Verfasst von: Anna | 12. September 2009

Busfahren in Jerusalem: Frauen müssen hinten sitzen

Was für ein Segen, dass ich in Israel überall mit dem Auto hinfahren kann und nicht auf den Bus angewiesen bin! Dann könnte es mir nämlich passieren, dass ich hinten sitzen muss, weil der vordere Teil für die männlichen Fahrgäste reserviert ist. Ja, wirklich, auf einigen Buslinien in Jerusalem ist so eine Geschlechtertrennung gerade der Hit: die Männer nehmen die vorderen Plätze für sich in Anspruch, die Frauen haben sich in den hinteren Teil zu verziehen. Das soll dem Anstand zwischen den Geschlechtern förderlich sein. Da kann ich nur sagen: wer’s nötig hat.  

Ehrlich: So etwa stelle ich mir das  Busfahren im Iran vor. In Israel, in diesem eigentlich so modernen Staat, sind solche „Anstandsbusse“ einfach nur peinlich. Und was kommt überhaupt als nächstes? Ich hätte ja noch ein paar weitere effektive Ideen – abgeguckt übrigens von den Saudis, die auf diesem Gebiet ja Weltmeister sind: Getrennte Einkaufstage im Supermarkt für Frauen, getrennte Bankschalter, getrennte Bürgersteige … wobei es die getrennten Bürgersteige ja in einigen Straßen in Jerusalem bzw. an einigen Tagen im Jahr auch schon gibt. Nein, im Ernst, wenn ich diese fanatisch-radikalen Entwicklungen sehe, dann wird mir schlecht. Und wenn ich sehe, dass sich das mitten in Israel, in einer Demokratie, abspielt, dann wird mir noch schlechter. Wie lange soll das denn noch so weitergehen? Es ist höchste Zeit, dass der Staat diesem Treiben endlich mal einen Riegel vorschiebt.

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Responses

  1. Aber es ist auch nur in wenigen Buslinien, und die fahren durch den (ultra-orthodoxen) Stadtteil Mea Shearim, oder habe ich das falsch in Erinnerung?
    Es wird diese Subkulturen (stadtteilabhaengig) wohl immer geben, gerade in Jerusalem.
    In T.A. oder Haifa wirst du das aber nicht finden.
    Lieben Gruss
    Noa

  2. @Noa, diese Linien fahren auch in andere Städte (Bnei Brak, Arad, Zfat, etc.) Weißt du, wenn ich solche Entwicklungen sehe, dann erkenne ich das Land, in dem ich auch einmal gelebt habe, einfach nicht wieder.

  3. Hallo Anna,

    naja – also ich finde die Aufregung jetzt etwas übertrieben. Ich persönlich denke es ist nicht in Ordnung, wenn Frauen dann stehen müssen, obwohl im Männerteil noch Plätze frei wären – die Handhabung muss da flexibel und auf die jeweilige Situation abgestimmt sein. Und auch für Familien finde ich es ungünstig – wer soll denn einer Frau mit dem Kind (und dem Kinderwagen) helfen, wenn ihr Ehemann nach vorne muss? Das finde ich dann einfach unpraktisch und außerdem unterhalte ich mich auf einer längeren Busfahrt auch ganz gerne mit meinem Mann, was nicht möglich ist, wenn er im anderen Teil des Busses sitzt. Ansonsten finde ich es aber nicht so schlimm und ich empfinde Geschlechtertrennung jetzt nicht generell als diskriminierend oder so (Außer wenn Frauen grundsätzlich immer die schlechteren Plätze zugewiesen werden).

    Ich denke was jemand als „radikal“ empfindet ist halt sehr von den eigenen Gewohnheiten abhängig. Du gehst doch z.B. auch zum Frauenschwimmen, oder? Das finden sicher viele Deutsche auch radikal. Genauso wie die strengen Regeln beim Essen.

    Ich persönlich finde Geschlechtertrennung schlimm, wenn sie zu verbohrt, unflexibel und engstirnig betrieben wird. Es sollte niemand deswegen diskriminiert, blöd angeredet, oder sonst irgendwie benachteiligt werden. Ansonsten empfinde ich sie in vielen Situationen auch als angenehm.

    Konkret auf die Busse bezogen muss ich sagen, dass sich in Bussen in der Türkei oft von ganz alleine (ohne Regeln) eine gewisse höfliche Distanz zum anderen Geschlecht einstellt (wenn z.B. eine Frau alleine sitzt, denn setzt sich wenn irgendwie möglich eher eine Frau neben sie), die aber immer offen für Flexibilität ist. Das finde ich besser – denn sobald man aus so was ein „Gesetz“ macht wird es automatisch unflexibel und führt zu absurden Situationen. (z.B. „Tut mir leid sie müssen auf den nächsten Bus warten, weil der Frauenteil in diesem Bus leider voll ist und sie nicht auf einem der zehn freien Plätzen im Männerteil sitzen dürfen“)

    LG Sümeyye

  4. PS: Überleg dir doch nur mal, wie “ fanatisch-radikalen“ der Beitrag „Koscher in Tirol“ auf viele Deutsche wirkt. Getrennte Küchen, zwei Spühlmaschinen, usw. für Fleisch und Milch und Lichter die 24 Stunden brennen, weil die Juden den Lichtschalter nicht bedienen dürfen… . Mein Vater würde eine Krise kriegen, wenn er diesen Betrag sehen würde…
    🙂

    Deswegen finde ich jeder soll seine Religion so leben, wie er oder sie selbst sich wohl fühlt, solange niemand anders daraus Schaden erleidet.
    Und an letzterem muss man eben auch die Geschlechtertrennung messen. Sobald Frauen deswegen systematisch benachteiligt werden ist für mich da auch die Grenze erreicht.

  5. @Sumeyye, was hier stört ist, dass das nicht mit dem israel. Gesetz vereinbar ist. Genauso gut könnte man hier in D auf ein paar städtischen Buslinien Geschlechtertrennung einführen, nur weil diese Linien in Stadtviertel fahren, wo halt viele, sagen wir mal, Muslime leben. Das wäre doch ein krasser Verstoss gegen hiesiges Recht. So ist das in Israel auch.
    Mit dem Prinzip Geschlechtertrennung an sich hab ich dabei überhaupt kein Problem, die Umsetzung darf eben nur nicht gegen geltendes weltliches Recht verstoßen.

  6. Anna, nochmal so neugierg zu fragen: Wie lange warst du in Israel? (ich frage nur, weil ich bald fliege…. ) vielleicht magst du mir mal was in einer privaten e-mail von deiner Zeit in IL berichten?
    Nur wenn du Zeit hast..
    Wäre nett.
    Noa

  7. @Noa, ein Jahr am Stück (als Y. seinen Militärdienst absolviert hat) und dann danach immer während der Semesterferien. Wir haben doch eine Wohnung dort, so dass ich jahrelang ständig pendeln konnte. Ich habe dazu auch schon einiges hier auf dem Blog geschrieben, hier zum Beispiel:

    https://mittendrin.wordpress.com/2009/01/10/leben-in-israel-lieber-doch-nicht/

  8. die wohnung ist nicht zufällig in Yerushalaiym und ihr vermietet sie nicht zufällig und sie ist nicht zufällig sehr günstig?*gg*
    Noa

  9. Nein, nein, wir vermieten die Wohnung nicht 😉 Und in Jerusalem ist sie leider auch nicht, das wäre auch mein Traum.

  10. Tja. Und was sollen in Deutschland Männer sagen, wenn immer und grundsätzlich auf den besten Parkplätzen „Nur für Frauen“ steht? Dürfen die überhaupt was sagen, oder werden sie gleich niedergebrüllt?

    Ich finde das zum Beispiel hierzulande sexistisch. Ich hab mal auf so einem Parkplatz geparkt, als ich mit Hexenschuß zum Arzt mußte: den Anschiß irgendeiner dahergelaufenen Tante mußte ich mit gekrümmtem Rücken entgegennehmen. Weißt Du, das die nach dem Gesetz sogar Recht bekommen hätte?

    Ich glaube, es gibt immer so Skurrilitäten. Nur in der eigenen Gesellschaft bemerkt man sie nicht so leicht.

  11. Dann frag dich doch mal, warum es diese Frauenparkplätze gibt? Dann kommst du selber drauf, warum es nötig ist.

  12. „Weißt Du, das die nach dem Gesetz sogar Recht bekommen hätte?“

    @Thomas, woher hast du das? Soweit ich weiß, sind die Schilder nicht rechtsverbindlich – im Gegensatz zum Behindertenparkplatz.

  13. Eine Trennung der Geschlechter gibt es nur in den Privatunternehmen einiger Chassiut, die sich ohnehin weigern, mit Egged zu fahren(weil zionistisches Unternehmen und son Quatsch).
    In den Egged-Büssen gibt es keine Trennung – egal durch welche Viertel die fahren. Die haredischen Fahrgäste verteilen sich natürlich trotzdem getrennt, aber als Frau kannst du dich trotzdem nach vorne setzen und kein Haredi wird das Recht haben, etwas zu sagen.

  14. Es kommt darauf an. Wenn es in einem Parkhaus ist, kann der Besitzer von seinem Hausrecht Gebrauch machen. In der StVO sind Frauenparkplätze nicht festgeschrieben, hier gibt es daher keine rechtliche Handhabe.

  15. Hallo
    zuerst möchte ich mich hier danken, was viele von Ihnen vorallem Anna solche Beiträge darzustellen.

    was mich aber hier gewundert hat, oder was ich nicht erwartet habe.. viele von Ihnen leben bestimmt in Deutschland, und haben das moderen offenes Leben hier gesehen bzw gelebt… nun wenn man solche Fälle sieht… In Israel, da denkt man. ok die Leute hier werden alle was dagegen sagen, oder meinen. wie Frau Anna mit ihre Beitrag behauptet.

    aber das manche die Sache verhamlosen, und meinen. Ja es kann sowas geben Trennung zwichen Frau und Mann in solche Orthodoxe Gebiete….

    das könnte ich leider nicht verstehen..

  16. @Ron, auch in Egged-Buslinien ist das so:

    http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1164881792994&pagename=JPost%2FJPArticle%2FPrinter

  17. Hallo, wollte nur zu Thomas sagen, dass die Frauenparkplätze schon ihre Berechtigung haben. Dafür sind einfach schon zuviele Frauen nachts sexuell angegriffen worden. Ich denke jede Frau ist dankbar dafür.

  18. […] Was für ein Segen, dass ich in Israel überall mit dem Auto hinfahren kann und nicht auf den Bus angewiesen bin! Dann könnte es mir nämlich passieren, dass ich hinten sitzen muss, weil der vordere Teil für die männlichen Fahrgäste reserviert ist. […]

  19. Mir fallen dazu zwei Sachen ein – zum einen Rosa Parks und die schwarze Bürgerrechtsbewegung, die ja durch einen ähnlichen Fall ausgelöst wurde. (Rosa, Afroamerikanerin, weigerte sich, für einen weißen Fahrgast aufzustehen.)
    Zum zweiten: Geschlechtertrennung in orthodoxen Synagogen. Wie ich dem Blog entnehme, ist das für Dich nicht problematisch. Warum ist das im Bus und in der Synagoge was anderes für Dich? Für mich ist das das Gleiche. (Will Dich nicht angreifen, versuche es nur zu verstehen.)

  20. @Me, ich mag die Idee der Geschlechtertrennung im Prinzip sogar sehr. Ich genieße es, in der Synagoge nur mit Frauen zusammenzusitzen, nicht nur, weil es meine Ruhe und Konzentration fördert, sondern auch weil es so ein altehrwürdiger Gegenpol zum unreflektieren Miteinander der Geschlechter in unserer heutigen Zeit ist. Dass es mich in den Bussen in Jerusalem stört, liegt daran, dass es überwiegend eine inoffizielle Regelung ist, die einem von anderen Fahrgästen aufgezwungen wird und dass es dabei schon zu Gewalt gegen Frauen kam. Ich meine, dass das – den auch in Israel vorhandenen – Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter verletzt. Warum soll ich mir für den gleichen Fahrpreis meinen Sitzplatz im Bus nicht frei aussuchen dürfen? Wenn schon, dann sollen sie halt ein Rotationsprinzip machen: mal die Männer vorn, mal die Frauen. Aber so ist es eben nicht: die Frauen werden auf die hinteren, wackligen Sitze verbannt, die Männer genießen den Ausblick nach vorn. Ein Bus in einem demokratischen Staat ist halt keine Synagoge 😉

  21. @ Kritiker: Ich denke nicht das hier irgendjemand etwas verharmlost hat.

    @ me: Ich denke nicht, dass der Vergleich mit Rosa Parks hier angemessen ist. Der Beweggrund, warum die Busse getrennt sind ist ja nicht, dass man meint Frauen seien minderwertig oder schmutzig oder so. Der Grund ist rein religiös und es geht um sexuelle sittlichkeit. Mit Rassismus hat das nun nicht viel zu tun.

    Wie Anna aber ganz richtig sagt: Der „Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter “ darf nicht verletzt werden. Aus religiöser Sicht müsste den Frauen sogar eher ein gewisser Vorrang gegeben werden. z.B. eher die besseren Sitzplätze oder die besseren Parkplätze und so.

  22. es tut mir sehr leid, das zu sagen,
    aber welcher israelische minister ist für eine derart frauenfeindliche regelung zuständig?
    ich muss nur den kopf schütteln. das habe ich nicht einmal in afrika erlebt

  23. „israelische minister ist für eine derart frauenfeindliche regelung zuständig“

    @Evelyn, keiner. Das ist keine staatliche Vorschrift.


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