Verfasst von: Anna | 13. Dezember 2007

Ein gutes deutsch-jüdisches Forum?

Fehlanzeige. So etwas gibt es nicht im Internet. Es gibt allenfalls Plattformen mit jüdisch anmutenden Namen, auf denen aber kaum noch jüdische Teilnehmer aktiv sind. Was mich nicht wirklich wundert. Wer hat schon Lust auf Foren, in denen wenig moderiert und viel gepöbelt und getrollt wird. Oder auf recherchefaule Schüler und Studenten, die einen als Auskunftsbüro in Sachen Judentum benutzen wollen. Oder auf erklärte Christen, die einen dazu brauchen, die vermeintlich jüdischen Wurzeln ihres Glaubens aufzuspüren oder die – interreligiös dialogierend oder gar missionierend – über den christlichen Messias plaudern wollen. Oder auf die Leute, die sich die jüdischsten Nicks von allen zulegen und sich wie Judentum-Spezialisten mit Insider-Wissen aufführen, obwohl sie gar keine Juden sind. Oder auf die Philosemiten, bei denen die Juden immer die Guten sind und Israel immer alles richtig macht und die reflexartig jeden nichtjüdischen Teilnehmer zurechtweisen, der eine ungeschickte Frage formuliert, der etwas trotz erfolgter Belehrung nicht begreift oder der sich nicht als Mitglied registriert. Oder, oder, oder … 

Inzwischen lese ich in den deutsch-jüdischen Foren kaum noch mit. Es bringt nichts mehr.

Eure Anna

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Responses

  1. Das Gefühl kenne ich 🙂 Wir haben hier am Ort so einen Arbeitskreis „Ökumene“. Was da nicht alles Probleme auftauchen, die vorher nie welche waren …

    Deswegen ist es gut, wenn man sein Blog schreibt und seine Gedanken mitteilt. Wer will, kann’s lesen, wer nicht, der nicht. ich weiß gar nicht, ob Foren zu anderen als wissenschaftlichen Themen überhaupt was bringen. Überall da, wo es um „gefühlte Realitäten“ geht, wird’s schnell furchtbar anstrengend.

  2. B“H

    Haeufig diskutiere ich mit Freunden ueber dieses Thema. Ich verstehe allerdings nie, warum Leute, die diverse Auskuenfte ueber das Judentum benoetigen, sich an Foren wenden und nie an professionelle Leute.

    Du selbst nanntest einmal die Hashkafah – Site. Weiterhin gibt es unzaehlige ASK THE RABBI – Sites und vieles mehr.

    Vielseits hoerte ich Beschwerden, dass die Leute mit dem Engl. nicht so vertraut sind und wer auf Deutsch fragen will, der wandte sich, u.a., an mich.

    Die Foren lese ich schon lange nicht mehr. Nicht, dass mich die Fragenden aufregen.
    Nein, die Antworten haben mich wahnsinnig gemacht. Wie Du schon sagtest, da suchen irgendwelche Leute auf eigene Faust im Talmud herum oder Googeln, ohne jemals professionell gelernt zu haben (Yeshiva etc.) und die Konzepte zu verstehen.

    Und viele geben sich wirklich jued. Namen. Mir liegt immer sehr viel daran zu erfahren, wer hinter den Antworten steckt und worauf sich die Ansichten begruenden.

    Vielleicht erwarte ich zuviel oder bin etwas zu professionell, aber daran kann ich nichts aendern.
    Wer wirklich professionelle Auskuenfte will, der wendet sich nicht an ein anonymes Forum.

    Shabbat Shalom
    Miriam

  3. Naja, ist es denn ein zwingender Widerspruch deutsch und jüdisch zu sein? Wohl ebensowenig, wie deutsch und christlich bzw. deutsch und muslimisch zu sein. Ein internationaler Dialog mag deutsch-amerikanisch oder deutsch-israelisch sein, ein interreligiöser Dialog jüdisch-christlich oder jüdisch-islamisch etc. Aber in einem deutsch-christlichen, deutsch-muslimischen oder deutsch-jüdischen Dialogforum kann es wohl kaum unverkrampft zugehen…

    Deswegen gebe ich Dir übrigens vom Grunde her auch recht: ein wirkliches Gespräch findet immer zwischen Personen statt und nicht entlang künstlicher Identitätsgrenzen. Deswegen ist Dein Blog, einfach mit Berichten aus dem Alltag, ein sehr viel besserer Beitrag zum Verständnis als die 100te Debatte „Wie sieht eigentlich das Judentum den Messias?“. (Übrigens, kleine Pointe – im Koran wird Jesus übrigens als Messias bezeichnet. Das ist einer der ganz wenigen Punkte, wo der Koran stärker bei der christlichen als bei der jüdischen Theologie ist – im Gegensatz z.B. zu Fragen wie Trinität, Bilderverbot etc. Aber das wollen viele ach-so-israelliebende Christen natürlich nicht wahrhaben, schließlich brauchen sie ja jetzt den Islam zum Abgrenzen, wie sie eben früher das Judentum verwendet haben…)

    Gerade heraus gesagt: wer sich wirklich für das Judentum, das Christentum oder den Islam interessiert, der möge eben praktizierende Juden, Christen oder Muslime fragen. Deutschland und seine Blogszene werden bunt, da brauchen wir keine bemühten Online-Foren mehr für.

  4. @Michael, mit „deutsch-jüdisch“ meine ich lediglich „ein jüdisches Forum in deutscher Sprache“. Es sind nämlich speziell die deutschsprachigen jüdischen Foren, in denen es so schlimm zugeht.

    @Thomas, „gefühlte Realität“, wie du es sehr treffend nennst, ist wahrscheinlich ein Problem in allen Religionsforen, in denen auch „Andersgläubige“ teilnehmen.

    @Miriam, das ist es ja gerade, was mich an den oberjüdischen Nicks von Nichtjuden so stört: sie führen andere Leser in die Irre. Du und ich und andere jüdische Leser merken so etwas ja noch recht schnell, aber die unerfahrenen Leser gehen solchen Leuten auf den Leim.

  5. B“H

    @Thomas

    Nicht immer kann ein persoenlicher Dialog stattfinden, denn die deutsche Mehrheit kennt nicht unbedingt einen Juden. Und bei dem Thema „Dialog“ an sich kommt es weiterhin darauf an, wer genau ihn fuehrt. Heisst, ob jemand wirklich mit dem Thema vertraut ist.

    @Anna

    Meinerseits habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wirklich Interessierte sich an professionelle „Frage – Einrichtungen“ wenden. Ich habe das vielmals schon an der Uni erlebt.

    Shavua Tov – Eine gute Woche

  6. Hallo Anna,
    ich stimme Deiner Schilderung weitgehend zu. In Zeiten des Web 2.0. gibt es andere und sehr vielgestaltige Kommunikationsmöglichkeiten.

    Dass einige jüdische Foren – besonders das des nach eigenen Angaben größten jüdischen Onlinedienstes in deutscher Sprache – liegt eben auch (aber nicht nur) daran, daß kompetente Leute rausgemobbt wurden. Und übrig geblieben sind dann hauptsächlich die Möchtegerns, die dort ihre Lust an der Selbstdarstellung, ihre Logorhoe und was auch immer, ausleben.
    Ich wünsche Dir eine schöne Zeit in Israel.

  7. Hallo Anna,

    ich bin auf Deine Seite gestoßen, weil ich im Internet auf der Suche nach einem guten deutschsprachigen „jüdisch-christlichen“ Forum war. Leider kenne ich persönlich keine Juden und habe gedacht, dass dies vielleicht ein Weg wäre, mit Juden ins Gespräch zu kommen. So las ich Deinen Beitrag „Ein gutes deutsch-jüdisches Forum?“

    Mich würde interessieren, warum Du glaubst, dass der christliche Glaube keine jüdischen Wurzeln hat und warum Du es so verurteilst, wenn Christen nach diesen suchen? Genau mit diesem Thema beschäftige ich mich nämlich intensiv seit ungefähr zwei Jahren. Immerhin war Jesus Jude; das neue Testament wurde fast ausschließlich von Juden geschrieben, ist also ein durch und durch jüdisches Buch, und es geht bei vielen Texten im Neuen Testament um Auslegung der Thora bzw. anderer Schriften des Alten Testaments.

    Um als Christ die Schriften des Neuen Testaments korrekt zu verstehen, muss ich mich intensiv mit dem Alten Testament, insbesondere der Thora, und mit dem Judentum beschäftigen. Ziemlich schnell ist mir klar geworden, dass ich ohne fachkundige jüdische Hilfe nicht weit komme, zumal ich auch kein Hebräisch beherrsche und auch Schriften wie z. B. den Talmud kaum kenne.

    In einem entsprechenden Forum (vielleicht betreut von einem Rabbi) hatte ich eine Möglichkeit gesehen, Juden, die ihren Glauben ernst nehmen, mal die eine oder andere Frage zu stellen. Es ist nicht meine Absicht zu „missionieren“, sondern etwas zu lernen. Natürlich fände ich auch einen ernst gemeinten „theologischen“ Austausch zwischen Juden und Christen interessant, da sich ja beide Religionen auf dieselben heiligen Schriften berufen, zumindest was das Alte Testament angeht. Solche Leute zu finden, scheint aber wirklich ein Problem zu sein.

    Ich glaube, dass jeder Christ, der seinen Glauben ernst nimmt (damit meine ich jeden Christen, der nach den Geboten Gottes leben will), irgendwann an diesen Punkt kommen muss, wo er sich mit seinen „jüdischen Wurzeln“ auseinander setzen muss.

    Im neuen Testament wird berichtet, dass die ersten Nachfolger Jesu Juden waren, die zwar an Jesus als ihren Messias glaubten, aber sonst Juden blieben. Sie lebten weiterhin nach den Geboten der Thora. Die ersten „Christen“ aus den nichtjüdischen Nationen haben sich dem Judentum angepasst. Sie wurden dazu angehalten, zusammen mit ihren jüdischen Glaubensgeschwistern die Synagoge zu besuchen, um etwas über die Thora zu lernen. Wie die Kirchengeschichte zeigt, änderte sich dies jedoch bald. Es fand eine Trennung zwischen jesusgläubigen Juden und jesusgläubigen Heiden statt, wobei sich die Heiden immer weiter vom Judentum entfernten und eigene Gebräuche, die dem Heidentum (Sonnenkult) entlehnt waren, annahmen. Bald war es unter den Christen verboten, den Schabbat oder die jüdischen Feste zu feiern, stattdessen wurden der Sonntag, Ostern und Weihnachten eingeführt. Dieser hier schon deutlich zu erkennende Antisemitismus nahm immer mehr zu und führte dann über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen der schlimmsten Art entweder mit dem Ziel der Zwangsbekehrung von Juden bis hin zum Völkermord unter Hitler. So etwas war niemals die ursprüngliche Lehre Jesu. Jeder, der sich als Nachfolger Jesu bezeichnet und gleichzeitig antisemitisch denkt hat nichts von dem verstanden, was das Neue Testament lehrt.

    Ich hoffe, dass die jüdischen Leser dieses Beitrages verstehen, dass ich aufgrund des Wissens dieser geschichtlichen Entwicklung wieder zu den Ursprüngen meines Glaubens zurückkehren möchte. Jesus, der nach der Thora gelebt hat und nicht nach irgendwelchen von Menschen erfundenen kirchlichen Traditionen, ist hierbei mein Vorbild. Da man im Christentum kaum etwas über die Thora lernen kann, muss ich mich daher an das Judentum wenden und bin für jede Information dankbar, die mir hilft, die Bibel besser zu verstehen. Aus diesem Grund schätze ich solche Seiten wie Deine Homepage sehr.

    Astrid Reitz

  8. @ astrid reitz

    selbst wenn es heute nicht wenige christen gibt, die gerne die hässliche geschichte des christentums, die sich in den jahrhunderten zwischen jvn und dem heute abgespielt haben, negieren möchten – es geht nicht. man muss diesen becher auch nehmen, ohne geht nicht.

    ich störe mich auch an dieser these:

    „Immerhin war Jesus Jude; das neue Testament wurde fast ausschließlich von Juden geschrieben, ist also ein durch und durch jüdisches Buch, und es geht bei vielen Texten im Neuen Testament um Auslegung der Thora bzw. anderer Schriften des Alten Testaments.“

    die einigen christen heute so leicht über die lippen kommt. jvn war zwar jude qua geburt und seine lehren basieren auf dem judentum. aber: das „neue testament“ ist nicht nur deshalb neu, weil es sich als solches vom „alten“ abheben und das alte als alt disqualifizieren möchte, sondern weil es viel später geschrieben bzw. zusammengestellt wurde und bis dahin schon vom judentum sich entfernt hatte. da war schon einiges wasser den jordan hinabgeflossen. es also als „jüdisches buch“ (mit der betonung auf ‚jüdisch‘) darzustellen ist wahrlich verkürzt und falsch. auslegungen der tora findest du in den unzähligen jüdischen kommentaren, die wir bis heute lesen und wiederlesen – aber kaum in den schriften des sog. „neuen testamentes“. diese sind wohl eher als glaubensbekenntnis einzuordnen denn als kommentar.

  9. @Astrid, den Ursprung, aus dem das Christentum sich zumindest unter den ersten Judenchristen entwickelt hat, wirst du heute so im Judentum nicht mehr finden. Die ersten Judenchristen haben eine bestimmte religiöse Gruppe innerhalb des Judentums gebildet, die es so heute nicht mehr gibt; gleichzeitig hat sich auch das mainstream-Judentum (das schon damals nicht für Jesus empfänglich war) in den letzten 2.000 Jahren weiterentwickelt.

    Das Neue Testament ist, auch wenn es überwiegend von Juden geschrieben sein mag, kein jüdisches Buch. Es ist, wie Schoschana schon schreibt, ein Glaubenbekenntnis, und zwar eines, dass die Überzeugungen einer kleinen Gruppe innerhalb des jüdischen Volkes von damals wiedergibt.

    Juden und Christen berufen sich auch nicht teilweise auf die gleichen Schriften. Christen berufen sich in erster Linie auf das Neue Testament, das AT spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Und auch wenn der Text des christlichen AT mit der hebräischen Bibel weitgehend übereinstimmt, so sind Lesart und Interpretation doch total konträr: Christen lesen das AT aus der Kenntnis des NT heraus, Juden tun dies naturgemäß nicht. Dadurch ergeben sich so eklatante Unterschiede in der Wahrnehmung und im Verständnis der Texte, dass man eigentlich kaum sagen kann, beide Religionen berufen sich auf die gleichen Schriften. So ist zum Beispiel allein schon die Idee von einer Trinität Gottes dem Judentum so fremd, dass ein Jude nicht ansatzweise Hinweise auf das Kommen eines gottgleichen Messias in Menschengestalt in der hebräischen Bibel finden wird, während ein Christ, wenn ich da richtig informiert bin, gerade bei den Propheten so einige Ankündigungen herausliest.

  10. @ Schoschana und Anna

    Habt ihr die (den? das?) Brit Hachadascha denn schon jemals gelesen? Oder gebt ihr einfach nur eure jüdischen Thesen zu diesem Buch wieder, wie ihr anderen vorwerft, christliche (= nicht fundierte?) Thesen darüber aufzustellen?

  11. @Christian, solange du auf deutsch schreibst, solltest du das Neue Testament auch als „Neues Testament“ bezeichnen und nicht künstlich einen Hebraismus („Brit hachadascha“) benutzen (das ist Evangelikalen-Sprachgebrauch, der in Bezug auf das NT unter Juden – und den meisten Christen – nicht üblich ist). Brit hachadascha heißt „neuer Bund“, also nenn es bitte auch so im Deutschen, dann wissen wenigstens alle, was du meinst. Ansonsten entnehme ich deinem Stil, dass du dir deine Meinung zum Thema „Juden und das Neue Testament“ längst gebildet hast und deine Frage nur rhetorisch zu verstehen ist.

    Anna

  12. @ Anna und Schoscha

    Wenn ihr das NT nicht als jüdisches Buch anseht, was ist denn dann für Euch ein jüdisches Buch bzw. welche Kriterien müsste es erfüllen um in euren Augen als jüdisch zu gelten? Habt ihr das NT einmal selbst gelesen, um es mit Sicherheit sagen zu können, dass es kein jüdisches Buch ist?

    Es enthält immerhin 4 Berichte über das Leben und die Lehren eines jüdischen Rabbiners, einen Bericht über die Missionstätigkeit des Paulus, der ebenfalls ein Thoragelehrter war, viele Briefe von Paulus an die Gemeinden in den verschiedenen Städten (im Kern geht es darum, einen heiligen Lebensstil zu führen, natürlich auch um Glaubensinhalte und Gemeindeleben) und ein prophetisches Buch (vergleichbar mit dem Buch Daniel), welches das Ende der Zeiten beschreibt und das zweite Kommen des Messias ankündigt. Speziell der „Hebräerbrief“ geht detailliert auf das mosaische Opfersystem und das levitische Priestertum ein. Hier dreht sich alles um jüdische Personen, Themen, Schriften etc., deswegen der von mir gewählte Ausdruck „jüdisches Buch“.

    @ Schoscha

    Dass ich mich bewusst von den antisemitischen Lehren, die aus dem Christentum hervorgegangen sind, abgrenzen möchte, bedeutet nicht, dass ich mich nicht mit der Schuld meiner Glaubensrichtung identifiziere. Ich bin zutiefst betroffen, was Christen im Namen Gottes oder im Namen Christi den Juden angetan haben. Ja, wir Christen haben viel Schuld auf uns geladen. Insofern schäme ich mich fast, mich „Christ“ zu nennen. Ich persönlich möchte das jüdische Volk um Vergebung bitten für jede Gräueltat, die aus dem christlichen Antisemitismus hervorgegangen ist. Leider habe ich nicht die Möglichkeit, offiziell für die Kirche zu sprechen.

    Zum NT: Ich habe mich mit „Thoraauslegungen“ z. B. auf solche recht häufig vorkommenden Abschnitte bezogen wie „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: «Du sollst nicht ehebrechen!» Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Hier wird das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ so ausgelegt, dass Ehebruch bereits im Herzen stattfindet, nicht erst, wenn die Tat wirklich begangen wurde. Geht es bei den Kommentaren zur Thora nicht darum, wie die Gebote zu verstehen sind? Ist meine Bezeichnung wirklich so abwegig?

    @ Anna

    Ich habe von „messianischen Gemeinden“ gehört, die von Juden und Nichtjuden gemeinsam besucht werden. Soweit mir bekannt ist, sind dies Gruppen, in denen einerseits von Juden nicht verlangt wird, ihr Judentum abzulegen und andererseits von Nichtjuden nicht verlangt wird, streng jüdisch zu leben. Beiden ist aber gemeinsam, dass sie sich an der Thora orientieren (z. B. die von Gott angeordneten biblischen Feste feiern) und glauben, dass Jesus (eigentlich Jeschua) der Messias ist. Vielleicht ist diese Gruppierung noch am ehesten mit den ersten „Judenchristen“ vergleichbar. Du sprachst von einer Weiterentwicklung des Judentums. Was hast Du damit gemeint? Die Glaubensbasis – der Text der hebräischen Bibel – ist doch gleich geblieben und die Gebote sind doch immer noch dieselben wie damals.

    Zur Rolle des AT: Ja, leider ist es so, dass das AT bei den Christen eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Das hat natürlich Gründe, einer davon ist der, den du bereits genannt hast: Die Christen interpretieren das AT aus der Sicht von christlichen Lehrmeinungen, die sich aus der Auslegung der Schriften des NT entwickelt haben.

    Beispiel: In christlichen Kreisen (besonders in den freikirchlichen) herrscht die weit verbreitete Meinung, dass Jesus die Thora abgeschafft habe. Diese Lehrmeinung beruht auf der falschen Interpretation bzw. ungenauen Übersetzung einiger Texte aus den Paulusbriefen. In Wirklichkeit sagt das NT genau das Gegenteil, aber wegen solch einer Lehrmeinung beschäftigen sich viele Christen nicht mehr mit dem AT vor allem nicht mehr mit der Thora. Sie haben eine solche Angst, von der „Errettung aus Glauben“ in eine „Gesetzesgerechtigkeit oder Werksgerechtigkeit“ zu fallen, dass sie gleich das Kind mit dem Bade ausschütten und sich gar nicht mehr mit dem Gesetz beschäftigen wollen (ich weiß nicht, ob diese Ausführungen nachvollziehbar sind).

    Außerdem hat die sehr unglücklich gewählte Bezeichnung „Neues Testament“ einen großen Teil dazu beigetragen, dass man das AT nicht mehr beachtet, da dieser Name impliziert, dass das AT eben vergangen, veraltet, überholt etc. ist und nicht mehr benötigt wird. Christen vergessen auch, dass zu der Zeit, zu der Jesus gelehrt hat, es ja das NT noch gar nicht gab und er sich bei seinen Lehren nur auf die hebräische Bibel beziehen konnte.

    Zur Lehre der Trinität. Hier bin ich selbst noch am Forschen, wo diese Lehre eigentlich herkommt, wobei ich versuche zwischen christlicher Lehrmeinung und dem, was die Bibel wirklich darüber sagt, zu trennen. Der Begriff „Trinität“ selbst kommt übrigens im NT nicht vor. Auch ich glaube nur an und bete nur zu einem Gott (nicht zu drei verschiedenen Gottheiten). Jesus selbst bestätigte, dass es nur einen Gott gibt, er sagte: „Das höchste Gebot ist dieses: Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“ welches ein Zitat aus 5. Mose 6,4 ist.

    Anna, kannst Du mir noch etwas darüber sagen, welche Aussagen die hebräische Bibel über den kommenden Messias macht (bzw. welche Stellen jüdische Gelehrte auf den Messias beziehen)? Es würde mich nämlich interessieren, welche Eigenschaften der Messias aus jüdischer Sicht haben muss. Christen führen bestimmte Stellen aus den Propheten an, um damit anhand der Ereignisse, die im NT berichtet werden zu beweisen, dass Jesus diese Prophetien erfüllt hat, er also der Messias sein muss.

  13. @Astrid, du stellt ja recht viele Fragen auf einmal 🙂 Ich habe leider nicht die Zeit, darauf wirklich einzugehen – es würde auch den Rahmen des Blogs sprengen. Ich nehme deinen Frage aber gern als Anregung, vielleicht kann ich das eine oder andere in künftige Beiträge einfließen lassen.

    Trotzdem zwei kurze Hinweise: die Gruppe der „messianischen Juden“ ist eine christliche Sekte. Ihre Mitglieder mögen jüdischer Herkunft sein, aber sie sind nach jüdischem Recht keine Juden mehr, auch wenn sie sich selbst als solche definieren mögen. Diese Leute sind außerdem leider sehr aktiv in der Judenmission und versuchen insbesondere russische Zuwanderer aus den jüdischen Gemeinden abzuwerben. Wie bei allen Sekten rate ich dringend, vorsichtig zu sein und die Finger davonzulassen.

    Zum jüdischen Messias googelst du am besten mal mit dem Stichwort „ha maschiach der messias“.

  14. @ Anna

    Ich finde es lediglich bedauerlich festzustellen, dass einige Juden, denen ich begegnet bin, die das Neue Testament – meinetwegen auch so 🙂 – inhaltlich ablehnen, auch ansonsten kein gutes Haar daran lassen. Damit meine ich deine und Schoschanas – aus meiner Sicht – ungerechtfertigten Verriss des Neuen Bundes.

    Ich lese dein Blog gerne, und bin froh, hier mit dir und anderen Juden Gedanken austauschen zu dürfen; in meinem persönlichen Umfeld habe ich nämlichen keine deutschen jüdischen Kontakte; mehr in Israel und den USA.

  15. —————————————————–
    @Alle: Bitte hier nur noch Kommentare zum Ausgangsbeitrag „Ein gutes deutsch-jüdisches Forum“ abgeben.

    Zur Debatte um das NT gibt es hier einen eigenen Beitrag: Christen, Juden und das Neue Testament
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  16. BS“D

    Hallo Anna.

    „So etwas gibt es nicht im Internet.“

    Das ist zwar richtig, aber vermisst du es? Hättest du gerne auch ein deutsches, jüdisches Forum wo die von dir genannten Probleme nicht auftreten? Oder war es nur als Feststellung gemeint?

    PS. Amüsant das genau bei diesem Thema passiert, was dich an den Foren stört… 😉

  17. @Jehuda, es gibt schon interessante jüdische Foren im Internet, in den USA zum Beispiel. Da geht es dann wirklich um innerjüdische Themen. Ich lese dort mit. Insofern brauche ich persönlich kein deutschsprachiges jüdisches Forum, ich werde aber öfter mal danach gefragt.

  18. @Anna. Ja, klar, es gibt diese Foren in anderen Sprachen, in anderen Ländern und dort scheinen sie auch zu funktionieren. Vor Jahren habe ich auch einmal mit anderen versucht ein deutsches Forum aufzubauen, aber das scheiterte an den „Verrückten“ die sich dort wesentlich häufiger als Juden einfanden. Du hast die Situation eingangs ja beschrieben.
    Nur, wer fragt nun nach einem solchem Forum?

  19. Anna, what an accurate description of German Jewish life on internet, hahaha. Has the situation changed since you posted your message last year ?

  20. @Atheist Jew, die Blogsprache hier ist Deutsch 😉 Deshalb bitte keine Kommentare aus reiner Bequemlichkeit auf Englisch. Für ein paar einfache Sätze reicht dein Deutsch bestimmt aus, wenn du sogar hier mitlesen und die Situation in deutschsprachigen Foren einschätzen kannst.

  21. Hi, ich bin auf der Suche nach jüdischen oder generell religiöse Kommunikationsplattformen über Google auf deine Seite gestoßen.
    Es scheint das eine oder andere Forum zu existieren, die mir aber relativ inaktiv wirken.
    Auch wenn dieser Blogeintrag nicht grad von heute ist, wüsste ich gerne, ob du inzwischen was gefunden hast.

  22. „wüsste ich gerne, ob du inzwischen was gefunden hast“
    @Ich habe doch mein Blog 😉

  23. Natürlich, aber es ist ja eben leider keine Plattform, sondern eben doch was persönliches. Ich möchte mich einfach gerne über mehrere Wege austauschen und nicht nur in eine Richtung.

  24. ach, wie schade..
    Fat hätte ich mich mich darauf gefreut, einen endlich einen qualitativen jüdischen Blog gefunden zu haben, doch wie dumm, wie dumm, dass ich Christin bin, und wie jeder denkender und anständiger Christ dessen bewusst, dass der Ursprung meines Glaubens im Judentum liegt… Dass ich selber Jüdin bin, für den Staat Israel zumindest, wird wohl nicht ausreichen, damit ich hier gern gesehen werde.
    😉

  25. @rada, du hast wohl ein Problem.

  26. Hm, fragt sich nur welches. 😀


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