Verfasst von: Anna | 17. März 2008

Jüdisch, religiös, erwachsen, unverheiratet

Das ist nicht der Anfang einer Kontaktanzeige, sondern eine Kombination von Eigenschaften, die zumindest in religiöser Hinsicht auf die Dauer ziemlich frustrierend sein muss. Das Judentum ist nämlich keine Religion, die sich darin erfüllt, dass man in die Synagoge geht, die Gebete spricht, koscher isst und im Umgang mit den Mitmenschen ethische Prinzipien pflegt. Das Judentum lebt vor allem in und mit der Familie. Das gemeinsame Essen am Schabbat und der Seder-Abend an Pessach sind, um nur einmal zwei bekannte Beispiele zu nennen, wichtige Bestandteile des jüdischen Lebens, die man als Single kaum mit sich allein veranstalten kann. Während man bei den einmal im Jahr stattfindenden Ereignissen wie dem Pessach-Seder noch in der Gemeinde, bei Verwandten oder Freunden unterkommen kann, lässt sich für den wöchentlich wiederkehrenden Schabbat kaum regelmäßig eine adäquate Alternative für die vertraute, warme Atmosphäre in der eigenen Familie finden. Leute, die religiös leben wollen, müssen sich darüber im klaren sein, dass sie, wenn sie nicht heiraten, einen wesentlichen Aspekt des jüdischen Lebens verpassen werden. Vor allem Leute, die mich auf einen Übertritt zum Judentum ansprechen, weise ich immer wieder darauf hin, dass sie die Bedeutung des Familienlebens im Judentum bloß nicht unterschätzen sollen. Wer religiös leben will, sollte bald nach dem Übertritt (oder bei geborenen Juden: nach der Entscheidung für ein religiöses Leben) die Gründung einer Familie als nächstes Lebensziel anvisieren. Selbstgewähltes Alleinsein oder gar Seder- und Schabbat-Hopping sind auf die Dauer kein befriedigender Ersatz für ein eigenes jüdisches Familienleben.

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Responses

  1. Das, was Du beschreibst (und eine gute Portion Druck der Familie), ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es so viele Jewish Single events und dating sites gibt (zumindest hier in England und USA). Das scheint aber nicht soviel zu nuetzen: Die Mehrheit meiner juedischen Bekannten ist entweder single oder married-out (sorry, no idea what that is in German) und versucht nach wie vor ein juedisch religioeses Leben (mit verschiedenen Observanzstufen) zu leben.

  2. hi anna,

    schoen mal wieder was von dir zu lesen. klasse, weiter so !

    ich mache die gleiche beobachtung wie yael. die meisten meiner juedischen bekannten sind auch singles, einige davon ueberzeugt und 100%. die sind noch von meinem 1. rabbiner beeinflusst der ja auch bewusst alleinstehend war. nun hat er aus anderem grund einen nachfolger, verheiratet, zwei kinder der die ueberzeugung vermittelt bei diesem thema sollte jeder selbst entscheiden was er macht, er wuerde keine empfehlung geben. bestimmt will er hinterher nicht fuer aerger verantwortlich gemacht werden 🙂

    herzliche gruesse,
    der grenzgaenger


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