Verfasst von: Anna | 19. Juli 2007

Zivilehe in Israel

Zumindest Nichtjuden können in Israel möglicherweise bald eine Zivilehe eingehen. Wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, haben sich das Justizministerium und der sephardische Oberrabbiner Shlomo Amar gerade auf einen Gesetzesvorschlag zur zivilen Eheschließung für solche Paare geeinigt, in denen beide Partner nach der Halacha Nichtjuden sind und keiner anderen Religion angehören. Solche Paare haben ja bislang in Israel bekanntlich keine Möglichkeit, die Ehe zu schließen und müssen für die Hochzeit ins Ausland reisen. In Anbetracht der Tatsache, dass mittlerweile über 200.000 Staatsbürger in Israel nicht heiraten können, ist eine Beseitigung dieses Missstandes auch dringend erforderlich. Bedauerlich ist nur, dass die Lösung darin bestehen soll, nur nichtjüdische Paare zur zivilen Eheschließung zuzulassen und gemischte Ehen zwischen nichtjüdischen und jüdischen Partnern weiterhin außen vor zu lassen. Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes. All den Israelis, Juden wie Nichtjuden, die eine gemischte Ehe eingehen wollen, bleibt so die Eheschließung im eigenen Land nach wie vor verwehrt. Von Gleichberechtigung oder gar echtem Fortschritt in Sachen Bürgerrechte kann hier also noch lange keine Rede sein. Trotz allem: vielleicht ist dieser Gesetzesvorschlag der erste Schritt auf dem Weg zur echten Zivilehe in Israel.

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Responses

  1. B“H

    Du willst doch nicht ernsthaft vorschlagen, dass Juden und Nichtjuden in Israel heiraten sollen ?

  2. @Miriam, warum sollen Juden und Nichtjuden in Israel nicht zivil heiraten können? Solche Ehen sind, wenn sie im Ausland geschlossen werden, vom Staat sowieso anerkannt. Insofern wäre es nur konsequent, die zivile Eheschließung endlich auch in Israel zu gestatten. Ich habe kein Verständnis für solche halben Sachen.

  3. B“H

    Wenn Juden und Nichtjuden heiraten, gleicht das immer einer Tragoedie. Nichts ist derzeit so zerstoererisch wie Intermarriage. Siehe das Judentum in England und den USA.

    Vor allem Israel sollte soetwas nicht unterstuetzen und ich schliesse mich in dem Fall allen orthod. Institutionen an, die gegen solche Sachen angehen. Das ist u.a. einer der Gruende, warum ich bei den naechsten Wahlen wahrscheinlich Yahadut HaTorah waehlen werde.
    Vorschlaege jener Art haette ich von Juden, die sich wie Du orthod. nennen, nicht erwartet.

    Shabbat Shalom

  4. @Miriam, das kann ja gut sein, dass du das nicht erwartet hast, aber auch innerhalb der Orthodoxie gibt es bekanntlich unterschiedliche Meinungen. 😉 Dass Mischehen aus religiöser Sicht nicht wünschenswert sind, steht ja völlig außer Frage. Darum geht es mir hier aber gar nicht. In dieser Frage trenne ich Religion und Staat. Mir geht es hier allein um das uneingeschränkte Recht von Staatsbürgern (Juden wie Nichtjuden) auf Eheschließung im eigenen Land.

    Schabbat schalom!

  5. Liebe kennt keine Grenzen.

  6. B“H

    Ich kenne unzaehlige Nationalreligioese saemtlicher Richtungen, Haredim und Chassidim saemtlicher Richtungen, aber noch nie ist mir jemand begegnet, der Deine Meinung unterstuetzt. Jeder von ihnen sieht Intermarriage als eine unbeschreibbare Tragoedie an.

    An diesem Shabbat begannen wir in den Synagogen das Sefer Devarim zu lesen. In dem Buch laesst G – tt durch Moshe verkuenden, wie wichtig es fuer Juden ist, in Israel zu leben und vor allem welche Kedusha das Land besitzt. Das gesamte Sefer Devarim ist darauf aufgebaut, den Israeliten mitzuteilen, wie sich sich in Eretz Israel zu verhalten haben und unzaehlige Male wird vor Assimilation gewarnt.
    Vielleicht solltest Du Sefer Devarim einmal genau lernen und vielleicht aenderst Du Deine Meinung.

    Shavua Tov ve Zom Kal

  7. @Miriam, du hast mich nicht verstanden. Mischehen sind eine Tragödie, da stimme ich dir ja zu. Es gibt sie aber trotzdem und irgendwie muss der Staat damit umgehen. Es gibt nun drei Möglichkeiten:
    1. Der Staat erkennt Mischehen, auch im Ausland geschlossene, gar nicht an. Dafür müßte man die bestehenden Gesetze radikal ändern. Das ist wohl nicht praktikabel.
    2. Der Staat führt die Zivilehe ein und ermöglicht so den nichtjüdischen Staatsbürgern uneingeschränkt die Eheschließung im eigenen Land. Das fördert zwar nicht gerade die Keduscha des Landes, ist aber in allen demokratischen, nichttheokratischen Staaten schon lange üblich, gerade um jedem Bürger, unabhängig von religiösen Bestimmungen, den elementaren Akt der Eheschließung zu ermöglichen.
    3. Die Zivilehe wird nur für Nichtjuden eingeführt. Das mag fürs erste gehen, wird aber langfristig zu Rechtsstreits wegen Ungleichbehandlung führen, wenn die jüdischen Partner in jüdisch-nichtjüdischen Paaren zum Heiraten ins Ausland reisen müssen, während zwei Nichtjuden im Lande heiraten dürfen. Säkulare Juden, die so wenig mit der Religion zu tun haben, dass sie sogar eine Mischehe eingehen wollen, könnten sich da schwer diskriminiert fühlen.

    Da Option 1 unrealistisch und Option 3 problematisch ist, bleibt nur Option 2. In Anbetracht der Tatsache, dass Israel Mischehen ja sowieso schon anerkennt, halte ich diese Lösung für nicht so revolutionär, wie sie sich anhört.

    Gam lach schawua tow we zom kal
    Anna

  8. liebe anna,

    schavua tov !

    ich bin in dieser frage voellig deiner meinung, ansonsten kann ich den kommentar von netty nur voll und ganz unterstuetzen. liebe kennt wirklich keine grenzen und religion hat in dieser sache keine rolle zu spielen.

    herzliche gruesse,
    grenzgaenger

  9. Huy da sind ja einige streng.
    Aha, also ist es immer so: Im Judentum, im Islam, bei den Christen früher mal nicht einmal zwischen Katholiken und Protestanten…
    Aber wo ist das Problem wenn Nichtjuden in Israel heiraten wollen?
    grenzgaenger, Du hast recht.

  10. Hallo, wie krank ist so eine Einstellung. Leben wir noch im Mittelalter? Ich dachte die Juden haben die meiste Erfahrung mit Diskriminierung. Zum heiraten ist wichtig, ob sich die beiden überhaupt mögen und nicht irgendein Glauben, ist unsere Gesellschaft nicht schon genug geprägt davon. Bei solchen Bekenntnissen ist es doch völlig klar das die Spannungen die Israel mit seinen Nachbarländern hat sich nie lösen lassen, natürlich spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Man kann nicht auf Verständnis oder Akzeptanz hoffen und solche Tugenden ständig in seiner Etikette verwenden, wenn man selber das Gegenteil davon ist.

  11. @marcus, na klar, die Israelis sind mal wieder schuld. Jetzt liegt es sogar schon an den „mittelalterlichen“ juedischen Heiratsgesetzen. Danke fuer diesen erhellenden Kommentar :mrgreen:

  12. Liebe Anna, lese meinen Post doch bitte aufmerksam, dann wirst Du feststellen daß ich keineswegs behauptet habe, „die Israelis sind an allem schuld“. Ich denke dieses Thema ist viel zu umfangreich, um es in einen Post zu behandeln. Nur soviel, ich habe auf beiden Seiten sehr gute Freunde und alle verstehen und akzeptieren sich. Selber bin ich mit einer Jüdin zusammen und es ist sehr schön…

  13. @marcus, du schreibst schon sehr klar deutlich, was du von jüd. Heiratsgesetzen hältst und stellst eine Verbindung zu den aktuelle politischen Problemen im Nahen Osten her. Wenn du etwas anderes sagen wolltest, hättest du anders formulieren sollen.

    Wenn Mischehen religionsgesetzlich erlaubt wären, gäbe es das jüdische Volk wahrscheinlich schon lange mehr. Wie sonst als mit solchen Regeln soll ein kleines Volk ohne Land zweitausend Jahre lang inmitten anderer Völker überleben?

  14. Hallo Anna, erstmal wünsche ich allen ein gesunden tolles 2008. Jetzt zu Deinen Post, natürlich ist meine Meinung ein andere, aber deswegen sind wir Individuell. Ich finde schon, wenn die orthodoxen ein bisschen weltoffener wären, viele Probleme gelöst würden. Ich denke schon das der Glaube, auch in der heutigen Zeit überlebt, wenn er sich der heutigen Zeit anpasst. Aber sowas muss freiwillig sein und was spricht gegen eine Hochzeit Jüdin und Goy, die Kinder sind automatisch jüdisch, oder habe ich da was falsch verstanden. Glaube ist was ganz persönliches und jeder sollte sich selber entscheiden können. Ist es nicht so, das Glaube wenn er fanatisch gelebt wird- egal welcher, immer nur Unglück gebracht hat, die Geschichtsbücher sind voll davon. Vielleicht verstehst Du mich jetzt besser.

  15. @marcus, welche Probleme wären denn gelöst, wenn die Orthodoxen weltoffener wären?

    Die Kinder aus einer Mischehe sind jüdisch, wenn die Mutter Jüdin ist. Wenn nur der Vater Jude ist, dann hilft auch die beste jüdische Erziehung nicht: die Kinder sind Nichtjuden. Aber auch wenn die Kinder durch die Mutter jüdisch sind, ist es in Mischehen oft so, dass die Kinder das Judentum nicht kennenlernen und es nicht leben lernen, geschweige denn, dass sie es noch an die nächste Generation weitergeben können. Insofern sind Mischehen eine echte Bedrohung für so ein kleines Volk.

    Was den Glauben anbetrifft: das Judentum ist eine Religion, die den gesamten Alltag einbezieht. Es geht nicht nur um einen Katalog von abstrakten Grundsätzen, an die man persönlich glaubt und die man im Leben vielleicht auch umzusetzen versucht, ohne dass sie allzusehr das Alltagsleben beeinträchtigen. Das Judentum ist in erster Linie eine Religion der Tat: das gesamte Leben von der Geburt bis zum Tod und der gesamte Alltag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen sind von einer Vielzahl von detaillierten religiösen Vorschriften geprägt. Das Leben nach diesen religiösen Vorschriften ist normales orthodoxes Judentum und hat mit Fanatismus nichts zu tun. Jüdische Eltern geben ihren Kindern also nicht nur einen Glauben mit, sondern eine komplette Lebensweise, die sich, besonders wenn die Eltern orthodox sind, sehr stark vom nichtjüdischen Leben unterscheidet.

    Ich kann verstehen, dass du mit deinem Blick von außen so denkst, wie du schreibst. Es ist eine christlich-aufklärerisch-abendländische Denkweise, die sich aber auf das (orthodoxe) Judentum nicht anwenden lässt, ohne es zu zerstören. Damit müssen sich Nichtjuden eben abfinden.

    Dir auch ein gutes 2008.

  16. Nun, es hat auch ein wenig mit der Umdefinition des „Ehestandes“ zu tun, der seit etwa dem Beginn des industrialisierten Zeitalters in Europa Einzug gehalten hat.

    Damit einher ging u.A., dass die beiden Ehepartner nicht mehr wirtschaftlich aneinander gefesselt sind: sie müssen nicht auf Gedeih und Verderb zusammen bleiben, und die Ehe als Institution ist nicht mehr der Garant für’s Überleben der Familie oder auch der Gruppe, in der die Familie lebt und sich geschützt sieht.

    Mit der industriellen Revolution ging im christlichen Europa m.E. zudem auch der Gottesbezug verloren: die Menschen waren dadurch, dass die allgemeine Versorgungslage sich deutlich verbesserte, nicht mehr davon abhängig, dass „Gott es schon richtet“. Diese neu gefundene „wirtschaftliche Unabhängigkeit“ von Gottes Heilsplan trug sich nun in die Ehen hinein: ein irgendwo herumgeisternder Gott ist in schweren Zeiten nicht mehr Zuflucht und Anker, sondern ganz konkret im hier und jetzt der Scheidungsrichter.

    Man kann wohl eine Korrelanz zwischen der Staatsform und den zugelassenen Eheformen sehen: je theokratischer die Staatsform, desto schwieriger eine frei aufeinander bezogene Liebesheirat, denn die Liebe an sich scheint sich trotz vielfacher Ge- und Verbote nicht an der Religion des geliebten Wunschpartners zu entzünden.

    Auffällig scheint mir, dass die Religionsgemeinschaften um so festere Heiratsregeln entwerfen, je kleiner und bedrohter sie sich fühlen. Es ist natürlich schön, wenn die Liebe frei ist und jeder jeden ohne Ansehen der gesellschaftlichen Umstände heiraten darf – und Schwule und Lesben und alle gleichzeitig auch noch. Aber dafür braucht man eine Menge Platz, der im postchristlichen Europa anscheinend zur Verfügung steht. Wie aber Anna und Miriam schon ausführen: wo dieser Platz mangels Masse nicht zur Verfügung steht, ist das gleichzeitig der Todesstoß für kleine und bedrohte Gemeinschaften. Wenn innerhalb der Gemeinschaft möglicherweise 10 oder 20 Partner in Frage kommen, dann gibt es außerhalb vielleicht 100 oder 200 – allein die Zahl entscheidet dann schon, wie sich die Verhältnisse einrichten werden: über kurz oder lang wird die kleine Gemeinschaft in der großen untergehen. Daher erscheinen Ehegesetze innerhalb der kleinen Gemeinschaft oft sehr sinnvoll, um das Überleben der Traditionen zu sichern.

    Dass Israel bisher also solch restriktive Vorgaben pflegt, ist nur aus hiesiger, stark auf das Individuelle ausgerichteten Sicht ein Nachteil. Aus Sicht des Staates Israel geht es sicherlich weniger um die Verhinderung von Liebesheiraten denn um den Schutz des Judentums.


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