Verfasst von: Anna | 13. Dezember 2008

Unsere vietnamesische Gastarbeiterin

In unserer israelischen Familie haben wir jetzt auch eine Gastarbeiterin aus Fernost. Die junge Frau aus Vietnam lebt seit einem halben Jahr im Haushalt von Onkel und Tante, um der Tante bei der Pflege des schwerkranken Onkels zur Seite zu stehen. Was mich an Lan so fasziniert hat, ist die Ruhe und Bescheidenheit, mit der sie ihre Arbeit unter persönlich so schwierigen Bedingungen macht: weit weg von der Heimat, in einem total fremden Land, in dem sie noch nicht einmal die Sprache versteht.  Familiär hat sie es bei Onkel und Tante gut getroffen. Die Familie ist herzlich und wohlhabend und macht ihr den Aufenthalt in jeder Hinsicht so angenehm wie möglich. Trotzdem funktioniert es mit der Kommunikation nicht, da Onkel und Tante nur wenig Englisch sprechen. Und so sitzt Lan am Abend stundenlang mit der Familie im Wohnzimmer und versteht weder die Gespräche noch den ununterbrochen laufenden Fernseher. Ich habe sie irgendwann vorsichtig gefragt, ob das nicht alles furchtbar langweilig für sie  ist. Ja, hat sie geantwortet, und sehr einsam.

Junge Frauen wie Lan gibt es viele in Israel. Sie kommen als Gastarbeiter,  um sich in der Heimat eine bessere Zukunft zu ermöglichen und ihre Familien im Fernen Osten finanziell zu unterstützen. Die Personen in Israel, die Gastarbeiter aus Fernost als eine Bedrohung für den Staat Israel diffamieren, haben sich mit Sicherheit nicht die Mühe gemacht haben, mit solchen Menschen überhaupt einmal zu sprechen. Das wäre aber mal angebracht, denn dann könnte auch der eine oder andere konservative Rechte feststellen, dass es sich bei den Gastarbeitern nicht generell um berechnende Wirtschaftsflüchtlinge handelt, sondern einfach um Menschen, die in ihren besten Jahren allein in der Fremde leben anstatt in der Heimat glücklich zu sein und eine Familie zu gründen. Die allermeisten werden freiwillig wieder zurückgehen, da bin ich mir sicher. Einige werden versuchen, zu bleiben, und sich per Heirat einen Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Der  „jüdische Staat“ wird das verkraften. Und denen, die gedankenlos gegen die Gastarbeiter wettern, schlage ich vor, sich doch einfach selbst für einen Hilfsjob zur Verfügung zu stellen. Das wäre dann wenigstens konsequent.

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