Verfasst von: Anna | 19. Oktober 2007

Second Life: viel Lärm um nichts

Am Ende hat die Neugier doch gesiegt: ich habe Second Life installiert, mir einen klangvollen Namen zugelegt, mein virtuelles Ich mit schicken Schuhen und Kleidern aufgehübscht und mich auf Entdeckungstour durch die von den deutschen Medien so viel gerühmte 3D-Welt von Linden Labs begeben. Zwei Wochen lang bin ich dort unermüdlich durch die Gegend geflogen (und habe dabei meine Grafikkarte an ihre Grenzen gebracht), nur um am Ende ernüchtert festzustellen: Second Life ist fad. Von wegen über eine Million Teilnehmer. Von wegen zahlreiche Möglichkeiten zum Geldverdienen. Das ist alles nur ein Mega-Medien-Hype. In Wirklichkeit sind die meisten Orte menschenleer. London, Frankfurt, Tel Aviv, Jerusalem, die Second-Life-Synagoge, die Moschee in Istanbul – nirgends habe ich mal mehr als ein, zwei andere Avatare angetroffen. Und die standen oder flogen dann auch nur stumm suchend in der Gegend herum. Wer wirklich Leute treffen will, muss schon an die Strände oder in Bars, Diskotheken und Rollenspiel-Clubs  gehen. Dort tummeln sich dann reichlich Pixelpüppchen, deren Eigentümer aber vor allem eins wollen: virtuellen Sex :mrgreen: Für diese kuriosen Online-Spielchen gibt es in Second Life überall vorprogrammierte Animationen, mit denen die Avatare in eindeutigen Bewegungen über den Bildschirm wackeln können. Und weil das so gefragt ist, wird damit auch das Hauptgeschäft gemacht. Das ist Second Life. Mehr nicht. Über die deutschen Unternehmen, die dort gerade reihenweise ihre „Repräsentanzen“ eröffnen, kann ich nur lachen. An den seriösen Orten, wo die sich werbewirksam präsentieren wollen, kommt stundenlang kein Avatar vorbei.

Schabbat schalom
Anna

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Responses

  1. *lach* Ich bin noch nicht mal in Second Life reingekommen, weil ich keine Ratten überfahren wollte. Da war mein Vegetarierinstinkt im Weg. 🙂

  2. Was die Leute Zeit da reinstecken verstehe ich nicht. Ist das eigen Leben so normenzerquetscht oder hat man in der Lebensgestaltung so versagt, dass man sich nicht mit der Realität des eigenen Lebens zufroeden organisieren kann?

  3. off-topic:

    Dein neuer Kopfbereich (nein nicht Frisur – Seite) gefällt mir.

  4. Ging mir auch so: schrecklich langweilig.

  5. Der Tempel in Jerusalem wurde maßstabgetreu nachgebaut. Hast du den nicht besucht? Es ist dasselbe Modell, das im Museum in Jerusalem als Video zu sehen ist. Die Strandpromenade von Tel Aviv ist begehbar und Kaffeehäuser besuchbar. Eine große Synagoge gibt es, mit hunderten Mitgliedern und regelmäßigen Veranstaltungen. Für dich wäre sicher auch die neue Islamsimualation interessant gewesen. Schade, daß du das alles übersehen hast.

    Aber ich weiß, es ist schwer sich loszulösen vom Einfluß der Medien. Die Medien sind sehr schnell, wenn es darum geht, neue Entwicklungen herunterzumachen und für gefährlich, sexorientiert und dumm zu erklären, vor allem wenn sie aus den USA kommen. Vor einem Jahrzehnt las man dasselbe über das World Wide Web, und vor drei Jahren über Blogs, wie diesen hier.

    In noch zwei Jahren, wer weiß, vielleicht sehen wir uns wieder. Nicht in „Second Life“ dann wahrscheinlich, sondern in einer viel größeren virtuellen Welt.

  6. @schmetterlingsfrau, die Synagogen, die Moscheen, etc, all das habe ich nicht übersehen, natürlich nicht. Aber leider ist dort fast niemand zugange, nur hin und wieder taucht mal ein grünes Pünktchen auf. Richtig viele Leute finden sich eben nur auf den Sex-Seiten. Oder habe ich da was übersehen? Hast du ein paar gute Tipps? Ich finde SL nämlich grundsätzlich schon ziemlich interessant.

  7. Das Problem dabei ist, daß man die Maßstäbe des realen Lebens nicht auf eine virtuelle Welt anwenden darf. Im realen Leben verschwinden Menschen nicht einfach, wenn sie arbeiten oder schlafen. In der virtuellen Welt schon. Deswegen sind in „Second Life“ trotz 10 Millionen Nutzern immer nur ca. 50.000 gleichzeitig aktiv. Und das bei einer Fläche wie Israel. Aber das ist viel. Webseiten wie ebay haben auch nicht mehr gleichzeitige (!) Benutzer. Der Unterschied ist nur, daß man auf Ebay die anderen nicht auf einer Karte sehen kann! Daher scheint „Second Life“ hauptsächlich leer zu sein, vor allem in Gebieten, die zu Informationszwecken erbaut worden sind, wie zb. der Tempel in Jerusalem.

    Richtig volle Häuser gibt es nur, wenn ein Event stattfindet. Dann sind bis zu 200 Leute an einem Ort.

    Natürlich ziehen auch in „Second Life“ Sex, Glücksspiel und andere Dinge die meisten Menschen an. Das ist auch im Internet so, und das war es vor allem zu Beginn des Internets. Es ist auch bei meinem digitalen Satellitenfernsehprovider so, daß sozusagen die Pornokunden das gesamte Unternehmen tragen, denn diese Kanäle sind am teuersten. Ich schmunzle dazu und halte mich davon einfach fern. (Ich habe lieber echten Sex.) Wo ist das Problem? Soll doch jeder machen was er möchte.

    Ich könnte dir Tips geben, ja. Ich habe einen Account in „Second Life“. Sag mir wie du heißt, und wann du Zeit hast, und wir treffen uns. Bei mir geht es abends am besten.

  8. @schmetterlingsfrau, so circa dreißig Pornokanäle via Satellit – das haben wir in unserer Wohnung in Israel auch :mrgreen:

    Wegen SL melde ich auf jeden Fall mal per E-mail bei dir, das interessiert mich jetzt doch.


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