Verfasst von: Anna | 12. Juli 2008

Zwei Identitäten, ein Pass

Wir sind jüdisch und wir sind deutsch – aber wir haben nur einen Pass: den deutschen. Mein Mann hat vor einigen Jahren seinen israelischen Pass abgegeben, um die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen zu können. Und ich habe die israelische Staatsbürgerschaft nie angenommen, um den deutschen Pass nicht zu verlieren. Wir haben uns für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, weil wir in Deutschland leben und hier unsere Eltern und Geschwister haben, weil wir uns mit dem deutschen Pass in ganz Europa niederlassen und weltweit weitgehend visumsfrei können – und weil wir auch ohne israelischen Pass zumindest für eine Zeitlang wieder in Israel leben können.

Dass wir uns überhaupt entscheiden mussten, haben wir dem deutschen Staatsangehörigkeitsrecht zu verdanken. Das ist so inkonsequent, dass es schon fast weh tut. Die Leitlinie ist ja bekanntlich, dass es keine doppelte Staatsbürgerschaft geben soll, um „Loyalitätskonflikte“ bei den Eingebürgten zu vermeiden. Die Praxis sieht dann allerdings so aus, dass viele Eingebürgerte ihre alte Nationalität doch behalten dürfen, weil sie aus anderen EU-Staaten oder aus der Schweiz stammen oder weil sie Spätaussiedler sind, und dass umgekehrt Deutsche ihre deutsche Staatsbürgerschaft nicht verlieren, wenn sie sich in einem anderen EU-Staat oder in der Schweiz einbürgern lassen. Das Verbot der Doppelstaatsbürgerschaft wird de facto nur durchgezogen, wenn Nicht-EU-Staatsbürgerschaften im Spiel sind.  Und genau das ist scheinheilig. Denn entweder gibt es die Gefahr des Loyalitätskonflikts oder es gibt sie nicht. Nur weil wir in der EU gerade alle friedlich zusammen leben, heißt das noch lange nicht, dass es in Europa nie wieder zu ernsthaften Problemen zwischen den Staaten und damit zu Loyalitätskonflikten der Doppelstaatsbürger kommen wird. Und warum Spätaussiedler, die ja gerade auf ihre deutsche Herkunft pochen, ihre alte Staatsbürgerschaft behalten dürfen, ist mir sowieso ein Rätsel.

Auch wenn ich im Grunde gegen die generelle Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft in Deutschland bin: wenn der Doppelpass schon in vielen Fällen die Norm ist, dann kann er uns und anderen Nicht-EU-Nationalitäten nicht mehr länger mit dem Argument eines möglichen Loyalitätskonflikts so einfach verwehrt werden. Ich bin gespannt, ob die aktuelle Debatte um die Deutschland geborenen türkischen Kinder, die sich in den nächsten Jahren zwischen ihrem deutschen und ihrem türkischen Pass entscheiden müssen, doch noch zu einer konsequenten Neuregelung führt. Mein Mann jedenfalls würde seinen israelischen Pass sofort wieder zurücknehmen. Und ich könnte den israelischen dazunehmen. Dann hätten endlich auch wir für jede Identität einen Pass.

Shavua tov, eine gute Woche!
Anna

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Responses

  1. Hi, ich dachte eigentlich, dass unter Vorbehalt der Erteilung einer Beibehaltungsgenehmigung auch die zusaetzliche Annahme einer nicht EU Nationalitaet moeglich ist. Gerade bei Israel habe ich noch nie von Schwierigkeiten gehoert. Mal von der juristischen Fragestellung abgesehen, lassen sich etwaige Lyoalitaets- oder Identitaetsfragen doch nicht per Pass klaeren.
    Chutz miseh – shavua tov lekulam.

  2. Ich habe meinen deutschen Pass behalten u. lebe ganz gut in England. Unsere Tochter hat zwei Nationalitäten u. muß sich später entscheiden, welche sie annehmen möchte.

  3. @Silke, das Problem gibt es inzwischen auch bei Israel. Die deutsche Botschaft in Tel Aviv stellt keinen neuen Reisepass mehr aus, wenn sie erfährt, dass man nach 2001 „klammheimlich“ die israelische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ich denke, ich würde im Ernstfall einen Beibehaltungsantrag stellen. Habe aber keine Ahnung, wie da die Chancen sind.

    @Netty, ich finde es ganz schön schwer, wenn man als junger Mensch so eine schwerwiegende Entscheidung treffen soll. Wer verlangt das eigentlich im Fall deiner Tochter: England oder Deutschland? (Ich tippe mal auf Deutschland … )

  4. B“H

    @Anna

    Du musst auf dem israel. Innenministerium, nach der Aliyah und bei der Beantragung des Teudat Zehut, ein spezielles Formular ausfuellen. Damit verzichtest Du auf die israel. Staatsbuergerschaft, darfst aber die deutsche beibehalten. Bekommst einen Teudat Zehut und darfst fuer den Stadtrat waehlen. Jedoch NICHT fuer die Knesset.

  5. Ich finde, Du mißt der Staatsbürgerschaft zu viel Wert bei. Ich stecke ja in einer ähnlichen „Zwickmühle“, da ich deutsch und Muslim bin. Ich finde nicht, daß durch den Erwerb der deutschen Staatangehörikeit meine muslimische Identität nicht genügend Achtung findet. Meiner Meinung nach schließt das Eine das Andere nicht aus. Was sollte ich auch mit einem marokkanischen Pass oder mein Mann mit einem algerischen. Wir fliegen alle paar Jahre in die jeweiligen Herkunftsländer (die der Eltern bzw. Großeltern), um den Kontakt zu der entfernten Verwandtschaft zu halten. Das können wir aber auch ohne ein Visum zu stellen.
    In unserem Fall ist es sogar noch komplizierter: durch mich haben unsere Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit, durch meinen Mann die französische. Wir leben in Holland und unsere Kinder müssen sich später dann zwischen drei Staatsangehörigkeiten entscheiden. Schwerwiegende Entscheidung? Ich glaube es gibt Gewichtigeres.

    liebe Grüße aus Den Haag 😉

  6. @“Familie“, bei drei Pässen braucht man natürlich schon eine gewisse Gelassenheit 😉 Aber im Ernst, mir geht es nur darum, dass wir uns überhaupt für einen Pass entscheiden mussten, während viele andere hier in D doppelte Staatsbürger sind und bleiben dürfen. Das ist irgendwie ungerecht.

    Grüße nach Holland!

  7. Jo hallo ich musste mich auch erst vor kurzem für eine Staatsangehörigkeit entscheiden, vorher war ich halb Deutscher und halb Japaner.
    Ich finde es auch seltsam, dass sich dieses „Gesetz“ was Staatsangehörigkeiten betrifft in einigen Ländern durch deren Rechtslage recht leicht umgehen oder austricksen lässt.
    Allerdings kann ich prinzipiell auch den Gedankengang einzelner Regierungen verstehen wenn man sagt dass man eben nur EINEM Land angehört, so ist das nun mal. Man kann ja auch nur ein Geschlecht haben (okay blöder Vergleich aber viell. versteht ihr ja was ich meine). Ich finde da geht es zu einem gewissen Grade auch ums Prinzip und um sowas wie eine Frage der eigenen Identität, noch vor der rechtlichen Frage.
    @Familie
    Dir muss ich leider in einem Punkt vehement widersprechen, ich finde die Nationalität hat durchaus eine sehr wichtige Bedeutung nicht nur zuletzt für einen selbst, unabhängig davon wie oft man von dieser Gebrauch macht oder einen rechtlichen Nutzen daraus ziehen kann im Vergleich zu anderen Nationalitäten. Ich finde die eigene Nationalität ist etwas womit man sich identifizieren können muss, es darf einem nicht egal sein welchem Staat man angehört. Wenn ich an die heilige Schrift des Koran glaube ist es mir doch auch nicht egal ob ich nun christlich getauft bin oder buddhistisch getauft bin oder so nach dem Motto hauptsache ich weiß woran ich glaube. Ich würde das mit der nationalitätenfrage genauso sehen. Aber bitte nicht missverstehen, ich bin kein knallharter Nationalist oder so ich bin auch eigentlich kein Fan von Nationalstolz etc, schon gar nicht wenn er so geheuchelt ist wie bei diversen Fußballereignissen etc.
    Ich finde nur für mich persönlich ist meine Herkunft und meine „Identität“ sehr wichtig, sie ist die Grundlage meiner Existenz, wenn ich das mal so übertrieben ausdrücken darf. Man kann natürlich auch auswandern und seine Nationalität wechseln, wenn man sich zu seiner neuen Heimat hingezogen fühlt oder ähnliches. Doch dennoch muss es einen Grund geben warum man sich für eine andere oder überhaupt für eine nationalität entscheidet (wenn man denn die wahl hat), denn wie gesagt, ich finde es ibt einem einfach eine art der gewissheit wer man ist.
    Mit freundlichen Grüßen
    Jürgen


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