Verfasst von: Anna | 24. Oktober 2007

Militärdienst in Israel: gleiche Pflichten für alle bitte!

Ich koche. Nicht in der Küche, sondern innerlich. Das Stichwort Militärdienst in Israel löst bei mir auch noch nach Jahren reflexartig einen Zustand aus, der irgendwo zwischen Wut und posttraumatischer Störung angesiedelt ist. Der Anlass diesmal: ein Bericht in der Jerusalem Post über das überproportionale Bevölkerungswachstum bei den Ultraorthodoxen, den Charedim, das Schätzungen zufolge dazu führen wird, dass in einigen Jahren nur noch rund 50 % der Jugendlichen in Israel ihren Militärdienst ableisten werden. Das liegt daran, dass die Ultraorthoxoden reihenweise und schon quasi automatisch vom Militärdienst befreit werden, weil sie sich hauptberuflich dem Talmud-Torah-Studium widmen.

Dieses Privileg ist mir ein echter Dorn im Auge. Ich habe Null-Komma-Null Verständnis dafür, dass die Säkularen und die „normal“ Orthodoxen den Kopf für alle hinhalten sollen. Es hat mir mehr als gereicht, dass mein Mann, der Israel schon als Jugendlicher verlassen hatte, nach dem Studium in Deutschland seinen Militärdienst nachholen musste und damit auch zur Verteidigung dieser Drückeberger (von denen einige den Staat ja noch nicht mal anerkennen) sein gesamtes Leben hier unterbrechen musste. In seinem Fall gab es keine Sonderregelung, keine Ausnahme. Er musste seine Zeit ableisten, egal, ob uns das familiär und beruflich in den Kram passte. So haben wir dann ein Jahr lang notgedrungen zwischen den Welten gelebt, er an seinem objektiv gefährlichen Einsatzort an der Palästinenser-Front, ich abwechselnd in Deutschland und in Tel Aviv, die Wochenenden haben wir in Begleitung seines Maschinengewehrs verbracht, und an den Abenden habe ich die vielen ist-bei-euch-alles-in-Ordnung-Telefonate aus Deutschland beantwortet. Am Ende ist mein Mann in Israel nicht mehr heimisch geworden, und in Deutschland war in seiner Branche mittlerweile die Massenarbeitslosigkeit ausgebrochen.

Deshalb: es kann doch nicht angehen, dass die Wehrpflicht beim normalen Durchschnittsisraeli so konsequent eingefordert wird, während sich die Charedim per Jeschiwa-Immatrikulation aus der Verantwortung stehlen dürfen. Und wenn diese großzügige Ausnahmeregelung schon beibehalten wird, dann wäre es nur recht und billig, zum Beispiel auch die Israelis zu befreien, die das Land als Jugendliche mit der Familie verlassen haben und ihren Lebensmittelpunkt im Ausland eingerichtet haben.

Eure Anna

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Responses

  1. Warum müssen denn die Ultraorthodoxen nicht zum Militärdienst? Was spricht denn dagegen das Sie erst den Armeedienst ableisten bevor sie mit dem Torah-Studium anfangen?
    Birgit

  2. @Birgit, logisch betrachtet spricht gar nichts dagegen, erst zum Militär zu gehen und danach zu studieren. Es gibt sogar eine extra Einheit für die Charedim, damit sie unter sich bleiben können. Warum sich die meisten trotzdem freistellen lassen, hat mehrere Gründe. Ein Hauptgrund ist, dass sie denken, die Verteidigung des jüdischen Volkes mit ihrem Torah-Studium am besten unterstützen zu können – genauso gut, und vielleicht sogar noch besser, als der Soldat auf dem Schlachtfeld.

  3. liebe anna,

    erst mal herzlichen glueckwunsch zu deinem neuen layout. ich war laenger nicht mehr hier 😦 wirklich klasse gemacht !!

    in der sache stimme ich dir voll und ganz zu. das wird dich sicherlich voellig ueberraschen 🙂

    naechsten sonntag darf ich wieder nach israel fliegen, in meinem blogg wird es dann wieder ein reisetagebuch geben …

    herzliche gruesse, schavua tov,
    grenzgaenger

  4. Hallo Anna,

    danke für deine klaren Worte. Ich stimme Dir 100% zu.

    Lieben Gruß aus Israel
    Ronit

  5. @grenzgaenger, du hättest mich eher überrascht, wenn du diese Ungleichbehandlung unterstützen würdest 🙂

    @Ronit, danke auch! Und dabei habe ich mich noch zurückgehalten :mrgreen: Mir braucht eh keiner mit irgendwelchen „Argumenten“ für die Befreiung der Charedim kommen, und schon gar nicht solche, die selbst keinen Militärdienst gemacht haben oder die nie um ihren Mann im Militär Angst haben mussten.

  6. אנה
    המאמר שכתבת קלע בדיוק למטרה
    תפקיד הבעל במשפחה החרדית הוא להגן על משפחתו
    אין שום סיבה מדוע גם לא בנשק
    לכן יכול כול אדם חרדי לשרת בצבא של מדינת ישראל שמגינה על כול משפחת ישראל

    ממתוק יצא עז
    מדוס יצא דוש
    (שרוליק מגויס, שרוליק סמל העשור למדינה)

    נחלאי
    Nachlai

  7. Ein Grund ist ja auch, den ich besonders abartig finde, dass viele Charedim den Staat Israel nicht anerkennen, bis der Moschiach kommt. Aber wie kann man in Israel leben, den Staat ablehnen, aber gleichzeitig dessen Privilegien genießen?

  8. .נחלאי,תודה על תשובתך. חבל שכולם לא חושבים כמוך

    @Yael, ich verstehe das auch nicht.

  9. Sehe ich nicht so. Habe nie Kriegsdienst geleistet, würde dies im Notfall tun. Klar. Aber nur dann, und sich als religiöser Mensch unsinnigen Befehlshabern hinzugeben, in der Hoffnung, daß diese ihre Grenzen kennen und nicht gegen göttliches Recht verstossen – nein danke. Wer zum blinden Gehorsam gezwungen wird ist vor Gott nicht entschuldet – one step closer to hellfire.

  10. Wenn sie den Staat nicht anerkennen wollen, dann sollten sie auch keine israelischen Bürger sein. Und damit hätte sich zumindest das Problem erledigt, warum sie denn keinen Militärdienst leisten sollen.

    (Wenn auch nicht das der Demographie, aber dafür sind ja auch zwei Seiten dafür verantwortlich.)

  11. Nun, ich lebe in Deutschland und bin mit diesem Problem aufgewachsen: bei uns werden Männer zur Bundeswehr gezwungen, Frauen müssen nichts dergleichen für die Gesellschaft tun. Also mußte ich diesen Quatsch auch machen: wie Dein Mann, mit 24 Jahren einfach aus dem Leben geholt. Allerdings war es bei Weitem nicht so gefährlich, und die Maschinengewehre wurden bei uns nur mit Platzpatronen gefüllt.

    Mich ärgert das bis heute, und ich verlange von meinen Töchtern, dass sie 1 Jahr Sozialdienst machen, weil mein Sohn – wenigstens theoretisch – zur Bundeswehr gepreßt wird (wenn nicht, dann soll er das allerdings auch machen).

    Eine Begründung für diese Ungleichbehandlung ist mir nicht klar. Wahrscheinlich kommt das noch aus Zeiten, als Frauen zur Nachzucht von Soldaten dringender gebraucht wurden als an der Front zum Kaputtschießen lassen. Aber heute ist das nicht mehr der Fall, weil viele Frauen diese Aufgabe ja kategorisch ablehnen können und dürfen, wenn sie wollen.

  12. hallo meine lieben,

    ich wohne ja schon seit 36 jahren in deutschland
    und bin auch genauso alt.ich bin seit ich denken kann
    mit dem krieg der ja nun schon mit ein paar heftigen
    schlagaustauschen und ein paar monaten waffenruhe 60 jahren dauerden krieg aufgewachsen.immer wieder hört man von da unten
    man hat sich als hierlebender schon fast daran gewöhnt.aber jetzt bin ich vom thema abgekommen.

    ich finde es auch eine totale unverschähmtheit
    das sich die ultras um ihre pflicht drücken bzw
    sich auf ihre „priesterkaste“ beruhen können.

    auch nochmal zu anna.
    ich bin holländer dort gibt es auch die wehr aber ich wurde aufgrund das ich in deutschland lebe nicht eingezogen.aber vielleicht brauchen sie in israel jeden mann.

    shalom
    alfons

  13. „dass viele Charedim den Staat Israel nicht anerkennen, bis der Moschiach kommt. “

    ich möchte das VIELE doch etwas zurechtrücken. von vielen würde ich nicht sprechen. die gruppen innerhalb der ultraorthodoxie tatsächlich antizionistisch sind, sind doch wenige. ich würde hier aufpassen mit verallgemeinerungen.

    im übrigen wird ein freund von mir – haredi – auch bald zur armee gehen. „die“ ultras drücken sich also nicht vor der pflicht, sondern einige.

    bitte etwas mässiger.


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