Verfasst von: Anna | 22. November 2008

Reichskristallnacht-Gedenken: wie soll es damit weitergehen?

Diese Frage stelle ich mir jedes Jahr aufs Neue, wenn ich Berichte über die Gedenkveranstaltungen lese, die bei uns in der Gegend am 9. November abgehalten werden. Zur Erinnerung an die Schrecken der „Reichskristallnacht“ versammelt man sich zum Beispiel in unserer Stadt am Gedenkstein am Platz der damals niedergebrannten Synagoge. Dort halten dann Politiker, Pfarrer, Hobby-Historiker und Lehrer  Reden, legen Kränze nieder, sprechen Ermahnungen aus und zeigen ganz viel Betroffenheit. Nach einer Stunde gehen alle wieder nach Hause – nur um sich in einem Jahr zur gleichen Zeit wieder für eine Stunde am Gedenkstein zusammenfinden und Reden zu halten, Kränze niederzulegen, Ermahnungen auszusprechen und ganz viel Betroffenheit zu zeigen. Das ist ein festes Ritual, das seit Jahrzehnten genau so gepflegt wird. Nur eines hat sich im Laufe der Zeit geändert: die Teilnehmer. Das sind inzwischen fast nur noch Leute, die im Jahr 1938 entweder noch gar nicht gelebt haben oder aber noch Kinder waren. Und bald schon wird es gar keine Zeitzeugen mehr geben. Dann wird die „Reichskristallnacht“ ein Ereignis sein, das niemand mehr persönlich erlebt hat -ein Ereignis wie so viele andere, über die man im Geschichtsunterricht etwas lernt und zu dem man persönlich keinen Zugang mehr hat. Und dann? Werden dann immer noch die gleichen Gedenkveranstaltungen abgehalten? Ich kann mir das sehr schlecht vorstellen. Sehr gut kann ich mir aber vorstellen, dass sich viele Leute von solchen ritualisierten Schuld- und Mahnverstaltungen irgendwann nur noch belästigt fühlen werden.

Und deshalb, denke ich, ist es dringend notwendig, endlich über einen zeitgemäßeren Umgang mit der „Reichskristallnacht“ nachzudenken. Irgendwo im Internet habe ich von einer Lehrerin gelesen, die genau das in einem Leserbrief an eine Zeitung versucht hat. Ich fand diesen Versuch misslungen und die scharfe Kritik, die sie sich damit eingefangen hat, gerechtfertigt. Aber grundsätzlich sollte man das Thema endlich enttabuisieren und – mit einer gewissen Sensibilität – auch öffentlich diskutieren dürfen. Das scheint aber zurzeit noch nicht möglich zu sein. Was würde denn geschehen, wenn die Stadt X beschließen würde, die Reichskristallnacht-Veranstaltung zum Beispiel nur noch alle fünf Jahre abzuhalten? Ganz einfach: Es würde ein Sturm der Entrüstung aller Berufs-Gutmenschen losbrechen und Bürgermeister Y könnte seine politische Karriere an den Nagel hängen. Und da kein Politiker das riskieren will, geht es immer so weiter, wie es jetzt ist. Wenn sich die Deutschen untereinander einen Maulkorb aufzwingen, dann werden die heute jungen und die künftig noch kommenden Generationen das erstarrte Gedenken irgendwann so sehr als Zumutung empfinden, dass sie es sich eines Tages womöglich voller Hass vom Hals schaffen werden. Und damit wäre dann erst recht niemandem gedient.

Zu diesem für Deutsche heiklen Thema habe ich auch eine Umfrage eingerichtet. Bitte stimmt fleißig ab, ich bin sehr gespannt auf eure Meinungen:

Reichskristallnacht-Gedenken: Wie soll es langfristig damit weitergehen?
1) Die Gedenkfeiern sollen weiterhin jedes Jahr stattfinden.
2) Die Gedenkfeiern sollen nur noch alle fünf oder zehn Jahre stattfinden.
3) Die Gedenkfeiern sollen abgeschafft werden.
4) Keine Ahnung.

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Freundlicher Hinweis an alle Alt- und Neonazis, die hier zufällig auf der Suche nach Hetzmaterial hereinschneien: Ihr braucht diesen Artikel nicht sinnentstellend unter so einer Überschrift wie „Sogar die Juden haben schon die Schnauze voll vom Holocaust“  in eure Foren kopieren. Ihr hättet dann etwas falsch verstanden – so wie meistens. Und noch etwas: Unsachliche Kommentare werden gar nicht erst veröffentlicht. 

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Responses

  1. Ich war dieses Jahr zur Gedenkfeier im alten Nürnberger Rathaus. Das war m. E. eine sehr gelungene Veranstaltung, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Die – durchaus namhaften – Redner (u.a. Markus Söder) haben in meinen Augen kein allgemeines Betroffenheitsgelaber abgehalten, sondern haben die Ereignisse mit recht gutem Erfolg in die konkrete Gegenwart transponiert und eindeutige Forderungen an die Politik gestellt. Zum Beispiel, endlich den bekloppten Eiertanz um das NPD-Verbot zu beenden und ein deutliches Exempel zu statuieren: das Verbotsverfahren erneut aufzurollen, auch auf die Gefahr hin, dass es formaljuristisch wieder nicht klappt. Diese Bedenkenträgerei dahingehend sei in abgeschwächter Form genau dasselbe wie 1933: erst mal abwarten, bis es zu spät ist. Das hat nicht nur Markus Söder so gesagt, sondern auch der Nürnberger Oberbürgermeister, der Zeitzeuge Arno Hamburger und der Hauptredner Henryk M. Broder. Ein weiteres bedenkenswertes Ergebnis waren die Erläuterungen der Redner dahingehend, warum Deutschland zu Israel ein ganz besonders diffiziles Verhältnis hat – auf jeden Fall ein anderes als zu allen anderen Staaten der Welt. Aber das steht mittlerweile eigentlich auf einem anderen Blatt.

    Die „Nacht der Schande“ ist ja nun 70 Jahre her. Was damals geschehen ist, versinkt langsam unter dem Mantel der Geschichte, und wir können dabei zuschauen.

    Was aber nie versinkt ist die Forderung an alle Menschen und Bürger, dem Staat notfalls massiv in den Arm zu fallen, wenn sich in Regierungskreisen die „Unantastbaren“ breit machen. Wir haben es in den Demonstrationen um Brok- und Wackersdorf gesehen: es ist für einige hart, aber es nützt was. Franz-Josef Strauß konnte die WAA nicht bauen.

    Aus diesem Grund bin ich dafür, solche Gedenkveranstaltungen Jahr für Jahr abzuhalten, um den Bürgern ihre Verantwortung unmißverständlich vor Augen zu führen. Zu viele Deutsche haben in der Schandnacht versagt, weil sie Schiß hatten vor den braunen Schlägertrupps. Diese Angst war ungerechtfertigt, weil sich die braunen Trupps sofort verdrückten, wenn sich Widerstand regte oder die Gefahr zu groß wurde (die Augsburger Synagoge ist nicht niedergebrannt worden, weil daneben ein Tanklager lag: da war die Feuerwehr sofort zur Stelle. Es war ihnen also gar nicht so ernst, sie wollten wohl nur ihr Späßchen haben).

    Die Veranstaltungen zur Nacht der Schande sind wichtig, um die Leute immer wieder aufzurütteln: man muss sich für Politik interessieren, ob man will oder nicht. Denn sonst nisten sich die Fettärsche à la Göring, Demagogen à la Göbbels (den schreibe ich nie mit oe, das hat der nicht verdient) oder Hühnerzüchter à la Himmler ein. Und die ziehen einen Rattenschwanz von Opportunisten hinter sich her, die hinterher an nichts Schuld waren.

    Diesen Zusammenhang müssen die Leute wissen. Sonst passiert das wieder, und zwar viel schneller als man denkt. Sowas kommt wie die Maul- und Klauenseuche über einen Saustall: wenn man’s bemerkt, ist es schon zu spät.

  2. Das „Ich kann mir das sehr schlecht vorstellen. Sehr gut kann ich mir aber vorstellen, dass sich viele Leute von solchen ritualisierten Schuld- und Mahnverstaltungen irgendwann nur noch belästigt fühlen werden.“ ist mir dieses Jahr aufgefallen. Ich hab mit Leuten gesprochen uns sie gefragt, ob sie auf eine Gedenkveranstaltung mit mir gehen würden, die das ganze Gedenken sehr stark als Schuldveranstaltung, Schuldzuweisung verstanden haben und meinten, damit müsse doch endlich mal schluss sein. Ehrlich gesagt, ich sehe es gar nicht so, als Schuldzuweisung. Wenn ich so wo hingehe, dann hat das schon was mit Schuld zu tun, aber es ist eigentlich viel, viel mehr um an die Opfer zu denken und auch einfach daran zu erinnern, dass sowas möglich war. Vielleicht bin ich zu jung, um es als persönliche Schuldzuweisung zu verstehen. Vielleicht wäre es eine bessere Lösung, statt die Veranstaltungen nur alle paar Jahre zu haben, sie eben so auszurichten, dass Leute es eben anders verstehen.

  3. Ich gebe dir grundsätzlich recht. Allerdings weiß ich nicht wie ich deinen Beitrag einschätzen soll, ich weil ich finde, dass gerade in Zeiten, in denen NPD Einzug in die Landtage erhält ein SINNVOLLES Gedenken notwendig ist, und das ist es m.E. noch jährlich. Allerdings fände ich es gerechter, wenn allen Opfern gedacht würde, bisher sind das nur Soldaten und Juden, was ja auch gerechtfertigt ist. Aber haben die Sinti und Roma nicht auch ein Recht darauf? Und was ist mit jenen, die ins Euthanasieprogramm gekommen sind? Es ist de facto eine Gratwanderung.

  4. Du schreibst interessante Dinge über das Gedenken, aber du machst es dir selber aber auch ganz einfach.

    Du schreibst über den Nationalsozialismus so abstrakt; vielleicht solltest du mal bei dir selbst anfangen: Wie stehst es mit deiner eigenen Familie? Mit deinen Grossvätern? Was haben Sie in der NS-Zeit gemacht? Schwierige Fragen.

    Die krampfartige Art wie Deutsche Konvertiten immer versuchen jedes Lebensdetail über ihre (Gross-)Eltern in der NS-Zeit zu vertuschen oder Fragen danach zu entweichen finde ich immer besonder verdächtig.

    Du schreibst an anderer Stelle dass deine alte Schulfreundin dass du bereits in deinen Schuljahren dich ganz obsessiv beschäftigst hat mit dem Judentum. Flucht vor der eigenen, lästigen Biografie? Der Wunsch den weniger schönen Aspekten der eigenen Grosseltergeneration zu entflüchten und sich an auf die Seite der moralischen moralischen „Sieger“ zu stellen?

    Immer wieder komisch dass Giur-Klassen in Israel so rege von Deutschen besucht werden. Wenn man dann aber fragt, warum willst du Jude werden, kommt dann immer schön die Ausrede von der religiösen Erleuchtung etc. Bei soviel vermeintlich religiösen Eifer, könnte man fast glauben dass die Deutschen besonders anfällig sind fürs Religiöse. Wie erklärst du dir eigentlich dass so überdurchschnittlich viele Deutsche sich zum Judentum konvertieren?

    Sind sie einmal konvertiert, dann beginnt sofort die Distanzierung von der eigenen Biografie. Auf die direkte Frage:“Was hat dein Grossvater während des Krieges gemacht?“ weiss man nicht zu antworten, und man flüchtet sich lieber in Ausreden. Was man sich da als Lebenslügen zurecht zimmert ist teilweise gänzlich lächerlich.

    Ausnahmen mag es geben. Aber aus meinen Begegnungen mit deutschen Konvertiten in Israel kann ich nur feststellen dass die meisten besonders unehrlich sind über ihre Motive und noch unehrlicher über die Geschichte ihrer Familien.

  5. @Mordy, wer bist du eigentlich, dass du dir anmaßt, hier solche Anschuldigungen in den Raum zu stellen? Du traust dich ja noch nicht mal, eine richtige email-Adresse anzugeben.

    Nimm deine Klischees und verschwinde. Ich dulde hier niemanden, der mich und meine Familie beleidigt.

  6. Oh je, ein Klischee nach dem anderen. Gibts nicht noch mehr! 😀 Ich liebe solche Menschen. Rassisten allenhalben. Ein gutes Beispiel wie auch Juden davon befallen sind.

    Ärgere dich nicht so sehr, Anna, diese Frau hat sich doch selber durch ihren Rassismus disqualfiziert.

  7. PS: wenn die überhaupt jüdisch ist, im Internet wird ja vieles erzählt und viel gelogen.


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