Verfasst von: Anna | 14. Januar 2008

Israelisch sozialisiert

Ich bin zu sehr israelisch sozialisiert. Das hat mir heute eine deutsche Bekannte erklärt, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich gerade aus Israel zurückkomme und dort zwei richtig gute Wochen verbracht habe. Ob es denn keine anderen Urlaubsziele mehr gäbe, ob ich die besonderen Gefahren einer Israel-Reise denn überhaupt nicht mehr bedenken würde und ob ich etwa meinem Mann zuliebe in dieses „Land im Kriegszustand“ reisen würde, hat sie mich sichtlich erschüttert gefragt.  Dass ich freiwillig und völlig angstfrei (was denn auch sonst?) dorthin gefahren bin, hat sie mit einem verständnislosen Kopfschütteln und der Diagnose der „israelischen Sozialisation“ quittiert – wobei ich das verständnislose Kopfschütteln von Nichtjuden mittlerweile auch schon als Standard-Reaktion erwarte.

Wahrscheinlich muss ich einfach mal wieder die Israel-Berichterstattung im deutschen Fernsehen beobachten. Was wird denn da bloß gezeigt und erzählt, so dass sich sogar eine weitgereiste und gebildete Frau wie eben diese Bekannte ein „Land im Kriegszustand“ vorstellt und mir solche Fragen stellt, die sich eher nach Irak anhören  – inklusive „Nicht ohne meine Tochter“-Szenario.

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Responses

  1. Mein Mitgefühl! Und mein Dank.

    Als deutsch-katholischer Nichtjude lebe ich nun bereits seit 18 guten Jahren in Israel; Ihren Fehler, zurückzufliegen, habe ich nie begangen, mea culpa.

    Doch kommen wir zu Ihrem letzten Abschnitt, dessen „wahrscheinlich“ mir nur allzu wahr scheint: Während des 1. Irakkrieges vor ein paar Jahren hat meine Verwandtschaft in D-Land die Hölle durchgemacht, weil ich einfach nicht aus dem „israelischen Kriegsgebiet“ nach Hause abreisen wollte. Dabei kündigten mir alle heimischen Versicherungen, während meine Familie von Warnungen höchster Ämter sprach.
    Und tatsächlich: Wenn ich auf die deutschen TV-Kanäle umschaltete, dann sah doch alles sehr bedrohlich aus in Israel, und die Kommentare erst – da konnte man es mit der Angst zu tun bekommen.
    Aber ein Blick aus meinem Fenster in Tel Aviv konnte da nicht mithalten, alles war ruhig, ohne je zu ruhig zu sein. Und in den kommenden Nächten sind wir nachts durch die Straßen gezogen, meine Freunde und ich, von einer Kneipe in die nächste, und wenn es Alarm gab, dann haben wir uns mitten auf die nächste Fahrbahn gestellt, mit unserem Bierglas in der Hand, haben auf das Unausweichliche gewartet, bis endlich mit Knall und Feuerzauber eine US-Patriot hoch oben Saddams Scud-Rakete auseinander nahm. Gejubelt haben wir, Silvesterstimmung kam auf. Und ein bisschen schlechtes Gewissen auch, weil in D-Land die Familie vor der Glotze saß und sich mit großen Sorgen alles mitansah, aus einer schier unglaublichen Perspektive. So war das.
    Und ein wenig ist es wohl noch heute so.

    Mit bestem Gruß aus Israel,
    Katzenelson

  2. Man darf nie vergessen, dass in Deutschland eine unglaublich riesige Finanzindustrie mit der Angst der Leute aberwitzige Geschäfte macht. Das ist den Leuten in 50 Jahren TV-Berieselung eingebleut worden: Versicherungen, Renten, Angst vor allem, was irgendwie passieren könnte. Das weiß auch der Innenminister: Schäuble baut unseren Staat von einem Rechtsstaat in einen Vorbeugestaat um, in dem es außer der Angst vor allem und jedem keine Grundrechte mehr geben wird. Erwachsene, die mit Fahrradhelm & Aktentasche morgens zur S-Bahn radeln, beweisen es täglich: die Angst-Industrie hat uns fest im Griff. Es könnte immer alles passieren, und dagegen läßt sich nicht argumentieren.

    Am Besten: man ignoriert das und tut, was man selbst nach eigenem Augenmerk für richtig hält. Es lebt sich wirklich besser, wenn man die Kirche im Dorf läßt. Und ganz sicher wäre ich auch mit dem Glas Bier draußen auf der Straße, lieber Katzenelson.

  3. @Katzenelson, ich war damals auch in Israel und hatte eine sehr besorgte Familie in D. Wobei damals ja eine echte Gefahr bestand, eine Scud auf den Kopf zu bekommen. Heute, glaube ich, ist es eher so, dass die Leute die Bilder von Unruhen im Gaza-Streifen oder Anschlägen im Irak mit Israel verwechseln, so nach dem Motto: Palästinenser, Israelis, Iraker, egal, die sind doch irgendwie alle gleich und alle in derselben Gegend.

    @Thomas, ich sehe das genauso. Hier in D wird leider mittlerweile ein regelrechter Kult um „Sicherheit“ und „Absicherung“ betrieben, der leider von zu wenigen Leute öffentlich in Frage gestellt wird. Ich habe manchmal mehr „Angst“ vor den Folgen dieses Sicherheitswahns als vor den vermeintlichen Risiken und Gefahren, vor denen uns die Politik so „wohlmeinend“ zu schützend versucht.

  4. „Ich habe manchmal mehr “Angst” vor den Folgen dieses Sicherheitswahns als vor den vermeintlichen Risiken und Gefahren, vor denen uns die Politik so “wohlmeinend” zu schützend versucht.“

    liebe anna,

    schavua tov 🙂

    ich sehe das aehnlich. ehrlich gesagt moechte ich gar nicht wissen was in deutschland los waere wenn es auch nur einen bruchteil der bedrohung gaebe wie in israel. und das ueber so lange zeit ….

    viele gruesse,
    grenzgaenger

  5. Fliege hin, wohin Du möchtest u. wo es Dir gefällt, es ist DEIN Leben u. DU musst es leben, nicht Deine Bekannte! Deshalb kannst Du machen, was Dir gefällt.

    Ich ärgere mich auch immer darüber, wenn meine Tante über meinen Vater meckert, nur weil er mit 77 Jahren noch gerne arbeitet. Es ist sein Leben – wenn es ihm Spaß macht!!

    Das Leben ist zu kurz, genieße es, aber so wie Du es möchtest u. für richtig hälst. Wenn Du gerne nach Israel fliegst, dann mache es so oft wie möglich!! Punkt!

    lg Netty 🙂


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