Verfasst von: Anna | 3. August 2008

Der 150prozentige Konvertit

„Konvertiten nerven, weil sie alles 150prozentig richtig machen wollen“. Das ist auch im Judentum ein beliebtes Klischee über Konvertiten, wie der dilletantus schon ganz richtig vermutet hat. Es ist ja auch etwas dran. Besonders gut beobachten kann man das bei Leuten, die allein aus religiöser Überzeugung konvertieren und die keine jüdische Familie im Hintergrund haben, die mal etwas mildernd eingreifen kann. Das Judentum ist eh schon eine Religion, die, wenn man sie auch nur halbwegs observant lebt, den ganzen Alltag beeinflusst, ganz zu schweigen von den zusätzlichen Schwierigkeiten in einer nichtjüdischen Gesellschaft. Wenn dann noch in der Synagoge ein Neuling so pedantisch oder gar euphorisch und mit einer alles-ganz-easy-Haltung daherkommt, dann wirkt das, sagen wir mal, etwas aufgesetzt. Ein paar Meter an der Wirklichkeit vorbei eben, und ein typischer Anfängerfehler vor allem von Leuten, die sich ohne familiäre Vorkenntnisse die jüdische Lebensweise irgendwie abstrakt „erarbeiten“ müssen. Aber zum Trost für mich und alle meine konvertierten Leser: wir sind, selbstredend, natürlich nicht so und auch unter den geborenen Juden, besonders unter denen, die erst im Erwachsenenalter religiös werden, gibt es Schwärmer und Pedanten.

In diesem Sinne eine gute Woche euch allen!
Anna

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Responses

  1. Nun Liebe Anna jetzt weiß ich endlich, wieviel der Unterschied zwischen einem jüdischen und einem katholischen Konvertit ausmacht:

    40%

    😉

  2. Bitte nicht vergessen, dass man nach einem Giur halachisch kein Konvertit mehr ist, sondern man/frau ist schlicht jüdisch. Das ist wohl der Unterschied zum Christentum oder anderen „nur“ Religionen.

  3. Wieso sollte man nach dem Gijur kein Konvertit mehr sein? Das ist schlicht falsch, was sich ja alleine schon aus der Mitzwe „den Konvertiten zu lieben“ ergibt. Dazu muss es ihn ja geben und ebenso auch bekannt sein, wer Konvertit ist.

    Halachisch ist alleine verboten einen Konvertiten sein Leben vor dem Übertritt vorzuhalten bzw. ihn hierdurch zu beschämen.

    Ansonsten gibt es auch halachisch einige Unterschiede bei Konvertiten und das Verbot einen Kohen zu heiraten ist hier wohl nur das Bekannteste. Auch dieses setzt voraus, dass man nach dem Übertritt sehr wohl den Status des Konvertiten hat.

  4. Konvertit ist man solange man konvertiert, wenn schon halachisch korrekt, dann bitte Gerim Jisrael und nicht mehr Konvertit.

    Kohanim dürfen auch keine geschiedenen Frauen und Witwen heiraten. Es gibt noch viele andere Beispiele, die dann nur den Rabbiner angehen. Im Judentum hat jeder unterschiedliche Aufgaben.

    „Halachisch ist alleine verboten einen Konvertiten sein Leben vor dem Übertritt vorzuhalten bzw. ihn hierdurch zu beschämen.“

    Das tut man schon dadurch, indem man ihn Konvertit nennt und somit auf seinen Status hinweist. Logisch oder??

  5. @Yael
    „Das tut man schon dadurch, indem man ihn Konvertit nennt und somit auf seinen Status hinweist. Logisch oder??“

    Nein, eben nicht. So ist es in orthodoxen Gesellschaften eben auch ganz normal, dass darüber gesprochen oder man deswegen angesprochen wird. Der Status ist kein Mangel, noch muss deswegen jemand beschämt sein. Es wird dort (in der Regel) als etwas positives empfunden und ebenso auch geäussert.

    Halachich ist das alles kein Problem. Problematisch wird es eben nur dann, wenn man gezielt auf das Leben vor dem Übertritt verweist, eben den Ger nicht als Neugeborenen sondern mit einer Vorgeschichte welche sich jetzt noch weiterwirkt annimmt.

  6. Übrigens betrifft dieser manchmal vorhandene Übereifer nicht nur Gerim Israel, auch bei Baal Tschuwa kann man dieses oft beobachten.

  7. „Der Status ist kein Mangel, noch muss deswegen jemand beschämt sein. Es wird dort (in der Regel) als etwas positives empfunden und ebenso auch geäussert.“

    Bei Orthodoxen gebe ich dir Recht, in anderen Kreisen (vor allem bei Sekulären) wird man deswegen oft nicht für voll genommen und das wird auch teilweise recht deutlich gezeigt.

  8. PS: Das geht dann schon so weit, dass Gerim ihren Status verleugnen, um sich selber zu schützen.

  9. @Yael
    Hier kann ich dir nur zustimmen. Hier wird tragischerweise das Jüdischsein rein rasse-völkisch verstanden und so eine Aufnahme als undenkbar angesehen und erst recht, wenn religiös motiviert, was ja schon auf die eigene Person bezogen geleugnet wird.

    Alles dann so lange, bis die eigene nichtjüdische Schwiegertochter anklopft… 😦


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