Verfasst von: Anna | 21. August 2009

Schabbat

Eine Zeitlang habe ich gedacht, der Schabbat sei daran schuld, dass ich ständig Zeitmangel habe. Die ganze Woche hindurch, so kommt es mir manchmal vor, bin ich am Rödeln, nur damit bis zum Schabbat der Wocheneinkauf erledigt ist, die Wohnung geputzt ist, das Essen gekocht ist, der Arbeitgeber zufrieden ist und auch noch die private Mailbox aufgeräumt ist. Oft schon hab ich mir überlegt, wie angenehm es doch sein könnte, noch den Samstag zur Verfügung zu haben, um die Montag-bis-Freitag-Routine etwas zu entzerren.
Es ist schon richtig: für ausgiebiges Freizeit-Shopping durch die Geschäfte habe ich nur selten Zeit, und wenn einmal die Waschmaschine den Geist aufgibt oder eine Autoreparatur ansteht, sind die Werkstatt und der Baumarkt am Samstag tatsächlich tabu. Das nervt mich dann schon, vor allem im Sommer, wenn der Schabbat bis in den späten Abend geht und man noch nicht mal kurz vor Ladenschluss noch schnell in die Geschäfte kann.
Andererseits: Wenn ich den Schabbat nicht hätte, wäre ich höchstwahrscheinlich sieben Tage die Woche am Rödeln und hätte im Endeffekt doch nicht wirklich mehr Zeit. Wertvolle Zeit, meine ich. Zeit zur Entspannung und zur Besinnung auf mich selbst. Zeit zum Lesen, zum Spazierengehen im Park, Zeit zum Betrachten der Natur, Zeit für Freunde und Familie, Zeit zum Reden. Einfach Zeit zum Leben ohne Internet, ohne Fernsehen, ohne Radio, ohne Telefon, ohne Auto, ohne all diese Technik, die sich, wenn man nicht aufpasst, in das Leben reinfrisst und einem auch noch die letzte freie Minute raubt.
Deshalb: Jede Woche, wenn der Schabbat erst angefangen hat, bin ich dann doch wieder froh, dass ich ihn habe. Er ist ein Segen für mich und meine kleine Familie. Mit dem Schabbat kommen wir tatsächlich einmal die Woche zur Ruhe. Ich glaube, das ist ein Gefühl, dass die meisten Menschen heutzutage schon gar nicht mehr kennen.

In diesem Sinne: Schabbat Schalom!

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Responses

  1. Wenn dann aber die Geschäft am Sonntag geöffnet hätten, könnte sich doch auch etwas entzerren….

    Schabbat Schalom nach diesem etwas aufrührenden Wochenschluss.

  2. Du sagst es. Wenn wir mal an einem Sonntag verkaufsoffen haben, dann nutzen wir das auch entsprechend. Durch das Internet ist auch vieles leichter geworden, ich kaufe ziemlich viel online.

    Dir auch einen ruhigen Schabbat.

    PS: Hier gehts im Hintergrund noch ziemlich hoch her. Der andere Artikel ist allein schon heute Morgen zigfach gelesen worden. Und das ist auch gut so. Ich habe diese sogenannten Dialogangebote, die dann doch immer durch die christliche Brille kommen, so satt. Und die Hartnäckigkeit, mit der die mir – und euch – immer wieder vorschlagen, bei ihnen zu schreiben. Erinnert irgendwie an die Hartnäckigkeit von Missionaren.

  3. Gut Schabbes allerseits. Die Sonne geht gerade unter, allerdings ist das hier in Berlin nicht zu sehen (Unwetter).

  4. Ich habe das auch gedacht, dass durch die vielen Wochenenden, in denen ich meine „Fernbeziehung“ pflegte, sehr viel Zeit für „Putz- und Flickarbeit“ draufging: ich bin mit nichts mehr nachgekommen.

    Jetzt bin ich umgezogen: wir wohnen jetzt zusammen. Theoretisch müßte ich jetzt wieder Zeit haben. Bis jetzt merke ich noch nichts. Kann aber auch am Umzug und der Räumerei liegen …

    Aber für „Sonntags einkaufen“ bin ich nicht. Ich sehe ein, dass das für die Juden in Deutschland gut wäre: der Schabbat am Samstag ist da schon ein herber Schlag ins Kontor, was die Einkaufsmöglichkeiten angeht. Aber wenn wir in Deutschland den Sonntag freigäben für Einkauf & Wirtschaft, dann hätten wir gar keinen Ruhetag mehr. Mich stört es manchmal schon, dass man wochentags und Samstags bis 8 einkaufen kann: wozu eigentlich? Mit ein wenig Planung ist das gar nicht nötig: halb sieben hat völlig gereicht. Und für die paar Spontanen, denen um 7 einfällt, dass sie noch shoppen gehen könnten?

    Ich habe beobachtet, dass Spontaneität zwar super flexibel daherkommt, aber unglaublich viel Energie kostet (die Bahn weiß das: spontane Tickets kostet schlichtweg das Doppelte von geplanten Tickets).

    Wir hätten auch keinen Tag mehr, an dem man mit einigermaßen großer Anteilnahme Familienfeste feiern könnten: die meisten müßten dann arbeiten. Und wenn Sonntags die Läden auf sind, dann wird über kurz oder lang auch Güterverkehr notwendig werden – die LKW-freie Autobahn an Sonntagen kannst Du dann vergessen. Nicht sofort – aber das würde dann kommen. Und da, wenn der Verkehr rollt, auch Unfälle und Reparaturen anfallen, kommt da ein Rattenschwanz von Notwendigkeiten nach, über den die Wirtschaft natürlich nicht redet, weil sie uns irgendeinen Kaufrausch am Sonntag schönreden will.

    Du schreibst das sehr schön, wie viel Gewinn ein solcher Familientag bringt, wenngleich er auch ein wenig Planung braucht. Warum sollten wir darauf verzichten? Nie im Leben!

    Schönen Urlaub!
    Thomas

  5. @Thomas, in Bezug auf den Sonntag als Ruhetag stimme ich dir 100% zu. Hab mich früher dazu schon mal ausgelassen:

    https://mittendrin.wordpress.com/2006/11/17/verkaufsoffener-sonntag/

    Nur, wenn es eben schon so ist, dass die Geschäfte an manchen Sonntagen geöffnet haben, dann nehme ich das mittlerweile aus pragmatischen Gründen halt in Anspruch. Ist nicht ganz konsequent, ich weiß.

  6. Ich finde es spitze, daß die Läden am Sonntag von 10 – 16 Uhr aufhaben. Manche Supermärkte (Tesco und Asda) haben sogar 24 Stunden geöffnet.

    Das vermisse ich in Deutschland, habe mich zu sehr daran gewöhnt.

    lg Netty

  7. „daß die Läden am Sonntag von 10 – 16 Uhr aufhaben“

    @Netty, ja, man gewöhnt sich sehr schnell dran. Ich kenne das auch aus verschiedenen Ländern, irgendwie ungewohnt und doch so bequem.

  8. @Thomas:
    Bei dem Thema Sonntag gebe ich dir recht. Aber zum Thema abends bis 8 Uhr habe ich eine ganz andere Einstellung – ich lebe im erzkatholischen Bayern, wo tatsächlich sogar in München die Läden immer um 8 Uhr abends schließen. Selbst in den kleinsten Nestern in Baden-Württemberg haben sie zwei Stunden länger auf, sind auch dann noch gut besucht und ich verstehe das Problem nicht. Denn nicht nur Spontanität wird hier befriedigt, sondern auch der gesteigerte Zwang zur Mobilität und Flexibilität derjenigen, die nicht in einem Tarifvertrag arbeiten – wenn ich nicht um 6:30 das Büro verlasse, bekomme ich durch die etwa 1 Stunde Pendelei im Münchener Berufsverkehr nichts mehr eingekauft. Das nervt an der „Weltstadt“ mit Herz schon gewaltig…


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