Verfasst von: Anna | 26. Februar 2008

Faszination Schabbat

Gerade der Schabbat scheint auf am Judentum interessierte Menschen eine starke Anziehungskraft auszuüben. Das ist zumindest die Schlussfolgerung, die ich aus einigen Kommentaren ziehe, die auf meinen Beitrag „Autokauf – aber nicht am Samstag“ eingegangen sind. Mehrere Tage denke ich jetzt schon über dieses Phänomen nach – und verstehe es nicht. Was hat der Schabbat, was der Sonntag nicht hat? Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als der Sonntag in Deutschland ein Tag war, an dem man die Leute in feinen Sonntagskleidern in die Kirche gehen sah, an dem es zum Mittagessen einen opulenten Sonntagsbraten für die ganze Familie gab, an dem der Nachmittag in der Familie, mit Lesen und Spazierengehen verbracht wurde und an dem Wäschewaschen und Autoputzen verpönt war. Heute haben sich viele Gewohnheiten zwar geändert, aber vom Gesetzgeber her ist der Sonntag immer noch so weit geschützt, dass es dem Einzelnen möglich sein sollte,  die Arbeit und den Alltag ruhen zu lassen, in den Gottesdienst zu gehen, zu entspannen,  zu lesen, zu studieren. Das Christentum hat also einen wöchentlichen Ruhetag. Dafür braucht man das Judentum und den Schabbat also gar nicht. Im Gegenteil: in der Diaspora am Schabbat Entspannung zu finden, ist nicht leicht, wenn man sich zum Beispiel durch den samstäglichen Einkaufstrubel in der Innenstadt den Weg zur Synagoge bahnen muss. Oder wenn man jahrelang mit einer Fünf-Tage-Woche lebt, ohne eben jenen Samstag zum Einkaufen, zum Autowaschen, zum Ölwechsel machen, zur Teilnahme an Veranstaltungen im Sportverein, etc. pp. Größere Aktionen müssen abends nach der Arbeit stattfinden oder kosten unter der Woche einen Tag Urlaub. Das ist nicht immer so idyllisch – schon gar nicht, wenn man angestellt berufstätig ist und so an sich schon in ein enges Zeitkorsett gepresst wird. Deshalb noch einmal die Frage: Was ist für Nichtjuden das Faszinierende am jüdischen Schabbat, was der christliche Sonntag nicht hat?

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Responses

  1. Zum einen sicher, das er für Außenstehende funktioniert. Dazu kommt aber das er so etwas wie ein sicherer Ruhepunkt zu sein scheint.

    Am Sonntag ist die deutsche Kleinfamilie auf Reisen, zu den Verwandten oder den Höhepunkten des Lebens. Vielleicht auch um im Möbelhaus zu besichtigen, was man wirklich nicht kaufen möchte.

    Auch wenn jedem klar ist, das nur ein kleinerer Teil der Juden sich an den Schabbat hält ist es doch dieser Teil der idealisiert und beneidet wird.

    Du beklagst das du am Samstag nicht autokaufen kannst, ich das ich es muss oder das ich in dieses Möbelhaus muss.

    Natürlich könnte ich meinen Sonntag so handhaben wie du deinen Schabbat. Aber ich hab mindestens eine Million Gründe warum ich da nicht mache.

    Es geht also nicht um den realen Schabbat, es geht um eine ideale Vorstellung von diesem Schabbat.

    Oh Gott, ordne meine Tage, damit ich nicht Verantwortung für mich selbst übernehmen muss, wäre eine bösartige Umschreibung dieses Gedankens.

  2. Das von Dir angesprochene Phänomen beobachte ich ebenfalls – aber nicht nur in Richtung Schabbat. Als Katholik kann ich sagen: unsere Religion hat eigentlich alles, was der Mitteleuropäer braucht – man muss sich nur dran machen, den Schatz zu heben (so wie es ja auch nicht unbedingt darum geht, die Höchststrafe für Steuerhinterzieher anzuheben: man muss sie halt auch mal vollstrecken …).

    Seltsamerweise habe ich immer wieder mit Menschen zu tun, die mir stundenlang erzählen, wie schrecklich das Christentum ist, und der Papst gehört sowieso abgeschafft … wohingegen der Islam (der Hinduismus, der Buddhismus, der große Manitou) eigentlich die menschenfreundlichsten Religionen überhaupt seien. Ich habe mir angewöhnt, solchen Menschen ruhig zuzuhören, bis sie sich ausgeblubbert haben, und dann zu fragen: „Was suchst Du eigentlich?“. Wenn dann was kommt, ist’s gut: das ist schon mal eine Basis. Wenn nicht, ziehen sie weiter und belabern den nächsten.

    Scheinbar stimmt es ja, dass man mit einer individuellen Patchwork-Religion den persönlichen Bedürfnissen am nächsten kommt.

    Leider nur scheinbar: die (meisten) Menschen haben auch ein Bedürfnis nach Zusammenhalt und Gruppenzugehörigkeit – das läuft jeder Patchwork-Spiritualität zuwider. Deswegen nützt es nichts, Jude zu werden, weil man den Schabbat toll findet: das sind Sehnsüchte, die sich ohne das ganze Drumherum nicht leben lassen – vor allem nicht tagaus, tagein, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Im Christentum ist das genauso: man kann nicht immer nur die Kathedral-Gottesdienste im Dom besuchen und hören, was der Bischof lehrt, sondern muss „die Religion“ in seiner eigenen Gemeinde leben und dort mit den Leuten zusammen an einem guten Miteinander arbeiten. Fällt nicht immer leicht, aber wenn es gelingt, hat sich der Einsatz sehr gelohnt.

    Insofern sehe ich in der „Sehnsucht nach dem Schabbat“ eine gewisse Haltlosigkeit und Desorientiertheit des religiös ungebundenen Mitteleuropäers. Sich in das Jude-Sein so weit einzuarbeiten, dass man den Schabbat feiern kann, wie er Sinn macht: das dauert genauso lang, wie sich in das Christ-Sein einzuarbeiten und den Wert des Sonntags als Ruhetag spüren zu können. Die meisten hier sind ja schon Christen – also wieso so lage rummachen?

    Den Schabbat in Deutschland zu leben bedeutet schon Einiges an religiöser Überzeugung zu leben: immerhin ist der Schabbat am Samstag – und am Sonntag ist – per Gesetz – auch nicht viel los. Ob die Leute sich das so klar machen?

  3. Der „christliche“ Sonntag aus meinen Kindertagen bestand genau wie Du beschreibst aus „Sonntagskleid“…Kirchgang…Sonntagsbraten Spaziergängen… Ausflügen.
    Das „gute Kleid“ war sauber zu halten… die Predigt in der Kirche nicht wirklich kindgerecht… der Sonntagsbraten für mich ein Graus… Spaziergänge nicht wirklich ein Vergnügen.

    „Innere Ruhe“… Fehlanzeige…

    Faszinierend am Schabbat finde ich, dass vom Anzünden der Kerzen bis hin zum Riechen an den Gewürzen alles einen direkten Bezug zum Glauben hat.
    Jedes Kind weiß, warum kein Feuer gemacht werden darf… oder nichts aus dem Haus getragen wird. Das Wissen um das „Warum“ ergibt ein völlig anderes Bewußtsein.

    Und dieses „andere Bewußtsein“ ist deutlich spürbar.
    Es ist schwierig in Worte zu fassen, da es ein starkes Gefühl ist… eine ganz besondere Atmosphäre, die am Schabbat in jüdischen Gemeinden geistig, emotional und körperlich fühlbar wird.

  4. B“H

    Deine Frage kommt sicher auch darauf an, ob Du einen Juden oder einen Nichtjuden fragst.

    Fuer mich ist der Schabbat der Ruhetag, eben weil es die Thora so bestimmt.
    Schabbat bedeutet aber nicht nur die tolle grosse Ruhe, sondern, wie Du weisst, haben wir viele Mitzwot (Gesetze). Das beginnt mit dem Vorkochen fuer den Schabbat bis hin zum eventuellen Synagogenbesuch.

    Ich schreibe hier eventuell, denn viele Frauen gehen freitags abends nicht in die Synagoge.

    Fuer mich haengt der Schabbat sehr viel mit Spiritualitaet zusammen. Ich gehe liebend gerne in chassidische Synagogen, in denen grossartige G – ttesdienste mit euphorischem Beten stattfinden. Soetwas ist mir sehr wichtig. Danach geht es weiter mit Kiddush und dem Essen bis hin zur traditionellen dritten Mahlzeit.

    Ein juedisch – relig. Schabbat steht bei mir absolut im Vordergrund. Aber wie gesagt, es kommt darauf an, wem Du Deine Frage stellst.

    Miriam, die den Schabbat in Jerusalem begeht. 🙂

  5. Hier in England sind die Geschäfte 7 Tage in der Woche geöffnet, hier gibt es eigentlich gar keinen Ruhetag!

  6. In einem Land, in dem die Geschäfte 7 Tage die Woche geöffnet sind, wie Netty schreibt, kann ich tatsächlich verstehen, wenn sich Nichtjuden für den Schabbat begeistern. Aber ansonsten denke ich auch, wie einige von euch schreiben, dass hier idealisiert wird. Denn in Wirklichkeit wird der Schabbat ja von vielen Juden nicht oder nur eingeschränkt gehalten, und gerade auch in Israel ist am Schabbat reger Ausflugs- und Freizeitverkehr auf den Straßen.

  7. „Denn in Wirklichkeit wird der Schabbat ja von vielen Juden nicht oder nur eingeschränkt gehalten, und gerade auch in Israel ist am Schabbat reger Ausflugs- und Freizeitverkehr auf den Straßen.“

    aber das meinen die nichtjuden nicht, die vom schabbes schwärmen. die meinen schon den „richtigen“ schabbes.
    ich denke nicht, dass der schabbes idealisiert wird. er ist schon ideal, wenn er ideal gehalten wird. bei uns ist der schabbes wirklich eingespannt zwischen hadlakat nerot und hawdala und sonst gibt es einfach nichts. wir haben immer gäste – das ist wichtig -und gehen in schul – auch das ist sehr wichtig. das heisst, es gibt koordinaten, die den tag bzw. den vorabend strukturieren. es geht nicht nur um „leisure“, es wird gelernt, gedavent, gespielt, es gibt besonderes essen und kuchen und immer süssigkeiten für die kinder. der tag ist ein besonderer tag und unterscheidet sich in seinem so-sein von einem gewöhnlichen ferientag.
    und das, vermute ich, ist das, was nichtjuden – zu recht! – interessant finden. meine säkulare freundin, die in einem moshav aufgewachsen ist, ist davon gleichermaßen fasziniert. nichtjuden könnten das vermutlich auch in ihrer eigenen religion finden, wie thomas schreibt, aber warum das nicht so ist, ist eine andere diskussion, die unter nichtjuden stattfinden muss…

  8. lieber spaet als nie kommt mein senf zur sache.

    prinzipiell hat anna recht. das was ich am schabbat so geniesse haette ich auch im sonntag finden koennen. habe ich aber nicht. weil ich den sinn des sonntags nicht verstanden habe. weil mir niemand den sinn des sonntags wirklich erklaert hat.

    im gijur war das anders: schon ziemlich am anfang wurde der sinn des schabbat diskutiert.

    warum kerzen angezuendet werden, warum des die verbote am schabbat gibt usw.

    der rabbiner hat es so erklaert das ich es gleich verstanden habe. und weil ich es verstanden habe lebe ich den schabbat so wie ich es gelernt habe. und geniesse es.

    es ist kaum in worte zu fassen. das faengt schon beim betreten der schul an, ich kann susanne nur voll und ganz zustimmen.

    und dann ist da natuerlich die sache des bundes g“ttes mit dem volk israel. ein besonderes zeichen dieses bundes ist eben der schabbat. so habe ich es gelernt.

    liebe gruesse,
    der grenzgaenger

  9. @grenzgaenger, schön, dass du dich noch meldest! Ich nehme an, dir und deinem Zahn geht es wieder besser?
    Sag, haben wir etwas verpasst: im gijur war das anders … kann man dir schon gratulieren?

  10. liebe anna,

    in aller eile (muss zum schiur): noch kannst du nicht gratulieren. aber bald. das „nur“ erklaert sich dadurch das ich das gefuehl habe der anfang des fadens ist schon so lange her und dadurch das ich zur zeit den stoff intensiv wiederhole und der termin beim beth din beantragt ist. (ich bin liberal geblieben).

    herzliche gruesse,
    der grenzgaenger

  11. Bei uns ist auch 7 tage fast alles auf. Und ich bin froh den Shabbes zu haben, wenn es auch oft etwas Stress in der Vorbereitung bedeutet. Der ist dann beim Kerzenanzünden verschwunden und OnegShabbat stellt sich ein. Liebe Anna, Dir und Deinem Mann Shabbat Shalom ve Rosh Chodesh sameach ( wobei Angesicht der Ereignisse in Israel wir gar nicht fröhlich sind). die mischpoke aus Schweden

  12. Liebe Anna!

    Ich versteh´s auch nicht (die Faszination für den Schobbes bei Nichtjuden- womit ich dich ja dann widerum verstehe). Für mich als Katholik beginnt der Sonntag natürlich mit der Vesper/Sonnenuntergang am Samstag, (ab da darf z.B. aktuell nicht mehr gefastet werden), gerne verbrennen wir abends Weihrauch, dann am Sonntag Messe (Frühschoppen), gemeinsames Mittagessen, Ruhe (auf keinen Fall verkaufsoffenen Sonntage).

    Ein Punkt ist allerdings anders:

    Die Begründung des Sonntags ist nicht so sehr Ruhe, sondern Freude über die Auferstehung Christi am ersten Tag der Woche. Wenn einem dieser Zugang fehlt, ist der christliche Sonntag natürlich (vor allem für Karteileichen) nicht sinnstiftend –

    und jetzt kümmern wir uns nächste Woche je eigen um taanit Esther, Karfreitag. Purim und Ostern.

  13. „Die Begründung des Sonntags ist nicht so sehr Ruhe, sondern Freude über die Auferstehung Christi am ersten Tag der Woche. Wenn einem dieser Zugang fehlt, ist der christliche Sonntag natürlich (vor allem für Karteileichen) nicht sinnstiftend“

    Wenn das so ist, dann wird mir natürlich so einiges klarer. Danke für den Hinweis!

  14. @Thomas

    „Ich habe mir angewöhnt, solchen Menschen ruhig zuzuhören, bis sie sich ausgeblubbert haben …. Wenn nicht, ziehen sie weiter und belabern den nächsten. “

    Dich würde ich mir jetzt ehrlich gesagt nicht grade als Seelsorger wünschen. Schließlich glaubt dein Gegenüber das du Ihn/Sie ernst nimmst. Aber deine Worte hier zeigen was du beim „zuhören“ wirklich über deine Mitmenschen denkst…

    Blub blub blub… ich blubber dann wohl auch besser wo anders weiter…

  15. kennst du zufaellig literatur zum the „die entwicklung des schabbatgottesdienstes in deutschland“? mit der reformbewegung hat ja der schabbatgottesdienst einige veraenderungen im laufe der deutschen geschichte erlebt…

  16. @Juval, so aus dem Stehgreif leider nicht.

    Aber vielleicht einer meiner Leser?

  17. @juval

    hab‘ mir gerade dein blog angesehen- du bist doch in jerusalem am huc.
    dort gibt es doch sicher eine grössere bibliothek. bin mir ziemlich sicher, dass du dort am besten fündig werden kannst!


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