Verfasst von: Anna | 9. Februar 2009

Ohne Auto in Israel – das geht gar nicht

Gerade hat mich meine Nichte D. angeskypt: Sie ist wieder zu Hause in Herzliya. D. war am Samstagmittag mit Verdacht auf Blindarmentzündung in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Zum Glück war es offenbar nur eine Reizung und D. braucht (vorerst) nicht operiert zu werden. Das Verrückte, ja das typische Israelische, an diesem Zwischenfall ist, wie D. am Samstagmittag (also am Schabbat) überhaupt ins Krankenhaus gekommen ist.

D. war an diesem Tag zu Besuch bei einer Freundin im Süden Israels. Diese Freundin steht kurz vor ihrer Auswanderung nach Australien und hat ihren gesamten Haushalt bereits verschifft und ihr Auto verkauft. Und auch D. musste an diesem Wochenende ausnahmsweise ohne ihr Auto auskommen, weil das mit defektem Kühler in der Werkstatt stand. Die beiden Mädels hatten also keinerlei fahrbaren Untersatz zur Verfügung. Wie also sollte D. am Samstag gegen 13 Uhr ins Krankenhaus kommen? Das ist ein typisch israelisches Problem, eine Absurdität, die es so wahrscheinlich nirgendwo sonst gibt. Ein Taxi war in dem Kuhdorf, in dem die Freundin noch lebt, am Schabbat auf die Schnelle nicht zu bekommen. Busse fahren am Schabbat sowieso nicht. Und einen Rettungswagen hielt D. für übertrieben. Nach kurzem Herumfragen hat sich dann ein Nachbar bereiterklärt, meine Nichte samt ihrer Freundin mit seinem Auto in das 40km entfernte Krankenhaus zu fahren. So weit, so gut improvisiert.

Was mir diese Geschichte wieder einmal klargemacht hat, ist, wie wichtig tatsächlich ein Auto in Israel ist. Wer mobil sein will oder sich im Ernstfall nicht auf Nachbarn oder Taxis verlassen will, kann auf ein Auto nicht verzichten. Und aus genau diesem Grund gibt es auch fast niemanden in Israel, der freiwillig kein Auto hat. Wer ohne Auto lebt, der kann sich finanziell keines leisten. Oder hat keinen Führerschein. Eine gut situierte Familie ohne Auto ist jedenfalls äußerst selten. Die hierzulande in Umweltschützerkreisen propagierte Idee, die Leute sollten doch weniger Auto fahren oder gar komplett darauf verzichten, würde in Israel nur ungläubiges Kopfschütteln à la „die spinnen die Deutschen“ provozieren. Wie soll man so einen Idealismus auch in einem Land verstehen, in dem der Staat seinen Bürgern an einem Tag pro Woche die Mobilität verweigert. Die Folge: das Auto steht ganz oben auf der Hitliste der persönlichen Anschaffungen und ist ein Statussymbol sondergleichen, ein Zeichen von Wohlstand und Erfolg.

Ich kann mir natürlich auch nicht vorstellen, ohne Auto in Israel zu leben. Damals, als ich für länger dort war, hatte ich mein eigenes Auto aus Deutschland dabei. Das ging damals noch mit den griechischen Autofähren über Zypern nach Haifa. Ich bin dann eben mit einem deutschen Kennzeichen durch Israel gefahren (und war damit nicht die einzige!). Heute würde ich es theoretisch wieder genauso machen. In einem Land, in dem die Öffentlichen am Schabbat nicht fahren, muss ich ein Auto vor der Tür haben. Für den Notfall. Und um mich nicht vom Staat dazu nötigen zu lassen, mangels Alternative am Wochenende zu Hause zu bleiben. Hier in Deutschland fahre ich ja am Schabbat auch kein Auto, aber das ist eine freiwilllige Entscheidung. Der Staat schränkt nicht meine Bewegungsfreiheit ein und stellt, wie es sich gehört, öffentliche Verkehrsmittel quasi rund um die Uhr zur Verfügung. Das ist der Unterschied. Allen Israel-Touristen, die das Land ohne Reisegruppe erkunden wollen, rate ich daher auch immer: bucht euch einen Mietwagen, zumindest übers Wochenende, damit ihr nicht einen ganzen kostbaren Urlaubstag lang in eurem Hotel festhängt. Oder verbringt das Wochenende in Haifa, das ist die einzige israelische Stadt, in der auch am Schabbat Busse fahren.

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Responses

  1. Was ich nicht verstehe, warum dürfen denn Taxis fahren ? Sind das Gastarbeiter ?

    LG Dane

  2. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, welche Taxis wo fahren. Ich hab meine Nichte so genau nicht gefragt. Und selbst hab ich in IL noch nie darauf geachtet, ob am Schabbat israelische Taxis unterwegs sind. Aber vielleicht weiß das hier ja jemand?
    Was ich weiß ist, dass Gastarbeiter keine Taxifahrer sind. Und dass es natürlich in bestimmten Orten arabische Taxifahrer gibt, und die fahren natürlich auch am Schabbat.

  3. Woher kommt das eigentlich? Ich meine den Auto“wahn“- kommt der aus den USA?
    und warum dürfen gerade in Haifa am Schabbat Busse fahren?
    lg

  4. @akru, also ich denke, dass diese Auto-Affinität davon kommt, dass es eben am Schabbat in Israel keine andere Möglichkeit gibt, von zu Hause wegzukommen. Und die Leute wollen halt an ihren freien Tagen Freunde besuchen und Ausflüge machen und nicht nur zu Hause rumhocken. Die meisten Israelis sind ja nicht religiös und insofern haben sie mit dem religiös bedingten Fahrverbot nichts im Sinn. Auf israelischen Straßen ist am Wochenende jedesfalls unheimlich viel Verkehr.
    Welche historischen Gründe das hat, dass in Haifa Busse fahren, weiß ich auch nicht. Nehme an, das war eine Entscheidung irgendwelcher säkularer Stadtväter vor vielen Jahren.

  5. Was meinst Du denn mit: „Die meisten Israelis sind nicht religiös!“
    Hält sich denn keiner an die Gebote oder wie kann ich das verstehen???
    Ich dachte die Religion spielt schon eine wichtige Rolle in Israel.

  6. @birgit, damit meine ich, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht in dem Umfang an die religiösen Regeln hält, dass die Orthodoxen sie als orthodox lebend akzeptieren würden. Es gibt eine breite Palette von „Abstufungen“ – von ultraorthodox bis atheistisch (diese Bandbreite ist so sogar in meiner Familie vorhanden.) Die breite Masse hält es irgendwie so, dass sie bestimmte Regeln aus Tradition einhalten (z.B. kein Schweinefleisch essen) und andere Regeln eben nicht (z.B. trotzdem am Schabbat autofahren). Da gibt es eine unglaubliche Vielfalt. In der Öffentlichkeit spielt die Religion insofern eine wichtige Rolle, dass die Religiösen im Staat einen unverhältnismäßig großen Einfluss haben und liberale Neuerungen (wie z.B. die Einführung einer Zivilehe) regelmäßig verhindern. Darüber kann dann auch hier in den Medien lesen und bekommt – fälschlicherweise- den Eindruck, dass die Mehrheit der Israelis religiös wäre.

  7. natuerlich sind die meisten israelis nicht religioes. das macht einen schabbes in einem religioesen stadtviertel aber um so interessanter.

    ich habe in meinem blogg gerade davon geschrieben. wirklich ohne vorher hierher gesehen zu haben.

  8. vielleicht gibt es noch ein paar extra gründe für die automanie: nicht nur zwingende wie dass es eben keine öffentlichen verkehrsmittel am schabbes gibt, sondern auch der drang nach individualisierung in einer gesellschaft, die so viel kollektiv ist. und dann der mangelnde sinn für umweltfragen. den sinn kann man sich erst leisten, wenn friedlichere zeiten einkehren, meinte jemand mal zu mir. dem stimme ich nicht zu, denn ich habe in frankreich beobachten können, wie lange ganz friedliche jahrzehnte es gedauert hat, bis die leute weniger oft ihren müll in den wäldern und an den feldecken entsorgten…

  9. @ schoschana: na das hört sich stark nach USA- Geselschaf an (nicht in allen Aspekten, aber zumindest was das Auto & Umwelt angeht)
    wie genau meinst du das mit dem kollektivem?

  10. ich meine mit dem kollektiven, dass in israel man immer noch sich viel mehr als eine mischpoche fühlt denn als individuum. jeder kennt jeden irgendwie und wenn nicht jeden, dann die tante, die grossmuter oder den grossonkel von jedem. oder man hat einen gemeinsamen bekannten in x, der wiederum den besten freund deines bruders kennt. ausserdem kommen die grossmutter und der nachbar aus der gleichen stadt. und so weiter.
    in israel mischen sich alle ein, wenn dein kind schreit. zum beispiel. hier schauen alle nur indigniert weg, weil das kind den ipod übertönt. oder beim bildlesen stört. 😉
    das kollektive ist schön, kann aber andersherum ganz schön anstrengend sein.

  11. Warum fahren denn nur in Haifa die Busse?

  12. @oz, wie schon gesagt: ich weiß es nicht.

  13. @schoschana: Ich glaube, dass das mit dem kollektiven dann aber kein rein israelischer Aspekt einer Gesellschaft ist…^^ Hat man sehr oft, vor allem in Bevölkerungs „kleineren“ Ländern.
    dass das anstrengend sein kann, oh ja, das weiß ich aus eigener Erfahrung…
    Interessant ist es allemal, wenn man aus einer so individualisierten Gesellschaft wie D. kommt!

  14. Danke Anna für die schnelle Antwort. An Ignoranz fehlt es mir nicht, sonst hätte ich die Kommentare gelesen. Ich gebe mir in Zukunft mühe meine Leseträgheit zuüberwinden.

  15. haifa ist eine säkulare stadt und hält halt die ultraorthodoxen gesetze nicht ein. im gegensatz zu jerusalem, wo ja die religiösen ungeheure macht haben.leider

  16. @Hildegard, es gibt viele „säkulare“ Städte in Israel, an denen trotzdem keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren.


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