Verfasst von: Anna | 10. Januar 2009

Leben in Israel? Lieber doch nicht

Seit Tagen schon drehen sich in meinem Kopf die Gedanken. Erinnerungen an die Zeit, als mein Mann seinen Militärdienst im Gazastreifen gemacht hat, drängen an die Oberfläche, Bilder, die ich längst vergessen geglaubt habe, sind plötzlich wieder da. Ich sehe mich wieder am Sonntagmorgen mit dem Auto nach Erez fahren, wo Y. immer die Grenze zu seinem Einsatzort in Gaza überquert hat; dort haben wir uns immer mit so einem mulmigem Gefühl im Bauch verabschiedet und einfach nur gehofft, dass wir uns am nächsten Freitag gesund wiedersehen würden. Und ich sehe wieder das monströse Maschinengewehr vor mir, dass Y. am Freitagnachmittag immer mit nach Hause brachte und das wir dann möglichst unsichtbar in der letzten Ecke der Wohnung verstaut haben (das Gefühl, mit einer M-16 in der Wohnung zu leben, ist übrigens unbeschreiblich!). Also ich brauche das alles nicht noch einmal. Wenn ich mir vorstelle, dass wir in Israel leben würden und Y. jetzt zum Einsatz nach Gaza einberufen werden würde – ich würde verrückt werden. Ich bin nicht bereit, Y. noch einmal mit irgendeiner Armee dieser Welt zu teilen. Solange das aber der Preis ist, den man zahlen muss, um in Israel leben zu können, verzichte lieber auf das Leben in einem jüdischen Staat und bleibe in Europa. Ich bin hier ohne Krieg aufgewachsen und brauche auch heute noch nicht um das Leben meiner Familie Angst zu haben. Das ist mir unheimlich wichtig, wichtiger als ein Leben in einer jüdischen Gesellschaft, das ich dann vielleicht als Witwe führen müsste. Eventuell wäre ich in der Beziehung ja offener, wenn es in Israel wenigstens so etwas wie  „Wehrdienst-Gerechtigkeit“ gäbe.  Aber solange es große Gruppen von jungen Männern in Israel gibt, die per Gesetz  vom Militärdienst befreit sind, weil sie charedim (ultraorthodox) oder arabische Israelis sind, sehe ich nicht ein, dass ausgerechnet Y. sein Leben aufs Spiel setzt.  Wahrscheinlich muss man immer in Israel gelebt haben, um dieses System so hinnehmen zu können. Ich kann das nicht. Aber ich bin ja auch keine Israelin.

Shavua tov!

PS: Nur bevor jemand auf die Idee kommt: das ist kein Widerspruch dazu, dass ich den Krieg im Gazastreifen grundsätzlich befürworte. Hier gibt es momentan leider keine Alternative.

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Responses

  1. Hallo,

    So weit ich das gesehen habe unterstützen alle Juden die auf diesem Blog schreiben den Krieg in Gaza entweder voll und ganz oder doch zumindest im großen und Ganzen. Mich würde daher mal interessieren, wie ihr zu Meinungen wie diesen steht:

    http://www.nkusa.org/Foreign_Language/German/feb0602german.cfm

    http://www.kritische-stimme.de/Friedensbewegung/netureikarta1.htm

    http://www.islam.de/11337.php

    Liebe Grüße Sümeyye

  2. Zu den ersten:

    „Rabbi Yisroel Dovid Weiss, Sprecher von Neturei Karta“

    Die Neturei Karta ist eine rechtsextremistische Partei. Mit den muss man sich nicht abgeben.

    Andere Ultraorthoxe Juden akzeptieren den Staat Israel nicht, nicht weil sie so „Friedensliebend“ oder für die Palästinsenser sind oder Israel hassen, sondern weil erst der Maschiach kommen muss und nur dann der Staat Israel entstehen darf.
    Das hat also rein religiöse Gründe, die nichts mit der Politik zu tun haben.
    Das nur in Kürze.

    „Krieg in Gaza entweder voll und ganz oder doch zumindest im großen und Ganzen. “

    Wenn es eine Alternative geben würde, wäre ich sicher nicht für den Krieg, aber momentan geht es leider nicht ohne diesen.

  3. Danke Yael, besser hätte ich das auch nicht erklärt.

  4. Hallo Yeal,
    Ich danke dir auch für die Erklärung – habe aber noch eine Frage dazu:

    Ich verstehe nicht inwiefern diese Gruppierung /Partei rechtsextremistisch ist… Rechtsextremismus verbinde ich irgendwie mit Nationalismus – und die setzen sich doch grade für die These ein, dass die Juden gar keinen nationalistischen Staat haben dürften, oder? Wie passt das dann mit Rechtsextremismus zusammen?

  5. „dass die Juden gar keinen nationalistischen Staat haben dürften, oder? “

    Solange der Maschiach (Messias) nicht gekommen ist. Aus ihrer Sicht wird in jedem Fall Israel entstehen und zwar ein sog. Großisrael und ein keinen Staat Palästina wird es nicht geben.

  6. „ein keinen Staat Palästina wird es nicht geben.“

    Muss natürlich „einen“ stehen.

    Ergänzung: Soviel ich weiß, wollen sie die Palästinenser entschädigen.
    Nicht zu vergessen ist, dass diese und andere antizionistischen Gruppierungen einen G´ttesstaat auf Grundlage der Thora verfolgen.
    Die Neturei Karta setzt sich zwar vorgeschoben für die Palästinenser ein, treffen sich sogar mit dem iranischen Präsident-Antisemiten, werden deswegen von radikalen Palästinensern und teilweise von Nazis hofiert, gauckeln vor, sie wären für die palästinensische Sache, aber es geht ihnen nur darum, den sekulären Staat Israel zu vernichten. Sie hassen den Staat Israel wie die Pest.
    Die Neturei Karta ist aber nur eine kleine Gruppierung und daher nicht ganz ernst zu nehmen, weil es ihnen schlicht an Anhängern fehlt.

  7. der meschiach war schon da.

  8. „der meschiach war schon da.“

    @simon: Wie bitte?

  9. der Messias war schon da.

  10. Soso, war er das? Das wäre mir neu.

  11. @simon

    deiner vielleicht. Unserer nicht. Und nun vielleicht mal einen Kommentar, der es auch wert ist, Kommentar genannt zu werden.

  12. der messias war schon da ?? nun. das ist mir auch neu. wenn der messias schon da gewesen ist frage ich mich warum die welt, in der wir leben, so aussieht wie zur zeit.

  13. Israel war nie zuvor im Gericht?

  14. @yael: ich denke sogar, dass es eher eurer ist als meiner, immerhin seid ihr das Volk Gottes.
    @grenzgaenge: ich weiß ja jetzt nicht, ob du orthodox bist oder eher liberal, aber es gibt einen Grund, warum die Welt so ist wie sie ist, und das ist: Sünde. Andere backe hinhalten und so…ist nichts christliches….vgl. eka, verzeiht die einfachere transkription. (3,30)
    @Anna: schade dass dir das neu ist.

  15. @Simon, du suchst dir jetzt besser eine christliche Spielwiese, es reicht.

  16. bin hier schon eine ganze weile am mitlesen (und rätseln), so dass ich jetzt sogar wikipedia um erleuchtung gebeten habe. simon ist demnach laut neuem testament der erste, der in jesus christus den messias erkennt. wieder was gelernt…


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