Verfasst von: Anna | 10. Januar 2008

Christliche Pilger in Israel

Normalerweise kreuzen sich meine Wege mit denen der christlichen Pilger und Bibelreisenden in Israel nicht. Erst auf dem Rückflug nach Frankfurt, wenn wieder einmal so eine Gruppe im Flugzeug sitzt, nehme ich sie überhaupt wahr. Ich frage mich dann immer, wie und wo sie in Israel ihre Zeit verbracht haben, mit welchen Erwartungen sie dorthin gefahren sind und welche Bilder und Eindrücke sie mit nach Hause nehmen.

Auf meiner letzten Israelreise habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit gehabt, solche Reisegruppen auf ihren Besichtigungstouren im Galil (Galiläa) zu beobachten. In Galiläa, dort, wo Jesus laut Neuem Testament gepredigt und gewirkt hat,  waren gerade um die Weihnachtszeit mehrere Gruppen aus Europa und den USA unterwegs. Und die Vorträge von deren Reiseleitern, soweit ich sie einmal bewusst mit angehört habe, haben mich sehr überrascht: nirgendwo auf der Welt habe ich jemals Reisende mit einer so ausgeprägt selektiven Wahrnehmung erlebt.

Getroffen haben wir die christlichen Gruppen in Korazim und Kfar Nachum (Kapernaum). An diesen beiden Orten am Kinneret (See Genezareth) gibt es beachtliche Reste von zwei antiken Synagogen zu sehen, in Korazim außerdem die Ruinen der ehemaligen Stadt. Für Christen sind die beiden Orte von besonderer Bedeutung, weil Jesus dort laut Neuem Testament gepredigt hat und weil er beide Orte verflucht hat, nachdem ihre Bewohner seiner Lehre nicht folgen wollten. Und letzeres war auch das einzige Interesse unserer christlichen Mitbesucher. Während wir uns mit unserem hebräischen Faltblatt vom Kassenhäuschen interessante Informationen über die Geschichte der beiden Orte und ihre Bedeutung im Judentum und im Christentum angelesen haben, trugen die christlichen Reiseleiter um uns herum lautstark die passenden Stellen aus dem Neuen Testament vor und wiesen deutlich darauf hin, dass diese von Jesus verfluchten Orte später auch tatsächlich zerstört worden waren. NT-unabhängige Informationen zum Beispiel über die Bedeutung von Korazim in der talmudischen Zeit bekamen die christlichen Besucher nicht zu hören. Das war so extrem, dass ich den Eindruck bekam, dass die Pilger- und Bibelgruppen so ausschließlich auf den Spuren Jesu unterwegs sind, dass sie das Land, in dem sie zu Gast sind, überhaupt nicht wahrnehmen. Bei allem Verständnis für die besonderen Interessen von Pilgern empfand ich die Gleichgültigkeit gegenüber der jüdischen und sonstigen nichtchristlichen Geschichte unseres Landes in dem Moment fast schon als beleidigend und mich selbst an diesen eigentlich jüdischen Orten deplatziert. 

Ich empfehle deshalb allen, die aus religiösen Gründen eine Reise nach Israel unternehmen wollen: bucht trotzdem lieber eine normale Studienreise als eine spezielle Pilger- oder Bibelreise. Auch die Studienreisegruppen besuchen und erklären ausführlich die christlichen Stätten, aber sie beschränken sich eben nicht darauf und bieten einen viel breiter gefächerten Überblick über Israel in Vergangenheit und Gegenwart und auch über die jüdische Religion und Geschichte, ohne die sich das Christentum ohnehin kaum verstehen lässt.

Eure Anna

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Responses

  1. Interessante und scharfsinnige Beobachtung!

    Ich glaube: wenn ich als Christ über eine solche Reise nachdenke, dann fahre ich entweder nach Israel oder ins heilige Land. Wenn ich nach Israel fahre, dann, um dort den modernen Staat Israel zu besuchen, seine Leute kennenzulernen und etwas vom Flair des Volkes mitzubekommen.

    Wenn ich aber als Christ an die Wirkungsstätten Jesu zu fahren plane, dann ist der Staat Israel nicht im Fokus meiner Reisewünsche: dann will ich die alten Orte sehen, ins „heilige Land“ also – und das hat in meinem christlichen Kopf mit Israel erstmal gar nichts zu tun. Ich will sehen, dass es das, was in der Bibel beschrieben ist, auch wirklich gibt, dass man es – bis auf den zeitlichen Unterschied – „mit Händen greifen kann“. Das ist kein absichtsvolles Handeln nach dem Motto „die Juden interessieren mich nicht“: es ist einfach eine sehr eingeschränkte Sicht auf das, was man immer schon sehen wollte. Wir „kennen“ die gesamte Szenerie seit Jahrzehnten nur aus den 2000 Jahre alten Lesungen in der Kirche – das hat natürlich mit den Leuten, die heute dort wohnen, überhaupt gar nichts zu tun. Wenn man fordern würde, dass die Pilger sich dafür interessieren, würde man garantiert bei 90% auf völliges Unverständnis stoßen: soviel kriegen die in ihrer Begeisterung nicht mehr in ihren Kopf rein.

    So wie ich mal wegen eines kaputten Geldautomaten in Hamburg war: ich wollte das Ding wieder flottkriegen, sonst nichts. Bin hingeflogen, hab die Fahrt im Taxi von Fuhlsbüttel bis zur Bank (ich weiß nicht mal, in welchem Stadtteil das eigentlich war) irgendwelche Dokumente durchgesehen, habe dann 2-3 Stunden an dem Ding gewerkelt, bis es wieder lief, schließlich war ich zum Abendessen wieder in München: weil ich undbedingt an dem Abend noch mit meiner Freundin nach Schwabing wollte. Wenn sich da ein Hamburger beschwert hätte, dass ich ja nicht einmal den Michel angeschaut habe: den hätt‘ ich blöd angeschaut. Das war nicht mein Ziel. Obwohl die Hamburger immerhin dafür gesorgt haben, dass ich was zu essen bekam: eigentlich hätten sie dafür Dank und Anerkennung verdient. Ist das mit einem Pilgerurlaub in Israel vergleichbar?

    Ich würde das also nicht persönlich nehmen: „Israel“ ist für einen christlichen Pilger nicht das, was Frankreich für einen Frankophilen ist. Aber man kann die Pilger auch so behandeln: das sind Pauschalreisende in Sachen ihrer Religion – ähnlich wie die, die nach Malle fliegen: die wollen nichts anderes, bringen aber Geld in’s Land – na gut. Wenngleich man den Pilgern ethisch etwas mehr abverlangen kann. Manchmal, nicht immer.

  2. Thomas, diese Herangehensweise verstehe ich gar nicht. Es geht ja nicht darum, ein Fachmann in neuerer Orientalistik zu werden.
    Das Christentum lässt sich nur verstehen, wenn man das Judentum zumindest in den Grundzuegen kennt. Gerade von Pilgerreisenden müsste man eigentlich annehmen, dass sie tewas mehr interesse am Christentum haben.
    Aber wahrscheinlich gibt es einfach auch sehr grosse intellektuelle Unterschiede zwischen Reisenden. Manche packen mental ja schon den jährlichen Malloarco-Trip nicht, ohne total auszurasten.

  3. B“H

    Wahrscheinlich kommt es immer auf die Christen selbst an. Wie christlich sind sie bzw. wie fanatisch treten sie auf.

    Allgemein erlebt man beides; die „Normalos“ unter ihnen und jene, die mehr als fundamentalistisch herumtrampeln.
    Letztere sehen dann auf Juden herab, wobei die Haredim auf ihrer Hetzliste ganz oben stehen.
    Offener Antisemitismus an der Kotel ist nichts Ungewoehnliches und da ich nun einmal einige Sprachen verstehe, habe ich dies schon „live“ mitbekommen.

    Leider fehlt es solchen christl. Pilgergruppen immer an professioneller Aufklaerung ueber Israel und die jued. Religion an sich. Vielleicht wollen das die Teilnehmer auch gar nicht wissen, denn sie befinden sich auf den Spuren J. und sind total davon eingenommen. Dabei vergessen sie gerne die Realitaet und da brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie von den Israelis nicht wahrgenommen werden wollen. Von der Mission und den staendigen J. – Spruechen einmal abgesehen.

    Miriam

  4. @sophist: Du hast recht – ich verstehe das auch nicht. Aber ich erlebe das hier in der Gemeinde auch immer wieder: die wollen gar nichts wissen. Die wollen sonntags ihre Messe durchziehen und dann heim an den Sonntagsbraten.

    Dass das dann zufällig das „katholische Ding“ ist, das spielt eigentlich keine Rolle. Und mit dieser Einstellung fahren die dann auch ins „heilige Land“. Wenn Du denen mit irgendwelchen Ansprüchen kommst, dann schalten die ab, oder sie werden unsicher – oder aggressiv, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen.

    Ich glaube, das ist einfach menschlich, und es ist auch nicht besonders schlimm. Es sei denn, irgendjemand kommt auf den Trichter und nutzt das für seine Zwecke aus. Dann wird’s allerdings ganz schnell furchtbar.

  5. Miriam, du hast sicher deine Erfahrungen gemacht, sonst würdest du nicht so schreiben.
    Aber meine Erfahrungen besagen wirklich das Gegenteil. Die allermeisten Christen, die ich kenne, sind pro Israel eingestellt und wollen ein freundschaftliches Verhältnis zu den Juden.
    Grade die „Fundamentalen“ sogar noch viel mehr, als andere Christen.
    Wenn das anders rüber kommt, dann finde ich das schade.

  6. Hallo, danke für den interessanten Bericht und für den Tipp, mit den Studienreisen.

    Sicherlich gibt es sehr unterschiedliche christliche Vereinigungen/Organisationen, die solche Reisen anbieten und dementsprechend sind wohl auch (ich hoffe nicht überwiegend) etwas engstirnige darunter zu finden. Ob die ganze Gruppe dort dann auch so denkt wie der Reiseleiter, sei mal dahingestellt. Jedoch der „Denkfehler“ bei diesen mag wohl daran liegen, dass sie fast nur das NT sehen. Für einen „fundamentalen“ Christen gilt, m.E., aber genauso das AT. Ich denke, dass die meisten Christen daher schon ein große Achtung vor Israel haben. Den Weitblick sollte man haben, denn deutlicher das Israel das auserwählte Volk ist, kann die Bibel ja nicht sein. Natürlich wird es immer ein spannendes, aber gerade interessantes Verhältnis bleiben für einen Christen zum Judentum. Weil man ist sogesehen in der „Patsche“ da man denkt „whoa, ok, das ist G’ttes Volk, Punkt.“ gleichzeitig man aber an Jesus als den Messias glaubt und es eben dann logischerweise so aussieht wie „Israel ist G’ttes Volk, aber das mit Jesus haben sie verpasst aber es ist so gewollt und muss also seine Richtigkeit haben“ (also mal etwas grob geschrieben). Für einen Christen ist ja die Verkündigung des Evangeliums (bzw. sollte es so sein) die Hauptangelenheit, daher wirken wir -sogesehen zu Recht- in manchen Punkten zum Judentum ziemlich unbeholfen. Ich würde es kurz so sagen, ich als Christ glaube an Jesus als den Erlöser, den dreieinigen G’tt der immer war und sein wird, und ich habe ABER AUCH an G’ttes Volk zu glauben und das nicht im Sinne von „hoffentlich kommen die auch mal dahinter“ oder von geheucheltem Gutwillen, sondern im Sinne von Respekt und aufrichtiger Achtung. Also nicht wie „ich muss“ sondern eher wie „wie liebe ich dein Gesetz.“ (auch wenn das Zitat jetzt etwas aus dem Kontext gerissen sein mag). Das ist aber ein Prozess, wie das wachsen im Glauben es ist.

    Naja, aber ich denke, daher kommen Christen in der Angelegenheit entweder hochnäsig/selbstdarstellerisch oder schleimig rüber und reden gern um den heißen Brei herum. Sieht man ja auch etwas an meinem Beitrag, vermute ich. 😉 Die meisten anderen Christen, die ich kenne, sind durchaus pro-israelisch eingestellt, eben auch politisch.

    Zusammengefasst also so, dass Christen wohl in die 2 „extreme“ Richtungen tendieren können a) „die Juden haben den Messias verkannt“ (was ja aus dem Kontext gerissen ist) oder b) „ich MUSS mich unbedingt für das Judentum interessieren“. Wenn man etwas MUSS kommt ja auch meist nichts gutes bei rum. Daher sollte man als Christ einen gesunden Mittelweg finden. Und letztlich geht das nur durch praktische Erfahrungen (also eben keine isolierten Reisegruppen). Und manche Juden denken sicher „argh, kommen die Christen schon wieder an…“

    Mir ist auch bewusst, dass es eher einen Drang der Christen zum Interesse am Judentum gibt, als womöglich in der anderen Richtung. Weil mir fallen viele gute Gründe ein, sich für Israel zu interessieren (ok, sicher sind auch vereinzelt heuchlerische Gründe darunter) aber ich stimme wohl zu, dass ein Jude von sich aus, weniger Interesse am christlichen Glauben hat und das komplett aus logischen Gründen. 😉

    Ich fand den Bericht hier auch interessant, weil ich immer bisher vermutete, dass wir Christen eher zu aufdringlich wären, was ja auch letztlich wieder in Wichtigtuerei enden kann, aber nicht muss. Also so eine teils herablassende Haltung wie von dieser Reisegruppe, hätte ich gar nicht erwartet.

    Ein lockeres auch humorvolles Verhältnis und Israel wirklich kennenzulernen geht wohl am allerbesten durch einen längeren Austausch oder Aufenthalt dort. So kann man auch als Christ seine Intentionen prüfen. So ein Austausch braucht sicher ne Zeit am Anfang und auch sicher einige peinliche Momente. 😉
    Ich wünschte mir, dass es viel mehr jüdisch-christliche Projekte gäbe. Aber einiges gibt es ja, soweit ich informiert bin.


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