Verfasst von: Anna | 15. Juli 2008

Am liebsten weg aus Deutschland

Ich kann jeden verstehen, der Deutschland den Rücken kehrt und auswandert. Auch ich will lieber heute als morgen weg. Die Stimmung im Land ist nicht mehr zu ertragen. Auf der Straße, im Verkehr, in den Geschäften, auf der Arbeit – die Leute sind nur noch gereizt, gestresst, aggressiv, stehen dauernd unter Strom. In den Betrieben herrscht ein mittlerweile unrealistischer Termin- und Leistungsdruck, die Unternehmen schauen nur noch auf die Kosten und nicht mehr auf die Menschen, und die Mitarbeiter fügen sich schweigend; Burnout, Depressionen und Mobbing sind die häufigsten Folgen.

Unter der Oberfläche der deutschen Gesellschaft brodelt es gewaltig. Ich habe das Gefühl, das Land läuft geradewegs auf einen Super-Gau zu, der die bestehende Ordnung stark erschüttern und womöglich gar über den Haufen werfen wird. Es ist in Deutschland leider nicht üblich, frühzeitig, bevor einem das Wasser bis zum Hals steht, mit Demonstrationen massiven Druck auf die Politik auszuüben. Massenproteste gegen unliebsame politische Entscheidungen und soziale Missstände kennt man aus Frankreich, aus Italien, aus vielen anderen Ländern, aber nicht aus Deutschland. Im deutschen Volk dominieren die Resignation und der Glaube, dass man gegen die bestehenden Verhältnisse sowieso nichts machen kann. Statt auf die Straße zu gehen und zu protestieren, wird still erduldet und geschwiegen, bis das Fass irgendwann überläuft und alles außer Kontrolle gerät.

Ich beobachte dieses gefährliche Erdulden und Schweigen jeden Tag an meinem Arbeitsplatz. Die Kollegen, allesamt Akademiker, die das kritische Denken und Hinterfragen eigentlich einmal gelernt haben sollten, haben so eine Angst um ihren Job, dass sie nur noch den Mund halten und alles tun, was der Chef fordert, und ihre eigenen arbeitsvertraglichen Rechte und ihre Bedürfnisse als Menschen total hinten anstellen. Da kann ich nicht mithalten. Ich bin anders erzogen. In meiner Familie werden das Vertreten der eigenen Meinung und Zivilcourage groß geschrieben. Ich habe von klein auf gelernt, nicht mit der Masse schwimmen, meine eigene Meinung laut und deutlich zu sagen und mich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Schweigen oder gar blinder Gehorsam gegenüber „Autoritäten“ hat es in meiner Familie noch nie gegeben (mit den entsprechenden Folgen in der NS-Zeit, aber das ist ein anderes Thema). Mit dieser Art ecke ich in letzter Zeit immer häufiger an. Die Angepassten vertragen nicht, dass jemand aus ihrer Mitte unangepasst ist. Und dabei ist es nicht so, dass mir mein Arbeitsplatz nichts wert wäre, dass für mich die Arbeitsplätze oder Geschäftsideen auf der Straße liegen würden oder dass ich sonst irgendwie materiell ausgesorgt hätte. Ich bin schlichtweg nicht in der Lage, mich in die große Schar der Schweigenden einzureihen und aus Angst vor persönlichen Konsequenzen Unverschämtheiten oder Unrecht hinzunehmen.

Mit dieser Lebenseinstellung, das merke ich in den letzten Jahren immer stärker, bin ich in Deutschland fehl am Platz. Nur wohin sollen wir gehen? Zurück nach Israel? Oder in ein anderes Land in Europa? Auswandern fällt schwer. Relativ unkompliziert könnten wir wohl nur in Israel Fuß fassen, weil wir beide die Sprache sprechen und arbeitsmäßig wahrscheinlich über Beziehungen gut unterkommen könnten. Aber das Leben in Israel ist auf seine eigene Art mindestens genauso anstrengend wie hier und für meinen Mann obendrein noch mit dem jährlichem Reserve-Dienst in der Armee verbunden (worauf er nach 20 Jahren in Deutschland erklärtermaßen keine Lust mehr hat). Oder sollen wir die gesellschaftliche Krise im Land einfach aussitzen und warten, bis es wieder besser wird? Ich fürchte leider nur, an der deutschen Mitläufer-Mentalität ist nichts zu ändern.

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Responses

  1. ich glaube, die frage ist, in welcher gesellschaft ist man eher bereit, ihre mängel zu ertragen. ich stelle nicht nur bei mir, sondern bei vielen juden fest, dass wohl nach wie vor gegenüber deutschland weniger bereitschaft zum ertragen da ist als gegenüber israel. das zeigt mir immer, wie wenig man sich anscheinend doch verwurzelt fühlt (auf der anderen seite sollte man sich nicht der illusion hingeben, dass man nicht doch ganz schön verwurzelt wäre ;)).

  2. Shalom! (oder Salam, wie ich als konvertierter Muslim sage).
    Traurigerweise ist die Situation in Deutschland tatsächlich schlimm, wenn es darum geht auf die Strasse zu gehen, um für seine Rechte zu kämpfen. Bloss nicht zu laut sein, bloss nicht auffallen! Da ist das gemeinsame Miteinander-Gejammer doch viel einfacher.
    Ich bin vor ca. 10 Monaten dort gelandet, wo ich niemals gedacht hätte zu leben: in den USA. Und das nur, weil ich durchs Internet eine Frau kennengelernt habe und, Gott sei dank, geheiratet habe. Trotzdem vermisse ich meine Heimat schon wieder. Es gibt so viele Sachen, die wir als verständlich hinnehmen, doch viel mehr schätzen sollten. Ich weiss: unsere Frauen natürlich an erster Stelle.

  3. Apropos Frauen: meine Frau trägt das Kopftuch (und angemessene Kleidung) nur aus liebe zum allmächtigen Gott und (wie es im Quran steht) als ehrbare Frau erkannt zu werden. Glaub mir, ich bin stolz, wenn ich mit ihr Hand in Hand so durch die Stadt laufen kann.
    Ich wollte noch einen Film-Tipp loswerden. Und zwar habe ich hier einen wunderschönen Film über eine jüdisch-muslimische Frauenfreundschaft gesehen. Der englische Titel ist „Arranged“, leider weiss ich nicht, ob er schon in deutscher Sprache zu haben ist.
    Viele Grüsse an meine Heimat!

  4. B“H

    Nur Stress, Gereiztheit und Angepasstheit der Leute sollten kein Auswanderungsgrund sein. Die gleichen Probleme koennte ich auch von Tel Aviv oder anderswo in Israel berichten. Aber gerade in TA ist Chaos und Stress. Erst abends findet man Ruhe und Erholung. Deswegen jedoch hasse ich nicht gleich Tel Aviv und will woanders leben. In eine romantische Siedlung oder so…
    Insgesamt ist es in IL nicht leichter als anderswo. Eher im Gegenteil.

    Und kann Dein Mann denn so einfach wieder nach IL ? Ich hatte es so verstanden, dass er auf die israel. Staatsbuergerschaft verzichtete.

    ד“ש

    מרים

  5. @Ibrahim, Grüße in die USA! Ich kenne das Gefühl auch sehr gut, dass man im Ausland die Vorzüge des eigenen Landes vermisst und auch erst richtig schätzen lernt. Es ist halt nirgendwo alles gut oder alles schlecht.

    @Miriam, den israel. Pass zurückzubekommen wäre kein Problem. Auch wenn man die israel. Staatsbürgerschaft abgegeben hat, behält man die lebenslange ID-Nummer und bleibt im Bevölkerungsregister gespeichert. Deshalb muss er beim Grenzübertritt ja auch immer ein bestimmtes Papier vorzeigen, aus dem hervorgeht, dass er kein Staatsbürger mehr ist (damit er nicht gleich zu Milu’im einkassiert wird). Das Problem wäre dann vielmehr der deutsche Pass, auch er bräuchte dann eine Beibehaltungsgenehmigung.

  6. @anna

    ich dachte immer, wenn man in israel nur ein – ach, wie hiess das doch gleich toshav? – also eine eingeschränkte staatsbürgerschaft besitzt, (die einzigste einschränkung ist, nicht wählen zu können), dann hat man keinerlei probleme mit einer doppelstaatsbürgerschaft.

    @ibrahim

    bei uns trägt die frau die kopfbedeckung aus den gleichen gründen wie die muslimin (es ist pflicht und zeigt ehrfurcht vor dem gesetz).

    dürfen musliminen eigentlich keine perücken tragen? das würde vielleicht so manche diskriminierung mildern…

  7. @schoscha, soweit ich weiß, geht das für Juden nur ein paar Jahre lang, danach muss man entweder den israel. Pass nehmen oder das Land verlassen. Aber vielleicht hat sich da auch mittlerweile etwas geändert.

  8. @anna
    ich kenne leute, die so über 10 bis zu 20 jahre lang zwei pässe hatten/ haben. ich habe nur gehört, dass einzelne bundesländer – z.b. bayern – hier probleme machen, aber nicht alle.

  9. @schoscha, genau genommen ist die deutsche Rechtslage ungeklärt. Die deutsche Botschaft in Tel Aviv schreibt dazu folgendes:

    „Die Frage, ob der Erwerb der israelischen Staatsangehörigkeit durch Alijah zum Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit führt, ist zur Zeit eine ungeklärte Rechtsfrage. Jahrelange Praxis der Deutschen Botschaft in Tel Aviv und des überwiegenden Teils der deutschen Staatsangehörigkeits-und Passbehörden war es, in der Alijah keinen Grund zum Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit zu sehen. Infolge einer bayerischen Verwaltungsgerichtsentscheidung aus dem Jahr 2001, wonach der Alijah-Erwerb zum Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit führt, ist diese Verwaltungspraxis ins Wanken geraten. Seit dem Frühjahr 2004 hat sich das Bundesverwaltungsamt der Rechtsauffassung des bayrischen Verwaltungsgerichts angeschlossen.“

    Wer sich für das ganze Durcheinander im Detail interessiert, kann es hier nachlesen:

    http://www.noam.org.il/content/view/98/1

  10. B“H

    Was die Behoerden oft verschweigen ist, dass wenn man erst einmal diese spezielle Aufenthaltsgenehmigung (Toshav … ich hab jetzt auch die genaue Bezeichung vergessen) annimmt, kann dies hinterher bei der Aliyah zum Verlust der Aliyahrechte fuehren.

    Ich kenne Faelle, in denen dies ein Jahr gewaehrt wurde; es gibt aber auch Leute, die tatsaechlich mehr als 10 Jahre in diesem Status lebten. Dann machten sie Aliyah und erfuhren hinterher, dass diese 10 Jahre schon als Aliyahjahre anerkannt werden und daher keine Aliyahrechte mehr ausgezahlt werden. Ich kenne einen Fall, in dem ueberhaupt kein Teudat Oleh mehr ausgestellt worden ist.

  11. „Massenproteste gegen unliebsame politische Entscheidungen und soziale Missstände kennt man aus Frankreich, aus Italien, aus vielen anderen Ländern, aber nicht aus Deutschland. Im deutschen Volk dominieren die Resignation und der Glaube, dass man gegen die bestehenden Verhältnisse sowieso nichts machen kann. Statt auf die Straße zu gehen und zu protestieren, wird still erduldet und geschwiegen, bis das Fass irgendwann überläuft und alles außer Kontrolle gerät.“

    Hallo Anna,

    da kann ich dir nur Recht geben, ähnliches habe ich im Blog von Grenzgänger geschrieben.
    Für mich ist das genau das Zeichen, warum ausgerechnet in Deutschland zwei Diktaturen möglich waren, warum so viele Deutsche entweder in die eine oder andere Richtung häufig extrem werden. Die Autoritätsgläubigkeit tut dazu natürlich noch das übrige.

  12. @schoscha
    Eigentlich war ja auch im Christentum die Kopfbedeckung geboten, kommt das Gesetz doch schliesslich vom selben und einzigen Gott.
    Von den Perücken habe ich bis vor kurzem nie etwas gehört und war überrascht, als mir davon berichtet wurde. Ein Grund für die Bedeckung ist doch sicherlich, dass Frauen mit schönem Haar die Aufmerksamkeit bei den Männern erwecken, und dieses schnell zu Sünden führen kann. Wie auch immer, Gott weiss es besser, möge er uns alle rechtleiten, amin.
    Übrigens gibt es hier köstliche kosher Würste, die ja auch für uns Muslime erlaubt sind.

    @Anna
    Ich hoffe und bete, dass ihr die richtige Entscheidung treffen möget, und dass Dein Schwiegervater ein weiches Herz bekommt.

  13. Die Kopfbedeckung war aber nur für die verheiratete Frau üblich.
    Vielleicht hast du schon mal den Ausdruck gehört:
    “ sie ist unter die Haube gekommen“?
    Das war lange sogar ein Zeichen des Stolzes und Privilegs auch für dienichtjüdische verheiratete Frau ,auch in Europa.

    Das Haar der verheirateten Frau ist etwas sehr intimes. So intim, als wenn sie ihre Blösse aufdecken würde.Deshalb ist es für uns verheiratete Jüdinnen geboten, uns zu bedecken.
    Wir sind stolz darauf, IMMER bedeckt zu sein. Nicht nur am Shabbes oder Jontef,wenn wir in Shul gehen.

  14. @ibrahim

    man sieht, wenn jemand eine perücke trägt ;). insofern ist das mit dem „schönen“ haar relativ.

    koschere würste? neulich hat mir jemand erklärt, die jüdische schchite wäre für muslime nicht wirklich „koscher“.

  15. liebe anna,

    spaet kommt mein kommentar. aber vielleicht nicht zu spaet.

    erst einmal: shavua tov 😉

    es wird dich bestimmt nicht wundern das ich deinem beitrag zustimme.

    du hast die deutsche mitlaeufer mentalitaet sehr gut beschrieben. das ist wohl der kern des problemes.

    das andere problem ist die verlogene freundlichkeit. so was nennt sich dann „hoeflichkeit“. zu oft ist diese hoeflichkeit eine andere form von lashon hara. natuerlich bin ich auch in deutschland sozialisiert worden. so ist es manchmal schwierig mit der israelischen direktheit umzugehen (die ich nur als tourist und durch freunde kenne). mit der zeit gewoehnt man sich aber daran und man lernt die positiven seiten dieser direktheit kennen. direktheit aeussert sich vor allem in offenen fragen. ohne umschreibung. auf den punkt. einfach klasse.
    diese direktheit ist naemlich das gegenteil von verlogenheit. das finde ich gut. also die mitlaeufermentalitaet und die „hoeflichkeit“.

    dazu kommt der schwachsinn des satzes „daran koennen wir nichts aendern“. an den meisten dingen kann man sehr wohl etwas aendern. nicht indem man den kopf einzieht. sondern indem man sich bewegt und versucht andere zu bewegen. leider endet diese beweglichkeit in deutschland oft an der eigenen haustuere.

    ich meine zu sehen das dazu noch eine gewisse leistungsfeindlichkeit kommt. wer mehr leistet als andere hat im deutschen diskurs schlechte karten. es muss ja schliesslich alles gleichgemacht werden. ich habe bewusst nicht „gleichgeschaltet“ geschrieben.

    nicht zuletzt auch das: deutschland ist und bleibt ein staat der taeter. geschichte laesst sich nicht ausloeschen. gelernt hat man in deutschland aus der vergangenheit nicht. es gibt leere phrasen von politikern. aber auch die meinen es nicht ernst wenn sie von solidaritaet mit israel schwafeln oder von solidaritaet mit dem juedischen leben in deutschland. es gehoert sich halt lippenbekenntnisse abzugeben. wenn man dann die politische arena verlaesst und sich einfach mal im bus oder im kollegenkreis umhoert sieht man dann das sich am gedankengut nichts geaendert hat.

    anna, ich ecke auch haeufig an. nicht nur in der letzten zeit. das sollte dich nicht traurig machen. anecken zeichnet dich aus. bleibe bitte wie du bist.

    so weit zu deutschland.

    die frage ist dann wohin auswandern ? israel oder usa ? vom religioesen standpunkt aus sollte die wahl auf israel fallen. natuerlich wird das kaum jemand aus dem kreis der freunde und bekannten verstehen. aber das ist nicht wichtig.

    wichtig scheint mir zu sein eine aliyah (oder auswanderung sonst wo hin) gut vorzubereiten. wo hat man kontakte ? wo gibt es arbeit ? wie ist das mit religioesen institutionen ? arbeit scheint mir die wichtigste frage zu sein.

    ich gebe zu das ich einen vorteil habe. ich bin nur fuer mich selbst verantwortlich. ich staende nicht am nullpunkt wenn die aliyah scheitern sollte. es gibt ein anderes problem: ich koennte ein scheitern der auswanderung vor mir selbst nicht vertreten. darum geht es.

    zusammenfassend kann ich sagen das die zeichen auf auswanderung stehen. ich brauche aber noch zeit um alles moegliche vorzubereiten was vorbereitet werden kann.

    bis dahin werde ich weiter in diesem unmoeglichen land leben in dem ich nie gluecklich werde.

    liebe gruesse, shavua tov,
    der grenzgaenger

  16. @grenzgaenger

    „deutschland ist und bleibt ein staat der taeter“.

    Das kann ich so nicht unterschreiben. Erstens mal sind die meisten „Täter“ mittlerweile verstorben, zweitens waren nicht alle Deutschen Täter und noch einmal Mitläufer. Ich kenne einige Familien, in denen es weder Täter noch Wegseher gegeben hat.

    „die frage ist dann wohin auswandern ? israel oder usa ? “ Also in die USA bestimmt nicht. Da setze ich erst wieder einen Fuß über die Schwelle, wenn die mal Guantanamo auflösen und ihre Einreiseprozedur an der Grenze wieder zivilisiert durchführen.

  17. Das mit dem „Land der Täter“ kann ich ebenfalls nicht unterschreiben. Hätte es nicht diese vielen Menschen gegeben, die weder Täter noch Wegseher waren, gäbe es wohl meine Mutter und mich erst recht nicht. Es gab viele „U-Boote“, nur werden deren Geschichten weniger aufgegriffen.

    Ja, es ist schwer zu differenzieren und als Mensch tut man sich leicht damit, Schubladen zu öffnen und zu schließen.

    Mit Auswanderung habe ich mich höchstens im Zusammenhang mit dieser ewigen Meckerei beschäftigt. Allerdings habe ich lang genug außerhalb des Landes gelebt, um es doch zu schätzen zu wissen… Ich sehe meine Rückkehr nicht als Scheitern….

    Wie immer und warum auch immer Ihr Euch entscheidet, liebe Anna, ich wünsche Euch von Herzen, daß Ihr Euer Zuhause finden möget, egal, wo es Euch hintreibt!

  18. „Es gab viele “U-Boote”, nur werden deren Geschichten weniger aufgegriffen.“

    Hallo Juna, ich kenne einige Geschichten von den sog. U-Booten, bekannteste ist sicher in Deutschland Inge Deutschkron.

    Wenn man bedenkt, dass es allein in Berlin circa 5000 untergetauchte Juden gab und jeder circa 10 Helfer hatte (es ist ja bekannt, dass man eigentlich nur durch ein ganzes Netz von Helfern, die sich meistens nicht kannten, es geschafft hat, zu überleben, manchmal war es nur der Gemüsemann, der den „arischen“ Helfern mehr zusteckte, weil er wusste oder ahnte, was diese taten), weiß man ungefähr auf welche Anzahl von Helfern man kommt. Leider haben von diesen 5000 etwa 1400 überlebt, andere wurden verraten oder auf den Straßen aufgegriffen.

    Lange Rede kurzer Sinn: Man tut diesen Leuten Unrecht, wenn man sie zu einem Land der Täter dekradiert. Abgesehen davon, dass es heute eine völlig neue Generation gibt und diesen damit ebenfalls Unrecht tut. Eine Kollektivschuld gibt es aus jüdischer Sicht ganz und gar nicht und ich merke, dass dieser Vorwurf eher von Nichtjuden kommt, Juden habe ich sehr sehr selten Deutschland so deklarieren gehört.

    Tut mir leid, Grenzgänger, aber ich habe den Eindruck, deine Einschätzung hat mehr mit dir selber zu tun als mit Deutschland.

  19. hallo,

    sorry das es mit meinen antworten zur zeit etwas laenger dauert.

    ich habe eigentlich nur sagen wollen das deutschland rein geographisch das land der taeter ist und bleibt. ich meine den raum damit, nicht die menschen. dazu komme ich spaeter. ich meine damit das, wenn man die geschichte der stadt xy in der ns zeit kennt, man nicht mehr wie frueher durch diese stadt gehen kann (will, sollte). das geschehene ist geschehen, in dieser stadt, in dieser strasse, in diesem haus. auch wenn es die meisten menschen nicht wahrhaben wollen. da sind wir also in der heutigen zeit gelandet.

    @anna: ich hoffe du hast recht wenn du sagst die taeter sind verstorben. schlimm genug zu wissen das die taeter nach dem krieg mit renten gut leben konnten. mit summen von denen die opfer ihrer verbrechen nur traeumen konnten.

    ich will jetzt nicht wieder die geschichte aufrollen das es faktisch keine stunde null gab, das schreibtischtaeter wieder (in der demokratischen bundesrepublik) ihre arbeit taten. wie frueher auch. man hat doch nur fuer die weltoeffentlichkeit ein paar moerder nach den nuernberger prozessen hingerichtet. der eichmann prozess in jerusalem war ein lichtblick. mehr nicht. 99% der schreibtischtaeter haben ihre arbeit in der neugegruendeten bundesrepublik weitergetan. selbst ein herr kiesinger konnte bundeskanzler werden. nein, es gab keine stunde null. sondern eine kontinuitaet.

    natuerlich gab es auch leute die gegen das ns regime gearbeitet haben. die angst haben mussten vor denunziation und den folgen. keine frage. man sollte aber schon zur kenntnis nehmen das es sich bei diesen menschen um eine kleine minderheit gehandelt hat die vor allem von ihren eigenen nachbarn, „normalen deutschen“ bedroht wurden. die meisten deutschen haben mitgemacht. die grosse mehrheit.

    @yael: was ich schreibe hat immer mit mir selbst zu tun. ich schreibe nicht um applaus zu bekommen. ich brauche diese art von anerkennung nicht.

    schavua tov euch allen,
    der grenzgaenger

  20. „@yael: was ich schreibe hat immer mit mir selbst zu tun. ich schreibe nicht um applaus zu bekommen. ich brauche diese art von anerkennung nicht.“

    Ich will dir auch keinen Applaus geben, denn wenn ich mit allem einverstanden wäre, was deine Meinung ist, wäre es doch echt langweilig oder?

    Natürlich waren es wenige, die etwas dagegen getan haben, aber es gab sie, das ist doch das wichtigste.
    Sich einer Diktatur entgegenzustellen, verlangt aber jedem Menschen eine ganze Menge ab, keiner von uns weiß, was er oder die getan hätte.
    (Ich habe in einer anderen Diktatur gelebt und kenne daher die Umstände, was das genau heißt.)

    Daher bin ich mit meinen Urteilen diesbezüglich immer recht zurückhaltend. Dass ich damit die Täter, die mittelbar oder unmittelbar am Massenmord beteiligt waren, aber nicht meine, ist hoffentlich klar.

  21. @anna: alles klar ? ist so ruhig hier 😉

    SCHABBAT SCHALOM fuer alle !

  22. „Das haben wir noch nie so gemacht!“
    „Das haben wir schon immer so gemacht!“
    „Da könnte ja jeder kommen!“

    …dieses Trio beschreibt unsere deutsche Mentalität was Umgang miteinander und z.B. Büroalltag angeht, ganz passend. Was mich besonders stört ist diese. „Hauptsache-Anti“-Haltung. Ich bin jetzt auch nicht gerade der Optimist aus dem Bilderbuch, eher gegenteilig, aber dieser krasse Pessimismus geht mir auch auf den Keks. Und dieses egal wie gut etwas ist, dass es auf jeden Fall kritisiert oder in den Dreck gezogen werden muss (siehe dritter Spruch oben). Das mit der fehlenden Direktheit ist glaub ich auch ein allgemeines Problem, was erstmal jeder bei sich selbst angehen müsste. Das ist mir in den letzten Tagen krass aufgefallen. Man sagt sovieles einfach gar nicht. Seien es nun Komplimente, Kritik oder Hilfen etc. Und diese fehlende Direktheit/Ehrlichkeit führt dazu dass es allgemein so eine käsige, brei-ige Stimmung gibt. Dann noch starke Bewölkung dazu und der Nullpunkt ist erreicht.

    Ich glaub eine mögliche Umgehung des Problems wäre für jeden einzelnen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen (bzw. nicht wichtiger als man ist, sollte jemand eine so gute Objektivität besitzen) und auch nicht zu denken man würde als so wichtig wahrgenommen.

    Möchte man mal richtig auf depri schieben oder etwas Kartarsis zu gebrauchen wäre, hilft mir Musik ziemlich, zu den „Angepassten“ fällt mir da ganz gut „Die Diktatur der Angepassten“ von Blumfeld ein.

    Letztlich darf man aber auch nicht die anderen heiteren Momente des Alltags vergessen. Natürlich kann man so ein Thema am besten etwas schwarz-weiß angehen.

  23. Komme gerade aus Schweden — herrliches Land, die Menschen bamühen sich ihr Leben so einzurichten, dass sie sich nicht aufregen müssen — keine Hektik, die Menschen sind im Vergleich zu Deutschland ruhiger, entspannter und glücklicher.

  24. Es ist aber nun einmal auch typisch deutsch, dass wir über unser eigenes Land und seine Leute so gerne jammern. Dabei können Milliarden Menschen auf diesem Planeten heute und auch 95% der Weltbevölkerung früher nur von dem Wohlstand, der Sicherheit und auch den Möglichkeiten (bis hin zum Recht, auf Zeit oder ganz in x Länder auszuwandern) träumen, die Deutsche heute selbstverständlich genießen.

    Wir haben nach Krieg, Schande und Niederlage einen großartigen Aufbau geschafft – und übrigens auch wieder wachsende, jüdische Gemeinden (wenn auch mit Problemen, klar). Deutsche sind heute (gerade auch aufgrund ihres Engagements in Entwicklungshilfe, Umweltschutz etc.) international sehr viel mehr anerkannt, als man sich das vor wenigen Jahrzehnten noch vorstellen konnte. Andere Länder bewundern die friedliche Revolution in Ostdeutschland und die Wiedervereinigung. Und inzwischen erblüht sogar eine deutschsprachige Blogosphäre! Und bei Olympia haben wir auch nicht soooo schlecht abgeschnitten. 🙂

    Natürlich ist unser Land nicht perfekt, es gäbe viel zu verbessern – aber ich finde eigentlich, dass wir (gerade auch im Angesicht unzähliger Anderer z.B. in Afghanistan, Russland, Afrika, Iran, aber auch in und um Israel etc.) sehr viele Gründe haben dankbar zu sein. Wir riskieren zum Beispiel keinen massiven Ärger, wenn wir unser eigenes Land kritisieren – was in einigen der o.g. Länder definitiv nicht so ist…

    Also, ich liebe Deutschland, seine Demokratie und religiöse Vielfalt, seine Universitäten und Unternehmen – und vor allem seine Menschen, die so gerne (über alle Konfessionen hinweg) auf höchstem Niveau granteln. 😉

  25. Erstmal: Toller Blog! Interessante Artikel 😉 weiter so

    Dann: Ich finde, hier sollte alles ein wenig differenzierter gesehen werden. Manch einer neigt hier wirklich zu Schubladendenken… schade!
    Deutschland war nicht immer ein Land der „Streikfaulen“, siehe zweite Hälfte des 19. Jh sowie während des Kaiserreiches… es gab viele blutige Arbeitersaufstände… die Menschen haben sich nicht immer soziale Missstände gefallen lassen… und viele, ok nicht alle, hielten zusammen, vor allem die Arbeiter etc.
    Bis ein vollkommen Irrer daher kam und das ganze Volk (darin beziehe ich alle ethnischen Gruppen, Religionen, Ansichten usw. ein) gespaltet hat. Ich verurteile das auf Schärfste… was stimmt, ist, dass wir heute keine Streikkultur (aber zb. gab es die montagsdemonstrationen gegen hartz4) mehr haben… es keinen Zusammenhalt gibt z.B. weil Wessis immer noch auf Ossis rumhacken und andersherum genauso, Rentner sich mit randalierenden Jugendlichen rumärgern, es Gehalts- bzw. sonstige Unterschiede immer noch zwischen Männern und Frauen gibt… dann gibts die faulen Studenten und so weiter und so fort, man könnte das ewig fortsetzen… klar, es sind mal wieder vorurteile und da sollte man jetzt auch differenzieren… nicht jeder hasst jeden, aber komischerweise scheint das manchmal so… wer ist schuld? wer schafft dieses bild? wer schafft diese vorurteile? eine höhere macht? will da jemand nicht, dass man sich auflehnt?
    man stelle sich z.b. mal vor, wenn alle 400-Euro-Jobber, Rentner, Hartz-4-Empfänger, Studenten an einem Tag auf die Straße gehen würde… was dann los wäre!!!!
    es ist vielleicht eine frage der organisation, ohne dass extreme kräfte das sagen haben!
    vielleicht kommt auch irgendwann noch der große knall und alle schließen sich zusammen…

    dann: mmmh… auswandern…. ich habe ehrlich gesagt auch schon einmal darüber nachgedacht… in einem anderen land in europa… aber ist man einmal weg, dann fallen einem die dinge ein, die man von „zuhause“ vermisst

    wo gibt es schon den perfekten ort? wo gibt es schon das perfekte leben? man muss sich immer wieder arrangieren! nicht immer sind die gegebenheiten optimal… klar, jeder soll da leben wo er glücklich wird (was aber leider nicht jeder mensch auf der erde kann…) uns geht es hier verdammt gut…. das sollte man sich mal vor augen halten… da gebe ich michael bl. völlig recht

    viele grüße!


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