Verfasst von: Anna | 4. Dezember 2008

Eindrücke aus Jerusalem

Das jüdische Viertel der Altstadt ist nach wie vor fest in der Hand amerikanischer Juden. Man spricht Englisch und lebt anscheinend wie in einer amerikanischen Kolonie. Das Ganze hat auf mich, die in Israel ausschließlich mit Israelis und nicht mit Amerikanern zusammen ist, schon etwas befremdlich gewirkt. Überhaupt ist mir das jüdische Viertel irgendwie zu „unorientalisch“, zu aufgeräumt.  

An der Kotel (Westmauer, Klagemauer) wird in der Frauenabteilung gebettelt, was das Zeug hält. Außerdem sind dort jedes Mal so viele Frauen zugange, dass man kaum eine Chance hat, bis zur Mauer vorzudringen. Bei den Männern ist doppelt so viel Platz und halb so viel Betrieb. Warum kommt eigentlich keiner auf die Idee, die Mechitza (Trennwand) zwischen den beiden Abteilungen endlich mal der Realität anpassen und zu verschieben? 

Im muslimischen Viertel pulsiert wieder das traditionelle Händlerleben. Hier trifft man immer noch nur wenige Touristen, wahrscheinlich haben sie vor irgendetwas Angst. Etwas irritierend wirken die Charedim (ultraorthodoxen Juden), die im muslimischen Viertel Häuser aufgekauft haben und dort leben und/oder lernen. Doch das wird ausgeglichen von den palästinenschen Händlern, die Holzschnitzereien in der Form des Staates Israel und mit der Aufschrift „Free Palestine“ feilbieten.

Von solchen politischen Befindlichkeiten lasse ich mich bei meinen Jerusalem-Besuchen jedenfalls überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Ich komme als Gast und besuche jedes Mal alle Viertel der Altstadt: das jüdische, das christliche, das armenische und das muslimische. Es macht wenig Sinn, in diese fasziniertende Stadt zu kommen und dann aus, sagen wir mal, ideologischen Gründen das muslimische Vietel auszulassen. Nur wer die Stadt als Ganzes erkundet, nimmt sie auch in ihrer ganzen Komplexität und Bedeutung wahr. Wer nur zur Klagemauer oder zur Grabeskirche rennt, wird der Stadt Jerusalem nicht gerecht.  

Wir waren heute sogar, weil die Lage ruhig war, zum ersten Mal in den eigentlichen Einkaufsstraßen von Ost-Jerusalem spazieren. Wir waren neutral als Touristen gekleidet, haben deutsch miteinander gesprochen und und konnten uns so alles in Ruhe ansehen. Das Highlight: ein Reisebüro, das eine Linienverbindung „Haifa – Beirut – Damaskus – Bagdad“ anbietet. Ich weiß zwar nicht, wie die von Haifa nach Beirut kommen (via Zypern?), aber so eine Reise würde mich mal reizen – und zwar nicht nur one way.

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Responses

  1. „Das Ganze hat auf mich, die in Israel ausschließlich mit Israelis und nicht mit Amerikanern zusammen ist, schon etwas befremdlich gewirkt.“

    ja, so geht es mir auch.
    aber nicht nur in der altstadt, auch in einigen anderen stadtvierteln jerusalem’s trifft man auf eine bevölkerung, die zu 95% aus „anglo’s“ besteht, zum beispiel in ramat eshkol.


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