Verfasst von: Anna | 21. Mai 2008

Schrecklich: eine Bücherverbrennung in Israel

Eine öffentliche Bücherverbrennung in Israel – ich hätte nicht gedacht, dass sich so eine beschämende Aktion jemals unter Juden zutragen würde. Leider ist genau das jetzt geschehen: In der Kleinstadt Or Jehuda haben ultraorthodoxe Jugendliche auf der Straße Hunderte von Neuen Testamenten verbrannt, die christliche Missionare zuvor im Ort massenweise verteilt hatten. Der stellvertretende Bürgermeister des Ortes, Uzi Aharon, ein Mitglied der ultraorthodoxen Schas-Partei, hat sich zwar mittlerweile bei den Christen in aller Welt entschuldigt, aber die Frage, inwieweit er selbst an der Verbrennungsaktion beteiligt war, ist noch offen. 

Die Bücherverbrennung fand schon vor einer Woche statt. Ich habe damals schon in einer israelischen Zeitung darüber gelesen und eigentlich nur gehofft, dass sich diese Nachricht nicht bis nach Europa herumsprechen würde. Heute ist die Aktion nun doch in den deutschen Medien angekommen – und bewirkt genau das, was ich befürchtet habe: die Bücherverbrennung wirft ein verdammt schlechtes Licht auf das gesamte jüdische Volk. Die Leute sind, soweit ich das im Netz gelesen habe, besonders schockiert darüber, dass – nach der Bücherverbrennung durch die Nazis 1933 mit den bekannten Folgen – es ausgerechnet Juden waren, die eine Bücherverbrennung inszeniert haben, und dass es das Neue Testament war, also die heilige Schrift des Christentums, die den Flammen zum Opfer gefallen ist. Ich kann die Reaktionen zum Teil vestehen. 

Was die meisten deutschen Leser halt nicht wissen, ist, dass Israel ein großes Problem mit christlichen Missionaren hat. Dies sind meist Leute, die als Touristen getarnt ins Land kommen, um Missionstätigkeit zu betreiben, aber auch sogenannte messianische (=jesusgläubige) israelische Juden, die offensiv und aggressiv versuchen, ihre Landsleute zum Christentum abzuwerben. Die israelische Politik hat noch kein Gesetz erlassen, das missionarische Aktivitäten, die von vielen Juden als Bedrohung für das jüdische Volk empfunden werden, effektiv unterbinden würde. Selbstjustiz in der Form einer Bücherverbrennung ist aber gar keine Lösung. Das war eine hirnlose Aktion von aufgeheizten Extremisten, die noch nicht einmal gemerkt haben, dass sie sich damit einer Nazi-Methode bedienen und dass das des jüdisches Volkes unwürdig ist. Wir verbrennen keine Bücher und vergreifen uns auch nicht derart respektlos an den heiligen Schriften einer anderen Religion.  Wer als Jude so etwas tut oder befürwortet, hat vom Judentum nicht viel verstanden, aus der jüdischen Geschichte nichts gelernt und beschädigt das Ansehen des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion in der Welt.

 

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Responses

  1. Kultur ist die Interaktion von Bevölkerungsgruppen, denen die Erkenntnis gemein ist, dass andere Menschen eigene Wege zu ihrer Verwirklichung gefunden haben und dass diese Wege gleichwertig mit dem eigenen Weg sind. Wer Bücher verbrennt, stellt sich außerhalb jeglicher Kultur: er achtet den anderen Menschen in seinem Weg nicht mehr.

    Eben dasselbe tun „Missionare“, die irgendwo massenhaft neue Testamente verbreiten, wenngleich auch auf subtilere Art. Die Annahme einer solchen Bibel ist ja vordergründig ein freiwilliger Akt, deswegen haben sie eigentlich „doch gar nichts Böses getan“. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich jedoch tatsächlich um die Missachtung einer gewachsenen Kultur: das neue Testament unter’s Volk zu werfen, ohne sich mit der Vermittlung des Inhalts Mühe zu machen ist höchst fragwürdig. Denn wenn sie sich mit der Vermittlung des Inhalts Mühe machen würden, dann bekämen sie automatisch soviel Achtung vor der gewachsenen Kultur vor Ort, dass sie die Massenverbreitung des Neuen Testaments aus Höflichkeit schon unterlassen würden. Sie handeln ganz sicher gegen das, was Jesus seinen Jüngern anempfohlen hat: „Wenn sie Euch aber nicht anhören wollen, dann schüttelt den Staub von den Füßen und geht“. Von „aber laßt ihnen eine Bibel da“ steht da nichts, auch nicht davon, dass sie die Verweigerer verachten sollten.

    Insofern unterscheiden sich Bücherverbrenner von Bibelschmeißern also nur in dem Punkt, dass die einen sich ihrer Sache so sicher fühlen, dass sie öffentlich den Pöbel abgeben können, die anderen sich ihrer Sache so unsicher, dass sie mehr heimlich herumpöbeln müssen.

    Aber abgesehen von einem Bibelwurfverbot in Israel rege ich gleichzeitig an, darüber nachzudenken, ob Parteien wie die Chas überhaupt gesetzmäßig sind und handeln. Im Moment – so scheint es – legitimieren sie ihre lähmende Macht allein durch Masse, nicht durch weitblickende Intelligenz. Vor einer solchen Entwicklung hat man in Deutschland ebenfalls Angst: auch die Neonazis haben kaum ein Weltbild, aber einen Knüppel.

  2. „Wer Bücher verbrennt, stellt sich außerhalb jeglicher Kultur“.

    So ist es. Das fasst auch die Reaktionen zusammen, die ich in Dtld. und Israel zu dem Vorfall gehört habe. Wir verbrennen keine Bücher, weder unsere eigenen noch fremde. Natürlich kann man die Schuld den Missionaren zuschieben, die mit dem penetranten Verteilen solcher Schriften so eine radikale Reaktion provoziert haben. Das ist aber nicht der Punkt. Unerwünschtes Missionsmaterial kann auch in einer Form beseitigt werden, die mit dem jüdischen Wertesystem vereinbar ist – eine öffentliche Bücherverbrennung gehört auf keinen Fall dazu. Ich wäre ja für „Retour an Absender“ gewesen :mrgreen:

  3. Vielleicht beschaeftigst du dich nochmal mit Halacha, dann entstehen solche Missverstaendnisse nicht.

  4. @david, wie meinst du das jetzt?

    Es gibt hier kein Missverständnis, höchstens eine überzogene Missinterpretation von Halacha, eine Übererfüllung von halachischen Vorschriften. Nirgendwo gibt es einen Zwang, Missionsmaterial medienwirksam in öffentlichen Scheiterhaufen zu entsorgen. Da gibt es weniger brachiale Methoden, die mit denen man nicht Millionen von unbeteiligten Christen auf die Füße tritt. So eine öffentliche Bücherverbrennung ist barbarisch, da hilft auch kein Hinweis auf die Halacha mehr.

  5. „Aber abgesehen von einem Bibelwurfverbot in Israel rege ich gleichzeitig an, darüber nachzudenken, ob Parteien wie die Chas überhaupt gesetzmäßig sind und handeln.“

    @herr reuter: schas mit neonazis zu vergleichen ist schon eine harte sache. vielleicht sollten sie sich ueber schas informieren bevor sie solche unverschaemten vergleiche anstellen.

  6. @grenzgaenger, bitte Ruhe bewahren. Selbst wenn Thomas hier so einen Vergleich gezogen haben sollte, die Außenwirkung dieser Bücherverbrennung kann leicht dazu führen, dass Schas oder Israel oder gar „die Juden“ in eine rechte, extremistische Ecke geschoben werden. Man kann nicht vom nichtjüdischen Ausland erwarten, diese Aktion in einem halachischen Kontext zu sehen – und schon gar nicht, wenn selbst Juden normalerweise nicht öffentlichkeitswirksam zu solchen Mitteln greifen.

  7. @anna: es geht mir nur saekundaer um die frage der halacha. es geht mir darum das es in der politischen praxis immer oefter vorkommt das israel mit neonazis in verbindung gebracht wird. diesen vorgang finde ich unertraeglich. vor allem finde ich unertraeglich wenn dieser vergleich von (nichtjuedischen) deutschen gezogen wird. ich wuerde diesen leuten raten vor der eigenen haustuere zu kehren. da gibt es bestimmt genug zu tun.

  8. @grenzgaenger, wenn jemand eine öffentliche Bücherverbrennung vornimmt, muss er damit rechnen, mit den Nazis verglichen zu werden. Die Leute in Or Jehuda haben sich einen Dreck darum geschert, wie ihre Aktion im Ausland ankommt. Denen ging es nur um die halachisch gebotene Pflicht zur Vernichtung von „Götzendienst“-Material. Wenn der durchschnittliche Nichtjude, sei er Deutscher oder nicht, das nun mal nicht in diesen Kontext einordnet (weil er sich damit nicht auskennt, oder weil er sich als Christ verletzt fühlt) und sich statt dessen eher an die Bücherverbrennung der Nazis erinnert fühlt, dann kannst du da gar nichts machen. Diese Assoziation drängt sich ja förmlich auf. Und ich sehe nicht ein, warum man jemandem den Mund verbieten sollte, nur weil er eine so offensichtliche Assoziation ausspricht. Soweit die Theorie. Wie Thomas seinen Kommentar tatsächlich gemeint hat, kann er am besten selbst erklären – das weißt du genauso wenig wie ich.

  9. Ich weiß nicht so recht, von welchem „Vergleich“ hier die Rede sein soll.

    Das eine bezog sich auf Israel, das andere auf Deutschland. Ich vergleiche nicht Chas mit Neonazis, und das steht in dem Text auch gar nicht drin.

    Um brennende Scheiterhaufen aller Art versammelt sich gerne eine Menge Dummvolk, und diese Menge wächst unglaublich schnell. Wer also solche Scheiterhaufen anzündet oder dazu schweigt, muß sich fragen lassen, was er im Schilde führt: zumindest billigt oder ermöglicht er im Moment eine Meinungsbildung, die auf Gegröle, Angst und Terror beruht.

    Deswegen – und nur deswegen – ist es durchaus wichtig zu sagen: Moment, das hatten wir doch schon mal. Und: es ist eigentlich egal, ob Bücher von Missionaren oder von Mördern verbrannt werden. Denn wer Bücher verbrennt, der verbrennt am Ende auch Menschen (ist von Heinrich Heine).

  10. Es sah hässlich aus und war sicher keine gute PR. Aber als deutliches Zeichen gegen die penetrante Missionierung mancher Gruppen konnte ich es durchaus gut verstehen. Anna hat das im letzten Absatz des Artikels gut dargestellt. Ich weiß nicht, ob in Israel auch wie in anderen Ländern mit Essen oder Geld zur Konvertierung gelockt wird…

    Hinzu kommt, dass die wenigsten mir bekannten Christen die Bibel als Buch ähnlich hochhalten wie Juden die Thora oder Muslime den Koran. Die Bibel wird als Buch gehandelt, gekauft, zerlesene Exemplare entsorgt. Das Buch also solches hat nichts Heiliges für Christen. Daher fand ich es nicht sooo schlimm.
    Aber return to sender wäre eine bessere Idee gewesen.

  11. Ja, es erscheint auf den ersten Blick nicht gut und ruft Erinnerungen wach.Wir müssen differenzieren.

    Israelis sind sich gewohnt, dass sie sowieso ständig angegriffen werden.Warum sollten sich diese jungen Menschen deshalb Gedanken machen wie ihre Aktion im Ausland ankommt?
    Sicher , es wäre klüger gewesen, diese ganzen Missionsschriften an den Absender zurückzugeben.
    Nur – weiss man denn, wer die Ueberbringer waren?
    Meist halten sich diese Leute sehr bedeckt.

    Aber – was auf der anderen Seite gemacht wird, ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr für jüdisches Leben.

    http://www.jewsforjudaism.org/web/flashisrael/israelflash.html
    http://www.yadlachimusa.org.il

  12. @Thomas, so hab ich dich auch verstanden.

  13. Auch wenn es unangenehm für die israelische Gesellschaft ist, was ich völlig nachvollziehen, gehört das Missionieren nicht zur Religionsfreiheit?


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