Verfasst von: Anna | 16. Dezember 2008

Einmal Westjordanland und zurück

Seit langen Jahren war ich diese Woche endlich wieder einmal auf Kurzbesuch im Westjordanland. Eigentlich war es ein nur ein winziger Abstecher ins Palästinenserland – wir sind mit dem Auto gerade mal die 40 km von Jerusalem über Jericho ans Tote Meer gefahren. Diese kurze Strecke hat es allerdings in sich. Hier erlebt man mehr als auf 500 km Autobahn in Deutschland.

Die grandiose Landschaft ist die eine Sache. Die judäischen Berge sind beeindruckend und total anders als die Berge im Negev. Ich war hin und weg von diesem Schauspiel, man glaubt als Europäer gar nicht, welche Vielfalt an Natur und Farbe sich hinter dem simplen Begriff  „Wüste“ verbergen kann.

Die politische Lage ist die andere Sache. Hineinfahren ins Westjordanland ist unproblematisch. Einfach hinter Ost-Jerusalem auf der Schnellstraße bleiben und schon ist man drin. Es gibt keinen Checkpoint, der die „Einreisenden“ kontrolliert. Den gibt es nur für die „Ausreisenden“, also für die, die aus dem Westjordanland ins israelische Kernland wollen. Und da wird es dann, sagen wir mal, interessant. Morgens und abends stauen sich hier die Autos auf beiden Fahrspuren weit zurück. Das heißt: wer zum Arbeiten nach Israel rein will, braucht Geduld und Nerven. Denn das ist kein normaler Rush-Hour-Trubel, das ist Nahostkonflikt live. Hier kann mitten in der Warteschlange jederzeit eine nette kleine Autobombe hochgehen und alles in die Luft jagen. Diesen Extrakick brauche ich ja nicht unbedingt. Dagegen ist die Fahrt in einem israelischen Linienbus ein Klacks (und damit fährt zumindest aus unserer Familie auch schon niemand). Wir standen also bestimmt zwanzig Minuten im Stau und bewegten uns im Schritttempo auf besagten Checkpoint zu. Genug Zeit also, um erstens zu hoffen, dass alles gut gehen würde, und zweitens darüber nachzudenken, wohin dieser ewige Konflikt eigentlich noch führen soll. Es ist klar, Israel muss seine Grenzen schützen, aber es ist auch klar, dass die Palästinenser durch die zahlreichen Straßensperren im Westjordanland enorm in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden (wir haben gerade mal drei Autos mit palästinensischem Kennzeichen gesehen, d.h., alle anderen sind an anderen Checkpoints  im Landesinnern hängengeblieben und haben erst gar keine Erlaubnis bekommen, auf der Straße Jerusalem – Totes Meer zu fahren). Ewig wird das so nicht mehr weitergehen gehen können. Eines Tages wird es eine Lösung geben, wenn keine friedliche, dann eine gewaltsame – der Stärkere, das zeigt die Geschichte, gewinnt langfristig immer.

Für meinen Mann, der Israel schon vor der ersten Intifada verlassen hat, war die ganze Situation besonders absurd. Er schwärmt mir oft von seinen Fahrten nach Schchem (Nablus) vor, wohin sein Vater in den 70er Jahren immer das Familienauto zur Reparatur brachte. Solche alltäglichen Geschäfte zwischen Israelis und Palästinensern, die heute kaum vorstellbar sind, waren damals absolut normal. Als in den 90ern gerade keine Intifada war und wir zufällig durch Nablus kamen, haben wir die Autowerkstätten auf der Hauptstraße auch noch sehen können: eine neben der anderen, den ganzen Ort hindurch – nur die israelische Kundschaft war nicht mehr da.

Auch wenn unser Ausflug ins Westjordanland gut gegangen ist: ich rate jedem gewöhnlichen Israeltouristen ausdrücklich von einem solchen Trip ab. Die Durchfahrt ist mit einem erhöhten Sicherheitsrisiko verbunden und die meisten Mietwagen sind dort auch gar nicht versichert. Um dort sicher durchzukommen, muss man die aktuelle politische Tagessituation richtig einschätzen können. Man muss auf unerwartete Situationen gefasst sein und adäquat reagieren können. Bei uns war es zum Beispiel so, dass wir am Straßenrand dauernd Beduinenkinder gesehen haben, die einfach da herumhingen und auch schon mal Steine in handlicher Wurfgröße vor sich liegen hatten. Oder junge Männer, die einfach so auf dem Standstreifen auf und abgingen. Da hab ich mich schon gefragt, ob die alle dort nur ihre Freizeit verbringen oder vielleicht doch auf Siedlerautos warten. Andererseits: wer die Chance hat, das Westjordanland mit einer organisierten Tour in einem geschützten Reisebus zu besuchen, braucht sich das nicht unbedingt nicht entgehen zu lassen. Die Landschaft ist wirklich grandios, die besuchbaren Städte (d.h. Jericho und Bethlehem) sind sehenswert, und den beiden Konfliktparteien einen Blick zu gewähren schadet auch niemandem – und vor allem nicht denjenigen, die aus purer Ideologie zur Einseitigeit neigen.

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Responses

  1. Guten abend !!

    Ich bin der meinung das dass westjordanland zu israel gehören sollte, den bethlehem und die anderen orte , gehören einfach zum biblischen israel, also sollen die palästienser dieses gebiet an israel abgeben, auch der gaza streifen sollte israel wieder unter seine kontrolle nehmen, sonst hört der kassam beschuss nie auf. Vor allem sollte die uno die letzte raketen beschüsse auf isael hart verurteilen.

    Shalom Israel

    Mit freundlichen gruß

    Mariusz

    Ps. Anna, ich habe ihnen eine email geschickt durch kontakt, haben sie diese erhalten ?? hätte mich sehr über eine antwort gefreut !! Danke !!

  2. Mariusz, es gibt keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme, daher auch mein langer Beitrag zu dem Thema. Bitte noch einmal genau lesen, was da über Einseitigkeit aus purer Ideologie (hier wohl christlich-biblisch) steht.

  3. Hallo

    ja ahbe ich gelesen ,;-)

    Aber nun gut, danke trotzdem für eine antwort.

    ciaoi

  4. anna, was sagst du zum raketenterror auf sued israel ? zeigt dieser terror nicht eindrucksvoll was passiert wenn israel gebiete (fuer den selbstbetrug eines friedens) zurueck gibt ?

  5. Deine Beschreibung der “westjordanischen Berge“ in Juda und Shomron verursacht mir heftigste Gefühle.
    Alle, die in den Gebieten ( sog. Stachim) leben , müssen mit den CHeckpoints klarkommen.
    Früher wurden Juden und Araber an unterschiedlichen Strassen Checkpoint -Schaltern durchgeschleust.
    Seit Peace Now / Shalom Achschav beim EU – Gericht wegen Diskrimierung der Araber geklagt hat, sind Juden vermehrt der Gefahr von Terroranschlägen aussgesetzt.
    Bei jedem unserer Besuche in Eretz Jisrael fahren wir in die Gebiete. Juda, Shomron, Binyamin…
    Rachel

  6. @grenzgaenger, was meinst du denn hier mit Süd-Israel? Ich war in der Westbank!

    @Rachel, fahrt ihr mit dem Mietwagen dort rein? Oder Privatauto? Ich meine, wegen der Kfz-Versicherung. Und was für „heftige Gefühle“ macht dir denn die Beschreibung der Landschaft? Die ist atemberaubend schön, Politik hin oder her.

  7. „was passiert wenn israel gebiete (fuer den selbstbetrug eines friedens) zurueck gibt ?“

    israel darf eben keine gebiete zurückgeben, wo klar ist, dass danach ein vakuum entsteht, welches von den falschen kräften besetzt wird. gasa war in gewisser weise sehr vorhersehbar. im grunde müssten in alle gebiete zunächst einmal die UNO oder eine ähnliche halbwegs unabhängige organisation hinein (mir fällt nur die UNO ein, obwohl die sich noch nicht wirklich mit ruhm bekleckert hat). man kann nicht einfach gebiete räumen und denken, man hätte damit etwas gutes auf dem weg zum frieden getan und damit tür und tor radikalen kräften öffnen.
    meine kritischen 2cents.

    ich war unlängst auch in den gebieten – nicht dass ich da unbedingt wieder hinwill. aber was tun, wenn liebe leute es vorgezogen haben, ausgerechnet dort zu wohnen. der stau zur arbeit nach jerusalem hinein ist eines, das andere der zaun ums wohngebiet und überhaupt. nein, nicht eine situation, in der ich meine kinder aufwachsen lassen wöllte.

  8. @ Anna:Die Landschaft ist einfach ganz speziell dort… und auch die Menschen . Es packt mich ganz einfach die Sehnsucht…

    Und – wir fahren alles: Egged, Privatautos und Leihwagen. Wies grad kommt.

    Meine Enkel wachsen dort auf – und – diese “Gebiete“ , Juda, Binyamin, Shomron , es ist Eretz Jisrael. Dort lebten unsere Vorväter und Vormütter.
    Rachel


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