Verfasst von: Anna | 27. Januar 2010

Beten in der Öffentlichkeit

Ist es wirklich bedauerlich, dass Menschen normalerweise nicht deutlich sichtbar in der Öffentlichkeit beten?  Einer meiner Leser hat das vor kurzem hier so in den Raum gestellt. Ich weiß, was er meint. In Israel sieht man gelegentlich religiöse Juden kurz vor Sonnenuntergang am Straßenrand anhalten und – für alle Passanten erkennbar – das dann  fällige Gebet sprechen. Meinetwegen, sollen sie. Damit hab ich kein Problem, in Israel sind die meisten Leute Juden, da passt das ins Bild. Ich hab auch kein Problem mit Einzelpersonen, die das außerhalb Israels so halten. Neulich hab ich auf einem Flughafen in Fernost wieder einmal einen jüdischen Reisenden gesehen, wie er die Wartezeit zwischen zwei Flügen damit verbracht hat, dass er in einer Ecke des Transit-Bereichs seinen Tallit (Gebetsschal) und seine Tefillin (Gebetsriemen) umgelegt und das Morgengebet gesprochen hat. Keinen hat’s gestört, keinen hat’s interessiert, mitten im Konfuzius-Land hat sicher auch kaum einer kapiert, was genau der Mann da eigentlich macht. Schwierig würde das aber werden, wenn die Leute in unseren multikulturellen Gesellschaften jetzt reihenweise auf der Straße ihre Gebetsschals umwerfen, auf dem Marktplatz ihre Gebetsteppiche ausrollen, im Stadtpark ihre Räucherstäbchen zünden oder neben dem Grillplatz eine Runde Voodoo-Zauber abhalten wollten. Wenn’s bloß mal nie so weit kommt, dann können wir nämlich alle einpacken. Diese  Super-Gläubigen bekämen sich doch sofort in die Wolle und würden sich lieber ablynchen anstatt am Straßenrand nebeneinander zu beten. Und nirgendwo hätte man mehr seine Ruhe vor dem religiösen Eifer der Mitmenschen. Das kann’s ja nicht sein. Dann müsste ich definitiv nach Israel auswandern: da beten dann wenigstens nur ein paar Juden am Straßenrand ;).

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Responses

  1. Religion ist Privatsache und sollte nicht in die Öffentlichkeit getragen werden. Zumindest nicht soweit, daß es die allgemeine Öffentlichkeit stört oder Anstoß erregt. Soweit ich mich erinnere, ist Proselytismus oder proselytische Aktivitäten auch nicht unbedingt komplett legal. Zumindest gibt es in Dtl. einige Verordnungen dagegen, auch wenn das kaum jemanden zu stören scheint.

  2. Und bei mir ist es ganz anders angekommen. Ich fand es immer toll, dass hier in Jerusalem am Strassenrand jemand steht, der betet, im bus keiner schief angesehen wird, wenn er Tehillim (Psalme) betet und die Religion einfach so dazu gehoert, dass man sich nicht „schaemen“ muss.
    Daher habe ich mich auch irgendwann mal getraut, auf dem flughafen in der wartehalle aufzustehen und Shmone Esre zu beten. Nach kurzem „mich zieren“ dachte ich: wenn nicht hier in Tel Aviv auf dem ben gurion, wo dann???
    Noa

  3. Ich kann’s nur aus christlicher Sicht betrachten und würde das so sehen:

    Für die Christen ist das Gebet im Wesentlichen eine Art „Zwiesprache mit Gott“. Es hat kaum festgelegte Vorschriften, wie und wann es gehalten werden soll.

    Das erschließt sich eigentlich schon daraus, welches Gottesbild hier vorliegt. Der christliche Gott ist nicht im menschlich/politischen Sinne „mächtig“, er greift nicht mit gewaltiger Macht in das menschliche Leben ein, er straft zum Beispiel nicht, sondern wirkt durch die Menschen, die in der Zeit handeln. Ein Mensch, der sich Gott öffnet, kann hören, was Gott von ihm will und entsprechend handeln (Er kann’s auch bleiben lassen, klar).

    Daher ist das christliche Gebet eigentlich immer ein nach innen gewandter Akt, und daraus folgt auch schon, dass es mehr privater und intimer Natur ist. Dem Christen ist es natürlich nicht verboten, in der Öffentlichkeit zu beten – aber jeglicher Schnickschnack, der damit einhergeht, lenkt vom Kern der „Zwiesprache mit Gott“ nur ab: was soll man also im Flughafengewühl oder im Kaufhausgetümmel beten – wenn nicht in einem Stoßgebet, das immer dann zur Anwendung kommt, wenn’s mal wieder ganz dringend wird 🙂

    Die christliche Gottesvorstellung sieht Gott in seinem Bezug zu den Menschen quasi immer auf Augenhöhe: der Mensch befindet sich im Dialog mit Gott, er ist kein Weisungsempfänger. Gleichzeitig mit seinem Gottesbezug und untrennbar davon hat der Christ immer einen Bezug zu seinen Mitmenschen: er kann nicht nur auf seinen Gott bezogen rumleben, sondern er braucht die Gemeinschaft der Mitmenschen – und das sind streng genommen alle Menschen, nicht nur die Christen. Es ist also für ihn eigentlich unsinnig, in einer Form zu beten, die andere Menschen brüskiert, unangenehm berührt oder sonstwie stört: da ist Gott wahrscheinlich nicht mitten unter den Betenden. Man kann zum Beten nicht gezwungen werden – auch nicht durch Gott selbst. Geschweige denn durch irgendeine Tages- oder Uhrzeit.

    Der Christ kann aber jetzt nicht hingehen, und von den Juden oder Muslimen fordern, dass sie ihr Gebetsverhalten an die christlichen Vorstellungen anpassen: dadurch würde er sie vor den Kopf stoßen – und das wird wahrscheinlich wiederum auch nicht Gottes Wille sein. Der Christ wird die Gebetsrituale anderer Religionen immer von sich aus achten und wertschätzen wollen – es sei denn, sie sind dazu da, andere Menschen zu unterdrücken oder gefügig zu machen. Wenn er sowas nach sorgfältiger und wertschätzender Prüfung feststellt, dann müßte er eigentlich schon das Maul aufmachen und sagen: so geht das nicht.

  4. „Soweit ich mich erinnere, ist Proselytismus oder proselytische Aktivitäten auch nicht unbedingt komplett legal.“

    Den Einwand verstehe ich jetzt nicht, was hat öffentliches Beten mit Proselytenmacherei zu tun?

    „Wenn’s bloß mal nie so weit kommt, dann können wir nämlich alle einpacken.“

    Anna, soweit wird es nie kommen, wer betet denn heute noch?

  5. Also mich stören betende Juden, Hindus etc. nicht.

    Mich stört aber, wenn ich in einem Restaurant komisch angeguckt werde, wenn wir mit der Familie beten und dann noch ein Kreuzzeichen machen.

    Eine nette muslimische Kellnerin hat übrigens gefragt, warum wir die einzigen Christen in ihrem Restaurant seien, die beten. Sie hat´s nicht gestört!

    Warum also denn keine Broche vor dem Essen?
    (Wenn´s denn in einem nicht koscheren Restaurant geht?)

    Und (p.s.Thomas): Die Kirchenglocken läuten dreimal täglich, damit der Angelus öffentlich gebetet wird!

  6. „Mich stört aber, wenn ich in einem Restaurant komisch angeguckt werde, wenn wir mit der Familie beten und dann noch ein Kreuzzeichen machen.“

    Natürlich, das würde mich auch stören. Deswegen tue ich das in Restaurants nicht, aber durchaus zu Hause am Familientisch.

    Ich glaube, mich würde vor allem stören, dass es Leute gibt, die sich an dem stören, was ich tue. Ich möchte im Restaurant nicht das Gefühl haben, dass die Leute in mir jemanden sehen, der ihnen irgendwas vormacht. Deswegen lasse ich es im Restaurant – und auch sonst in der Öffentlichkeit. Im Restaurant will ich das Essen genießen, vom Flughafen will ich wegfliegen, in der Stadt will ich einkaufen. Man kann – das ist sehr modern – alles natürlich mit allem vermischen und vermengen. Ich will das aber nicht: es gibt eine Zeit zu Beten, und es gibt einen Ort zum Beten. Ich muß das nicht immer und überall machen: das wäre mir persönlich zu zwanghaft.

  7. Ach, zu dem Angelus wollte ich auch noch was sagen. Natürlich soll der öffentlich gebetet werden. Auch die Sonntagsmesse ist ja eine öffentliche Veranstaltung: auch dort soll und kann öffentlich gebetet werden.

    Aber man darf den modernen Menschen nicht mit dem Bauern vor 200 Jahren gleichsetzen, der auf dem Feld die Arbeit ruhen ließ, wenn zum Angelus geläutet wurde. Es war damals allgemein üblich, dass diese Form des Gebets gepflegt wurde: und so tat man das denn auch: alle, und wer sich widersetzte oder nicht mitmachte, hatte es schwer. Außerdem teilte der Angelus die Arbeit ein: man hat das Gebet auch ein wenig zum Ausruhen nutzen können, und das war auch gut so.

    Das gilt heute nicht mehr, und man muß es auch nicht mehr mit Gewalt einführen. Man kann in einem Stahlwerk keinen Angelus beten: es ist einfach zu laut. Und auch nicht in einer Redaktion oder in einer Versicherung. Wer das nicht glaubt, der soll’s halt wieder einführen – meinetwegen. Aber man muß immer unterscheiden:

    Es gibt Dinge, in denen bleibt die Kirche unabänderlich so stehen wie vor zweitausend Jahren: die Kernbotschaft kann und darf nicht verloren gehen. Es gibt aber auch Dinge, in denen muß sie sich wandeln, wenn sich die Zeiten wandeln. Ich glaube, das öffentliche und allgemeine Angelus-Gebet gehört dazu: das läßt sich in einer toleranten Gesellschaft nicht mehr friedlich durchsetzen.

    Und dann hat es sich überlebt, finde ich.

  8. Also, ich bin etwas platt!!! WIe kann denn Beten stören?
    (dagegen kann eine kirchenglocke oder der Muezzin schon störend wirken, weil laut…)
    Aber beten?? Auch mit „Scnickschnack“ (ist wohl Tallit und Tefillin gemeint, oder das Hin-und Herwiegen) kann doch jeder den der Anblick stört weggucken, oder?
    Ein Moslem auf seinem Gebetsteppich stört mich auch nicht, wenn er nicht laut ruft….

    ZU Thomas: nur ein Einwand zu deiner sehr ausfuehrlchen Ausführung zu den Christen: der Jude steht auch IMMER auf Augenhöhe mit seinem G-tt.
    Und – nur G-tt kann Juden Weisungen geben, nicht etwa wie im christentum der PFarrer, es gibt KEINEN Vermittler im Judentum zwischen G-tt und dem Menschen, auch keine Vergebung der Sünden durch den PFarrer stellvertretend. Das muss der Jude schon (seufz..) mit seinem G-tt oder direkt mit dem Mitmenschen klaeren.
    ich könnte noch mehr zu deinen Ausführungen sagen, ist aber bisschen viel… daher nur das Wesentliche..
    Noa

  9. Hallo zusammen, hallo Anna,

    als Muslimin bete ich zwar ungerne in der Öffentlichkeit – und auch da dann so unöffentlich wie irgendwie möglich – aber wenn die Zeit zum Gebet da ist, dann darf man sie eigentlich nicht verstreichen lassen, nur weil einige Passanten irritiert gucken könnten. Also habe ich schon in der Uni unter der Treppe und in den verschiedensten Nischen an Flughäfen und Autobahnraststätten gebetet. Nicht um mich mit „religiösem Eifer“wichtig zu machen, sondern um meine religiöse Pflicht zu erfüllen.

    Noch eine Anmerkung zum Vergleich mit dem Christentum (ob das im Judentum ähnlich ist weiß ich nicht):

    Im Islam gibt es zwei Arten von Gebet und dafür auch zwei verschiedene Bezeichnungen: „Dua“ und „Salah“ (bzw. „Namaz“ im türkischen). Dua ist die angesprochene „Zwiesprache“ mit Gott – sie ist jederzeit – ohne Gebetswaschung oder äußerlich sichtbare Rituale möglich (z.B. als Stoßgebet).

    Das Namaz /Salah ist damit nicht Vergleichbar. Es hat einen anderen Sinn und einen anderen Stellenwert als das Dua. Insofern hinkt hier der Vergleich zum christlichen Gebet, der indirekt dem Islam und dem Judentum wieder mal unterstellt will ein sehr unpersönliches, fernes und herrisches Gottesbild zu haben, das nicht von Liebe sonder von Strafe und Belohnung geprägt sei.

  10. PS: Dazu ist mir grade ein passendes Lied in den Kopf gekommen. Es beschäftigt sich mit dem Namaz und seiner Wichtigkeit und heißt etwas holprig übersetzt „in jedem Fall Namaz“.

    Ich habs mal gegooglelt und ein Video gefunden – die Bilder passen zum Teil sehr gut ins Thema „Beten in der Öffentlichkeit“ – da musste ich auch ab und zu schmunzeln…

    http://video.mynet.com/turgutz/ille-namaz-ille-namaz/386147/

  11. Frauen sind im judentum von gebetszeiten befreit. das kommt daher, dass frauen oft kinder zu versorgen haben, udn daher von allen geboten, die mit zeit verbunden sind, befreit sind. die anderen frauen, die keine kinder haben, werden gleichbehandelt, daher gilt auch fuer sie, dass sie nicht an gebetszeiten gebunden sind.
    dennoch – ich moechte dann beten wann es mir passt, selbst verstaendlich nicht mit grossem geschrei und aufmerksamkeiterregenden gesten … aber irgendwo zu stehen und ein buch in der hand zu halten rechne ich nicht dazu und jeder kann gern wegschauen, wenn es ihn stoert.
    Noa

  12. @noa:

    Dass der Pfarrer Weisungen erteilt und Sünden vergibt ist eine Fehlinformation.

    Selbstverständlich kann der Pfarrer Weisungen erteilen – aber es ist Deine Sache, ob Du Dich daran hälst. Jeder Mensch kann irgend jemandem Weisungen erteilen – ob man sich daran hält ist eine Frage der Beziehung, in der man zu diesem Menschen steht. Wenn der Busfahrer Dir sagt, Du sollst aus der Türe gehen, dann wirst Du es wahrscheinlich tun: Du wirst darin keine unbillige Anmaßung sehen. Wenn er Dir sagt, Du sollst ihm den Ausweis zeigen, dann wirst Du es wahrscheinlich nicht tun, weil Du weißt, dass ein Busfahrer zu dieser Weisung nicht berechtigt ist. So ist das mit dem Pfarrer auch: er könnte Dir ja zum Beispiel die Weisung erteilen, am Freitag Fisch zu essen. Wenn Du ein unwissender Christ bist, der ob dieser Unwissenheit unsicher bist oder Angst vor der Person des Pfarrers hast, dann wirst Du das vielleicht tun: könnte ja sein, dass es Nachteile für Dich hat, wenn er Dich bei was Anderem erwischt. Genauso würdest Du aber handeln, wenn der Lehrer Dir das befiehlt – kommt eben drauf an, für wie mächtig Du ihn hälst. Und das ist oft was ganz anderes als das, was im Gesetz steht.

    Dass es in der katholischen Kirche eine Weisungsbefgnis für Pfarrer gegenüber dem Christen gibt, ist mir jedenfalls neu. Was leider oft vorkommt ist, dass Pfarrer sich da irgendwas anmaßen – und viele dem ein wenig zu ängstlich folgen. Das ist aber kein Fehler des Christentums, sondern ein Fehler der Menschen, die es nicht so genau wissen.

    Und das mit der Sündenvergebung ist ebenfalls völlig mißverstanden: der Pfarrer vergibt nicht. Nur Gott vergibt – niemand sonst, der Pfarrer hat nur eine beratende Vermittlerfunktion. Aber es ist eben ähnlich wie im Straßenverkehr: „Die blöde Politesse hat mir 25€ wegen Falschparkens aufgebrummt“ heißt es oft. Das war nicht die Politesse: das war die Gemeinde, in deren Auftrag die Politesse unterwegs war.

    Das sollte man vielleicht wissen.

  13. @ noa:

    „aber irgendwo zu stehen und ein buch in der hand zu halten rechne ich nicht dazu und jeder kann gern wegschauen, wenn es ihn stoert.“

    Da kann ich mich nur voll und ganz anschließen.

  14. @Noa: das finde ich gut, daß im Judentum, die Frauen von den festgelegten Gebetszeiten befreit sind. Im Islam ist das ja nicht so (ausser während der Menstruation oder des Wochenbettes). Mein Sohn turnt desöfteren auf mir herum, wenn ich bete, weil er genau weiss, ich wehre mich nicht. Das Gebet wird auch so angenommen, aber richtig konzentrieren kann man sich ja wohl kaum.

  15. Mir fällt noch was Lustiges ein zum Thema: einmal betete mein Mann während eines Ausflugs zu den Pyramiden in Kairo. 2 (Touristen-) Kameltreiber reiteten vorbei und haben die ganze Zeit während seines Gebets (neben ihm!) darüber lauthals diskutiert, ob es denn nun erlaubt wäre, dass er seine Schuhe angelassen hatte zum beten im Sand oder nicht. Das war wirklich wie im Film, total dämlich 😉 Aber zumindest stört sich im Nahen Osten keiner an öffentlich Betenden.

  16. Im Judentum gibt es aber selbst den Vermittler nicht.
    Noa

  17. „Also, ich bin etwas platt!!! WIe kann denn Beten stören?“

    @Noa, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Beten stören soll. Mich stören eher unfreundliche und rücksichtlose Menschen.


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