Verfasst von: Anna | 16. September 2008

Wenn die Arbeit krank macht

Immer mehr Berufstätige gehen nach der Arbeit direkt zum Arzt, um sich Beruhigungsspritzen geben zu lassen  Das hat mir heute mein Hausarzt erzählt. IMAP heißt das Mittel, das mehr und mehr Menschen in Anspruch nehmen, um akute Stresssituationen zu entschärfen und  „funktionsfähig“ zu bleiben. Weil sie mit dem überzogenen Zeitdruck am Arbeitsplatz überfordert sind, weil sie gemobbt werden, weil sie sich auf ständig neue Veränderungen einrichten sollen, weil man ihnen mit Versetzung oder Kündigung droht. Ich denke, fast jeder von uns hat das krankmachende Potential unserer heutigen Arbeitswelt schon einmal selbst, in der Familie oder bei Freunden erlebt. Irgendwie voll daneben sind deshalb die immer mal wieder durch die Medien wabernden Klagen über die ach so veränderungsunwilligen Deutschen, für die, wie ein Blogger-Kollege es kürzlich formuliert hat, Veränderung gar ein „Schimpfwort“ sei. Das ist das übliche, wahlweise propagandistische oder träumerisch-weltfremde Gerede, das man so oft von Politikern, Wirtschaftsbossen, Funktionären und Beamten und so gut wie nie aus der malochenden Bevölkerung hört. Zum schreiend Davonlaufen, echt.

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Responses

  1. Da stimme ich Dir nicht uneingeschränkt zu. Richtig ist, dass das Geld, das Du brauchst, um den erzielten Standard halten zu können, nur noch durch sehr harte Arbeit verdient werden kann. Das war vor 10 Jahren noch anders: da ging das leichter.

    Es bleibt also eigentlich die Frage, ob der Standard, den man hat, wirklich so notwendig ist. Die zitierten Wirtschaftsbosse zielen mit ihren Tiraden m.E. nicht ganz zu unrecht auf diesen Sachverhalt ab – wenngleich das von unberufenem Munde kommt: wer Kuchen frißt, soll anderen nicht das Brot vom Mund wegsparen. Aber ob sie Recht damit haben, steht auf einem anderen Blatt.

    Aber in unserer Gesellschaft geht es noch lange nicht nur noch ums Brot. Die Mittelschicht macht im Moment noch deutlich überzogene Urlaube, zu viele Renter verjubeln -zigtausende auf Kreuzfahrten – und wir fahren eigentlich alle viel zuviel in der Gegend herum, wo es der öffentliche Nahverkehr auch täte. Die Gesellschaft hat zwanghafte Spontaneität auf ihre Fahnen geschrieben – und Spontaneität ist von Natur aus sehr teuer, weil dafür Kapazitäten vorgehalten werden müssen, die oftmals dann doch nicht ausgeschöpft werden können.

    Wenn wir das Problem meistern wollen, dann müssen wir alle umdenken: was brauchen wir wirklich, und was ist Luxus, den wir uns nur dann leisten, wenn wir ihn auch bezahlen können? Und vor allem: können wir glücklich leben ohne Luxus? Natürlich können wir das, aber es wird nicht uneingeschränkt geglaubt.

    Dass die Reichen dieses Spiel nicht und niemals mitmachen werden: damit müssen wir leben. Und dass es immer Arme unter uns geben wird: damit auch. Die Frage ist, was die tun, die entscheiden können, und die in der Lage sind zu sagen: nein, das mache ich nicht mehr mit. Ich vertraue darauf, dass es auch anders geht, und ich fange damit jetzt gleich mal an.


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