Verfasst von: Anna | 16. November 2008

Typisch deutsch: die Religion wird ab 2011 zentral erfasst

Gestern haben wir einen Brief von unserer jüdischen Gemeinde bekommen: wir sollen doch bitte bei der Bank unsere Religionszugehörigkeit angeben. Es folgt eine genaue Erklärung, welche der zahlreichen Bezeichnungen für „jüdisch“ im deutschen Steuersystem auf unsere Gemeinde zutrifft und die Aufforderung, dass wir das auch bitteschön korrekt angeben, damit unsere „Kirchensteuer“ auch tatsächlich auf dem Konto der Gemeinde ankommt.  Der Hintergrund sei die neue Abgeltungssteuer, die ab 2009 auf Kapitalerträge erhoben werde und die von den Banken künftig samt zugehöriger Kirchensteuer direkt ans Finanzamt abgeführt werde.

Im Klartext: Ich soll meinem Bankberater ein Formular mit meiner Religionszugehörigkeit unterschreiben, damit die Bank die Kirchensteuer auf meine Kapitalerträge einziehen kann. Nun hab ich prinzipiell kein Problem damit, zu sagen, dass ich jüdisch bin. Nur – meine Bank geht das wirklich nichts an. Die sollen sich um mein Geld kümmern und nicht um meine Religion. Ich werde also rein gar nichts erklären und meine Kirchensteuer weiter übers Finanzamt bezahlen und damit basta. Und da viele andere Leute das auch so halten werden und das dem Gesetzgeber anscheinend auch klar ist, soll es ab 2011 eine echt effektive Lösung geben, an der kein noch störrischer Auskunftsverweigerer bei der Bank mehr vorbeikommt: eine zentrale Datei mit der Religionszugehörigkeit aller Steuerpflichtigen beim Bundeszentralamt für Steuern in Bonn. Auf die dürfen die Banken dann zugreifen, um für jeden Kunden den richtigen Kirchensteuersatz zu ermitteln. Das nenn ich mal wieder echte deutsche Wertarbeit. Nur 60 Jahre nach dem Holocaust sind alle Juden, die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde sind, wieder ordentlich erfasst und bei der besagten Behörde zentral abrufbar. Ich frage mich: Ist diese typisch deutsche Ordnungs- und Erfassungsmentalität denn nie kaputtzukriegen? Und noch etwas: wo ist da eigentlich der Zentralrat gewesen? Kann sich von denen vielleicht mal jemand kümmern? Oder müssen wir jetzt alle aus den Gemeinden austreten, wenn wir uns nicht zentral erfassen lassen wollen?

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Responses

  1. Ich finde deine Beiträge sehr spannend und interessant. Du schreibst gut und treffend in vielen Punkten. Allerdings finde ich diesen Bezug zur Shoah überzogen und völlig fehl am Platz. es geht nicht um die Registrierung der Juden, sondern um den Einzug der Kirchensteuer, das sind um das mal ganz deutlich zu sagen, zwei völlig verschiedene Stiefel. Ob das Verfahren allgemein gerechtfertigt ist ist wieder eine andere Frage, ich gebe dir Recht, die Religion geht die Bank nun wirklich nichts an.
    Grüße Simon


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