Verfasst von: Anna | 22. März 2008

Christen, Juden und das Gespräch über das Neue Testament

An einer anderen Stelle auf meinem Blog hat Leser Christian mir einen Kommentar geschrieben, den ich hier in einem eigenen Beitrag noch einmal aufgreifen will.

Der Ausgangspunkt ist die Behauptung von Leserin Astrid, dass das Neue Testament ein „jüdisches Buch“ sei. Leserin Schoschana und ich haben diese Einschätzung aus unserer jüdischen Sicht sachlich bestritten. Daraufhin schreibt Christian folgendes:

„Ich finde es lediglich bedauerlich festzustellen, dass einige Juden, denen ich begegnet bin, die das Neue Testament […] inhaltlich ablehnen, auch ansonsten kein gutes Haar daran lassen. Damit meine ich deine und Schoschanas – aus meiner Sicht – ungerechtfertigten Verriss des Neuen Bundes. Ich lese dein Blog gerne, und bin froh, hier mit dir und anderen Juden Gedanken austauschen zu dürfen; in meinem persönlichen Umfeld habe ich nämlichen keine deutschen jüdischen Kontakte; mehr in Israel und den USA.“

Christian bringt hier also seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass einige Juden in seiner Umgebung negativ auf das Thema „Neues Testament“ reagiert haben. Ich weiß nicht, mit welcher Absicht er mit diesen Leuten über das Neue Testament gesprochen hat und welche Antworten er erwartet hat. Ich weiß aber, welche Gefahren in solchen Gesprächen lauern und wie heftig („ungerechtfertigter Verriss des Neuen Bundes“) die Enttäuschung auf christlicher Seite ausfallen kann, wenn die beteiligten Juden sich nicht auf eine Diskussion auf der Grundlage der christlichen Sichtweise einlassen und, wenn überhaupt, lieber ihre jüdische Sicht der Dinge zum Ausdruck bringen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass das theologische Gespräch suchende Christen oft drei Punkte außer Acht lassen:

  1. Das Neue Testament ist eine dem Judentum fremde heilige Schrift einer anderen Religion. Ein Jude wird das Neue Testament im Rahmen seiner religiösen Studien normalerweise nicht lesen, um herauszufinden, ob Jesus nicht etwa doch der Messias ist, denn diese Frage ist jüdischerseits bereits vor 2000 Jahren entschieden worden. Ein Jude, der das Neue Testament überhaupt liest, wird dies also aus der gleichen Motivation tun, aus der ein Christ den Koran oder die Lehren Buddhas liest:  zum Zwecke der Information und der Allgemeinbildung oder im Rahmen eines wissenschaftlichen Studiums. 
  2. Die Inhalte des Neuen Testaments laufen den jüdischen Glaubensprinzipien total zuwider: die Vorstellungen von Jesus als dem erwarteten Messias und von einem Mensch gewordenen Gott sind dem Judentum fremd, so fremd, dass der Islam dem Judentum sogar noch näher steht. Nicht wenige Juden betrachten die Verehrung Jesu als Gott sogar als Götzendienst.
  3. Historisch ist das Neue Testament für die Juden in Europa mit Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung und Tod verbunden. Unter dem christlichen Antijudaismus haben Juden fast zweitausend Jahre lang gelitten. Offenheit und Interesse für Gespräche über die christliche Lehre gehen allein schon deshalb oft gegen Null, sind von einer negativen Grundhaltung getragen oder werden aus Furcht vor Mission abgeblockt.

Daraus folgt: Wer als Christ für die Meinung seines jüdischen Gesprächspartners nicht wirklich erwartungslos offen ist und mit etwaigem Desinteresse und offener Ablehnung nicht gut umgehen kann, sollte auf Gespräche mit Juden über das Neue Testament besser verzichten. Juden werden solche Gespräche, so hart das klingen mag, im Normalfall sowieso nicht vermissen.

In diesem Sinne: eine gute Woche!

Anna

NACHTRAG: Dieser Beitrag ist keine Einladung zur Darstellung und Diskussion christlicher Themen hier auf diesem Blog. „mittendrin“ ist eine jüdische Plattform und weder eine Informationsstelle zum Thema „Judentum für Christen“ noch ein Forum für Gespräche über das Christentum mit Juden. Auch wenn bei einigen von euch das Thema Christen-Juden-Jesus jetzt an Ostern wieder einmal hoch im Kurs zu stehen scheint: das Blog „mittendrin“ steht dafür nicht zur Verfügung, und entsprechende Kommentare werden gelöscht.

Advertisements

Responses

  1. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen wollen als Anna.

    Die grundsätzliche Definition dieses „Jesus Christus“ erfolgt im NT vor allem dadurch, das er als Gegenpol zum Judentum beschrieben wird. Alles was schlecht ist, ist jüdisch und alles was gut ist, ist christlich.

    Ohne jetzt auf irgendeine Art von Göttlichkeit eingehen zu wollen, ist das beste Propaganda. Wenn ich heute über die Muslime lese, kann ich die ich im Prinzip überall in der Geschichte nachweisen, das genau die gleichen Vorwürfe irgendwann den Juden gemacht wurden.

    Für mich als Aussenstehenden sind die abrahamistischen Religionen alle auf einer Wurzel beruhend und in vielen Punkten auch in ihrer heutigen Ausprägung ähnlich. Das heißt nicht das es nicht genügend Unterschiede gäbe. Geschwister streiten sich bekanntlich viel besser oder gemeiner als Fremde.

    Die Gefahr liegt aber ganz woanders. Für das Christentum in all seinen Ausprägungen gehören Islam und Judentum zu den Verlorenen, zu den Nationen die das Himmelreich nur erringen können, wenn sie sich zum Christentum bekehren.

    Ich habe die große Angst, das in den Sack in dem zur Zeit die Muslime stecken, und auf den von allen Seiten eingeschlagen wird, auch noch genug Platz für die Juden ist.

    Wer glaubt, er könne für kurze Zeit mit dem rassistischen Wolf tanzen, um den Druck auf Israel abzumildern, könnte der Zweite sein, der nach dem Muslim gefressen wird.

  2. Hallo Anna,

    dachte im ersten Moment (Überschrift gelesen, und dann einen Namensvetter entdeckt) du meintest mich, wegen meines Kommentars zu „Christliche Pilger in Israel“. ^^

    Aber zum Thema: Die 3 Punkte stimmen natürlich. Es macht keinen Sinn, es ist unmöglich Judentum und Christentum irgendwie zusammenzuführen. Das würde auch keinen großen Sinn machen, m.E.. Ich muss sagen, finde die Themen von dir immer passend beschrieben. Wie eben auch, dass historisch gesehen, dass NT für das Judentum oftmals Unterdrückung und Verfolgung bedeutet hat. Ich habe mich erst letztens geärgert, als sich der Papst wieder einen Schnitzer erlaubt hatte im Ostergebet und (so wie ich es gelesen habe in unserer Dorfzeitung) eine alte Liturgie aufnahm, in der darum gebeten wird, die „verlorenen“ (oder so) Juden mögen sich „bekehren“. Das AT was (nach meiner Definition eines vernünftigen Christen) genauso zum Glauben eines Christen gehört, sagt uns ganz klar, dass die Juden G’ttes Volk sind. Um es kurz zu sagen, diese „christlichen“ Richtungen, die für den erwähnten Anitjudaismus verantwortlich sind, haben wie leider schon oft in der Geschichte die Bücher entweder gar nicht gelesen, oder nur, die Passagen die ihnen in ihren eigenen Kram passten. Traurig, aber wahr. Genauso wie diese dumpfsinnige und überflüssige Judas-Verräter-odernicht-Frage die zumindest manchen Theologen relativ wichtig erscheinen mag. Hier wird einfach wieder instrumentalisiert oder zumindest wieder der Blick von wesentlichen Fragen abgewendet.

    Gut, dass du das erwähnst, dass es hier nicht um jüdisch – christlichen Austausch gehen soll. Ich vermute, dass kommt daher, wie man diesen Blog findet, und dass einige vielleicht direkt draufloskommentieren. Ich habe den z.B. per Google mit „deutsch-jüdisches Forum“ gefunden. (Übrigens finde ich deinen Blogbeitrag zu diesem Thema, und vorallem das Thema „Judentumbegeisterte Christen“ sehr interessant und ehrlich/direkt geschrieben. Genauso eine Darstellung habe ich nämlich gesucht.) Insgesamt, muss man sich als Kommentarschreiber in einem Blog klar sein, dass Beiträge vom Betreiber auch gekürzt oder gelöscht werden können, ohne mit der Wimper zu zucken. 😉 Man schreibt ein Blog schließlich meist für sich selbst.

    Zu dem Kommentar von Jochen (über mir) möchte ich kurz anmerken:
    dass ich das ziemlich erschreckend finde (also die Tatsache, dass er diese Meinung hat), dass er solch ein Bild vom Christentum hat und dass es ein „Gegenpol“ zum Judentum sei, und sich auch noch offensiv gegen den Islam stelle. Das möchte ich mal einen großen Quatsch nennen. Ich schließe jedoch nicht kategorisch aus, dass es auch heute noch Christen gibt, die diesen Eindruck vermitteln könnten. Das ist ja letztlich DAS Problem, welches wohl leider auch das Zeitalter der Aufklärung nicht beheben konnte, dass egal wo und wie, es immer ein „gefährliches Halbwissen“ gibt und Leute sich gerne vorgefertigter Meinungen bedienen und nicht selbst nachlesen/nachforschen.

    Vorweg, ich habe keine richtige Ahnung von Koran, es gibt wohl aber die Stelle in der Juden als auch Christen als „Völker der Schrift“ bezeichnet werden. (Der Kontext ist weniger schön, aber sie werden so bezeichnet.) Das AT ist also schon als eine Art kleinster gemeinsamer Nenner zu sehen. Auch wenn im Christentum oft der Fehler gemacht wird, es nur als Prequel zum NT zu sehen. Aber das Christentum als Gegenpol (laut Jochen) zu sehen, ist m.E. falsch.

  3. Auch für mich ist das Christentum eine Fortentwicklung aus dem Judentum heraus: das neue Testament ist ein Buch für Christen, nicht für Juden.

    Es gab ganz im Anfang unter den Aposteln noch die Streitfrage, ob Christen beschnitten sein müßten, um sich Christen zu nennen. Damals ist diese Frage nach längeren Diskussionen mit „Nein“ beantwortet worden – und damit waren die Christen zunächst einmal aus den Synagogen draußen – und es war ihnen dann auch schon recht früh der „jüdische Nährboden“ entzogen: sie mußten sich um sich selber kümmern. Das war vor allem wohl auch der Grund für die Abfassung und Zusammenstellung des neuen Testaments.

    Eine „jüdische“ Schrift ist das nie gewesen – es heißt nur fast ähnlich wie das „Alte Testament“, und das ist aus christlicher Sicht auch nicht ganz unbeabsichtigt so. Es ist natürlich immer eine Schrift gewesen, die auch die Juden davon überzeugen sollte, dass der Messias bereits gekommen sei.

    Wenn man sich das mal konkret vor Augen führt: Angenommen, es entstünde eine neue Sekte, die zum „Neuen Testament“ noch ein „Ganz neues Testament“ hinzufügte, weil sie der Ansicht ist, das Karl-Heinz Meier der wiedergeborene Christus ist, der uns Christen in 33 Jahren zum Beispiel alle in den Himmel bringt, weil es so vorhergesagt ist. Klappt natürlich nicht, deswegen bleiben eine Menge Christen eben so, wie sie sind. Nach ein paar Jahrhunderten kommen dann ein paar Karl-Heinz-Meier-Christen an und wollen ernsthaft mit den Alt-Christen über ihr „ganz neues Testament“ diskutieren. Also ich denke, ich würd‘ sagen: die spinnen, deren Buch ist eine häretische Erweiterung und sollen sie doch glauben, was sie wollen.

    Ich denke, dass es nachvollziehbar ist, dass die Juden über das NT so denken wie die Christen über das Thomas-Evangelium: gehört nicht zu Sache, fertig.

  4. „es war ihnen dann auch schon recht früh der “jüdische Nährboden” entzogen“

    kleiner einwand: sie entzogen sich dem nährboden selbst.

  5. @Chris, wenn ich hier christlich-jüdischen Austausch zulassen würde, könnte ich mich hier ganz schnell nicht mehr retten vor Leuten, die entweder missionieren wollen oder mich über die jüdischen Wurzeln im Christentum anschwärmen wollen. Gerade vor Ostern kamen solche Kommentare vermehrt rein, seit Ostermontag war dann wieder Ruhe.

    @ Thomas, „Karl-Heinz-Meier-Christen“ – seeehr anschaulich beschrieben, das werde ich so schnell nicht vergessen 🙂

    @Schoschana, das hat Thomas doch so geschrieben, ich glaube, dein Einwand ist da gar nicht nötig.

  6. Liebe Anna,

    Danke, ich erröte. Obwohl der Terminus „Karl-Heinz-Meier-Christen“ vielleicht ein wenig abwertend klingt: es ist nur ein Beispiel mit beliebig eingesetztem Namen, um einen historischen Zusammenhang zu verdeutlichen. Das soll auf keinen Fall für die Christen die Person des Jesus von Nazareth herabsetzen: der war nicht irgendein Karl-Heinz Meier. Für die Juden bestimmt auch nicht, aber er hat eben für sie nicht diese Bedeutung.

    Ich bin Katholik, da so hineingewachsen und möchte es auch bleiben – das müssen auch die Zeugen Jehovas einsehen :-). Und ich sehe das wie Du: sogar einen auch nur ansatzweise angedeuteten Missionsversuch gegenüber Menschen, die in ihrer eigenen Religion verwurzelt sind, halte ich schon fast für ein Sakrileg. Zumindest aber für eine etwas fehlende Achtung gegenüber der Glaubensfreiheit des anderen – was mit dem Missionsgedanken ja immer ein wenig einhergeht. Aber genau betrachtet sollte Mission ja nicht auf Andersdenkende zielen, sondern auf die, die Fragen haben und nach Antworten suchen.

    Wo kämen wir hin, wenn die Heringe auf einmal postulieren würden, es gäbe ein Leben nur im Salzwasser: Dann wären die Heringe Könich und die Forellen würden alle jämmerlich zugrunde gehen. Vielleicht ist Gott in dieser Beziehung ein wenig so wie wir in Bezug auf die Fische: wer will denn auf die Schönheit, Kraft und Wendigkeit einer Regenbogenforelle (vom Geschmack mal ganz zu schweigen) verzichten, nur weil ein Hering behauptet, Fische könnten nur im Salzwasser leben? Also ich nicht.

  7. 1. Herr Hoff, starker Beitrag! Ich habe sogar mal vor einem Theologen-Kongress die Wette in den Raum geworfen, dass sich derzeit kein einziges, antimuslimisches „Argument“ fände, die nicht auch schon früher gegen Juden gerichtet worden wäre. (Wenige Beispiele: Das Judentum bzw. heute der Islam seien nur Werkreligionen, ihre Stifter hätten im Gegensatz zu Jesus Kriege geführt, sie würden durch das Schächten Tiere quälen, Frauen unterdrücken, sich nicht über Geschlechtergrenzen die Hand reichen, Parallelgesellschaften etablieren, sich für etwas Besseres halten, durch religiöse Kleidung provozieren, zu viele Kinder haben, Verschwörungen anzetteln etc. pp.) Bis heute ist keine Widerlegung eingetroffen…

    2. Anna, ich stimme Dir da zu – aus jüdisch-religiöser Sicht ist das NT kein „jüdisches Buch“. Christliche Ausleger des NT sollten jedoch die jüdischen Hintergründe der Zeit und meisten Verfasser zu kennen. Ein konkretes NT-Beispiel ist das Handeln des Rabbiners Gamaliel I. laut der Apostelgeschichte – er verteidigt die Religionsfreiheit der frühen Christen. Sinnigerweise konnten sich die Kirchen das bis vor Kurzem nur mit einer „heimlichen Taufe“ des großen Gelehrten erklären, zumal Paulus stolz war, bei ihm gelernt zu haben – er wurde als christlicher Heiliger geführt und verehrt!

    Erst in den interreligiös-wissenschaftlichen Dialogen des 20. Jahrhunderts wurde klar, dass es darauf keinerlei Anzeichen gibt und dass Gamaliels Größe und Eintreten für Religionsfreiheit aus seiner eigenen -der jüdischen- Religion stammte. Inzwischen ist klar (aber leider außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt), dass hier auch eine nichtjüdische Schrift die Bedeutung des Gelehrten rühmte – zu einem hochaktuellen Thema! So etwas ist nun wirklich selten…

    Siehe hier:
    http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/3858551/

    3. Schoschana, ich würde die Abspaltung des Christentums keiner Seite allein zuschreiben, sondern schon als eine wechelwirkende Selbst- und Fremdausgrenzung beschreiben. Die ersten „Christen“ verstanden sich als Juden, nichts sonst. Umso mehr sie aber (natürlich vor allem in der Einschätzung Jesu) vom Mainstream abwichen, mussten auch die Synagogengemeinden ihre Position abgrenzen, wenn sie ihre Identität nicht verlieren wollten – was wiederum diejenigen Christen stärkte, die ihre Glaubensbewegung stärker vom jüdischen Wurzelboden unterscheiden wollten usw. Ein tragischer und damals auch schmerzhafter Prozess, aber letztlich unvermeindlich, wenn beide Religionen überleben wollten. Deswegen ist m.E. auch keine Seite Schuld, der Prozess war -wenn erst einmal angestossen- eigentlich nicht mehr aufhaltbar.

    Danke, Anna, für den sicher für manche harten, aber notwendig-klärenden Beitrag – und den Kommentatoren für die interessante Diskussion!

  8. Hallo Anna,

    ich weiß jetzt nicht, ob du meinen Kommentar zulässt, ich wollte Astrid nur ein paar Details zum Maschiach geben (welche Kriterien der Maschiach erfüllen muss). In dem entsprechenden Blog soll man dazu nichts mehr schreiben, deswegen stelle ich das jetzt hier rein. Vielleicht kann man es ja auch verschieben.

    Kriterien, die der jüdischen Messias erfüllen muss

    In einer akkuraten Übersetzung der jüdischen Schriften wird das Wort „Moschiach“ niemals als „Messias“ übersetzt, sondern immer als „Gesalbter“. Nichts desto weniger hat das Judentum immer einen fundamentalen Glauben in eine messianische Figur bewahrt. Da die Vorstellung eines Messias eine Vorstellung ist, die G-tt den Juden gab, ist die jüdische Tradition am besten geeignet, den erwarteten Messias zu beschreiben und anzuerkennen. Diese Tradition hat ihre Wurzeln in zahlreichen Bibelstellen, von denen einige unten zitiert werden. Das Judentum versteht den Messias als ein menschliches Wesen (ohne Konnotationen von G-ttheit oder G-ttlichkeit), der in der Welt gewisse Veränderungen verursachen wird und der gewisse spezifische Kriterien erfüllen muss, bevor er als Messias anerkannt wird.

    Diese spezifischen Kriterien sind wie folgt:

    1. Er muß jüdisch sein. (Deuteronomium 17,15, Numeri 24,17)

    2. Er muß dem Stamm Judah angehören (Genesis 49,10) und ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König David (1. Chronik 17,11, Psalm 89,29-38; Jeremia 33,17; 2. Samuel 7,12-16) und König Salomon sein. (1. Chronik 22,10; 2. Chronik 7,18)

    3. Er muß das jüdische Volk aus dem Exil versammeln und nach Israel zurückbringen. (Jesaja 27,12-13; Jesaja 11,12)

    4. Er muß den Jüdischen Tempel in Jerusalem wieder aufbauen. (Micah 4,1)

    5. Er muß den Weltfrieden bringen. (Jesaja 2,4; Jesaja 11,6; Micah 4,3)

    6. Er muß die ganze Welt beeinflussen, den einen G-tt anzuerkennen und ihm zu dienen. (Jesaja 11,9; Jesaja 40,5; Zephania 3,9)

    Alle diese Kriterien für den Messias sind am besten im Kapitel 37,21-28 des Buches Ezechiel zusammengefaßt:

    „Und mein Knecht David wird über sie König sein, und ein Hirte wird sein für sie alle, und sie werden in meinen Rechtssprüchen wandeln, und meine Satzungen wahren und tun. Sie werden in dem Land leben, das ich Jakob, meinem Diener, gab… Ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der ihnen ewig bestehen bleibt, ich will sie halten und mehren, und mein Heiligtum gebe ich in ihre Mitte in Ewigkeit, meine Wohnstätte wird unter ihnen sein, und ich werde ihr G-tt sein und sie werden mein Volk sein. und daran werden die Völker sehen, dass ich es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum in ihrer Mitte bleibt, auf ewig.“ (Ezechiel 37,24-28)

    Wenn ein Mensch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, kann er nicht der Messias sein.
    Warum Jesus nicht der jüdische Messias
    Eine sorgfältige Analyse dieser Kriterien zeigt uns, daß obwohl Jesus jüdisch war, er keines der anderen Kriterien erfüllte. Die Betrachtung der widersprüchlichen Angaben über den Stammbaum Jesu präsentiert eine Reihe von Schwierigkeiten mit der Erfüllung des zweiten Kriteriums. In manchen Ausgaben des Neuen Testamentes wird dargestellt, Jesus habe keinen physischen Vater. Die jüdischen Schriften jedoch sagen deutlich aus, dass die Genealogie eines Menschen und seine Stammeszugehörigkeit nur durch seinen physischen Vater übertragen wird. (Numeri 1,18; Jeremia 33,17) Jesus kann dann unmöglich ein Nachkomme des Stammes Juda oder von König David und König Salomon sein.

    Es gibt noch weitere Probleme mit dem Versuch, die Abstammung von Jesus durch Josef, den Ehemann Marias (Jesu Mutter) nachzuweisen. Denn das Neue Testament sagt, Josef sei ein Nachkomme von König Jojachin (Konja), der in der hebräischen Bibel verflucht wird, niemals einen Nachkommen zu haben, „der auf dem Thron Davids sitzt und in Judah regiert“ (Jeremia 22,30), Josefs Genealogie, selbst wenn sie auf Jesus übertragbar wäre, würde nur dazu dienen, Jesus als Messias noch weiter zu disqualifizieren.

    Schließlich gibt es noch das Problem der widersprüchlichen Angaben der Genealogie Jesu in Matthäus, Kapitel 1 und Lukas, Kapitel 3. Die übliche christliche Erklärung dieses Widerspruches gibt an, daß die Ahnenreihe von Lukas die von Jesu Mutter sei. Dieses ist jedoch absolut ohne jede Grundlage, selbst im griechischen Original. Zusätzlich haben wir schon festgestellt, dass die Genealogie nur durch den Vater übertragen wird, und somit dieser Erklärungsversuch völlig irrelevant ist. Selbst wenn man seine Genealogie durch die Mutter verfolgen könnte, wäre das zusätzliche Problem, dass Lukas 3,31 Maria als Nachkomme von David durch Nathan auflistet, nicht durch Salomon selbst, wie es in der jüdischen Bibel 1. Chronik 22,10 prophezeit wird.

    Das dritte, vierte, fünfte und sechste Kriterium ist offensichtlich nicht erfüllt worden, weder zu Zeiten Jesu noch danach. Jede christliche Aussage, dass diese Kriterien in einer „Wiederkehr“ erfüllt werden, sind irrelevant, denn die Idee eines Messias, der zweimal kommt, hat keine Grundlage in der Schrift. Um es zusammenzufassen: Wir können nicht wissen, dass jemand der Messias ist, wenn er nicht alle der oben stehenden Kriterien erfüllt.

    Das christliche Verständnis vom Messias und Jesus unterscheidet sich stark von der jüdischbiblischen Ansicht. Diese Unterschiede entwickelten sich aufgrund des Einflusses der Das Wort Kirche (griech. kyriaké: „dem Herrn gehörig“) bezeichnet:

    in der klassischen Antike die Bürgerversammlung einer Polis (hinsichtlich des Begriffs ekklesia) ursprünglich die Gemeinschaft aller Christen, gleichbedeutend mit dem theologischen Begriff „Leib Christi“ die einer bestimmten Konfession zugehörige, in einer festen Organisationsform zusammengeschlossene christliche Glaubensgemeinschaft ein Gebäude welches der Versammlung der Glieder einer christlichen Gemeinde dient, siehe Kirchengebäude umgangssprachlich der christliche Gottesdienst.

    Das Wort Kirche (griech. kyriaké: „dem Herrn gehörig“) bezeichnet:
    in der klassischen Antike die Bürgerversammlung einer Polis (hinsichtlich des Begriffs ekklesia) ursprünglich die Gemeinschaft aller Christen, gleichbedeutend mit dem theologischen Begriff „Leib Christi“ die einer bestimmten Konfession zugehörige, in einer festen Organisationsform zusammengeschlossene christliche Glaubensgemeinschaft ein Gebäude welches der Versammlung der Glieder einer christlichen Gemeinde dient, siehe Kirchengebäude umgangssprachlich der christliche Gottesdienst.

    „Kirche während der Zeit des Kaisers Konstantin und dem Konzil von Nizäa, in dem das Nizänische Bekenntnis in 325 d.Z. verabschiedet wurde. Der Messias war niemals als jemand gedacht, der angebetet werden sollte. Seine primäre Mission und Errungenschaft ist es, den Weltfrieden zu bringen und die Welt mit dem Wissen und der Erkenntnis des einen G-ttes zu füllen.

    Dieser Text ist ein Auszug aus dem Handbuch gegen Judenmission „Die jüdische Antwort an Missionare“ von Rabbi Bentzion Kravitz. Veröffenlicht und Vertrieben durch:

    JEWS FOR JUDAISM
    2795 BATHURST ST., P.0. BOX 41032 TORONTO, ONTARIO CANADA M6B 4J6 TEL. +1 (905) 761-0040 • FAX +1 (905) 761-0070
    E-MAIL: TORONTO@JEWSFORJUDAISM.ORG

  9. @michael blume

    nein, hier muss ich wiedersprechen ;).
    die frage ist tatsächlich die, was es bedeutet, vom „mainstream“ abzuweichen. das judentum ist hier nämlich sehr flexibel und auch tolerant. so gibt es seit dem entstehen des chassidismus ein schisma zwischen litvakim und chassidim, welches bis heute nicht richtig aufgehoben ist, welches jedoch nicht dazu geführt hat, dass die chassidim nicht mehr als juden angesehen werden. dito ist es mit der gruppe der chabad-chassidim, die bekanntermassen innerhalb sich selbst eine gruppe haben, die ihren verstorbenen rebben (r‘ menachem mendel scheerson) als moshiach ansehen. selbst dies hat nicht zu einem bruch mit dieser gruppe geführt, solange die gruppe sich im halachischen rahmen bewährt (d.h. brit mila einhält, kidduschin und gittin lefi halacha durchführt u.a.). mit falschen messiassen hat sich das judentum ohnehin schon mehrfach konfrontiert gesehen, hat darin also einige übung 😉 und dieser fakt allein hat nie zum abbruch der beziehungen geführt. der abbruch der beziehungen trat dann ein, wenn die subgruppe sich nicht mehr an die halachischen essentials hielt.
    wir wissen, dass die christen ab einem bestimmten punkt beispielsweise keine brit mila mehr durchgeführt haben. allein dies verwehrt neuzugängen – und viele der zum christentum dann bekehrten menschen kamen ja aus anderen völkern und nicht mehr aus dem jüdischen volk – den beitritt zum judentum. d.h. hier entsteht eine gesellschaft, die tatsächlich etwas neues ist und sich nicht mehr als eine der vielen strömungen des judentums ansehen lässt, und dieses wissen, dass man mit der vernachlässigung halachischer „tops“ das judentum verlässt, wird auch den menschen, die in der damaligen zeit aktiv und verantwortlich in der mission agiert haben, bewusst gewesen sein.

  10. @ Schoschana

    Ich finde gar nicht, dass Du widersprochen hast!
    Wir liegen womöglich recht dicht beieinander! (-;

    Allein die Benennung Jesu zum Messias macht noch keinen Trennungsgrund – das habe ich auch nicht behauptet. Aber der Glaube, dass mit Jesus auch eine Gemeinschaft ohne Beschneidung, Speisegebote usw. möglich werde, führt natürlich von der Halacha weg. Nur erfuhren das die frühen Glaubenden wohl kaum als „Verlassen“ einer Tradition, sondern als Erfüllung von Prophezeiungen, glaubte man doch an das unmittelbar bevorstehende Weltenende.

    Dabei war der Verzicht auf halachische Anforderungen unter den ersten Judenchristen keinesfalls Allgemeingut, es gab (auch in der Apostelgeschichte berichtet) erbitterte Debatten darüber. Aber nachdem ein Flügel (nicht zuletzt Paulus) die entsprechende Öffnung vollzogen hatten, gerieten diejenigen, die an halachischen Vorschriften festhalten wollten, zwischen die Mühlen. Aber sogar noch im 4.Jahrhundert gab es Christen, die statt des Sonntags den Sabbat heiligen wollten und entsprechende Rückbesinnungen (meist nur auf Einzelaspekte) brachen immer wieder auf.

    Man kann das Ganze tragisch lesen, ich bin aber der Auffassung, dass nur durch die Trennung auch beide Religionen überleben (und ihre jeweiligen Aufgaben erfüllen?) konnten. Hätten sich nicht einige Flügel der frühen Jesusnachfolger geöffnet, wäre das Christentum (der Monotheismus?) kaum vergleichbar schnell zur Weltreligion aufgestiegen. Und hätten die jüdischen Gemeinden nicht die Notbremse gezogen und ihre eigene Identität abgegrenzt, wäre das Judentum ggf. assimiliert worden (wie es ja auch immer wieder versucht wurde). Ganz ähnliche Streitigkeiten finden wir z.B. zwischen Hindus und Sikhs, Hindus und Buddhisten u.v.m.

    Langer Rede, kurzer Sinn: Ich denke, es schadet nicht, die gemeinsame Geschichte und verbliebene Gemeinsamkeiten immer mal wieder zu reflektieren – aber letztlich müssen sich Juden und Christen als Angehörige unterschiedlicher Religionen anerkennen. Und „gutmeinende“ Christen sollten aufhören, Juden quasi nachträglich umarmend eingemeinden zu wollen – das wird beiden Religionen nicht gerecht. Deutschland wird vielfältig, daran müssen sich halt viele noch gewöhnen… (-;

  11. „aber letztlich müssen sich Juden und Christen als Angehörige unterschiedlicher Religionen anerkennen.“

    richtig. und christen müssen verstehen, dass sie das judentum brauchen, um ihre wurzeln zu verstehen – aber dass das judentum das christentum nicht braucht. für quasi gar nichts.

  12. @Schoschana: Du hast völlig recht, dass Christen, um ihre Wurzeln zu verstehen, auf das Judentum angewiesen sind und diesem deshalb respektvollen Dank schulden, während umgekehrt das Judentum gegenüber dem Christentum zu gar nichts verpflichtet ist.

    @Anna: Deine Aussage, dass das Neue Testament eine dem Judentum fremde heilige Schrift einer andern Religion ist, weil 1. im Judentum die Frage nach dem Messiasanspruch von Jesus vor 2000 Jahren entschieden wurde, 2. seine Verehrung als Gott im Judentum als Götzendienst betrachtet wird, und 3. nur schon das Gespräch darüber durch die langjährige Geschichte des christlichen Antijudaiismus negativ belastet ist, stimmt überein mit dem, was Paulus in 1.Kor 1,23 aus eigener Erfahrung sagt, nämlich dass die Botschaft von Rettung durch den Glauben an einen Gekreuzigten für Juden ein Anstoss und für Nichtjuden eine Torheit ist. Du hast völlig recht, dass Christen sich dieser Tatschen bewusst sein sollten, um die normalerweise abblockende Haltung bis offene Ablehnung dem Neuen Testament gegenüber respektvoll stehenzulassen.

    Das Gebot der Nächstenliebe scheint uns beiden nicht so leicht zu fallen, denn obwohl in Wajikra 19,17 steht: Du sollst deinen Nächsten nicht hassen in deinem Herzen, betet der Psalmdichter Dawid in Psalm 35,19: Laß nicht über mich frohlocken, die mir ohne Grund feind sind, noch mit den Augen zwinkern, die ohne Ursache mich hassen.

    Jesaia beschreibt in Kap 30,11 solche, die sprechen: „Laßt uns in Ruhe mit dem Heiligen Israels!“ In Kap 29,19 hingegen schreibt er von Armen unter den Menschen, die jubeln über den Heiligen Israels. Kann es sein, dass der Heilige Israels damals schon ein Thema war, das die Gemüter aufwallen liess sogar auf Kosten der Nächstenliebe, wenn in Kap 66,5 zu denen, die vor dem Wort des Ewigen zittern, gesagt wird: Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen um meines Namens willen: Der Ewige erweise sich herrlich, damit wir auf eure Freude sehen können?


Kategorien