Verfasst von: Anna | 23. Mai 2009

Wir sind ein Volk

Wir Juden sind ein Volk mit einer eigenen Religion. Das heißt: Ein Mensch, der zum Judentum „konvertiert“, wird auch ein Mitglied des jüdischen Volkes. Die „Konversion“, der Giur, ist also in Wahrheit eine Aufnahme in das jüdische Volk. Mit einem einfachen Glaubenswechsel, also einer Konversion, wie man sie aus dem Christentum oder dem Islam kennt, lässt sich ein Giur nicht gleichsetzen. Genau das scheint aber ein häufiges Missverständnis zu sein, zumindest lese ich das aus einigen Kommentare hier auf dem Blog heraus. Sorry, ihr Lieben, wenn ich euch da im Unklaren gelassen gehabe! Aber diese Verbindung von jüdischer Religion und jüdischem Volk ist für mich so sonnenklar, dass ich nicht auf auf die Idee gekommen bin, dass das jemandem nicht sonnenklar sein könnte. 

Wer sich nur ein bisschen mit der jüdischen Religion beschäftigt, merkt sehr schnell, das man die jüdische Religion gar nicht getrennt vom jüdischen Volk leben kann. Das ganze religiöse Konzept dreht sich um das Volk Israel. Nur für das Volk Israel gelten die Vorschriften der Thora, nur Juden sind verpflichtet, die darin enthaltenen Ge- und Verbote zu achten. (Insofern ist es auch komplett sinnlos, wenn sich irgendwelche christlichen Gruppen in jüdischen Bräuchen üben, man denke da nur an die Unsitte der christlichen „Pessach-Feiern“.)

Und was bedeutet die Aufnahme ins jüdische Volk jetzt für einen selbst? Geht die alte Volkszugehörigkeit damit verloren, oder bekommt man einfach eine weitere hinzu? Das, so denke ich, muss jeder Ger (ein Mensch, der Giur gemacht hat) mit sich ausmachen. Ich habe einmal einen Ger kennengelernt, der sich seit seinem Giur ausschließlich als Jude definiert und die Zugehörigkeit zu seinem Herkunftsvolk als beendet betrachtet. Das klingt emotional sehr kompliziert. Aber kompliziert war der Typ sowieso, da kam es darauf auch nicht mehr an.

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Responses

  1. Ich würde sehr gerne mal erfahren, wie es dazu gekommen ist, daß du Jüdin bist. Wenn ich es richtig verstehe, hast du deutsche Eltern, die keine Juden sind, und hast dich später entschieden, Jüdin zu werden.

  2. @Christian, das ist meine ganz persönliche Geschichte, die ich nur ganz wenigen Menschen erzähle 😉

  3. Sehr schön beschrieben, ich hoffe, der Letzte hat es jetzt verstanden.

    „Und was bedeutet die Aufnahme ins jüdische Volk jetzt für einen selbst? Geht die alte Volkszugehörigkeit damit verloren, oder bekommt man einfach eine weitere hinzu?“

    Man verliert dadurch nicht automatisch seine „andere“ Volkszugehörigkeit. Ich habe das mal einen Rabbiner gefragt, und er meinte das dasselbe, weil das Konzept Volk und Religion weder mit der Volkszugehörigkeit anderer noch mit anderen Volkszugehörigkeitsdefinitionen nicht zu vergleichen sei.
    Ich sehe mich als Jüdin in Deutschland, was vielleicht darin liegt, dass ich mich eher als Europäerin fühle und mit dem Begriff Heimat (gerade in Deutschland) nie etwas anfangen konnte bzw. dazu immer eine Distanz hatte.

  4. Hallo Anna,

    hmmm… ist schon ganz schön kompliziert ehrlichgesagt.

    Denn die Frage ist für mich: Wenn jeder Konvertit automatisch Teil des Volkes Israel werden kann – dann ist es doch im Prinzip doch kein Unterschied zum Christentum und Islam. Auch wir Muslime betrachten uns alle als Teil der weltweiten muslimischen Gemeinschaft, der „Umma“.

    Volkszugehörigkeit habe ich bisher in erster Linie als Abstammung im biologhischen Sinne verstanden – aber wenn ich darüber nachdenke, kann dieses Verständnis des Begriffs natürlich auch mit der deutschen Geschichte zu tun haben…

    Was also ist der Unterschied zwischen dem „Jüdischen Volk“ und einer anderen Religionsgemeinschaft?

    Liebe Grüße Sümeyye

  5. Ich antworte einfach mal:

    „Was also ist der Unterschied zwischen dem “Jüdischen Volk” und einer anderen Religionsgemeinschaft?“

    Hm, ich persönlich dachte, das wäre nun geklärt.
    Juden sind Volk und Religion, es ist niemals voneinander trennbar, aber Christen, Moslems und andere „reine“ Religionsgemeinschaften, die sich so definieren, sind keine Völker (es gibt kein Volk der Christen, kein Volk der Moslems, kein Volk der Buddhisten).
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man es noch anders oder besser erklären kann.

    „Volkszugehörigkeit habe ich bisher in erster Linie als Abstammung im biologhischen Sinne verstanden“.

    Ich denke, das ist das Problem, aber wie du beim Judentum siehst, hat es hiermit nichts zu tun.

  6. Hallo yeal,

    entschuldige – das geht hier etwas durcheinander. Ich habe jetzt grade im anderen Thema was dazu geschrieben und erst jetzt gesehen, dass du mir hier auch geantwortet hast. Würde also vorschlagen, falls du noch was zu dem Begriff Volk sagen willst verlegen wir das besser ganz nach hier wos eigentlich hingehört.

    Aber ich denke ich habe deine Sicht jetzt schon verstanden… so in etwa jedenfalls 😉

  7. toll geschrieben, anna. wirklich. danke 🙂

  8. […] Zwei Beitraege von Anna 24 Mai 2009 at 23:30 | In Fremde Federn | No Comments anna hat zwei wunderbare beitraege geschrieben deren leltuere ich nur dringend empfehlen kann. der erste beitrag traegt den titel “wir sind ein volk“. […]

  9. @Christian
    Die 10 Gebote beantworten bereits deine Frage und jeder der sich diese Frage stellt sollte immer dabei auch die 10 Gebote beachten.

    Entschuldige Anna, ich konnte mir das nicht entgehen lassen.

  10. @ wavedancer

    Hallo, deinen Beitrag an Christian versteh ich nicht ganz…. könntest du mir erklären, was Christians Frage mit den 10 Geboten zu tun hat? Meinst du jetzt insbesondere das erste Gebot, oder?

  11. Hello Anna,

    Ich bin nicht sicher ob du es ok finden wuerdest, dass ich hierbin.
    Erstmal ist mein Deutsch etwas rostig, und ich bin „technologically challenged“ mit einem dial-up dinosaurier computer, der jederzeit die gelben stiefel anziehen koennte.
    Eine email an dich hat mein dino nicht rausgelassen.

    Ich finde dein blog ganz erstklassig!
    Finde auch antworten auf etliche fragen. Wuerde aber gerne mehr lernen.

    Bin eine komische, nicht-juedische Deutsche, die schon seit dem mittelalter [smile!] in den USA lebt.
    Ich kenne persoenlich keine juedischen menschen, nur solche in politik, film & arts und in media.
    Alle Juden, die ich von weit weg betrachte sind secular – meistens atheist, haben also kein relationship mit juedischer kultur und volk und dem land Israel.
    Sie sind ZUERST weisse Amerikaner und DANN ERST secular juden.

    Es ist fasziniered fuer mich von euch allen hier zu lesen, besonders da es so friedlich, freundlich und respektvoll zugeht, was ich bisher gelesen hab!
    Ich bin leider hauptsaechlich an feindlichkeit gewoehnt.

    Wenn du, ihr hier, meint ich darf hier mal mitmachen [mein erstes mal in einem blog], wuerd ich mich freuen.
    Wenn ihr aber meint ich pass hier nicht gut rein, ist auch ok, ich versteh schon.
    Ich moechte auf gar keinen fall veranlassen, dass sich hier jemand wegen meiner anwesenheit nicht mehr wohlfuehlt!

    birdwoman

  12. Ich bin zwar nicht Anna, aber was sollte dagegen sprechen?

    Welcome! 🙂

  13. Ja sicher, herzlich willkommen birdwoman! 🙂

  14. Danke fuer das willkommen,
    yael1 und anna!
    Freut mich!

    birdwoman

  15. Reduziert man das „jüdischsein auf die Religion, dann kann man unmöglich verstehen, warum es Israel gibt. Denn ein Staat für die jüdische Religion ist ebenso unsinnig, wie für die christliche oder moslemische. Aber es waren sekulare, nicht von der Religion motivierte, Juden, die den Zionismus, wie den Staat Israel kreiert haben. Ein moderner, demokratischer Staat kann unmöglich ein Religionsstaat sein. Seit meiner frühesten Kindheit weiss ich, dass ich ein Jude bin, obwohl ich mit meinen Eltern nie eine Synagoge besucht und erst als Erwachsener ein Interesse für die jüdische Tradition entdeckt habe.

  16. „Aber es waren sekulare, nicht von der Religion motivierte, Juden, die den Zionismus, wie den Staat Israel kreiert haben. “

    Kleiner Einwand: das ist so historisch nicht ganz richtig.
    Man sollte die vielen religiösen Zionisten, die in der Zeit vor der Staatsgründung z.b. in religiösen Kibbuzim das Land bewirtschaftet haben, nicht unterschlagen. Rav A. Y. Kook hat für diese Menschen nicht wenige Tschuvot verfasst, die berühmteste, viele Seiten umfassende ist die zum Thema Schmittajahr, auf die sich bis heute Dati Leumi beruft.

  17. An Schoschana:
    Dem will ich nicht widersprechen. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass die politischen Führer Israels in seiner Anfangszeit eher dem sozialistischen, nicht religiösen, Lager zuzuordnen waren. Ausserdem wird gern vergessen oder unterschlagen, dass der Warschauer Ghetto-Aufstand massgeblich von Bundisten angeführt wurde, und das waren bekanntlich jüdische Sozialisten und keine Zionisten. Sie waren es, die die Ehre der Juden vor der ganzen Welt gerettet hatten.

  18. Hallo Gabriel –

    ich glaube, man kann den Sozialismus der damaligen Zeit mit dem, was wir heute darüber im Kopf haben, nicht so gut vergleichen… schließlich hatten nicht wenige Juden, die sich zwar selbst völlig sekular gerierten durchaus noch traditionelle Eltern und fromme Großeltern… Da war also noch Kenntnis und nicht selten sogar Respekt gebenüber dem vorhanden, auch wenn man es selbst nicht leben wollte, vor allem bei den russischen Einwanderern der ersten Einwanderungen (z.b. Misrachi, gegründet in Vilnius 1902)
    Ich weiß nicht, ob es stimmt, daß „unterschlagen“ wird, daß der Ghettoaufstand in Warschau von Bundisten angeführt wurde… ich denke eher, es ist hinlänglich bekannt, daß die meisten der Anführer nicht religiös waren, aber man darf nicht vergessen, daß die Menschen, die mitgekämpft haben, durchaus auch aus religiösem Hintergrund kamen.
    „Ehre“… ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Welche Ehre? Das klingt mir ein wenig nach der Ideologie, die in Israel bis in die 60er Jahre praktiziert wurde, als niemand den Überlebenden zuhören wollte (außer den Partisanen) und ihnen durch die Bank unterstellte, daß sie sich hätten wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen.

    Vielleicht ist die ganze Geschichte komplizierter und wir müssen sie differenzierter angehen?

  19. „Vielleicht ist die ganze Geschichte komplizierter und wir müssen sie differenzierter angehen?“

    So ist es, Schoschana.


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