „übergewicht“ – für mich. für andere mag das ganz anders sein.

    es gilt wohl ALLES immer kritisch zu beleuchten ;-).

  12. ps
    noch einmal zu den aufrufen/ alijot. ich denke, der punkt, dass orthodoxe frauen von aussen so oft als „opfer“ oder als „nicht gleichwertig“ betrachtet werden, ist ein völlig diverser blickwinkel auf gebet, mitzva etc. für viele bedeutet „gleichrangigkeit“ die gleiche verteilung von „ehren“ und „pöstchen“ (wer kennt nicht in der einen oder anderen form das problem der vereinsmeierei). nur wenigen ist bewusst, dass beispielsweise in grossen synagogen viele männer auch nur halbjährlich oder jährlich zur tora aufgerufen werden, und nicht alle zwei wochen und dort, wo ein minjan jeden morgen/ tag garantiert ist, ist die anwesenheit ab dem 11tem mann auch eine sache der freiwilligkeit bzw. seiner beziehung zu den mitzwot. also auch diese männer müssen sich damit begnügen, „nicht wichtig“ zu sein und ihre beziehung zum gebet, zur toralesung etc. auf einer spirituellen ebene zu finden, genauso wie die frauen.
    mein mann meinte einmal, der bedauernde blick auf orthodoxe frauen hierzulande wäre ein explizit hiesiges problem – einmal, weil die masse an frommen menschen fehlt, und zum zweiten, weil wenig gespür und erfahrungen zu einem leben mit den mizwot per se vorhanden ist.
    auf diesem hintergrund kann man immer wieder die berechtigte frage stellen, was eigentlich damit gemeint ist, dass frauen sich nicht „aktiv“ im g’dienst einbringen können. wann ist aktiv „aktiv“? die essentielle frage ist, was eigentlich wirklich damit gemeint ist und an was „aktivität“ gebunden ist. ich denke, die allermeisten antworten darauf sind reichlich oberflächlich und nur an das gebunden, was ich weiter oben beschrieben habe – weltliche ehre. das vorstellungsvermögen, dass eine frau auf dem balkon oder hinter der mechitze und vielfältigen anderen bereichen ihres lebens eine lebendige religiösität leben kann, die sehr wohl „aktiv“ ist, liegt wohl leider- von dogmen umstellt – vielfach ausserhalb des vorstellungsvermögens.

  13. @schoschana, mit entspannend hab ich natürlich nicht gemeint, dass ich befreit von allen Verpflichtungen rund um die Uhr die Füße hochlegen kann Für mich ist es nur entspannend zu erleben, dass dieser Druck zur Doppelbelastung (Beruf und Familie) nicht so da ist wie in der deutschen Gesellschaft. Natürlich haben orthodoxe Frauen gerade mit vielen Kindern viel zu tun und stoßen mit ihren persönlichen Bedürfnissen sicher auch an Grenzen, die ich so wiederum nicht habe, einfach weil ich in einem liberalen Umfeld lebe. Ein Unterschied ist halt, dass ich mir diese Lebensweise selbst aussuchen kann, ohne dass mich die Eltern, der Mann, die Nachbarn oder das Wohnviertel dazu drängen. Freiwilligkeit ist, denke ich, immer “entspannender” als Zwang.
    LG Anna

  14. bist du wirklich befreit von allen verpflichtungen? 😉
    orthodoxe frauen haben die pflicht (dreimal am tag) zu davenen (vor allem, wenn sie keine kinder haben), in die synagoge zu gehen, und vieles mehr…

  15. B“H

    @Schoschana

    Ich kann Deinem Mann in der Gelegenheit nur recht geben. Wenn es in Deutschland eine groessere Orthodoxie gebe, dann koennten sicherlich viele Vorurteile abgebaut werden.

    Wenn ich als Nichtorthod. ohne jegliches Hintergrundwissen eine haredische Frau auf der Strasse sehe, dann wuerde ich wohl auch denken, dass die Frau bestimmt leidet und daheim unterdrueckt wird.
    In Israel ist das Thema „Unterdrueckung der Frau“ in der haredischen oder auch nationalrelig. Gesellschaft fast kein Thema. Wie ich in meinem Blog in zwei Beitraegen
    http://hamantaschen.blogspot.com/2007/05/emanzipation-und-selbstverwirklichung.html
    und hier
    http://hamantaschen.blogspot.com/2007/04/eshet-chayil-die-rolle-der-frau-in-der.html
    schrieb. kann in der Orthodoxie nicht generalisiert werden. Es kommt immer auf die Frau, ihren Background und auch ihren Ehemann an. In Deutschland und anderswo ist das vielleicht schwer zu verstehen, doch sehen sich die meisten der orthod. Frauen nicht als unterdrueckt etc.
    Bildung ist heutzutage ein neues Thema bei haredischen Frauen und ich kenne sehr viele haredische Frauen, die Anwaeltinnen, Aerztinnen etc. sind. Keineswegs handelt es sich immer um das Dummchen daheim am Herd. Es gibt genauso die Selbstverwirklichung.

    Wie Schoschana richtig zitierte, gibt es in der Orthodoxie viele Grenzen fuer die Frau, welche sich aber derzeit etwas lockern. So ist es bei litvishen Haredim und bei Chabad bzw. Breslov anerkannt, dass Frauen Talmud lernen. Auch werden viele „higher Jewish studies“ angeboten, was noch vor einigen Jahren nicht so ganz der Fall war. Auch hier kommt es wieder auf die jeweilige Gesellschaft an.

    Ich verstehe nicht ganz, was Anna mit dem Beduerfnis den Synagogendienst mitzugestalten zu wollen versteht. Wie soll sie da denn einschreiten ? Aus der Thora kann sie nicht vorlesen und den Segen der Cohanim kann sie auch nicht sagen. Oh, sorry, den gibts ja bei Euch nicht jeden Tag. 🙂
    Mit jedem ihrer Gebet nimmt sie doch genauso am Synagogendienst teil, wie jeder andere auch. Ich muss doch nicht immer ueberall die erste Geige spielen.

    Miriam

  16. Liebe Schoschana, du hast doch sicher das „nicht“ in meinem Kommentar überlesen. Ich hab’s für dich extra noch mal fett markiert 🙂

    Anna

  17. @Miriam, ich habe doch kein Bedürfnis, den G-ttesdienst mitzugestalten (Hilfe, aber wo habe ich denn so etwas geschrieben???). Wenn ich das wollte, wäre ich längst bei den Reformierten gelandet.

  18. anna – ups das habe ich überlesen. oder war das vorhin noch nicht fett? (ich gebe zu, ich war in eile, wie meistens).

    miriam –
    „So ist es bei litvishen Haredim und bei Chabad bzw. Breslov anerkannt, dass Frauen Talmud lernen. “ schreibst du. das mag theoretisch so sein, oder in israel so sein, aber hier ist das auf jeden fall noch gar nicht angekommen. hier sind wir dankbar, wenn wir überhaupt gelegenheit haben, etwas zur parascha, ein wenig sefer hachinuch oder eine abgespeckte version der mischna berura zum thema kaschrut lernen zu können. aber ich will nicht meckern, ich bin zufrieden mit dem, was angeboten wird, denke auch, es ist in dem maß, in dem es angeboten wird, fundiert und hoffe, dass es in der zukunft mehr wird. was ich aber auf jeden fall beobachte, ist, dass viele junge ba’alot tschuva, vor allem im hiesigen litvischen umfeld, dazu neigen, sich in die küche und ins kinderzimmer zurückzuziehen, begonnene studien abbrechen und dergleichen mehr. dieses frauenbild wird durch das umfeld gestützt, und das finde ich schade. auch hier hoffe ich auf entwicklung in der zukunft.

  19. B“H

    @Anna
    Oh, ich dachte Du wolltest. 🙂

    @Schoschana
    Was mir vor allem beim Film ueber die Konvertiten bei Papdam.net auffiel war, dass alle drei Befragten recht einseitige Meinungen vom Judentum hatten. Okay, sie waren erst frisch konvertiert. Aber das ein Konvertierter sich herausnimmt Israel nicht anzuerkennen, weil er meint, er gehoere jetzt zur Neturei Karta, fand ich ziemlich daneben. Laestert und weiss nichts ueber unser Land.

    Ich frage mich manchmal, was relig. Juden in Deutschland, egal ob konvertiert oder nicht, wirklich vom litvishen oder chassid. Judentum wissen, wenn sie nicht einmal in IL, New York, London oder Antwerpen waren.
    Sein Studium einfach abzubrechen ist Schwachsinn. Wenn man das einem New Yorker Haredi erzaehlen wuerde, koennte der es nicht fassen.
    Neuen Baalei Teshuva wuerde ich raten, auf israel. bzw. amerik. Yeshivot zu gehen und einmal richtig etwas zu lernen.
    Dabei kommt es nicht nur auf die Mishna Berura an, sondern auch, wie ich mit den Mitmenschen umgehe.

    Schade nur, dass es in Deutschland nicht mehr gibt.

  20. miriam,
    die hiesigen litvischen haben auf jeden fall ihre verbindungen zu antwerpen beispielsweise und es findet ein regelmässiger austausch/besuche/ kontakte statt, ebenfalls mit london. dennoch, ich denke, auch innerhalb der litvaks gibt es verschiedene haltungen. hier gibt es eine geiwsse „enge“, und wenn man sehr jung ist, nicht gefestigt oder man es nicht ertragen kann, in gewissen punkten eine andere haltung zu haben, dann schwimmt man vielleicht eher mit einem „mainstream“, der eigentlich nicht unbedingt einer ist. chassidische gibt es hier wenige, es gibt ja eigentlich nur chabad, und chabadnik zu werden steht auf einem anderen blatt. insgesammt ist chabad freundlich und macht eine menge outreach, aber richtig hinein kommt dann eigentlich doch niemand. zumindest nicht hierzulande. und wenn man das überhaupt will.
    was den film angeht, kann ich dazu nichts sagen, ich habe nur einmal kurz hineingeschaut – im grunde hat er mich nicht so sehr interessiert.
    grundsätzlich stimme ich dir zu, dass jeder, der die möglichkeit hat, unbedingt einmal eine weile an einem vitaleren jüdischen ort gewesen sein sollte.

  21. ich denke jeder sollte seine eigene meinung darüüber das thema haben.

    da ich aus der ukraine bin, kenne ich viele Personen, die liberale formen bevorzugen.

    jeder soll es so denken wie er möchte, deshalb gibt es auch verschiedene richtungen

    und auslegungen.

    persönlich tendiere ich auch eher zum orthodoxen ritual.

    für mich ist es auch ein ausgleich zum alltagsleben .

    ada

  22. Hallo Anna:
    ich bin erst vor kurzem auf deinen Blog gestoßen und finde
    ihn sehr gut und itneressant. Wer noch nach fast 2 Wochen
    interesse hat diese Diskussion weiterzuführen, ich hab
    noch einen anderen Aspekt, der nicht so beachtet wurde.

    Weil ich denke dass es für jeden Mann und für jede Frau
    wichtig ist auch eigene Räume zu haben und gewisse
    Erfahrungen und Erfahrungsaustausch Männer unter
    sich und Frauen unter sich zu machen. Und die Shil
    ist so ein Bereich denke ich. Und gerade in einer
    Zeit wie heute sollte er es sein und auch bleiben.
    Und etwas was in der „modernen“ auffassung total
    auser acht gelassen wird ist wie wichtig es ist
    gegenseitig diese Räume zu respektieren.

    Das hat zu tun mit Vater und Sohn, Tochter und Mutter
    aber auch mit Freundinnen unter sich oder Freunden
    unter sich.

    Eine andere Sache ist dass viele meinen die Selbstverwirklichung
    ganz im allgemeinen findet durch die Arbeit statt. Und was
    ist wenn ich mich als Mann hinstelle und sage die selbst-
    verwirklichung findet in den eigenen vier Wänden statt?
    In der Familie usw?? Und da sind es zum Beispiel eher
    die Frauen das „starke Geschlecht“.

    Wie gesagt es geht auch darum dass man Erfahrungen unter
    sich macht und Austauscht und dazu braucht man seine
    Räume. Und die muss man RESPEKIEREN.

    Abgesehen davon war ich einmal in einer Reformshil und
    fand das mehr als seltsam und ich habe mich nicht
    wohlgefühlt.

    Jakobo

  23. Ich könnte hier bei fast jedem Thema was schreiben und ich finde es total schön, dass eine Frau einer anderen Religion mir so tief aus der islamischen Seele sprechen kann.

    Auch ich finde die unsachgemäße gleichsetzung von „Emanzipation“ mit „Erwebstätigkeit“ bzw „alles wie die Männer machen“ schrecklich. Gott hat uns als Frauen erschaffen und das sollten wir auch seien dürfen finde ich.

    Auch in der Türkei wird z.T. von modernisten ein riesen Kult um das zusammenbeten gemacht:

    Frauen und Männer müssen nebeneinander, gemischt und die Frauen ohne Kopftuch beten – sonst ist das unmodern.

    Ich frage mich ob die keine anderen Probleme haben… Ich bete doch zu und für Gott – was macht das für einen Unterschied ob da ein Mann neben mir steht? Und warum kann ich meinen Kopf nicht bedecken? Das soll doch Demut vor Gott und nicht vor den Menschen ausdrücken…

  24. Mir ist beim lesen besonders der Kommentare zu diesem Beitrag übrigens aufgefallen, dass ich erstmal einen Grundkurs hebräisch machen müsste um hier mitreden zu können. Für alle die dran denken wäre es sehr lieb, wenn ihr – für nicht jüdische Mitleser – so weit ihr gerade dran denkt eine Übersetzung in Klammern schreiben könntet.

    Euch würde es allerdings beim lesen eines islamischen Blogs wahrscheinlich genauso ergehen – da regnet es nämlich ständig arabische „Fachbegriffe“ – bzw. Religionsvokabular auf einen herab. Wenn man in der Religion lebt dauert es in der Regel nicht lange, bis man sich dieses Vokabular angeeignet hat – aber für „Außenstehende“ ist es etwas verwirrend…

    Oft werden diese Begriffe grade deswegen benutzt, weil sie schwer zu übersetzen sind, oder weil sie im Deutschen so eng mit dem Christlichen assoziiert werden, dass es nicht angemessen erscheint den deutschen Begriff zu verwenden.

    Aber wo es möglich ist wäre ich für kleine Übersetzungen oder Erklärungen sehr dankbar 🙂

    Liebe Grüße Sümeyye

  25. noch mal zu meinem letzten Kommentar: Einige Wörter kann ich mir bei genauem lesen durchaus aus dem Zusammenhang ablewiten. Das zum Beispiel Kippa wohl eine Art Kleidungsstück ist oder Mitzwot sowas wie Gottesdienst oder Pflicht bedeutet… Bei anderen wörtern wirds dann zunehmend schwieriger: tefillin, minjan, tallit, aghunah, halacha, minjanim, parasaha (so was wie eine Predigt/Unterricht?), katamon, kiddusch, keduscha, kaddisch, lejnen, bima, naredisch…. usw.

    Sicher könnte ich mit Hilfe des Internets herausfinden was die Wörter beddeuten – aber das ist halt ein bisschen anstrengend… 🙂

    Und dann wollte ich fragen, was es mit G-tt und G´diensten auf sich hat?? Warum lasst ihr da das „o“ weg? Ich dachte zuerst das ist ein Tippfehler – aber die Tippfehler häufen sich irgendwie 😉

  26. ich bin nicht jüdisch, auch nicht christlich, aber ich bin der meinung dass viele elemente im judentum sehr frauenfeindlich sind, wie bsp. das nichtmitzählen von frauen im gottesdienst. ich habe auch daher den zentralrat der juden angeschrieben und einige fragen gestellt, aber die antwort war für mich als normale emanzipierte deutsche sehr erstaunlich.

    diese frauenausgrenzenden oder erniedrigenden vorschriften, die ja übrigens nicht von gott stammen, sondern von – männern – , weltlichen männern, stammen natürlich aus einer zeit, in der das patriarchat normal war, daher finde ich, dass man nach etwa 2000 diese vorschriften an heutige masstäbe anpassen sollte; also die frauen selbst entscheiden zu lassen, ob sie mitlesen wollen oder nicht ( thora ). etc. aber bei der ev. kirche und den katholiken ist es ja ähnlich: die meisten frauen, die in den gottesdienst gehen und sich dort engagieren , haben gar kein bewusst sein für ihre unterwürfige lage. auf dieses nichtbewusstsein baut die kirche wohl auf – denn, was wäre denn, wenn die meisten religiösen frauen plötzlich merken würden, wie unterdrückt sie eigentlich sind… da würde religion wohl nicht mehr so gut funktionieren …. da hätten die kirchen nicht mehr so viele frauen, die sich engagieren….

    was mich zudem sehr wundert ist, dass frauen und männer etwas frauenfeindlcihes als “ gottgegeben “ akzeptieren, obwohl diese vorschriften nicht von gott gegeben wurden, sondern wie bereits beschrieben, von weltlichen männern.

    ..das finde ich sehr schade für die geistige weiterentwicklung der religionen

    grüße

    evelyn, stuttgart

  27. „als normale emanzipierte deutsche“

    Was ist das denn?

    „die meisten religiösen frauen plötzlich merken würden, wie unterdrückt sie eigentlich sind…“

    Du willst also sagen, religiöse Frauen seien zu dumm, um ihre „Unterdrückung“ zu erkennen?

    Mein Tip: Geh unvoreingenommen an das Thema ran, wenn es dich interessiert. Dann wirst du sehen, dass das Judentum gar nicht so frauenfeindlich ist, wie es dir auf den ersten Blick erscheint. Und versuche dir klarzumachen, dass du nicht alle dir fremden Kulturen nur durch deine „normal-emanzipierte-deutsche“ Brille sehen solltest. Es gibt verschiedene Vorstellungen über das Zusammenleben der Geschlechter, und die Idee der „Frauenemanzipation“ (mit all ihren Vor- und Nachteilen) ist nur eine davon.

  28. Ich fühle mich auch als emanzipierte Deutsche und bin trotzdem religiös. Es gibt einfach Dinge die zu den Aufgaben eines Mannes gehören, und andere die den Frauen zukommen. Dafür sind doch Männer und Frauen von Natur aus körperlich auch unterschiedlich gebaut. Deshalb fühle ich mich aber nicht unterdrückt, ganz im Gegenteil ich geniesse mein Frauen Dasein innerhalb meiner Familie sehr.

  29. viele elemente im judentum sehr frauenfeindlich sind

    Wie wollen Sie das beurteilen können, wenn Sie sich alles nur angelesen haben? Ich bin immer wieder erstaunt wie schnell bei machen die Vorurteile über die Lippen kommen.
    DAS Judentum gibt es sowieso nicht.
    Nehmen Sie den Rat von Anna an, manchesmal ist es besser, Klischees kritisch zu überprüfen, ohne eine Brille.

  30. Hallo zusammen,

    🙂 also nichts für ungut – aber irgendwie tut das ja gut zu lesen, dass sich nicht nur muslimische religiöse Frauen gegen diese Art von Vorurteilen zur Wehr setzen müssen und dass es jüdischen und christlichen Frauen da oft ähnlich geht.

    Mir ist schon dieses Wort „Emanzipation“ mitlerweile ein Dorn im Auge. Denn darunter verstehen leider viele Menschen offensichtlich eine möglichst große Angleichung der Geschlechter, bzw. besser gesagt der Frauen an die Männer. Dabei ist doch grade diese Verschiedenheit eine der größten Weisheiten der Schöpfung.

    Außerdem denke ich wir alle – ob nun muslimisch, christlich oder jüdisch sind einer Meinung mit „evelyn schmidt“ in der Frage, dass Gott sicher nicht frauenfeindlich ist. Die Weisheit vieler göttlicher Bestimmungen kann man aber nicht erkennen, wenn man sie mit zu vielen Vorurteilen beladen betrachtet.

    Liebe Grüße Sümeyye


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