Verfasst von: Anna | 6. April 2008

Die Kopfbedeckung bei jüdischen Frauen

Jüdische Frauen tragen, sofern sie verheiratet, geschieden oder verwitwet sind und religiös leben, eine Kopfbedeckung. Das kann eine Kappe, ein Hut, eine Perücke oder auch ein Kopftuch sein. Eine Leserin hat mich nun gefragt, ob jüdischen Frauen in Deutschland, die ihre Haare bedecken, die gleiche Intoleranz entgegenschlägt wie den muslimischen, kopftuchtragenden Frauen. Ehrlich gesagt ist das nicht so einfach zu beantworten. Erstens sehen nämlich die jüdischen Kopfbedeckungen ganz anders aus als die muslimischen. Es gibt zwar auch das Kopftuch (hier schön anzuschauen), aber in Deutschland habe ich noch keine jüdische Frau mit Kopftuch außerhalb der Synagoge gesehen. Die üblichen Kopfbedeckungen von jüdischen Frauen sind für den Außenstehenden eher unauffällig: eine Perücke ist eine Perücke, und eine Kappe oder ein Hut sind modische Accessoires, die auch von nichtjüdischen Frauen und ohne religiöse Motivation getragen werden können. Darüber hinaus gibt es nur wenige jüdische Frauen in Deutschland, die so observant leben, dass sie in der Öffentlichkeit eine Kopfbedeckung tragen. Und von diesen wenigen ist anscheinend keine im staatlichen Schuldienst oder als hessische Beamtin tätig. Die deutsche Öffentlichkeit braucht sich also gar nicht mit der jüdischen Kopfbedeckung zu beschäftigen und kann sich ganz in Ruhe auf die Stimmungsmache gegen die islamische Kopfbedeckung konzentrieren. Interessant wird es erst werden, wenn einmal eine jüdische Lehrerin oder sonstige Beamtin in Hessen auf ihrer Kopfbedeckung besteht: dann werden die deutschen Politiker und die deutsche Öffentlichkeit Farbe bekennen müssen, ob es ihnen nur um die Ablehnung des Islams geht oder ob eine echte staatliche Neutralität gewünscht wird, in der die Symbole aller Religionen im öffentlichen Dienst verboten sind.

Ich persönlich habe noch keine Probleme mit der Kopfbedeckung gehabt. Ich bedecke meine Haare aber auch nicht immer, wenn ich draußen bin. Vor allem an meinem Arbeitsplatz trage ich keine Kopfbedeckung. Ich will es einfach nicht. Ich müsste mir mit einer Kopfbedeckung im Beruf noch weitere Einschränkungen auferlegen, die ich für schlichtweg unvereinbar mit den hier üblichen Gepflogenheiten im Geschäftsleben halte. Wenn ich so religiös leben wollte, dass ich nur noch mit Kopfbedeckung arbeiten kann, dann dürfte ich nämlich auch meinen männlichen Kollegen nicht mehr die Hand geben und könnte mit keinem Kollegen oder gar Vorgesetzten kein vertrauliches Gespräch mehr hinter geschlossenen Türen führen. Das würde mir definitiv zu weit gehen. Ich will nicht jedem Kollegen, mit dem ich mal zu tun habe, die Umgangsregeln zwischen den Geschlechtern im Judentum erklären müssen, und ich will meine nichtjüdischen Kollegen auch gar nicht dazu nötigen, sich in ihrem eigenen Verhalten so weit an meine Minderheitenbedürfnisse anzupassen. Deshalb trage ich eine Kopfbedeckung ausschließlich im Privatleben – wozu dann aber meistens auch schon der Weg zur Arbeit und zurück gehört. Ich nehme meistens so eine Art Bandana, im Sommer oft auch mal eine Schildkappe und im Winter oft einfach einen großen Schal. In der Synagoge und für die zentralen religiösen Handlungen wie zum Beispiel Kerzenzünden trage ich generell ein Kopftuch, da ich dort dann wirklich Wert darauf lege, dass die Haare auch alle schön bedeckt sind 😉

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Responses

  1. Kopftuch und Geschlechtertrennung in Deutschland zu praktizieren ist wirklich sehr schwierig – da kann ich dir nur zustimmen. Mein Mann hat es mal gewagt einer Frau nicht die Hand zu geben – das wurde ihm nie verziehen, obwohl er sich sehr bemüht hat der Dame die Gründe für seine Zurückhaltung darzulegen…

  2. Sehr interessanter Beitrag. Hier in England gibt es natuerlich eine ganze Reihe juedischer observanter Frauen, die auch zur Arbeit eine Kopfbedeckung tragen. Ich selber habe ich dagegen entschieden, so ziemlich aus den gleichen Gruenden wie Anna. Zum letzten Absatz des Beitrags moechte noch hinzufuegen, dass es Interpretationssache in Bezug auf die relevant Talmudstelle (kann ich gerne noch mal nach gucken- habe gerade nicht zur Hand), ob Frauen den „Kopf“ oder die „Haare“ bedecken sollten. Daraus ergeben sich dann natuerlich eine Reihe von Konsequenzen zur entsprechenden Bedeckung. Ich selber mag Bandanas oder Berets am liebsten, das scheint hier auch bei vielen juengeren Frauen „in“ zu sein. Huete sind immer gleich so formal…

  3. sobald ich im gespräch jemanden darauf hinweise, dass auch jüdische frauen eine kopfbedeckung tragen – und zwar aus dem gleichen grund wie die musliminen – wird’s ganz still. da zählen die argumente, die man vorher gegen das muslimische kopftuch ins feld geführt hat, plötzlich gar nichts mehr… schon eigenartig.

    ich persönlich trage immer kisui rosh. ich gehe sehr offen damit um, und so sind alle, bei der arbeit und sonstwo daran gewöhnt. es würde wahrscheinlich eher auffallen, wenn ich mal KEINE tragen würde ;).

  4. Hallo, Anna,

    spät, aber doch 😉 möchte ich mich herzlich für die ausführliche Antwort bedanken! Hier in Wien, in der Leopoldstadt, wo ich lebe, sieht man übrigens gar nicht so wenige jüdische Frauen mit (oft sehr hübschen, modischen) Kopftüchern auf der Straße – allerdings glaube ich nicht, dass eine von ihnen im Staatsdienst tätig ist.

    Viele Grüße, Cynthia

  5. Also in wien tragen viele Frauen Kopfbedeckung und sei es ein grauslicher Hut.

  6. Und warum nicht einen Scheitel tragen?
    Wäre das nicht eine Option, gerade auch für junge Damen?

  7. @Rachel, ist so ein Scheitel nicht furchtbar unbequem? Und warm, vor allem im Sommer?

  8. Ganz im Gegenteil. Es ist wie eine Isolation gegen die Hitze und sieht erst noch gut aus.
    Probierts doch mal aus.

  9. „Es ist wie eine Isolation gegen die Hitze und sieht erst noch gut aus.“

    Es kommt aber wohl auch darauf an, ob es sich um Echt- oder Kunsthaar handelt, oder?

  10. Nein, ich habe beides.
    Echtes und Kunsthaar. Kommt nicht darauf an.

  11. ein scheitel ist eine echte preisfrage. soll er gut aussehen (was aber auch eine frage des „stils“ ist, manche wollen ja, dass man sieht, dass es ein scheitel ist) muss man schon wirklich geld hinlegen. und er will gepflegt werden. für einen scheitel kann man sich eine menge schicker hüte kaufen. ausserdem kommt es darauf an, in welcher tradition man steht.

  12. Ja, bezüglich Kopfbedeckung kommt man als Mann preiswerter weg, hat aber dennoch die gleichen Problemfelder die Anna in ihrem Artikel erwähnte. Allerdings muss ich hierzu anmerken, dass die Halacha in diesen Punkten weniger streng ist, als du, Anna, annimmst. So ist es unter bestimmten Umständern sehr wohl möglich, dass der Rabbiner so weit erleichtert, dass du in Geschäftssituationen die Hand geben kannst und auch Gespräche mit einem Mann im geschlossenen Raum sind oft möglich. So lassen sich alle Punkte regeln, ohne dass das Gegenüber davon etwas mitbekommt.
    Ausser halt bei der Kopfbedeckung beim Mann… aber vielleicht wäre auch hier eine Perrücke die Lösung?

  13. jehuda

    es gibt auch erleichterungen bei der kopfbedeckung für den mann. so ist es möglich, aus beruflichen gründen im geschäft auf die kopfbedeckung zu verzichten. wurde meinem mann schon von rabbeim verschiedenster richtungen – ohne dass er danach gefragt hätte, den er hat damit kein problem – erklärt.

  14. @Schoschana
    Ja, wie ich schon gegenüber Anna schrieb, sind gerade in der Arbeitswelt viele Erleichterungen vorhanden.
    Ich selber arbeite aber seit jeher ohne Probleme mit Kippa. Alleine die Arbeitssuche dauert halt etwas länger…

  15. Wer eine einigermaßen dezente Kopfbedeckung zum Beispiel für die Arbeit haben will, ist mit einer Perücke sicher ganz gut bedient, jetzt mal unabhängig davon, ob das die eigene Tradition ist oder nicht. Allerdings kann man unter einem Scheitel lange Haare nur sehr schlecht unterbringen, oder?

  16. das kommt ein wenig auf die dicke der haare an ;).
    bei dünnen können es sogar lange haare sein, die werden dann hinten zu einem zopf gebunden und einfach in den scheitel gesteckt. bei dicken haaren aber geht es über eine bestimmte länge (kinnlänge) manchmal nicht hinaus. wenn man’s nicht sehen soll.

  17. Ich bin Mormonin- wir haben nur eine Kopfbedeckung, wenn wir dem Herren im Tempel dienen. Ansonsten ist es uns überlassen, was wir im Privatleben mit unserem Kopf machen.
    Es kommt uns nicht so sehr an, was auf, sondern was im Kopf steckt.
    Ausdrücklich will ich betonen, dass ich respecktieren, dass wer auch immer eine Kopfbedeckung trägt, seine gründe hat und dies jedem selber überlassen sein muss. Meine Mama hat mir im Winter immer eine olle Mütze aufgedrängt und das hat mir immer auf der Haut gejuckt.

  18. Ich würde so gerne mal Bilder von solchen Scheiteln sehen.
    Ich lebe in Strassburg, wo eine nicht geringe Anzahl Menschen israelitischen Glaubens lebt: die verheitateten Frauen/Mütter tragen überwiegend eine Kopfbedeckung. Bzw. bei denen, die keine tragen, kann ich natürlich auch nicht sagen, ob es Jüdinnen sind.
    Von der Existenz der ‚Scheitel‘ im Sinne von Perücken habe ich erst jetzt jüngst im Zuge der Lektüre des Romans ‚Melnitz‘ von Charles Lewinsky erfahren. Bislang war ein ‚Scheitel‘ für mich die Trennlinie zwischen zwei Fallrichtungen des natürlichen Kopfhaars. So habe ich selbst z.B. einen Seitenscheitel, meine Mutter fast einen Mittelscheitel, und neuerdings sind ja auch Zick-Zack-Scheitel modern. Auf einmal hörte ich auch die leicht jiddisch anmutende Klangfarbe des Wortes, das mir bislang nur ganz banal deutsch erschienen hatte. – Das Buch hat mich unglaublich fasziniert, und die verlorengegangene Kultur (um von dem millionenfachen Leid jetzt hier nicht zu sprechen) stimmt mich – nicht zum erstenmal – zutiefst melancholisch.
    Wer kann mir einen Link nennen, wo solche ‚Scheitel‘ (also Perücken) zu sehen sind?

  19. @Dorothea, einfach mal Google-Bildsuche mit Stichwort „Sheitel“ (ohne c!) verwenden.

  20. Hallo

    Ich muss aus nichtreligiösen Gründen eine Perücke tragen. Will jetzt nicht näher darauf eingehen. Doch tröstet es mich, dass so viele jüdische Frauen einen Sheitel tragen. Da komme ich mir nicht so allein damit vor …

    Und es stimmt, es sieht echt gut aus, manchmal noch besser als mit natürlichem Haar. Ich meine, es gibt viele Frauen, die sich stundenlang vor den Spiegel stellen, um ihrem dünnen Haar etwas Form zu geben. Da ist es mit Sheitel schon einfacher und zeitsparender. Deshalb greifen auch viele Stars zu Perücken, obwohl sie es eigentlich nicht müssten.

    Liebe Grüße
    Ini


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