Verfasst von: Anna | 16. Oktober 2009

Auswandern nach Israel – was will ich eigentlich?

Warum habe ich eigentlich nie ernsthaft das Bedürfnis verspürt, nach Israel auszuwandern? Darüber muss ich in den letzten Tagen ernsthaft nachdenken, wenn ich Noa dabei zusehe, wie sie ihre Aliyah durchzieht. Ja, durchzieht, einfach durchzieht. Nichts hat sie hier in Deutschland zurückhalten können, nicht die Familie, nicht der Arbeitsplatz, kein Heimatgefühl.

Was bin ich im Vergleich dazu doch für eine Lusche. Ich müsste noch nicht einmal in Deutschland alles aufgeben, sondern könnte meinen Wohnsitz offiziell zu meinen Eltern verlegen, mein Bankkonto und meinen Pass behalten und meine nichtransportablen Besitztümer unterstellen. Ich müsste nicht umständlich Aliyah beantragen, sondern könnte mit Y. einfach hinfliegen und mir eine Aufenthaltserlaubnis in den Pass stempeln lassen. Ich müsste mir kein Dach über dem Kopf suchen, sondern bräuchte nur die Haustür zu unserer Wohnung in der Nähe von Tel Aviv aufschließen und einziehen. Ja, ich müsste mir wahrscheinlich noch nicht mal allzu viele Gedanken ums Geld machen, weil Y. einen gefragten Beruf und zudem Beziehungen ohne Ende in Israel hat. WARUM MACHE ICH DAS ALSO NICHT?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mir fehlt einfach dieses starke Gefühl, dort zum Wohle meiner Seele leben zu müssen. Das merke ich jedes Mal, wenn ich aus dem Flugzeug heraus die Küste von Tel Aviv auftauchen sehe. Ich spüre dann so ungefähr das gleiche wie andere Leute, wenn sie die Umrisse von Mallorca im Meer entdecken: eine Vorfreude auf ein paar schöne Tage,  aber kein überwältigendes hier-gehöre-ich-hin-Gefühl. Ich finde das ja schade, aber so leicht ändern kann ich es auch nicht.

Vielleicht hätte ich das Land erst einmal allein kennenlernen müssen. Ohne meine israelische Familie im Hintergrund, die natürlich auch ihren Einfluss auf meine Wahrnehmung des Landes gehabt hat. Noa hat mich zum Grübeln gebracht. Irgendetwas habe ich die Gedanken über Israel als Ort zum Leben für mich persönlich nicht zu Ende gedacht. Eines ist jedenfalls klar: Ich habe in eine Familie eingeheiratet, die Israel verlassen hat, um in Deutschland das große Geld zu machen. Und ich habe einen Mann geheiratet, der sich zehn Jahre lang in Israel überhaupt blicken lassen durfte und der sein Problem mit dem Militär erst geklärt hat, als es gar nicht mehr anders ging und er in Deutschland vor der Ausweisung stand. Ich habe Israel in den ersten Jahren also nur als Land kennengelernt, das einem das Leben schwer macht.  Wie soll sich da ein Bedürfnis nach Aliyah einstellen?

Ich glaube, ich muss nochmal neu nachdenken.

Schabbat Schalom!

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Responses

  1. Hey gibt es noch ne wohnung in der naehe von tel aviv? vielleicht koennte ich eine dort brauchen demnaechst. vorausgesetzt ich bekaeme diese stelle…
    also –wenn du was hoerst, sag bescheid.
    und anna- du musst nicht das fuehlen, was ich fuehle. ausserdem – wer weiss schon ob ich mihc nicht irre, ob ich nicht nach einem jahr sage: hey das war es nicht. ich will wieder nach d.land und zwar fuer immer. keinen bock mehr auf israel. wer weiss das schon? ausserdem muss es sich FUER DICH richtig anfuehlen und das tut es doch in deutschland, oder?
    shabbat shalom und bis bald
    noa

  2. @Noa, die Wohnung gibt es noch, aber da schläft ständig jemand anders von der Familie drin *grummel*

    Sicher fühle ich mich wohl in Deutschland, jedenfalls wohl genug, um nicht mit allen Fasern weg zu wollen. Ich habe meine Familie hier, meine Eltern, meine Geschwister, die würde ich ungern zurücklassen. Aber ich habe mir die Option einer „Aliyah“ (bzw. eines Daueraufenthalts in Israel ohne Staatsbürgerschaft) auch nie ernsthaft gestellt. Jetzt frage ich mich halt, warum nicht.

  3. Ich wüsste auch nicht, ob ich in Israel für immer leben könnte, obwohl ich dort das Gefühl hatte, ich gehöre hier her und würde mich wohlfühlen.
    Was ich gern täte, wäre den Winter in Israel leben, ein halbes Jahr hier, ein halbes Jahr dort.
    Das wäre in meinen Augen für mich das Ideale.

    Aber ich denke, nicht jeder, nur weil er Jude oder Jüdin ist, könnte dort leben und müsste dort leben wollen. Das ist doch alles immer sehr individuell.
    Zumal die Mentalität vieler Israelis nicht jedem zusagt. Das Leben dort ist schon eine Spur härter als hier.

  4. ich denke, du hast die antwort doch schon gegeben… du hast einfach sehr viele (positive) bindungen in deutschland. und israel wurde dir von deinen israelischen verwandten nicht sehr schmackhaft gemacht. warum dann also auswandern?
    ich habe beobachtet, dass immer diejenigen auswandern, die wenig bindungen in deutschland haben. die haben dann eben auch wenig, was sie zurücklassen müssen. und das hat sogar wenig mit dem alter zu tun.

  5. Hmm, also wenig an Anzahl, das stimmt. Aber es gibt an Qualitaet doch schon einiges, was ich zuruecklasse. Z.b. die Kinder, sie sind die einzige tiefe wichtige Verbindung fuer mich, staerker als Mutter und Geschwister. daher ist dieser punkt der einzige, der mir richtig weh tat und tut. Und dennoch – sie sind erwachsen und ich sehe sie oft wochen-oder gar einen bis zwei Monate nicht. Telefonieren kann ich auch von Israel und mein inneres Verlangen nach IL war sehr gross.
    Noa

  6. Eine andere Frage hätte ich zu Israel: gibt es dort auch eine Art Kindergeld und wie hoch ist dies? Bekommen das auch die arabischen Israelis? Gruss Yasmina

  7. @Yasmina, du stellst ja Fragen, auf die muss mal erst mal kommen 😉 Es gibt in Israel Kindergeld, natürlich für alle Israelis, fürs erste Kind sind es ca. 30 Euro, soweit ich weiß.

  8. Sorry aber meine Freundin ist doch mit einem arabischen Israeli verheiratet und wir reden über solche Sachen. Sie hat ja vor mit ihm nach Berschewa zu gehen, allerdings erst wenn er mit seinem Studium hier fertig ist. Ausserdem hat sie erst nach 5 Jahren Eheschliessung ein Recht auf ein dauerhaftes Visum, sowie auf Familienversicherung. Das hört sich sehr lange an, aber sie meint, sie hätten sich da erkundigt. Danke für die Antwort 🙂

  9. Hallo Anna, ubi bene, ibi patria, sagt ein alter Spruch. Wo es einem gut geht, wo man sich wohlfühlt, dort ist die Heimat. Wenn Du Deinen Lebensmittelpunkt hier hast, wärst Du vielleicht unglücklich, wenn Du ihn verlassen würdest. Und man nimmt sich selbst mit. Also eine andere Umgebung meint nicht automatisch, dass man ein anderer Mensch ist dort.

    Ich kann schwer sagen, ob man sich in Deutschland als jemand, der den jüdischen Glauben hat, irgendwie unwohl fühlt. Aber so, wie ich es wahrnehme, ist das hier ein Land, in dem eigentlich jeder Mensch die gleichen Rechte hat.

    Wie es in Israel ist, kann ich nicht so leicht beurteilen, aber es scheint schon so zu sein, dass man es dort als jüdischer Gläubiger gut hat, als Araber hingegen nicht. Das wäre sicher eine Sache, mit der man umzugehen lernen müsste. Vielleicht stört das einen aber auch.
    Auch, was Du über die Armee schreibst, könnte einen stören.

  10. Dass du dich hier noch einmal zu Wort meldest … aber gut.

    Du hast sicher recht, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat und wo man sich wohl fühlt, da ist man gut aufgehoben. Vorausgesetzt natürlich, dass der Partner dies genauso empfindet.

    „Wie es in Israel ist, kann ich nicht so leicht beurteilen, aber es scheint schon so zu sein, dass man es dort als jüdischer Gläubiger gut hat, als Araber hingegen nicht. Das wäre sicher eine Sache, mit der man umzugehen lernen müsste. Vielleicht stört das einen aber auch“

    Als „jüdischer Gläubiger“? Schreib Jude, das ist kein Schimpfwort. Araber sind in Israel eine Minderheit. Sie haben sehr wohl die gleichen Rechte wie Juden, wenn sie Staatsbürger sind. Dass sie als Minderheit im Alltag manchmal benachteiligt werden (Wohnung, Arbeitsplatz, etc.) steht auf einem anderen Blatt. Das ist aber überall so, auch in Deutschland. Nur deshalb wanderst du ja jetzt nicht gleich aus Deutschland aus.

    „Auch, was Du über die Armee schreibst, könnte einen stören“

    Die Armee schützt Israel und hat den Staat schon mehrmals vor arabischen Vernichtungsfeldzügen gerettet. Wir sind froh, so eine starke Armee zu haben. Kritik an Detailpunkten spielt dabei keine Rolle.

    Hinweis: Bitte hier keine weiteren Kommentare zum Nahostkonflikt, das bringt nichts.

  11. „Dass du dich hier noch einmal zu Wort meldest“

    In der Tat. 😀

  12. Ein Cousin, der in Tel Aviv lebt, sagte mir: „Es ist ein schönes Gefühl, dass hier alle Juden sind, der Taxifahrer und der Hochschulprofessor, die Hausfrau und der Junkie…“ Ich habe selten zuvor etwas so unreflektiertes gehört, weshalb es auch zum Streit gab. Ich lebe von Geburt an in Deutschland, aber weshalb muss ich nur von Deutschen umgeben sein? Die Menora kann ich auch hier entzünden, egal ob es mein Nachbar auch tut.

  13. @Anna:

    Hallo erstmal bin per Zufall auf deinen Bloq gestoßen und werde ihn erstmal bookmarken 🙂

    Witzigerweise mache ich jetzt selber die Aaliyah. Mein Freund ist Israeli und ich möchte nicht mehr ohne ihn leben. Habe interessanterweise in Israel auch das erste Mal das Gefühl von „angekommen sein“ empfunden (dabei habe ich schon an vielen unterschiedlichen Orten dieser Erde gewohnt). Da ich keine Jüdin bin, versuchen wir es durch die Regierung. Ich habe da gelesen, dass man als Partner ohne Probleme eine Aufenthaltserlaubnis von einem Jahr bekommt, die auch verlängert wird, wenn man nach dem Jahr immernoch zusammen ist. Hast du (oder auch jemand anderer) Erfahrung mit? Ich fliege Ende Februar nach Tel Aviv und im März haben wir einen Termin zum Interview mit den Behörden. Weiss jemand zufälligerweise, was da gefragt wird????

    Danke und liebe Grüße 🙂

    Nik

  14. Falls ihr heiraten wollt, solltet ihr es hier tun und dann in Israel eintragen lassen. Das wäre der problemloseste Weg – außer die mglw. auftretenden Eheprobleme. 🙂

  15. @Gerhard

    ich denke schon, dass wir irgendwann heiraten wollen, jetzt jedoch noch nicht. Mal abgesehen davon wünschen sich seine Eltern eine jüdische Hochzeit und ich hab auch kein Problem damit zum Judentum zu konvertieren.

  16. Israel ist innerlich ein zerrissenes Land. Auf der einen Seite eine arabische Minderheit von über 20 %, der teilwiese elementare Bürgerrechte vorenthalten werden, auf der anderen Seite orthodoxe Juden, welche teilweise den Staat ablehnen, da er vor Erscheinung des Messias errichtet wurde. Die Orthodoxen führen teilweise eine strikte Trennung der Geschlechter durch. Bei deren Buslinien müssen die Frauen getrennt von den Männern sitzen. Seit Jahren wandern mehr Leute aus Israel aus als ein. Warum sollte man also nach Israel auswandern? Nur weil jemand behauptet, dies fordere die Religion? Ein anderer ist wieder dagegen. Man soll da leben, wo man sich wohl fühlt.

  17. Anna, Noa kommt schon wieder nach Deutschland zurück, guck mal hier:
    http://noa50.blogspot.com/2011/01/meine-entscheidung-zurueck-nach.html

    So ein Hin und Her braucht man doch auch nicht, oder? Ich habe mir auch schon überlegt, ob ich Aliyah machen soll, hab mich aber dagegen entschieden. Da bin ich eher so wie Du vorgegagen, habe genau überlegt, was ich erwarte und ob meine Erwartungen auch erfüllbar sind. Ich sehe nämlich keinen Sinn darin, hier alle Zelte abzubrechen, Wohnung und festen Arbeitsplatz aufzugeben, nur um dann in Israel bald wieder alles aufzugeben und in Deutschland wieder alles neu aufzubauen. Ich fände es auch nicht richtig, in Israel Aliyah-Geld gezahlt zu bekommen, wenn ich dann das Land doch wieder verlasse. Oder hier Hartz IV in Anspruch nehmen zu müssen, wenn ich nach der Rückkehr nicht so schnell wieder einen Job finde, von dem ich mich ernähren kann. 😦

  18. Oha, das ist ja ein Ding, das wusste ich gar nicht. Ich bin etwas sprachlos, zumal der Grund (die Kinder in Dtld. zurückgelassen zu haben) ja ein Punkt ist, mit dem man sich eigentlich vor so einer Auswanderung auseinander setzen sollte. Trotzdem will ich jetzt hier keine Debatte darüber aufmachen, es ist ihre persönliche Entscheidung, wer dazu etwas äußern möchte, kann das ja auf ihrem Blog tun.

    Mir persönlich zeigt der Fall aber, dass ich mit meinem Lebensansatz besser zurecht komme. Eine Auswanderung ist ein großer Schritt im Leben, den ich nicht so einfach mal so auf Probe gehen würde. Natürlich kann es sein, dass man irgendwann feststellt, dass im Zielland auch nicht alles so toll ist und es kann auch sein, dass man dann wieder zurück will, das ist alles in Ordnung, aber ich finde, auch eine Rückkehr sollte man nicht überstürzen. Ein paar Jahre Zeit braucht man schon um sich im neuen Land und in der neuen Situation einzuleben. So ein Hickhack – heute hier und morgen dort – wäre nichts für mich. Wenn ich mich entscheiden würde, nach Israel zu gehen, dann wäre es für immer. Und da ich mich dazu nicht entschließen kann, bleibe ich eben hier.

  19. @Yel

    warum äußerst du dich nicht direkt bei Noa? Das wäre nämlich das normale. Das hier ist kein guter Stil.

  20. Warum soll Yel sich nicht hier äußern? Ich habe schließlich hier einen Beitrag über Noa und ihre Aliyah geschrieben und Yel hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Noa zurückkommt – was ich noch nicht wusste.

  21. @Anna: „Wenn ich mich entscheiden würde, nach Israel zu gehen, dann wäre es für immer.“
    So ähnlich geht es mir auch. Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich dem Land wieder den Rücken kehren würde. Ich würde auch den israelischen Pass nicht mehr abgeben wollen. Einmal Israeli, immer Israeli, denke ich.

    @Yael: „Das hier ist kein guter Stil.“ Sagt wer?

  22. Nun, es sind eher deine Gedanken als Noas Aliyah. Die Kritik Hartz IV und anderes werden in Richtung Noa gemacht. Warum soll man sich dann bei Noa nicht dazu äußern? Ich rede nicht gern über jemanden, der nicht anwesend ist.

    Außerdem denke ich, dass man alles in der Theorie durchdenken kann, die Realität ist dann oft eine ganz andere. Ich finde es sehr legitim, nach Israel zu gehen und dann vielleicht erst dort zu bemerken, dass man sich vielleicht etwas vorgemacht hat, obwohl man überzeugt ist, das richtige zu tun. Ein Wiederneuanfang in Deutschland ist auch kein Zuckerschlecken und auch das erfordert Mut. Alles immer vorher wissen zu können, ist unrealistisch.

    Machts gut!

  23. Gut, ich hab ja geschrieben, dass ich den konkreten Fall hier nicht diskutieren will. Wenn aber jemand nun zwei, drei Gedanken hierzu hier einbringt, dann brauch ich die auch nicht gleich löschen, zumal, wenn sie offensichtlich sind. Da kommt doch jeder auch selbst drauf, dass solche Experimente vom Steuerzahler mitfinanziert werden. Gerade in Israel gibt es genug Olim, die das Land wieder verlassen, wenn das Aliyah-Geld zu Ende geht. Die Äthiopier bräuchten die Unterstützung halt vielleicht eher. So schlimm ist der Hinweis auf so etwas Offensichtliches nun auch wieder nicht – finde ich.


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